Angriff auf Paris
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Paris: Tausende spenden Blut – doch das reicht womöglich nicht

Um die vielen Verletzten der Anschläge von Paris zu versorgen, werden täglich 10'000 Blutkonserven benötigt. Tausende spenden ihr Blut in den Krankenhäusern – doch es könnte nicht reichen.

17.11.15, 09:10 17.11.15, 09:52

Christoph Seidler, paris



Ein Artikel von

Rue Bichat, Ecke Rue Alibert – eine Kreuzung im zehnten Arrondissement von Paris. Ein Ort des Todes. An zwei der Strassenecken liegen Berge von Blumen, brennen Kerzen, stehen schweigende Menschen. Hier liegen das Hotel «Le Carillon» mit seiner Bar und das Restaurant «Petit Cambodge». Terroristen haben hier am Freitagabend mit ihren Maschinengewehren 15 Menschen aus dem Leben gerissen.

Doch nun wollen Dutzende Pariserinnen und Pariser dafür sorgen, dass dies ein Ort des Lebens wird. Denn an der Kreuzung hinter grauen Mauern liegt auch das Krankenhaus Saint Louis mit einer Niederlassung des französischen Blutspendedienstes EFS. Zudem haben sich unzählige Menschen im ganzen Land versammelt, um ihren Beitrag für die Versorgung der schwer verletzten Überlebenden der Anschläge zu leisten – indem sie ihr Blut spenden.

epa05024713 People queue ouside the 'Etablissement Francais du Sang' (French National Blood Service) to make a blood donation after the Paris attacks, in Paris, France, 14 November 2015. More than 120 people have been killed in a series of attacks in Paris on 13 November, according to French officials. At least 120 people have been killed in a series of attacks in Paris on 13 November, according to French officials. Eight assailants were killed, seven when they detonated their explosive belts, and one when he was shot by officers, police said. French President Francois Hollande says that the attacks in Paris were an 'act of war' carried out by the Islamic State extremist group.  EPA/GUILLAUME HORCAJUELO

Gelebte Solidarität: Schlange stehen für Blutspenden in Frankreich.
Bild: GUILLAUME HORCAJUELO/EPA/KEYSTONE

Das tut auch Maia Toutlouyan. Die junge, schwarzhaarige Frau hat einen ganz persönlichen Grund für ihren Besuch: «Mein Vater war im ‹Bataclan› und hat durch ein Wunder überlebt.» Andere Menschen hätten nicht so viel Glück gehabt. «Das Mindeste, was ich machen kann, ist, im Kleinen zu helfen. Dadurch, dass ich mein Blut spende.»

Selfies vom Aderlass

Auch wenn nicht jeder so direkt von den Folgen der Anschläge betroffen ist, sehen viele Franzosen das ähnlich. Auf Twitter posten sie Selfies von ihrem Aderlass – unter dem Hashtag #jedonnepourparis, ich spende für Paris. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – das bedeutet in diesen Tagen eben auch Blutsbrüderschaft.

Dried blood can be seen on the window of  the Carillon cafe  in Paris Saturday Nov. 14, 2015, a day after over 120 people were killed  in a series of shooting and explosions.  (AP Photo/Jerome Delay)

Blut am Café «Carillonin» in Paris.
Bild: Jerome Delay/AP/KEYSTONE

Schon am Samstag gab es einen landesweiten Ansturm: Der Blutspendedienst EFS erklärte, insgesamt 9000 Freiwillige hätten sich gemeldet. Wie viele es am Montag waren, liess sich zunächst nicht sagen. Der Mediziner Denis Pagès, der beim EFS die Spenden in der Pariser Region koordiniert, spricht von einer «aussergewöhnlichen Grosszügigkeit und Solidarität.» Klar ist: Das wird auch in den kommenden Tagen weitergehen müssen.

Beim EFS geht man davon aus, dass jeden Tag 10'000 Blutkonserven benötigt werden. Deswegen erklärt die Behörde vorsorglich: Es sei zwar wichtig, dass der unmittelbare Bedarf gedeckt worden sei – nun dürften aber auch die Blutreserven in den Kühllagern nicht abschmelzen. Normalerweise liegen dort Konserven für etwa 14 Tage. Andererseits bringt es auch nichts, wenn zu viel Blut eingelagert wird, weil sich bestimmte Bestandteile wie die Blutplättchen nur einige Tage lagern lassen.

Also muss ständig Nachschub her: Den Freiwilligen wird nach ärztlicher Prüfung ein halber Liter Blut abgenommen, also in etwa ein Zehntel der im Körper durchschnittlich vorhandenen Gesamtmenge. Das Blut wird kühl gelagert, später abtransportiert und anschliessend in Labors auf Krankheitserreger getestet – und mit Zentrifugen in seine Bestandteile aufgeteilt. Diese werden dann den Unfallopfern zur Verfügung gestellt, die in den Pariser Krankenhäusern zum Teil mit schwersten Verletzungen um ihr Leben kämpfen.

Bild: LAURENT DUBRULE/EPA/KEYSTONE

«Den Ermittlern kann man nicht helfen, das ist schwierig. Wir wollen etwas machen, helfen, unterstützen», sagt Margot Boniart, die mit ihrer Freundin Maia zur Blutspende gekommen ist. Zum ersten Mal in ihrem Leben, wie die 19-Jährige sagt.

33 Prozent erfüllen alle gesundheitlichen Kriterien

Ihr Blut kann womöglich gleich mehreren Menschen helfen: Dass Verletzte Vollblutspenden bekommen, ist mittlerweile unüblich. Für die Versorgung nötig sind vor allem Konzentrate mit roten Blutkörperchen, aber auch die Blutplättchen. Die sind für die Gerinnung des Blutes wichtig – und damit auch für den Verschluss von Wunden. Bei schweren Unfällen benötigen Notfallmediziner laut Angaben des Deutschen Roten Kreuzes zum Teil mehr als zehn Blutkonserven pro Unfallopfer.

Wie schwierig die Mobilisierung von Spendern sein kann, wissen auch die deutschen Spendedienste. Rund 33 Prozent der Bevölkerung erfüllen nach Einschätzung der Experten alle gesundheitlichen Kriterien, um sich Blut abnehmen zu lassen – doch nur drei Prozent tun es im Schnitt. Dabei, so rechnen die Mediziner vor, benötigen rund 80 Prozent der Menschen mindestens einmal im Leben fremdes Blut oder daraus erzeugte Produkte.

Wichtig wird es sein, die Freiwilligen von Paris auch in den kommenden Tagen und Wochen bei der Stange zu halten. Théo Simon-Lebailly will dabei helfen. Der schmale junge Mann ist am Montag in eine Blutspendestation im Zwölten Arrondissement gekommen, in der Nähe liegt des Krankenhauses Saint Antoine. Um sein rechtes Handgelenk hat er die Tricolore gebunden.

PARIS, FRANCE - NOVEMBER 14:  Candles are placed around blood stains on the pavement near the scene of yesterday's  Bataclan Theatre terrorist attack on November 14, 2015 in Paris, France. At least 120 people have been killed and over 200 injured, 80 of which seriously, following a series of terrorist attacks in the French capital.  (Photo by Christopher Furlong/Getty Images)

Bild: Getty Images Europe

Der Journalismusstudent hat beim Blutspendedienst erst einmal nur seine Daten aufnehmen lassen, um bei Bedarf als Spender kontaktiert zu werden. «Angesichts der aktuellen Lage wird das bald sein», glaubt er. Das wird die grosse Herausforderung für den französischen Blutspendedienst sein: Die momentane Welle der Hilfsbereitschaft zu kanalisieren und dafür zu sorgen, dass sie lange anhält.

Ermutigende Momente gibt es dazu an diesem Montagnachmittag. «Vielleicht mache ich das jetzt regelmässig», sagt etwa Margot Boniart. «Man sollte nicht nur spenden, wenn etwas Dramatisches passiert ist. Man muss regelmässig kommen, es gibt immer Leute, die es brauchen.» Nach den Richtlinien des Blutspendedienstes darf sie in acht Wochen wiederkommen.

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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