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Die Bundesräte Parmelin, Keller-Sutter, Sommaruga und Berset an der Pressekonferenz gestern Freitag. Bild: KEYSTONE

Renitente Skigebiete, Hamstereien, Betrüger – so lebt die Schweiz mit den neuen Massnahmen

In der Schweiz sind am Tag nach der drastischen Verschärfung der Massnahmen gegen die Coronavirus-Epidemie die Zahlen der Toten und Infizierten weiter gestiegen. In mehreren Städten kam es zu Hamsterkäufen. Skigebiete kündigten nur widerwillig die Schliessung an. Auch Betrüger versuchten bereits, die ausserordentliche Lage auszunutzen.

Publiziert: 14.03.20, 19:46 Aktualisiert: 14.03.20, 19:46

Am Samstag wurden zwei neue Todesfälle aufgrund der Lungeninfektion Covid-19 bekannt. Es handelte sich um zwei ältere Patienten mit Vorerkrankungen aus dem Tessin. Damit waren bis Samstag landesweit 13 Tote zu beklagen. Die Zahl der Neuansteckungen stieg gegenüber dem Vortag um 180, wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) mitteilte. Insgesamt lagen 1189 bestätigte Infektionen vor.

Renitente Skigebiete

Derweil zeigten sich erste Auswirkungen und Schwierigkeiten rund um die Umsetzung der vom Bundesrat am Freitag angeordneten Massnahmen gegen die Virus-Epidemie. Die Aussage des Bundesrats zur Schliessung der Skigebiete wurde von den Bergbahnen unterschiedlich interpretiert. Einige Gebiete blieben zunächst offen. Nach einem Machtwort von Bundesrat Alain Berset krochen sie aber dann zu Kreuze.

«Skigebiete, die heute offen sind, befinden sich in der Illegalität. Ich fordere sie auf, sofort zu schliessen!»

Wie der Innenminister in der «Samstagsrundschau» von Radio SRF sagte, ist der Weiterbetrieb in den noch offenen Skigebieten illegal. Der Erlass der Landesregierung sei klar. Er rufe die betreffenden Gebiete darum zur sofortigen Schliessung auf. Interpretationsspielraum gebe es nicht.

Eine weitere Missachtung des Verbots werde Konsequenzen haben: Bundesrat Alain Berset. Bild: KEYSTONE

Bahnen lenken ein

Er dulde die Aufrechterhaltung des Wintersportbetriebes nicht und werde notfalls eingreifen. Für die Durchsetzung stünden die Kantone in der Pflicht. Auch stelle sich die Versicherungsfrage, wenn die Gebiete nicht schliessen, sagte Berset. Das Wallis und Graubünden hätten sich sofort verantwortungsvoll gezeigt.

Einzelne Bahnen fuhren waren zunächst unbeirrt weitergefahren. Die Titlis-Bergbahnen stützten sich dabei auf juristischen Rat, wie ihr CEO Norbert Patt auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA sagte. Noch am Morgen stellte die Bahn dann aber ihren Betrieb ein.

Abgefahren: Auch die Titlis-Bahnen müssen schliessen. Bild: KEYSTONE

Der Berner Regierungspräsident Christoph Ammann sagte, «Social Distancing» sei aus seiner Sicht auf Skipisten möglich. Diese Aussagen trugen zu einer gewissen Unsicherheit bei den Bergbahnen bei.

Hamsterkäufe

In Lebensmittelgeschäften mehrerer Städte kam es am Freitagabend und auch im Verlauf des Samstags zu Hamsterkäufen. Die Detailländler versicherten, es bestehe kein Engpass an Lebensmitteln. Die Lager seien gefüllt.

Dennoch kam es in Läden teilweise trotz massiv erhöhten Lieferkapazitäten und riesigem Personaleinsatz zu leeren Regalen, wie ein Migros-Sprecher auf Anfrage mitteilte. Die Mitarbeitenden arbeiteten rund um die Uhr daran, um die Filialen mit zusätzlichen Mengen zu beliefern.

Aldi Suisse verzeichnete erste Lieferschwierigkeiten, insbesondere von italienischen Lieferanten, wie ein Sprecher mitteilte. Die einzelnen Ausfälle seien bislang mit Alternativartikeln gut abgedeckt worden. Die Nachfrage sei schweizweit seit Freitag nochmals sehr stark angestiegen, sagte eine Coop-Sprecherin.

Vermehrt gekauft werden den Angaben der Detailhändler zufolge etwa länger haltbare Lebensmittel, Beilagen, Tiefkühl-Produkte, Toilettenpapier, Mehl und Zucker sowie Handreinigungsprodukte.

Ein derartiges Einkaufsverhalten hat Aldi seit dem Markteintritt in der Schweiz im Jahr 2005 noch nie beobachtet, wie der Firmensprecher sagte. Selbst die üblichen Vor-Feiertagseinkäufe seien nicht vergleichbar.

Grenzkontrollen

Gut funktioniert hat die vom Bundesrat beschlossene vorübergehende Wiedereinführung von Schengen-Grenzkontrollen, wie der Direktor der Eidgenössischen Zollverwaltung (EVZ), Christian Bock, am Samstag in Chiasso TI erklärte. Die neuen Bestimmungen gelten seit Freitag 15.30 Uhr. Seitdem ist die Einreise aus Italien nur noch erlaubt für Schweizer Bürgerinnen und Bürger, Personen mit einem Aufenthaltstitel in der Schweiz sowie Personen, die aus beruflichen Gründen in die Schweiz reisen müssen.

Das Fahrzeugaufkommen im Privatverkehr von Italien ins Tessin sei um 60 Prozent zurückgegangen, erklärte der Zolldirektor. Bis Samstagmorgen sei 288 Personen die Einreise verweigert worden. Die Zahl der Grenzgänger, die zwischen 4 Uhr morgens und 11.30 Uhr eingereist seien, habe sich bereits von 68'000 auf 28'000 Fahrzeuge reduziert. Die langen Schlangen, die sich während der Woche nach der Einführung verstärkter Kontrollen gebildet hatten, waren praktisch verschwunden.

Verstärkte Kontrollen: Ein Grenzwächter in Chiasso. Bild: KEYSTONE/TI-PRESS

Während des Informationsanlasses in Chiasso am Samstag passierten nur einzelne Fahrzeuge den Grenzübergang, wie ein Keystone-SDA-Korrespondent vor Ort beobachtete. Es herrschte eine gespenstische Ruhe an einem Grenzübergang, an dem normalerweise an einem Samstag viel los ist.

Armee-Einsätze

Das Schweizer Militär kündigte an, hunderte Armeeangehörige in den Einsatz gegen die Coronavirus-Pandemie zu schicken. Am Montag soll dazu ein Spitalbataillon mit gegen 600 Wehrleuten einrücken. Diese sind für die Unterstützung von Spitälern in den Kantonen vorgesehen.

Bislang steht die Armee wegen der Pandemie mit gut zwei Dutzend Personen im Tessin im Einsatz. Das Militär rechnet aber damit, dass bald aus weiteren Kantonen Hilfegesuche eingehen werden, wie ein Armeesprecher auf Anfrage.

Armeechef Thomas Süssli kündigte im Kurznachrichtendienst Twitter den Einsatz des Spitalbataillons 5 an. Es handle sich um einen «besonderen Dienst zur Sicherheit und zum Schutz von uns allen», schrieb er. Das Spitalbataillon kann Spitälern beim Betrieb helfen, unter anderem in der Krankenpflege, bei der Logistik und der Reinigung, wie der Armeesprecher erklärte.

Armeechef Süssli und Bundesrätin Amherd. Bild: KEYSTONE

Dagegen sistiert die Armee angesichts der Ausbreitung des Coronavirus bis auf Weiteres die Rekrutierung. Alle zur Rekrutierung aufgebotenen Stellungspflichtigen haben gemäss einer Mitteilung der Armee nicht einzurücken. Davon sind Anfang nächster Woche rund 500 Jugendliche betroffen. Der diesbezügliche Marschbefehl müsse nicht befolgt werden. Sobald es die Lage zulasse, würden die Stellungspflichtigen wieder mit einem neuen Marschbefehl aufgeboten.

Betrüger

Die Coronavirus-Krise hat bereits Kriminelle auf den Plan gerufen. Diese versuchten nach Angaben von Behörden mit gefälschten E-Mails an Daten zu gelangen oder mit angeblichen Internetshops Opfer um Geld zu prellen. Die Melde- und Analysestelle Informationssicherung (Melani) des Bundes rechnet in den kommenden Tagen mit weiteren Betrugsversuchen, wie ein Melani-Sprecher sagte. In den Fokus geraten könnten insbesondere Spitäler oder Labors.

Die Luzerner Polizei schliesst zum Schutz ihrer Beamten vor dem Coronavirus ab Montag eine Reihe von kleineren Polizeiposten. Damit sollen der direkte Kontakt mit Kunden und die Infektionsgefahr reduziert werden. Luzern ist das erste Korps im Land, das eine solche Massnahme angekündigt hat. Insgesamt schliessen 23 Posten vorübergehend, wie die Luzerner Polizei mitteilte.

Der Bundesrat hatte am Freitag weitreichende Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus beschlossen und schränkte das öffentliche Leben weiter ein. So darf an den Schweizer Schulen bis 4. April kein Unterricht mehr stattfinden. Bis Ende April sind alle Veranstaltungen im Land ab 100 Personen verboten. An der Grenze werden wieder Kontrollen durchgeführt. Der Wirtschaft will die Landesregierung zehn Milliarden Franken zur Verfügung stellen. (bal/sda)

15 Bilder, die zeigen, was gerade in Wuhan vor sich geht

In Wuhan leben rund elf Millionen Menschen. EPA / STRINGER
Derzeit werden die Coronavirus-Patienten in der Stadt am Jangtse in 61 Krankenhäusern isoliert und behandelt. EPA / STRINGER
In der Tongji Hospital Fever Clinic reihen sich die Patienten auf. EPA / STRINGER
Landesweit sind laut Behördenangaben 830 infizierte Menschen bestätigt, 26 Patienten starben. AP
Um eine weitere Ausbreitung zu verhindern, wird Wuhan wie zwölf andere Städte abgeschottet. EPA / YUAN ZHENG
Der öffentliche Verkehr mit Bussen oder Fähren sowie der Zugverkehr in andere Orte wurden gestoppt. AP
Und auch die Strassen sind wie leergefegt. EPA / STRINGER
Kaum ein Auto fährt über diese Schnellstrasse. AP / Chen Yanxi
Wer mit dem Auto unterwegs ist, muss an Checkpoints seine Körpertemperatur überprüfen lassen. EPA / STRINGER
Die Einwohner wurden angewiesen, Schutzmasken in der Öffentlichkeit tragen. EPA / STR
Bei Nichteinhaltung drohen Strafen. AP / Xiao Yijiu
Ganz so voll wie im obigen Bild sind die Marktstände und Supermärkte nicht überall, wie diese Gemüseabteilung zeigt. EPA / STRINGER
Die ersten Infektionen in Wuhan werden auf einen Markt zurückgeführt, auf dem neben Fischen auch Wildtiere verkauft werden. Er wurde unterdessen geschlossen. AP / Dake Kang
Die Spitäler in Wuhan sind teilweise überlastet. Nun soll in kürzester Zeit eine Klinik mit tausend Betten nur für die mit dem Coronavirus infizierten Patienten errichtet werden. AP
Auf der Baustelle waren am Freitag Dutzende Bagger und Lastwagen im Einsatz. Die neue Klinik mit mehr als 25'000 Quadratmetern Fläche soll bereits am 3. Februar in Betrieb gehen. EPA / YUAN ZHENG

«Ich habe keine Angst» – Diese Leute waren an der Langstrasse

Video: watson / Helene Obrist, Emily Engkent

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