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Zürich lässt Hoffnung tanzen! Bild:kafi freitag

Was halten Sie von der Street Parade, Kafi? Ich finde sie überflüssig. 

29.08.15, 16:49 30.08.15, 06:13

Überall auf der Welt sterben Menschen und wir hauen uns Drogen in die Birne und tanzen in jenseitigen Kostümen rum? Ist das nicht pervers? Meinetwegen sollte man solche Anlässe, die den Konsum von Alkohol und Drogen unterstützen, nicht auch noch mit Steuergeldern unterstützen! Das Geld könnte man viel sinnvoller einsetzen! Die Menschen kommen und hinterlassen doch nur ihren Abfall, den wir dann für sie einsammeln können. Mich widert das an! Sie nicht? Georg, 48 



Lieber Georg 

Schön, dass Sie zwischen dem vielen Müll aufsammeln noch etwas Zeit haben, mir zu schreiben. Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen danken. In den letzten Tagen habe ich mich für den Einsatz der KESB bedankt und den der Gynäkologen und heute ist die Müllabfuhr dran. Auch dies ein unterbewerteter Job, ohne den wir kaum anständig leben könnten.

Ich bin auch kein Fan der Street Parade. Letztes Jahr war ich zum ersten Mal etwas schauen und das hat mich dermassen mitgenommen, dass ich danach ein paar Antworten lang mit Bildmaterial von den diebenachtelnackten Frauen und Männern arbeiten musste, um das Ganze zu verdauen. In früheren Jahren habe ich mich immer davon gemacht und hätte mein Lieblingshotel noch ein freies Kämmerlein gehabt, ich hätte es auch in diesem Jahr getan. Aber so bin ich gezwungen, hier zu bleiben und das Wochenende auszusitzen.

Ob der Anlass überflüssig ist, weil ich nichts damit anfangen kann? Wohl kaum! Das wäre ja wirklich sehr überheblich. Eine Party, welche knapp eine Million Besucher anzieht, kann einfach nicht überflüssig sein. Und die 1,8 Millionen Franken Budget, welche dafür veranschlagt wurden, sind zu einer guten Hälfte dadurch gedeckt, dass man den Securitas-Mitarbeiter, der jeweils ab 22 Uhr unser Quartier vor Freierverkehr abgeschirmt hat, in dem er eine Schranke bediente, entlassen und sämtliche Schranken versuchsweise für ein halbes Jahr abgebaut hat. Ob ich das gut finde, ist auch hier wieder eine andere Frage. Ich persönlich hätte die freundlichen Nachtwächter der Streetparade gegenüber vorgezogen, aber mich hat ja keiner gefragt.

Ob ich deswegen über die Verteilung meiner Steuergelder klage? Wohl kaum! Mein Geld darf man gerne in Partys, Feuerwerken und anderen Dingen verpulvern, welche den Leuten Freude bereiten. Jeder einzelne Franken, der in eine lebensbejahende Sache investiert wird und nicht in Kriegsmaterial und Ähnlichem, macht mich mehr als glücklich.

Sie und ich gehören nicht zum Zielpublikum der Streetparade. Sonst würden wir jetzt nicht hier sitzen und schreiben. Aber meine Putzfrau tut es. Sie hat mir voller Stolz ihr Kostüm gezeigt und mich um einen Vorschuss für die Party gebeten. Sie freut sich seit Wochen auf diesen Tag. Und ganz viele andere Menschen auch, die von nah und fern angereist sind, um hier in sehr friedvoller Manier durch die Stadt zu tanzen.

Mag sein, dass Sie das Angesichts der Katastrophen dieser Tage als pervers ansehen. Ich tue es nicht. Im Gegenteil. Gerade in Zeiten wie diesen müssen wir tanzen und uns des Lebens freuen, so sehr wir können. Das würde auch Ihnen gut tun, mein lieber George. Weil Tanzen hat diese Welt schon immer zu einem besseren Ort gemacht und da dürfte das bisschen Happy-Droge und der überschaubare Abfall, der dabei konsumiert/respektive produziert wird, als harmlosen Kollateralschaden abgebucht werden.

Gehen Sie in Frieden und tanzen Sie mal wieder! Ihre Kafi. 

Fragen an Frau Freitag? ​ 

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Kafi Freitag (40!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit Ihrem 11 jährigen Sohn in Zürich.

Haben Sie Artikel von FRAG FRAU FREITAG verpasst?
Sälber tschuld! Hier nachlesen!

Bild: Kafi Freitag

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Steckenpferd 30.08.2015 04:44
    Highlight Das nenne ich eine perfekte Antwort!
    24 4 Melden
  • atomschlaf 29.08.2015 21:28
    Highlight Ich war um die Jahrtausendwende mehrmals an der Streetparade und amüsierte mich jeweils königlich. Unterdessen kann ich mich zwar nicht mehr dafür begeistern, aber ein Anlass an dem eine Million Menschen eine gute Zeit hat, ist bestimmt nicht überflüssig.
    27 3 Melden
  • Larina 29.08.2015 18:25
    Highlight Ich habe mir heute dieselbe Frage gestellt, als ich aus Zürich fuhr und diese entgegenkommende, kostümierte und fröhliche Menschenmasse beobachtete. Hin- und hergerissen zwischen "ist dies moralisch gerechtfertigt" und "Mensch! diese Leute haben eine gute Zeit, nach der auch ich mich sehne". Meine Schlussfolgerung war so ähnlich wie deine, Kafi. Drum fahr ich aus Zürich, treff mich später mit meiner Freundin zur Weindegustation und freue mich auf den Abend. Den Bedürftigen helfen kann ich deswegen trotzdem. Wenn nicht noch besser!
    21 1 Melden
  • Miicha 29.08.2015 18:25
    Highlight Ja die Welt wäre wohl ein besserer Ort wenn wir alle mehr Tanzen würden. :-)
    30 4 Melden
  • Pater Noster 29.08.2015 17:29
    Highlight Oh wow das Grand Hotel Giessbach ist dein Lieblingshotel? Ich muss gerade etwas schmunzeln, ich weiss nicht wieso aber irgendwie überrascht es mich gerade etwas. Ich habe noch nie dort logiert aber vor drei Tagen bin ich mit dem Bike dort vorbei gefahren. ein wahrhaft wunderschöner Ort.

    An dieset Stelle mal ein herzliches Dankeschön für die lesenswerten Beiträge die fix zu meinem Lesestiff bei Watson gehören. Ich freue mich auf mehr - und darauf mal unterhalb (oder inmitten) der Giessbachfälle zu nächtigen.
    10 3 Melden

Liebe Kafi. Ich trage, wie man so schön sagt, das Herz auf der Zunge. Nun habe ich aber einen Mann kennengelernt, der sagt, er sei im Moment vielleicht nicht bereit für eine Beziehung. 

Liebe Michèle,Gerade war ich auf der Buchmesse in Leipzig und habe dort mein erstes Buch vorgestellt. Mein Verleger bearbeitet mich bereits, dass ich mich hinsetze und das nächste in Angriff nehme und nach Ihrer Frage denke ich ernsthaft darüber nach, ein Übersetzungswerk zu schreiben, das zwischen Frauen und Männern vermittelt. Es wäre natürlich geschäftlich gesehen ungünstig, wenn ich bereits alles verraten würde, dennoch will ich Ihnen wenigstens den Begriff der sehr geschätzten …

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