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Lieber im Auto als auf dem Kaffeerähmli: Adolf Hitler.
Lieber im Auto als auf dem Kaffeerähmli: Adolf Hitler.Bild: Hulton Archive
Briefe von der Heimatfront (34)

Was würde Hitler dazu sagen, auf Kaffeerahmdeckeln abgebildet zu werden?

27.10.2014, 15:5328.10.2014, 15:11

Jetzt ist die Sache allen Beteiligten schrecklich peinlich. Auf eine Serie von Kaffeerahmdeckelchen hatte sich unbemerkt auch das Bildnis eines Mannes geschlichen, der für das völlige Gegenteil all dessen steht, was wir gemeinhin mit Kaffeerahm assoziieren, also Gemütlichkeit, lustiges Geplauder und einen seltsam ranzigen Nachgeschmack. Adolf Hitler auf einem Kaffeerahmdöschen, das macht den schönsten Kaffeeklatsch zu einem menschenverachtenden, zu einem traumatisierenden Ereignis. Möchtest du noch etwas Hitler in den Kaffee – ein Satz, wie er grässlicher in deutscher Sprache noch nicht gesprochen ward. Die Vorstellung, wie sich sechs beinharte Skinheads grölend Milch nachgiessen und noch hämisch lachend Biskuits hineintunken, ist schwer erträglich.

Offenbar haben alle Institutionen versagt, die so etwas verhindern sollen. Das Management, die Designer, die Einkäufer, die Kunden. Die hohen Ansprüche, die man an Rahmdeckelgestalter haben darf, wurden mit Füssen getreten. Die Hersteller rechtfertigen sich mit dem Hinweis, man habe ja nur historische Zigarrenbinden dokumentieren wollen. Aber ist es wirklich so viel edler, die Ursache eines qualvollen Lungenkrebstods auf diese Weise zu verherrlichen? Das ist letztlich nur die Quadratur des Schreckens.

So jedenfalls die ersten Reaktionen. Etwas untergegangen in der allgemeinen Aufregung ist jedoch die Möglichkeit, dass man den Herstellern unrecht getan hat. Waren ihre Motive vielleicht doch edler? Immerhin war Hitler doch Vegetarier, gelegentlich sogar Rohköstler! Jedenfalls: Übermässig behandelte und industriell erzeugte Nahrung war ihm ein Graus. Aus seinen Monologen im Führer-Hauptquartier ist sogar die These erhalten, dass die Menschen bedeutend länger leben könnten, wenn sie nur auf das Kochen und Braten ihrer Speisen verzichteten.

Hitler auf raffinierten Milchprodukten abzubilden, das ist also in etwa so, als würde man mit dem Bild Mahatma Ghandis eine neue Landmine verzieren oder das Antlitz Baschar al-Assads auf eine «Verzeih mir»-Postkarte drucken: eine indirekte Beleidigung des Dargestellten.

Statt sie zu schimpfen, sollte man die Hersteller lieber loben: Sie haben Hitler auf subtile Weise lächerlich gemacht, sein Andenken in den Schmutz gezogen. Sie haben auf allem herumgetrampelt, was diesem Mann wichtig war, zumindest in der Küche. Tatsächlich ist zu hoffen, dass die Praxis Schule macht. Hitlerbildnisse auf Wattebäuschen, auf Kondomen oder Toilettenpapier könnten den Mann dauerhaft beschädigen. Wer will schon ernsthaft einem Mann als politischen Visionär huldigen, den er zuallererst auf einer Cornflakesschachtel gesehen hat? Viel noch bleibt zu tun auf dem Weg zur totalen Hitlerisierung des Alltags.

Bild:
Leo Fischer 
Der ehemalige Chefredaktor vom Satiremagazin «Titanic» schreibt jede Woche einen «Brief von der Heimatfront». Er liefert den deutschen Invasoren in der Schweiz Schlachtpläne, wie sie die deutsche Dominanz in den Universitäten oder dem Gesundheitswesen noch stärker durchsetzen und festigen können. Er wird aber auch seinen Landsleuten mit ordentlich Humor grob aufs Dach hauen.



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