Arbeitswelt
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Turkey's Prime Minister Tayyip Erdogan (C) greets people as he visits the coal mine accident site in Soma, a district in Turkey's western province of Manisa May 14, 2014. Hopes faded of finding more survivors in a coal mine in western Turkey on Wednesday, where 238 workers were confirmed killed and 120 more still feared to be trapped in what is likely to prove the nation's worst ever industrial disaster. REUTERS/Kayhan Ozer/Prime Minister's Press Office/Handout via Reuters (TURKEY - Tags: DISASTER ENERGY POLITICS) ATTENTION EDITORS -  NO SALES. NO ARCHIVES. FOR EDITORIAL USE ONLY. NOT FOR SALE FOR MARKETING OR ADVERTISING CAMPAIGNS. THIS IMAGE HAS BEEN SUPPLIED BY A THIRD PARTY. IT IS DISTRIBUTED, EXACTLY AS RECEIVED BY REUTERS, AS A SERVICE TO CLIENTS

Erdogan wird bei seinem Besuch in Soma beschimpft. Bild: X80001

Grubenunglück in Soma

Erdogan verliert das Gespür für sein Volk

Nach dem Unglück von Soma wächst in der Türkei die Empörung über Premier Erdogan. Opposition und Gewerkschaften werfen der Regierung zu enge Verbindungen zur Bergbaubranche vor. Selbst Anhänger des Regierungschefs fordern Konsequenzen.

Ein Artikel von

Spiegel Online

Ranniah Salloum, Soma / Spiegel Online

Es ist das schlimmste Industrieunglück in der Geschichte der Türkei. Die Leichen von 282 Menschen wurden inzwischen geborgen. Doch damit ist kein Ende des Schreckens absehbar. Mindestens 55 Menschen werden noch vermisst.

Angehörige warten bangend auf Nachrichten. In der Tiefe soll nach der Explosion noch immer ein Feuer toben. Seit Mittwoch wurde niemand mehr lebend geborgen. Die Wut der Freunde und Verwandten der Opfer wächst.

Premierminister Recep Tayyip Erdogan hat der Türkei Wirtschaftswachstum gebracht. Doch zu welchem Preis? Bei der Jagd der Unternehmer nach Profit werden staatliche Kontrollen von Sicherheits- und Gesundheitsbestimmungen vernachlässigt, werfen Opposition und Gewerkschaften der Regierung vor.

«Dieses Unglück ist anders als die Ereignisse, die wir bisher in der Türkei gesehen haben – die Gezi-Proteste, die Korruptionsskandale, die Polizeigewalt gegen Demonstranten», sagt Umut Ozkirimli, Türkei-Experte am Zentrum für Nahostwissenschaften der schwedischen Universität Lund. «Nicht nur wegen des Ausmasses der Tragödie, sondern auch wegen der Menschen, die ums Leben gekommen sind.»

«Die Versäumnisse der Regierung sind klar»

In den Minenschächten grausam erstickt sind die einfachen Leute, Menschen, mit denen jeder in der Türkei sympathisieren kann. «Bisher hat es Erdogan immer geschafft, einen Teil des Landes davon zu überzeugen, dass das, was passiert, nur eine Verschwörung ist, um die Regierung zu stürzen», sagt Ozkirimli. «Dieses Mal sind jedem die Versäumnisse der Regierung klar.»

«Bisher hat es Erdogan immer geschafft, einen Teil des Landes davon zu überzeugen, dass das, was passiert, nur eine Verschwörung ist, um die Regierung zu stürzen.»

Umut Ozkirimli, Türkei-Experte

Selbst diejenigen, die es normalerweise mit Erdogan halten, sind empört. So fordern AKP-nahe Kommentatoren den Rücktritt der verantwortlichen Minister, allen voran Taner Yildiz, zuständig für Energie.

Denn offenbar hatte es Warnsignale gegeben. Ozgur Ozel, ein Abgeordneter der kemalistischen Opposition aus der Region, hatte erst vor wenigen Wochen neue Inspektionen der Mine gefordert. Denn viele Bürger aus seinem Wahlkreis hatten sich über die dortige Sicherheitslage beschwert. Doch Erdogans AKP schmetterte die Forderung am 29. April ab, 13 Tage vor dem verheerenden Unglück.

Dem Arbeitsministerium war in der Mine nie etwas Ungewöhnliches aufgefallen. Nach Inspektionen hatte es im März erklärt, man habe nichts zu beanstanden. Taner Yildiz, der Energieminister, hatte sie 2013 bei einem Besuch persönlich als vorbildlich gelobt.

Wie ist so etwas möglich? Die Gewerkschaften machen klar, wo sie die Ursache der Versäumnisse sehen: Korruption. Sie fordern, dass Mineninspektoren in Zukunft unabhängig sein sollen und nicht mehr auf dem Lohnzettel der Bergbauunternehmen stehen.

Kritiker werfen Erdogans Regierung zu enge Beziehungen zur Bergbaubranche vor. Schon untersuchen sie, ob es auch Verflechtungen zwischen Erdogans Partei und dem Unternehmen der Unglücksmine gab.

Ist dieser Mann noch geeignet, ein Land zu regieren?

Der Premier selbst patzt und taumelt. Er, der Charismatiker, hielt eine katastrophale Rede, in der er das Unglück verharmloste. So etwas passiere schon mal, sagte Erdogan und zitierte Beispiele aus dem England des 19. Jahrhunderts. Liberale Kommentatoren spotteten hinterher, nun habe Erdogan erstmals selbst zugegeben, dass unter ihm die Türkei mindestens ein Jahrhundert zurück sei.

In Soma wurde am Mittwoch die Parteizentrale der AKP mit Steinen beworfen. Der Premier kann in der Öffentlichkeit keinen Schritt mehr tun, ohne dass er beschimpft wird. Es ist eine Situation, mit der Erdogans Anhänger offenbar nicht klarkommen. Einer seiner Vertrauten wurde dabei fotografiert, wie er wütend einen Demonstranten tritt.

Photo taken on May 14, 2014shows  a person identified by Turkish media as Yusuf Yerkel, advisor to Turkish Prime Minister Recep Tayyip Erdogan, kicking a protester already held by special forces police members during Erdogan's visit to Soma, Turkey. Erdogan was visiting the western Turkish mining town of Soma after Turkey's worst mining accident . AFP Photo/Depo Photos

«Soll ich da ruhig bleiben?», verteidigte sich Yerkel. Der Erdogan-Berater tratt jedenfalls nach, auch nachdem der Demonstrant am Boden liegt. Bild: AFP

Soma, Demonstration, Erdogan, Erdogan-Vertrauter, Erdogan-Berater tritt auf dem Boden liegenden Demonstranten, links

Erdogans Berater Yusuf Yerkel tritt einen Demonstranten, der ihn laut eigenen Angaben beleidigt und angegriffen haben soll. Bild: Twitter

Inzwischen wird bereits gemunkelt, dass es auch von Erdogan selbst Aufnahmen gibt, die ihn beim Verprügeln von Demonstranten zeigen. Die türkische Zeitung «Hürriyet» hat ein Video veröffentlicht, das diesen Vorfall zeigen soll. Doch darauf ist wenig zu erkennen. Bisher gibt es keinen Beleg dafür, dass der Premier zuschlug. Doch allein die Tatsache, dass viele Türken das Gerücht bei dem für Wutanfälle Berüchtigten nicht automatisch für ganz abwegig halten, wirft die Frage auf: Ist dieser Mann noch geeignet, ein Land zu regieren? 

Am 10. August wird sich Erdogan der Wut der Wähler bei den Präsidentschaftswahlen stellen müssen. «Er wird wohl gewinnen - mangels Alternativen», glaubt Türkei-Experte Ozkirimli. «Doch er wird kaum weiter durchregieren können wie bisher.»

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