Australien
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Geiselnahme im Lindt-Café in Sydney

Warum ausgerechnet hier?

Bild: Getty Images AsiaPac

«No worries», keine Sorge – das ist der Nationalspruch der Australier. Die Geiselnahme von Sydney ändert die Stimmung schlagartig. Dabei warnen Experten seit Monaten vor Anschlägen, selbst der Ort der heutigen Attacke ist nicht überraschend.

Verena Töpper, Sydney / spiegel online

Ein Artikel von

Spiegel Online

Sydney – Schokolade zum Frühstück, zum Mittagessen oder zum Nachmittagstee – damit wirbt die Schweizer Marke Lindt in Australien für ihre Cafés. Acht Läden gibt es im ganzen Land, drei in Sydney. Wer die Filiale mit der Adresse 53 Martin Place besucht, sieht dort normalerweise vor allem Menschen mit Kostüm und Sakko.

Martin Place ist für Sydney das, was der Financial District für New York ist. Die Zentralbank und die Geldhäuser Westpac Bank und Commonwealth Bank haben hier ihren Sitz, der Ministerpräsident des Bundesstaates New South Wales und der Konsul der Vereinigten Staaten haben hier ihre Büros – und der Fernsehsender Network Seven sein Hauptquartier. Die Nachrichten werden in einem Studio aufgezeichnet, das auf den Platz hinausgeht. Passanten können den Fernsehmachern durch eine grosse Glasscheibe live über die Schulter sehen. Umgekehrt geht der Blick aus dem Studio hinaus direkt auf das Lindt-Café. Wer hier Böses plant, kann sicher sein, dass es gefilmt wird.

Martin Place ist mehr als ein Platz, eher eine langgestreckte, leicht abschüssige Fussgängerzone. Gleich drei U-Bahnausgänge gibt es, Tausende Pendler steigen hier jeden Tag ein und aus. Abends ist die Gegend bis auf wenige Skateboarder komplett verlassen – ausser zur Weihnachtszeit. Sind die Büromenschen weg, kommen die Touristen, denn hier steht der offizielle Weihnachtsbaum der Stadt. Er ist aus Plastik, riesig, bunt. Auf einer Banderole werden Tweets angezeigt, die mit dem Hashtag #sydxmastree verschickt werden – für Selfie-Fans ein grosser Spass.

Unbekümmert sein können Australier gut

Dass Martin Place ein mögliches Ziel für Terroristen sein könnte, ist deshalb kein Geheimnis. Schon im September, als der australische Geheimdienst aufdeckte, dass Extremisten geplant hatten, einen beliebigen Passanten auf der Strasse zu enthaupten und die Gräueltat per Video zu verbreiten, war Martin Place im Gespräch gewesen.

Gemieden hat den Platz in den vergangenen Monaten trotzdem niemand. Alles, was man für einen Terroranschlag bräuchte, sei ein Messer, ein iPhone und ein Opfer, hatte Ministerpräsident Tony Abbott nach den vereitelten Anschlägen im September gesagt. Davon dürfe man sich aber nicht ängstigen lassen, denn genau das sei ja das Ziel der Terroristen. Der Gefahr begegne man am besten damit, so Abbott, dass man «ganz unbekümmert Australier ist».

Und unbekümmert sein können Australier gut. «No worries», keine Sorgen, ist ihr Nationalspruch. Selbst wenn im Meer ein Hai gesichtet wird, bleiben viele im Wasser. Ruhig bleiben, alles wird gut – das ganze Land ist in diese Zuversicht wie in eine unsichtbare Decke gehüllt.

Und nun die Geiselnahme von Sydney. Sie scheint alles zu ändern. Die erste Reaktion vieler: Fassungslosigkeit. «Wir leben in einem wunderschönen Land. Passiert das wirklich gerade hier mitten in Sydney?», fragte Chris Dion, Besitzer des benachbarten East Bank Cafés einen Reporter des Fernsehsenders ABC.



«Mass disbelief», massenhafter Unglaube, schrieb ein Journalist zu einem Bild, auf dem Dutzende Menschen vor dem Absperrband der Polizei stehen. Vielen, die aus den umliegenden Bürohäusern evakuiert worden waren, blieb auch gar nichts anderes übrig als dort auszuharren: Die U-Bahn in die östlichen Vororte war zwischenzeitlich komplett eingestellt, die Taxidienste völlig überlastet.

Der umstrittene private Taxivermittler Uber erhöhte kurzerhand die Fahrpreise aus dem Geschäftsviertel Sydneys auf mindestens 100 australische Dollar. So sollten mehr Privatleute dazu gebracht werden, gestrandete Arbeiter im Auto mitzunehmen, argumentierte die Firma. Ein Sturm der Entrüstung brach los. Uber lenkte ein – und kündigte an, die Kosten für alle Fahrten zu übernehmen. Wenig später nahm dann auch die U-Bahn wieder ihren Dienst auf. Die Züge rasen nun ohne Halt an der Station Martin Place vorbei.

Die Polizei rief alle Sydneysider dazu auf, sich «ganz normal» auf den Heimweg zu machen. Aber unbekümmert sein, das mag in Sydney an diesem Tag nicht so recht gelingen. 

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