Arbeitswelt
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
epa04205907 Turkish protestors clash with Turkish riot police during a demonstration for the victims of the Soma mine explosion, in Istanbul, Turkey, 14 May 2014. Turkey declared three days of mourning on 14 May as the death toll from the country's worst mining disaster in more than two decades reached 205, with fears that the number could climb much higher. Of the 787 workers who were in the coal mine when the explosion and fire occurred late 13 May, only 363 of them have been accounted for, including those killed.  EPA/ERDEM SAHIN

In Istanbul kam es zu Ausschreitungen zwischen der Polizei und Demonstranten. Bild: EPA

Grubenunglück in Soma

Wut gegen Erdogan entlädt sich in gewaltsamen Protesten

Das weltweit schwerste Grubenunglück seit 40 Jahren hat im türkischen Soma mindestens 274 Todesopfer gefordert. Regierungschef Erdogan spielt die Katastrophe herunter.



Nach dem verheerenden Grubenunglück in der Türkei richten sich Trauer und Wut zunehmend gegen die Regierung. In Ankara demonstrierten am Mittwochabend mehrere tausend Menschen gegen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, die Polizei ging mit Tränengas und Wasserwerfern gegen die Menge vor.

Bei dem Grubenunglück in Soma im Westen des Landes wurden mindestens 274 Menschen getötet. Damit ist das Unglück die schwerste Katastrophe in einem Bergwerk in der Geschichte der Türkei. Es ist zugleich das schwerste Grubenunglück weltweit seit 1975.

Erdogan kündigte am Unglücksort umfassende Ermittlungen an und versprach, «keine Nachlässigkeit» zu dulden. Nach Angaben des Minenbetreibers konnten bis Mittwochabend fast 450 Kumpel gerettet werden. Rund 80 von ihnen wurden bei dem Brand in dem Kohlebergwerk verletzt.

Dutzende Kumpel wurden am Mittwochabend noch vermisst. «Unsere Hoffnungen werden immer geringer», gestand Energieminister Taner Yildiz inmitten der Rettungsarbeiten an der Kohlemine ein. Das Problem sei «ernster, als wir dachten».

Aus Protest gegen die Privatisierungspolitik der Regierung hat die grösste Gewerkschaft der Türkei nach dem Grubenunglück zum Streik aufgerufen. Für Donnerstag wurden alle 240'000 Mitglieder der Gewerkschaft KESK für die Arbeiter und Angestellten im Öffentlichen Dienst aufgerufen, ihre Arbeit niederzulegen, wie die Gewerkschaft auf ihrer Homepage mitteilte. 

Tödliches Kohlenmonoxid

Im Bergwerk war nach der Explosion eines Transformators am Dienstag ein Feuer ausgebrochen, das am Mittwoch weiter wütete. Tödliches Kohlenmonoxid behinderte die Rettungsarbeiten. Den Sicherheitskräften zufolge bildeten sich nach der Explosion in dem Bergwerk zwei Lufttaschen, von denen eine für die Rettungskräfte zugänglich, die zweite jedoch versperrt war. Die meisten der Todesopfer starben an Kohlenmonoxidvergiftung.

Hunderte verzweifelte Angehörige und Kollegen warteten vor dem Grubeneingang auf Neuigkeiten. Nur vereinzelt wurden Überlebende ans Tageslicht gebracht, sie husteten und rangen nach Luft.

Der Arbeiter Arum Unzar sagte, er habe schon früher einen Freund bei einem Unfall verloren, «aber dies hier ist enorm». «Alle Opfer sind unsere Freunde», sagte er unter Tränen. Die Feuerwehr versuchte, Frischluft in den Schacht zu leiten, um die in zwei Kilometern Tiefe festsitzenden Arbeiter zu versorgen.

Streit um angebliche Sicherheitsmängel

Unterdessen tobte die Debatte über die Sicherheit in dem Bergwerk. Kritiker werfen der Regierung vor, bei der Privatisierung vieler ehemals staatlicher Bergbaufirmen in den vergangenen Jahren die Einhaltung der Sicherheitsvorkehrungen ignoriert zu haben.

Die Staatsanwaltschaft nahm am Mittwoch Ermittlungen auf, der linke Gewerkschaftsbund DISK sprach von einem «Massaker». Erst vor wenigen Wochen war die Oppositionspartei CHP im Parlament mit dem Versuch gescheitert, Zwischenfälle in der Grube von Soma untersuchen zu lassen.

Der Bergmann Oktay Berrin sagte der Nachrichtenagentur AFP, es gebe in dem Bergwerk keine Sicherheit: «Die Gewerkschaften sind Marionetten, und die Geschäftsführung kümmert sich nur ums Geld.»

epa04205676 A handout picture provided by Turkish Prime Press Office shows Turkish Prime Minister Recep Tayyip Erdogan (L) speaks to rescue team members, as he tours the site of the mine explosion near Soma, Manisa province, Turkey, 14 May 2014. Turkey declared three days of mourning on 14 May as the death toll from the country's worst mining disaster in more than two decades reached 205, with fears that the number could climb much higher. Of the 787 workers who were in the coal mine when the explosion and fire occurred late 13 May, only 363 of them have been accounted for, including those killed.  EPA/KAYHAN OZER / TURKISH PRIME MINISTER PRESS OFFICE / HANDOUT  HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Ministerpräsident Erdogan besuchte am Mittwoch den Unglücksort. Bild: EPA

Kein Unfall, sondern Mord

In Ankara setzte die Polizei Tränengas und Wasserwerfer gegen mehrere Tausend Demonstranten ein, die angestachelt durch das Unglück gegen die Regierung protestierten. Sie warfen Steine auf die Beamten und riefen regierungsfeindliche Parolen.

Auch in Istanbul löste die Polizei Protestkundgebungen auf. Demonstranten hielten dort Plakate in die Höhe, auf denen in Anspielung auf die zahlreichen Toten stand: «Kein Unfall – Mord».

Erdogan wies jede Verantwortung der Regierung zurück: Derlei Arbeitsunfälle passierten «überall auf der Welt». Das türkische Arbeitsministerium erklärte, die Grube sei zuletzt am 17. März auf Sicherheitsmängel untersucht worden und es habe keine Beanstandungen gegeben.

Die türkische Regierung rief eine dreitägige Staatstrauer aus, die rückwirkend ab Dienstag gilt. Bei dem bisher schwersten Grubenunglück in der Türkei waren 1992 in einem Bergwerk in Zonguldak nach einer Gasexplosion 263 Kumpel gestorben. (pbl/sda/apa)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Wie hoch müsste der Schweizer Mindestlohn sein? Wir haben gerechnet – und kommen auf 35 Franken

Unsere Wirtschaft lebt vom Luxus. Das müsste auch bei der Festsetzung eines Mindestlohns beachtet werden. Wir haben eine Rechnung angestellt – und herausgefunden, wie hoch der Mindestlohn sein sollte.

Wir haben uns daran gewöhnt, doch aus historischer und globaler Sicht ist die Schweiz eine permanente Konsumorgie: Zwei Fernseher, ein Tiefkühler und 1,2 Autos in jedem Haushalt, eine Apotheke an jeder Ecke, zwei Fitnesszentren und ein Fitnessstudio in jedem Quartier, Schönheitschirurgie an jedem fünften Körper oder Gesicht.

Dabei arbeiten wir nur gut halb so viel wie vor 100 Jahren und unsere bestbezahlten Berufsleute schaffen nicht neue Werte, sondern verbringen ihre Zeit damit, alte Vermögen …

Artikel lesen
Link zum Artikel