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Corona könnte den Handy-Markt umkrempeln – zugunsten der Konsumenten

Vor drei Jahren hat noch niemand geglaubt, dass jemand über 1000 Franken für ein normales Smartphone ausgeben würde. Heute ist das schon fast günstig. Doch es bahnt sich ein Umbruch an – auch dank Corona.

Publiziert: 26.05.20, 09:57 Aktualisiert: 27.05.20, 07:01

Jahrelang haben Smartphone-Hersteller die Preise für ihre Flaggschiffe kontinuierlich angehoben. Selbst als Apple 2017 mit dem iPhone X die symbolische Grenze von 1000 Franken überschritten hat, wurden die Geräte weiterhin gekauft. Dies führte dazu, dass auch bald andere Hersteller diesen Schritt wagten. Zuletzt kostete das Top-Modell von Samsung beim Marktstart schwindelerregende 1549 Franken. Egal welche horrende Zahl die Hersteller auf das Preisschild schrieben, die Nutzer schienen es zu akzeptieren.

Ironischerweise war es wohl die Tatsache, dass Handy-Nutzer ihre Geräte weniger oft ersetzt haben, die zu diesem Preisanstieg geführt hat. Ein iPhone-User behält sein Gerät mittlerweile durchschnittlich vier Jahre. Wenn die Kunden also nicht jedes Jahr ein neues iPhone kaufen, kostet es dann eben zwei- oder dreimal so viel. Man bezahlt das Geld, das man durch längere Nutzung des Handys gespart hat, also doch teilweise. Diese Strategie könnte für Handy-Hersteller nun aber langsam ein Ende finden.

Kunden greifen wieder mehr zu günstigen Smartphones

Die weltweiten Smartphone-Verkaufszahlen zeigen, dass Nutzer immer weniger bereit sind, über 1000 Franken für ein Handy zu bezahlen. So war das meistverkaufte Android-Smartphone in den ersten drei Monaten 2020 kein teures Flaggschiff, sondern ein Budget-Smartphone: das Samsung A51 für rund 300 Franken. Obwohl das Gerät erst im Januar dieses Jahres erschienen ist, führt es die Verkaufscharts bei den Android-Handys an.

Auch dahinter geht es mit dem Redmi 8 günstig weiter. Das Smartphone der Xiaomi-Tochter kostet in der günstigsten Ausführung gerade einmal 139 Franken. Erst auf dem dritten Platz schafft es mit dem Samsung S20 Plus ein Flaggschiff ins Ranking. Aber auch hier zeigt sich: Die Kunden greifen lieber zum günstigeren S20 Plus als zum S20 Ultra, das rund 450 Franken mehr kostet.

Auffällig: Huawei ist nicht mehr vertreten. Hier zeigt wohl der US-Bann seine Wirkung. Bild: Strategy Analytics

Der Analyse-Dienst Strategy Analytics nennt als Grund für dieses neue Preisbewusstsein unter anderem die Mobilfunkbetreiber. Diese hätten die Subventionen für Geräte in den letzten Jahren immer weiter reduziert. Aber auch die Coronakrise zeigte ihre Auswirkungen.

«Viele Länder geraten jetzt in eine Rezession. Verbraucher wünschen sich preiswerte Geräte mit ausreichend technischer Leistung zu erschwinglichen Preisen.»

Dies könnte dazu führen, dass der Markt im Bereich der Mittelklasse, respektive der preiswerten Top-Smartphones weiterhin wachsen wird – vermutlich zulasten der teuren Flaggschiffe.

Auch Apple-Kunden kaufen preisbewusster

Auch bei Apple deutet sich an, dass Kunden immer häufiger auf den Preis schauen. Von den drei im Herbst vorgestellten Topmodellen wurde das iPhone 11 nach Schätzung des Analyse-Dienstes mehr als doppelt so häufig verkauft wie die teureren beiden Ausführungen zusammen. Da passt es natürlich nahezu perfekt, dass Apple mit der kürzlich vorgestellten Neuauflage des iPhone SE die Nachfrage nach günstigen Handys bedient.

Insgesamt bleibt die Kaufkraft der Apple-Kundschaft aber hoch. So verkauften Samsung und Huawei beide rund 18 Prozent weniger Smartphones, während der Rückgang bei Apple nicht einmal ein Prozent betrug.

Verkaufte Smartphones in Millionen Einheiten:

(Zum Vergrössern auf das Bild klicken). Bild: idc.com

Chinesische Billiganbieter profitieren und sind weiterhin auf dem Vormarsch

Die Sensibilisierung der Handy-Nutzer machen sich vor allem die chinesischen Marken zunutze. Bereits Huawei hatte vor rund sieben Jahren mit günstigen Einstiegsmodellen in Europa Fuss gefasst. Diesen Erfolg scheint nun Xiaomi zu wiederholen – mit dem Unterschied, dass Xiaomi top Hardware zu Niedrigpreisen anbietet. Mit einem Wachstum von über 6,1 Prozent von Januar bis März 2020 konnte sich das «chinesische Apple» erstmals einen zweistelligen Marktanteil sichern. Geht es so weiter, könnte Xiaomi Apple in wenigen Jahren als weltweite Nummer drei ablösen.

Gleich hinter Xiaomi reiht sich mit Vivo die nächste chinesische Marke ein. Vivo gehört zusammen mit Oppo und OnePlus zum Elektronikriesen BBK Electronics. Gemessen an den Stückzahlen ist der Konzern hinter Samsung der zweitgrösste Smartphone-Hersteller der Welt. Vivo ist zwar in Europa noch nicht so bekannt, allerdings gibt es schon länger Gerüchte, dass der Hersteller seine Präsenz in Europa stark ausbauen will.

Bild: idc.com

Teure Geräte noch nicht am Ende

Sofort verschwinden – wenn überhaupt – werden die teuren Flaggschiffe aber nicht. Dass die Hochpreisstrategie im Moment noch aufgeht, zeigt eine Aussage von Samsung. Demnach habe der höhere Preis des Galaxy S20 zu einer Gewinnsteigerung geführt.

Davon will dann auch der eine oder andere Billighersteller profitieren, wie das Beispiel von OnePlus zeigt. Wie Xiaomi war OnePlus bisher vor allem für Top-Hardware zu günstigen Preisen bekannt. In den Anfangszeiten hiess es vonseiten OnePlus sogar, dass ein top Smartphone nicht mehr als 600 Dollar zu kosten brauche. Diese Haltung hat der Hersteller mit dem jüngsten Flaggschiff OnePlus 8 Pro mehr als nur Lügen gestraft: Die günstigste Variante kostete bei Markteintritt 949 Franken.

Gleichzeitig hat Samsung schon lange gemerkt, dass man nicht mehr mithalten kann, wenn man hauptsächlich auf das Hochpreissegment setzt. Diese Taktik hatte zuletzt dazu geführt, dass man praktisch aus dem chinesischen Markt gedrängt wurde. Inzwischen veröffentlicht Samsung gefühlt monatlich ein neues Budget-Smartphone. Doch auch die anderen Hersteller mischen mit guten Handys im Niedrigpreissegment mit. Wer heute ein Top-Handy will, braucht nicht mehr als 500 Franken auszugeben. Das wird den Leuten nun immer häufiger bewusst – auch dank Corona.

Was ist für dich die preisliche Obergrenze, wenn du ein Smartphone kaufst?
Leider hat was nicht geklappt. Bitte versuche es später nochmals.

Xiaomi kann weit mehr als nur Smartphones

Bisher galt der chinesische Elektronikhersteller Xiaomi als Kopiermaschine, die bei Apple, Google und Co. hemmungslos abkupfert. Beim ersten fast randlosen Smartphone Mi Mix zeigte die Firma Ende 2016, dass sie auch anders kann.
Das Mi Mix von 2016 besteht vorne fast nur aus dem Bildschirm. Durch zahlreiche technische Tricks und Design-Kniffe haben es Xiaomis Entwickler geschafft, einen grösseren Bildschirm einzubauen als üblich.
Zwar ist das Gehäuse in etwa so gross wie das eines iPhone 7 Plus, doch statt 5.5 Zoll wie beim Apple-Gerät weist das Display hier eine Diagonale von 6.4 Zoll auf.
Während die Handys von Xiaomi in der Schweiz eher schwer zu bekommen sind, ist der Konzern in China enorm erfolgreich. An der Hightech-Messe CES 2017 in Las Vegas zeigt die 2010 gegründete Firma, dass sie weit mehr als Smartphones im Angebot hat.
Ein MacBook? Ein Surface Book? Nein, das Mi Notebook Air. Das dünne Windows-Notebook von Xiaomi gibt es mit 12,5- und 13,3-Zoll-Display. Preis: Ab 750 Franken.
Ein Segway? Nope. Die Chinesen haben Segway 2015 gekauft und verkaufen nun den Ninebot mini. Der Stadtflitzer erreicht 16 km/h und hat mit einer Akkuladung eine Reichweite von 22 Kilometern. Ah ja, das Gadget lässt sich auch per App auf dem Handy fernsteuern.
Die Virtual-Reality-Brille Mi VR ist mit den neueren Xiaomi-Smartphones kompatibel. Das Handy wird in die Brille gesteckt und dient so als VR-Brille.
Die Mi Headphones sehen optisch sehr ansprechend aus. Was sie wirklich taugen, wissen wir leider nicht. Kostenpunkt: 129 US-Dollar.
Das Mi Band 2: Das Fitnessarmband misst wie üblich den Puls, kann auch als Schlaf-Tracker verwendet werden und kostet 22 Dollar.
Der Mi Bluetooth Speaker soll mit einer Akkuladung bis zu acht Stunden Musik spielen können und kostet 29 Dollar.
Die Mi Box ist eine auf Android basierende TV-Settop-Box, mit der sich Streaming-Dienste wie Netflix in UHD-Auflösung und mit HDR-Technologie nutzen lassen. Das Gerät beherrscht den aktuell schnellsten WLAN-Standard 802.11ac und kostet 69 Dollar.
Kinder sollen sich mit dem Mi Bunny Storyteller per Sprache unterhalten können. Dank künstlicher Intelligenz soll sich das Spielzeug an die Gewohnheiten und Vorlieben seiner Nutzer anpassen. Und es kann Hörbücher vorlesen. 10'000 Titel stehen zur Auswahl, alle auf chinesisch. Der Preis: 29 Dollar.
Passend zum Storyteller hat die Firma mit der Mi Bunny Watch Q auch ein smartes Armband für Kinder im Angebot. Eltern können ihre Sprösslinge damit per GPS lokalisieren und mit ihnen telefonieren. 43 Dollar kostet so ein Gerät.
Auch dem Drohnentrend hat sich das Unternehmen geöffnet. Die Mi Drone hat eine 4K-Kamera, bis zu zwei Kilometer Reichweite und eine Flugzeit von 27 Minuten. Der Preis: 433 Dollar.
Sogar Fahrräder wie das Mi QiCycle R1 hat Xiaomi im Angebot. Im Carbonrahmen steckt unter anderem ein GPS-Empfänger, der per App genutzt werden kann. Die Schaltung arbeitet elektronisch. Knapp 3000 Dollar werden für dieses Luxus-Bike fällig.
Das hast du sofort erkannt, dass es sich hier um einen Reiskocher handelt, oder? Bei Xiaomi kostet das Küchengerät 144 Dollar.
Auch eine elektronische Waage, die ihre Messdaten per Bluetooth ans Handy sendet, bietet Xiaomi an. Mit 14 Dollar sehr günstig.
Auf der CES stellt der chinesische Konzern unter anderem diese OLED-Fernseher als Neuheiten vor. Nur 4,9 Millimeter ist das knapp 2000 Dollar teure 65-Zoll-Modell dick, die Elektronik steckt in einer externen Soundbar.
Ein richtiges Lowcost-Produkt sind die USB-Ventilatoren von Xiaomi. Für drei Dollar gehen sie über den Tresen.

Wie spricht man Xiaomi aus?

Video: watson / Lino Haltinner, Linda Beciri

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