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Europa ist noch nicht am Ende: Brexit-Gegner demonstrieren im März in London. Bild: EPA/EPA

Macron löst Merkel ab: Für die EU war 2017 ein gutes Jahr

Das «Superwahljahr» 2017 hat nicht die Rechtspopulisten gestärkt, sondern die Europäische Union. Sie hat mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron einen neuen Hoffnungsträger erhalten. Noch aber ist sie nicht über den Berg.

Publiziert: 29.12.17, 11:50 Aktualisiert: 12.05.20, 23:53

«Besuchen Sie Europa (so lange es noch steht)», hiess ein Song, den die Band Geier Sturzflug auf dem Höhepunkt der Neuen Deutschen Welle in den frühen 1980er Jahren veröffentlichte. Ein US-Reiseveranstalter hatte mit diesem Slogan für Ferien in Europa geworben. Es war eine zynische Anspielung auf die damaligen Ängste vor einem Atomkrieg.

Heute lässt sich der Song als Metapher auf die Furcht vor einem Zerfall der Europäischen Union und einer Rückkehr zum Nationalismus interpretieren. Zu Beginn dieses Jahres sah es in der Tat düster aus. In mehreren europäischen Ländern standen Wahlen bevor. Würde der populistische Furor, der Donald Trump ins Weisse Haus spediert hatte, den alten Kontinent zerreissen?

«Besuchen Sie Europa (solange es noch steht)». Video: YouTube/geiersturzflugVEVO

Der renommierte Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff sprach im Interview mit der «Handelszeitung» von einer Welle des Populismus, der uns noch lange begleiten werde. «Der Brexit war der Startschuss, jetzt haben wir Trump – und andere Länder werden folgen, möglicherweise Italien oder Frankreich

«Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in die eigene Hand nehmen.»

Angela Merkel

Am Ende des «Superwahljahres» lässt sich bilanzieren: Die rechtspopulistische Welle hat Europa nicht überrollt. In den Niederlanden und in Frankreich bleiben die Rechten in der Opposition. In Österreich sind die Freiheitlichen an der Regierung beteiligt, aber nicht wie erhofft als Kanzlerpartei, sondern als Partner von ÖVP-Jungstar Sebastian Kurz.

Europa steht definitiv noch. Für eine Entwarnung ist es dennoch zu früh. Die Herausforderungen, mit denen der Kontinent konfrontiert ist, bleiben gross, auch wenn sich die Lage im Vergleich mit den beiden letzten Jahren entspannt hat, als Europa an mehreren Fronten unter Druck stand.

Den vielleicht wichtigsten Satz dieses Jahres sprach die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel Ende Mai in einem Bierzelt in Bayern aus: «Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in die eigene Hand nehmen.» Es war ihr ernüchterndes Fazit aus der Begegnung mit US-Präsident Donald Trump am NATO- und am G7-Gipfel. Die Zeiten, in denen sich Europa auf die USA verlassen konnte, sind vorbei.

Europas neuer Hoffnungsträger

Da traf es sich gut, dass sich kurz zuvor in Frankreich ein politisches Erdbeben ereignet hatte. Der 39-jährige Emmanuel Macron wurde zum jüngsten Staatspräsidenten in der Geschichte der Grande Nation gewählt. Dabei profitierte er von einer günstigen Konstellation: Seine Kontrahenten waren unwählbar oder zerlegten sich selbst, allen voran der einstige Topfavorit François Fillon.

Das erste Treffen von Merkel und Macron

Video: watson

In seinen wenigen Monaten im Amt hat der überaus selbstbewusste Macron Frankreich stärker verändert als seine Vorgänger Nicolas Sarkozy und François Hollande zuvor in zehn Amtsjahren. Der überzeugte Europäer hat auch Angela Merkel als Hoffnungsträger des Kontinents abgelöst. Im Vergleich mit seiner Dynamik wirkt die deutsche Bundeskanzlern ziemlich verbraucht.

Merkel ist zusätzlich geschwächt durch das Ergebnis der Bundestagswahl. Die Alternative für Deutschland (AfD) hat das Parteiengefüge durcheinander gebracht. Noch immer gibt es keine neue Regierung. Nach dem Scheitern der Gespräche über eine Jamaika-Koalition mit FDP und Grünen strebt die Kanzlerin eine Neuauflage der Grossen Koalition mit der SPD an. Die Sozialdemokraten aber zieren sich. Sie wollen sich nicht erneut «vermerkeln» lassen.

Mays monströses Eigentor

Das lange mustergültig stabile Deutschland als «Sorgenkind» Europas? Es ist das vielleicht verblüffendste Ergebnis dieses Wahljahres. Ähnlich unerwartet verlief die Unterhauswahl, die die britische Premierministerin Theresa May ansetzte. Sie wollte zur Sicherung des Brexit die Mehrheit ihrer Konservativen Partei ausbauen und schoss damit das Eigentor des Jahres.

Inferno in London

Das Feuer am 14. Juni in dem 24-stöckigen Londoner Sozialbau war durch einen defekten Kühlschrank entstanden. AP/PA / Victoria Jones
Drei Wochen nach der Brandkatastrophe in einem Londoner Hochhaus sind erst 21 Leichen identifiziert worden. AP/AP / Alastair Grant
Die Einsatzkräfte hätten bislang 87 Bergungen gemacht, teilte Stuart Cundy von Scotland Yard am 5. Juli 2017 mit. AP/AP / Frank Augstein
Wie viele Menschen noch vermisst werden, ist unklar. AP/AP / Alastair Grant
Indes spendeten Hunderte Londoner Decken, Kleider oder Babynahrung für die Bewohner. EPA/EPA / ANDY RAIN
Nach der Brandkatastrophe in einem Hochhaus in London wird noch eine Reihe von Bewohnern des 24-stöckigen Grenfell Tower vermisst. EPA/EPA / ANDY RAIN
Trauer und Entsetzen. EPA/EPA / ANDY RAIN
Die britische Premierministerin Theresa May hat den ausgebrannten Grenfell Tower in West-London besucht. EPA/EPA / ANDY RAIN
Kondolenzbezeugungen. EPA/EPA / ANDY RAIN
Die Polizei ging bislang von mindestens 80 Toten aus. Es wird allerdings befürchtet, dass viele Menschen illegal in dem Sozialbau gelebt haben und ums Leben gekommen sein könnten. AP/AP / Matt Dunham
Ein Mann schaut aus einem Fenster des brennenden Hochhauses.
Die Feuerwehr arbeitet unter extrem schwierigen Bedingungen. EPA/EPA / FACUNDO ARRIZABALAGA
200 Feuerwehrleute kämpften gegen die Flammen in dem 27-stöckigen Wohnhaus, in dem sich Augenzeugen zufolge möglicherweise immer noch Menschen aufhielten.
Auf Videos war zu sehen, dass die Flammen auf den gesamten Wohnkomplex übergegriffen hatten. EPA/EPA / FACUNDO ARRIZABALAGA
Feuerwehr im Gebäude. AP/PA / Rick Findler
«In meinen 29 Jahren bei der Feuerwehr habe ich nichts von diesem Ausmass gesehen», sagte Feuerwehrchefin Dany Cotton. EPA/EPA / ANDY RAIN
Das Feuer frisst sich durch das Gebäude. EPA/EPA / FACUNDO ARRIZABALAGA
Anwohner berichteten der Nachrichtenagentur dpa, dass die Feuerwehr grosse Probleme habe, das Flammenmeer des 27-stöckigen Hauses zu löschen. AP/AP / Matt Dunham
Erschöpfte Feuerwehrleute machen Pause. AP/AP / Matt Dunham
Laut dem Fernsehsender BBC gibt es Befürchtungen, das Hochhaus könnte möglicherweise einstürzen. EPA/EPA / FACUNDO ARRIZABALAGA
Trümmerteile flogen aus dem Gebäude, wie ein Reporter der Nachrichtenagentur dpa berichtete. EPA/EPA / FACUNDO ARRIZABALAGA
Hin und wieder knallte es in dem Gebäude. EPA/EPA / FACUNDO ARRIZABALAGA
Die Polizei hat alle Wege zum Gebäude hermetisch und weiträumig abgeriegelt. EPA/EPA / ANDY RAIN
Beim Brand in einem Hochhaus in London sind mehrere Menschen ums Leben gekommen. Das berichtete die Feuerwehr am Mittwochmorgen 14. Juni 2017 in London, ohne eine genaue Zahl zu nennen. AP/PA / Rick Findler
Die Feuerwehr im Einsatz. EPA/EPA / ANDY RAIN
Die Verletzten seien in fünf verschiedene Spitäler gebracht worden, teilten die Rettungskräfte am Mittwochmorgen mit. EPA/EPA / FACUNDO ARRIZABALAGA
Londons Bürgermeister Sadiq Khan steht angesichts des Hochhaus-Feuers in engem Kontakt mit den Behörden. AP/Sky News
Dramatische Bilder in London: Der 24-stöckige Grenfell Tower in Vollbrand. 
Bei Tagesanbruch wütete das Feuer weiter. AP/AP / Matt Dunham
Dan Daly von der Feuerwehr sagte, die Feuerwehrleute würden Atemmasken tragen, die Arbeit sei extrem hart und die Bedingungen sehr schwierig. AP/AP / Matt Dunham
Es ist noch unklar, wie viele Leute im Hochhaus festsitzen. AP/AP / Matt Dunham
Die Polizei wurde eigenen Angaben zufolge kurz nach 01.00 Uhr Ortszeit alarmiert. AP/AP / Matt Dunham
Dramatische Bilder in London: Der 24-stöckige Grenfell Tower in Vollbrand. 
200 Feuerwehrmänner kämpfen gegen die Flammen. AP/Celeste Thomas @MAMAPIE
Laut Augenzeugen sind noch Menschen im Hochhaus gefangen.

Im Amt halten kann sich Theresa May nur, weil die Tories in zwei verfeindete Lager gespalten sind, die Anhänger eines «harten» und eines möglichst «weichen» Austritts aus der EU. Dafür trumpfte einer auf, den viele in seiner Partei noch kurz zuvor am liebsten ins Pfefferland spediert hätten: Labour-Chef Jeremy Corbyn überzeugte die Wähler mit klassischen Umverteilungs-Ideen.

Linke Rezepte wirken nur bedingt

Damit wurde Corbyn seinerseits zu einer Lichtgestalt für die europäische Linke, die auf dem Kontinent schwer gebeutelt wurde, insbesondere in Holland, Deutschland und Frankreich. Die Rückbesinnung auf linke Rezepte dürfte allerdings nicht überall so gut funktionieren wie in Grossbritannien, wo die wachsende Ungleichheit stärker zu spüren ist als auf dem Kontinent. Kein Ereignis illustriert dies deutlicher als der Grossbrand im Grenfell Tower im reichen Londoner Stadtteil Kensington.

Im wirtschaftlich brummenden Deutschland wird dieses Problem als weit weniger dringlich empfunden. SPD-Chef Martin Schulz versuchte im Wahlkampf mit «sozialer Gerechtigkeit» zu punkten und führte seine Partei zum schlechtesten Ergebnis in der Geschichte der Bundesrepublik. In Frankreich schaffte es der «Altlinke» Jean-Luc Mélenchon nicht, die «Strasse» gegen Macrons Reformen zu mobilisieren.

Ein Schlüssel für den gebremsten Vormarsch der Populisten (rechte und linke) liegt in der Wirtschaftslage. Erstmals seit der Finanzkrise weist die Eurozone ein signifikantes Wachstum aus. Damit wurde auch die Eurokrise entschärft, wenn auch bei weitem nicht gelöst. Vom Aufschwung profitiert auch die Schweiz, denn die EU ist mit Abstand unser wichtigster Absatzmarkt.

Bundestagswahl 2017

Schwieriger Abend für Angela Merkel: Die CDU-Vorsitzende verteidigt Platz 1 und bleibt wohl Kanzlerin, muss aber starke Verluste hinnehmen. AP/AP / Markus Schreiber
Von ihren Anhängern wird Angela Merkel mit Plakaten mit der Aufschrift «voll muttiviert» begrüsst. Die CDU-Chefin zeigt sich zufrieden mit dem Ergebnis angesichts der grossen Herausforderungen der vergangenen Legislaturperiode. AP/AP / Michael Sohn
Grosse Gewinnerin des Abends war die rechtspopulistische AfD. Das Spitzenduo Alexander Gauland und Alice Weidel lassen sich in Berlin bejubeln. Gauland kündigt an, die zukünftige Regierung und die Kanzlerin «zu jagen» und «das Land und das Volk zurückzuholen». AP/AP / Martin Meissner
Die Co-Vorsitzende der AfD, Frauke Petry, steuert in ihrem Wahlkreis in Sachsen auf den Gewinn eines Direktmandats zu – sie dürfte die meisten Stimmen holen. AP/dpa / Bernd von Jutrczenka
Eine bittere Schlappe setze es für die Sozialdemokraten ab. Ihr SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz zeigte sich enttäuscht und kündigte an, die Sozialdemokraten gingen jetzt in die Opposition. dpa / Kay Nietfeld
Schulz' eigene Zukunft ist unklar. Er will Parteivorsitzender bleiben und den Übergang zur Oppositionspartei begleiten. Ob Schulz sich halten kann, ist unklar. Mit einem Wähleranteil von 20,7 Prozent fuhr er das schlechteste Wahlergebnis der SPD seit dem zweiten Weltkrieg ein. AP/AP / Gero Breloer
Jubeln durften auch die Grünen: Ihre Spitzenkandidaten Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt durften sich über einen Wählerzuwachs von 1 Prozent freuen. dpa / Ralf Hirschberger
Neben der AfD war die FDP die grosse Gewinnerin. Mit ihrem Vorsitzenden Christian Lindner gelang der Wiedereinzug in den Bundestag mit einem Plus von 5,6 Prozentpunkten – die FDP holte 10,4 Prozent. EPA/EPA / DAVID HECKER
Gute Miene zum bösen Spiel. Die Linke mit Spitzenkandidaten Sahra Wagenknecht fiel vom dritten auf den fünften Platz und holte 9 Prozent. EPA/EPA / ARMANDO BABANI
Die Regierungsbildung dürfte schwierig werden: Weil die SPD in die Opposition geht, bleibt rechnerisch nur eine «Jamaika-Koalition» aus CDU, FDP und Grünen übrig. Ob ein solches Bündnis zustande kommt, ist unklar. In der «Elefantenrunde» von ARD und ZDF wurden die Unterschiede zwischen den Parteien deutlich. AP/POOL AP / Gero Breloer

Der zweite wichtige Faktor ist das Reizthema Migration. Die Länder Europas sind sich einig, dass sich ein Ausnahmezustand wie im Herbst 2015 nicht wiederholen darf. Dafür ist ihnen fast jedes Mittel recht. Dank dem Flüchtlingsdeal mit der Türkei – deren Präsident sich zunehmend diktatorisch gebärdet – ist die Balkanroute mehr oder weniger unter Kontrolle. Auch der Zustrom über das Mittelmeer wurde eingedämmt.

Europa setzt auf Abschreckung

Menschenrechtsorganisationen kritisieren die teilweise katastrophalen Zustände in den libyschen Flüchtlingslagern. Es entbehrt auch nicht der Ironie, dass gerade jene Kreise, die oft und gerne gegen den Islam wettern, die «Dreckarbeit» noch so gerne den islamischen Ländern Libyen und Türkei überlassen. Eine nachhaltige Lösung der Migrationsfrage ist ohnehin nicht in Sicht.

Europa setzt auf Abschreckung, was unschön und doch verständlich ist. Ohne die Flüchtlingskrise von 2015 und das damit verbundene Gefühl des Kontrollverlusts hätte es die AfD kaum in den Bundestag geschafft, schon gar nicht mit 11 Prozent Wähleranteil. Womit sie deutlich hinter den rechtsnationalen Parteien in den Nachbarländern liegt, unser 30-Prozent-SVP inbegriffen.

Verunsicherung und Deglobalisierung

Die Verunsicherung angesichts der weltweiten Migrationsbewegungen wird nicht abnehmen. Gleiches gilt für Europas Wohlstandsmodell, das durch Digitalisierung und Globalisierung herausgefordert wird. Weshalb protektionistische Strömungen Auftrieb haben, nicht nur in Donald Trumps USA. Bereits macht ein neuer Begriff die Runde: Deglobalisierung.

Flüchtlinge im Oktober 2015

Die Tage werden kälter, doch die Flüchtlingsströme reissen nicht ab. Noch immer kommen täglich Tausende an Europas Aussengrenzen an. Auf der griechischen Insel Lesbos etwa. Diese Flüchtlinge lassen am 21. Oktober den gefährlichsten Teil ihrer Flucht – die Fahrt übers Mittelmeer – hinter sich. AP/AP / Santi Palacios
Am Strand von Lesbos bleiben Gummiboote und Schwimmwesten zurück. X00025 / YANNIS BEHRAKIS
Flüchtlinge wärmen sich am 21. Oktober 2015 auf der Insel Lesbos an einem Feuer, während sie auf die Aufnahme ins überfüllte Camp Moria warten. Getty Images Europe / Spencer Platt
Sie sind bereits weiter. Flüchtlinge verlassen am 21. Oktober 2015 ein Schiff, das sie von Lesbos nach Piräus – dem Hafen von Athen – gebracht hat. X03368 / ALKIS KONSTANTINIDIS
Dann geht es weiter nach Mazedonien: Flüchtlinge laden am 21. Oktober 2015 in der griechischen Grenzstadt zu Mazedonien, Idomeni, ihre Smartphones auf. Getty Images Europe / Matt Cardy
Sie freuen sich, dass sie Griechenland hinter sich gelassen sind und am 20. Oktober 2015 in der mazedonischen Stadt Gevgelija angekommen sind. EPA/EPA / GEORGI LICOVSKI
Von der mazedonischen Stadt Gevgelija geht es mit dem Zug weiter Richtung Serbien. EPA/EPA / GEORGI LICOVSKI
Und die Flucht geht weiter Richtung Osten: Flüchtlinge überqueren am 21. Oktober 2015 zu Fuss die Grenze von Serbien ins EU-Land Kroatien. Getty Images Europe / Jeff J Mitchell
Flüchtlinge versorgen sich am 21. Oktober auf einem Feld an der kroatisch-slovenischen Grenze mit Maiskolben. EPA/EPA / IGOR KUPLJENIK
Die Flucht zu Fuss geht weiter: Flüchtlingsstrom am 22. Oktober 2015 in Slowenien. AP/AP / Darko Bandic
Mehr als 12'600 Flüchtlinge sind am 21./22. Oktober binnen 24 Stunden im 2-Millionen-Land Slowenien angekommen. X00501 / SRDJAN ZIVULOVIC
Die Flucht geht auch bei Nacht weiter. Diese Migranten sind am 21. Oktober unterwegs ins slowenische Flüchtlingscamp Brezice. X02994 / ANTONIO BRONIC
In Brezice verteilt eine Rotkreuz-Mitarbeiterin am 21. Oktober 2015 Brot an Flüchtlinge. EPA/EPA / ANTONIO BAT
Im Flüchtlingscamp von Brezice brennen am 21. Oktober 2015 Zelte. Die Ursache des Feuer ist nicht bekannt. Laut Medienberichten sollen Flüchtlinge ihre Zelte aus Wut darüber, dass sie an der Weiterreise nach Österreich gehindert werden, selbst angezündet haben. AP/AP / Matej Leskovsek
Diese Flüchtlinge sind am 16. Oktober 2015 unterwegs zur ungarisch-österreichischen Grenze bei Hegyeshalom. EPA/MTI / BALAZS MOHAI
Bald am Ziel in Deutschland: Flüchtlinge am 18. Oktober 2015 auf der Innbrücke an der österreichisch-deutschen Grenze Braunau. Getty Images Europe / Sean Gallup
In Deutschland angekommen: Flüchtlinge am 17. Oktober 2015 zu Fuss unterwegs in der Nähe von Wegscheid. Getty Images Europe / Sean Gallup
Ihr Ziel ist nicht Deutschland, sondern Grossbritannien: Flüchtlinge am 15. Oktober 2015 in der französischen Hafenstadt Calais. EPA/EPA / YOAN VALAT
Das improvisierte Flüchtlingslager in Calais am 1. Oktober 2015. X00234 / PASCAL ROSSIGNOL

Es ist keinesfalls sicher, dass ein solcher Backlash friedlich verlaufen wird. In Osteuropa haben mehrere EU-Mitgliedsländer mit der Demontage des Rechtsstaats begonnen. In Katalonien hat der Nationalismus zu einer Eskalation geführt. Der Rückzug hinter die vermeintlich sicheren Grenzen des Nationalstaats bleibt eine attraktive Option in einer unübersichtlich und chaotisch wirkenden Welt.

Kleinstaaterei ist keine Option

Für Europa aber kann die Kleinstaaterei keine Option mehr sein. Das wussten schon die «Gründerväter», die vor 60 Jahren mit den Römischen Verträgen den Grundstein für die heutige EU gelegt hatten. Ein gespaltenes Europa würde zum Spielball der Grossmächte, allen voran China und die USA. Und Russland, das seinen schleichenden Niedergang mit einer aggressiven Aussenpolitik zu «kompensieren» versucht.

Die Europäische Union wurde dieses Jahr gestärkt, aber über den Berg ist sie nicht. Es braucht weitere Schritte, die den Einigungsprozess gleichzeitig vertiefen und flexibler machen. Skizziert hat sie der neue Politstar Emmanuel Macron in seiner Europa-Rede Ende September an der Pariser Sorbonne. Über die Details kann man streiten, nicht aber über die Marschrichtung: «N’ayons pas peur, avançons.»

Haben wir keine Angst, legen wir los. 2018 hat Europa die Chance, dieser Devise nachzuleben. Man darf hoffen, dass der Kontinent sie nutzen wird.

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