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Briefe von der Heimatfront (6)

Briefe von der Heimatfront

Ich war Schweiz-Parasit!



Leo Fischer

Liebe Kolonisten,

nun haben die zuständigen Gremien entschieden: «Erasmus», das beliebte Studienaustauschprogramm, gibt es für die Schweiz nicht mehr. Während die eidgenössischen Unis versprechen, ihre Studenten irgendwie trotzdem ins Ausland zu boxen, ist der umgekehrte Weg fortan versperrt. Was wir als Deutsche damit verlieren, kann nur ermessen, wer selbst mit «Erasmus» in der Schweiz war. Denn im Gegensatz zu den arbeitswilligen Zugezogenen trafen auf die Erasmus-Studenten all jene bösen Klischees vom schmarotzenden Ausländer vollständig und bis ins Detail zu! Und ich war einer davon, ich war Schweiz-Parasit! 

Und es war so einfach, einfacher als jeder Asylantrag. Erster Schritt: Ich fülle einen Zettel aus. Zweiter Schritt: Die Schweiz überweist mir einen Haufen Geld. Korrigiere: einen gewaltigen Haufen Geld. Nicht in Raten, liebe Freunde, oh nein, alles auf einmal! Dritter Schritt: Ein kurzes Gespräch mit dem Dekan der Gastgeber-Uni. Das war es. Keine Kontrollen, keine Aufsicht, kein Punktesystem. Rein theoretisch hätte ich mir von dem Geld auch ein Auto kaufen können. Vierter Schritt: Das süsse Leben in der Schweiz beginnt. Oh, und wie süss es war! 

«Ich wusste: Ein Schweizer würde sie für mich wegräumen. Nie zuvor ging es mir derart herrlich.»

Verbilligte Zugtickets, vergünstigtes Essen im Manor, Gratis-Sport, kostenlose Kultur – ich nahm alles mit. Aus schierer Bosheit versuchte ich, im öffentlichen Nahverkehr so viel Dichtestress wie möglich zu erzeugen, fläzte mich in Vierergruppen und stellte gern auch meine Taschen auf die Sitze neben mir. Grösser war nur meine Freude, dank Kontingentkarten (ha!) den Einheimischen die Opern- und Theaterplätze wegzuschnappen – und mich dann in den Pausen in laut polterndem Hochdeutsch über die Qualität der Schweizer Bühnen auszulassen. In den vorzüglich ausgestatteten Bibliotheken konsumierte ich nach Herzenslust Bücher und Filme. Als ich merkte, dass dort, im Gegensatz zu den mir bekannten deutschen Unis, jeden Abend von dienstbaren Geistern aufgeräumt wurde, liess ich fortan die entliehenen Medien nach Benutzung achtlos liegen. Ich wusste: Ein Schweizer würde sie für mich wegräumen. Nie zuvor ging es mir derart herrlich. 

Mit Erasmus geht ein schöner Traum zu Ende: der Traum, rücksichtslos die Schweiz ausbeuten zu können. Nie wurde er so rein, so aufrichtig gelebt; eine stärkere Kampagne für den ungebremsten Zuzug war kaum vorstellbar. Liebe Kolonisten, haltet die Erinnerung daran wach in Euren Kindern und Kindeskindern! Damit sie später einmal das fordern, was wir als Selbstverständlichkeit haben konnten.

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