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Self-proclaimed separatist Donetsk People's Republic's  Prime Minister, Alexander Borodai (R), and rebel military chief, Igor Strelkov (L), attend a press conference in Donetsk on July 12, 2014. Thousands of panicked refugees are flooding highways and packed trains heading out of Donetsk, the main remaining rebel strongholds in eastern Ukraine,  fearing attacks by government forces who lost 30 soldiers to defiant militants. AFP PHOTO / MAX VETROV

Alexander Borodai (rechts), der selbsternannte Premierminister der Volksrepublik Donetzk und sein ebenfalls selbsternannter Verteidigungsminister Oberst Igor Strelkov an einer Pressekonferenz in Donetzk wenige Tage vor dem mutmasslichen Abschuss von MH-17.  Bild: AFP

Absturz der MH17

«Igor der Schütze» hat einmal zuviel getroffen

Ein russischer Ex-Militär zieht in der Ostukraine die militärischen Fäden. Wer ist der Mann, der mutmasslich für den Abschuss von MH17 verantwortlich ist? Eine Spurensuche.



Oberst Strelkov heisst eigentlich nicht Oberst Strelkov, sondern Oberst Iwan Wsewolodowitsch Girkin. Aber der 43-Jährige bevorzugt seinen Kampfnamen, eine Abwandlung des russischen «Strelok»: Der Schütze. 

Seinem Namen ist Strelkov in den letzten Wochen gerecht geworden. Unter seinem Kommando holten die prorussischen Separatisten zwei ukrainische Transportflugzeuge vom Himmel. Auch den Absturz der MH-17 feierte Strelkov auf der russischen Variante von Facebook als Abschuss eines ukrainischen Militärtransporters. Den vermeintlichen Triumph kommentierte er mit: «Wir haben doch gewarnt: Fliegt nicht durch unseren Himmel.» Dazu postete er Videos vom Absturz der vermeintlichen Antonow. 

Strelkov bei einer improvisierten Pressekonferenz in Donetzk am 10. Juli.  Bild: X90168

Hört sich seinen Untergang ruhig an

Dass die abgeschossene Maschine der Malaysia Airlines gehörte und mit rund 300 Zivilisten besetzt war, erfuhr Strelkov im Nachhinein. «Es war ein zu hundert Prozent ziviles Flugzeug», sagt ein Milizionär an der Absturzstelle in einem abgehörten Telefongespräch. Laut Kiew sitzt am anderen Ende der Leitung sein Vorgesetzter Igor Strelkov. Er hört sich die Ankündigung seines persönlichen und militärischen Untergangs ruhig an. Und legt auf.

Dann löscht Strelkov seine Einträge wieder, aber es ist zu spät. Der ukrainische Geheimdienst zerrt den russischen Ex-Militär ins Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit. Und dort wird er eine Weile bleiben. 

«Ich bin der Kommandant!»

Bisher hatte Strelkov seine Aktivitäten in der Ukraine propagandistisch immer einigermassen damit legitimieren können, ethnische Russen heim ins grossrussische Reich zu holen. Am 26. Februar landete Strelkov per Linienflugzeug mit den ominösen Einheiten in russischen Uniformen ohne Hoheitsabzeichen auf dem Krim-Flughafen Simferopol, besetzte in den darauffolgenden Tagen das Krim-Parlament und brachte die Halbinsel und die Stadt Slawjansk in der Ostukraine unter seine Kontrolle.

Damit habe man die russischstämmige Bevölkerung auf der Krim vor dem faschistischen Umsturz in der Hauptstadt in Sicherheit bringen wollen und zwar aus eigenem Antrieb, keinesfalls unter dem Kommando von Moskau oder politischer Figuren in der Region, gab Strelkov in einem Interview mit der moskautreuen «Komsomolskaja Prawda» an. Er selbst bestimme, was wann gemacht werde und was nicht: «Ich bin der Kommandant!» 

Strelkov auf dem Weg zur Hochzeit eines seiner Offiziere am 10. Juli in Donetzk. Bild: AP/AP

Strelkov ist immer da, wo es brennt

Aber die geheimdienstlichen Erkenntnisse der Ukraine und der USA legen einen anderen Schluss nahe: Strelkov machte seinen Job. Die Geheimdienste ordnen Strelkov einer von Putin kürzlich gegründeten Spezialtruppe des militärischen Geheimdienstes zu, deren Auftrag es ist, verdeckt in «diversanten», sprich abtrünnigen, Gebieten zu operieren. Recherchen des Hacker-Netzwerkes Anonymous brachten Hinweise zu Tage, dass Strelkov mindestens zwischen 1999 und 2005 offiziell für die russischen Geheimdienste FSB und GRU arbeitete und zuvor in Transnistrien und Bosnien militärische Auslanderfahrung gesammelt hatte.  

Nach 2005 verlieren sich die militärischen Spuren des Soldaten, der an der Universität von Moskau Geschichte studiert hat und in seiner Freizeit mit Freunden historische Schlachten vom alten Rom bis Waterloo nachstellt. Hängt sein Verschwinden in der Anonymität eines Moskauer Plattenbaus, wo er mit seiner Frau und seinen Kindern wohnte, mit seinen geplanten Einsätzen bei Moskaus Expansion in Georgien und der Ukraine zusammen? 

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Strelkov in der Rüstung eines römischen Legionärs bei einer seiner nachgestellten Schlachten.  Bild: VK

Intelligent, missionarisch, diszipliniert

Seine Bewegungsmuster legen es nahe. Als Journalist für die «Zavtra», eine Publikation der extremen russischen Rechten, und als Korrespondent für die separatistische Nachrichtenagentur ANNA hielt sich Strelkov immer gerade dort auf, wo die geostrategischen Interessen Russlands in Georgien, Abchasien, Transnistrien oder im Nahen Osten, in Libyen, Syrien und Ägypten bedroht waren. 

Aus seinen Texten geht laut Beobachtern hervor, was Strelkov gefährlich macht: Hohe Intelligenz, luzide Schreibe, unerschütterlicher Glaube an die Mission, das russische Volk in einem Grossreich zu vereinen. Dazu eine militärische Disziplin alter Schule, womit sich Strelkov auch durch sein Erscheinungsbild mit glatter Rasur, Schnurrbart und Kurzhaarschnitt von den grobschlächtigen und tumb aussehenden Milizionären, die ihn umgeben, fast wohltuend abhebt. 

Kommandant oder Marionette?

Was die Biographen Strelkovs nach wie vor umtreibt, ist die Frage: Wie unabhängig schaltet und waltet Strelkov in der Ostukraine? Nimmt er Order von Moskau entgegen und setzt einen rigiden Besetzungsplan exakt um? Oder geniesst er innerhalb einer vom Kreml und den Geheimdiensten vorschraffierten Expansionstrategie grosse Freiheiten? 

Die Entführung und Geiselnahme von OECD-Delegierten, die Folter von Ukrainern und ihm von seinen Gegnern zur Last gelegte Auftragsmorde deuten auf letzteres hin. Der stete Austausch mit Angehörigen der russischen Geheimdienste und Armee - auch in Sachen MH-17 - deuten auf eine engere Zusammenarbeit hin. 

Wie auch immer dem sei: Mit dem Abschuss von MH17 wird der Kreml nichts zu tun haben wollen. 

Und Schütze Strelkov fallen lassen. 

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