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FRAGFRAUFREITAG

Guten Tag Frau Freitag. Was halten Sie eigentlich von Leuten, die sich eigentlich kein Stück für Fussball interessieren. 

(Einem vermutlich nicht mal das Abseits erklären können), während der WM aber hochgradig mitfiebern, sich in den Länderfarben ankleiden und schminken, etc.? Den Menschen geht es ja nicht mehr um den Fussball, sondern generell um den Wettkampf zwischen den Nationen. Geht es in der WM überhaupt um Fussball? Vielleicht ist die Frage für sie nicht relevant, weil die Schweiz ja nicht dabei ist. Schönen Gruß! Sarah, 26

Liebe Sarah 

Was ich von diesen Leute halte?

Ich gehöre auch zu diesen von Ihnen beschriebenen Menschen, die sich unter dem Jahr keinen Deut um Fussball scheren, bei einer EM oder WM aber urplötzlich das Fan-Trainings-Jäckchen aus dem Keller holen und emotional mitfiebern. Allerdings muss ich zugeben, dass ich sehr wohl imstande bin, ein Abseits zu erklären und mich nicht in der Landesfarbe schminke, da gelbe Schminke einfach ­scheisse aussieht auf meinem hellen Teint. Und auch als Nagellack sieht Gelb sehr unvorteilhaft aus, mutet es doch eher nach Raucherfingern als nach einer gepflegten Manicure an. (Natürlich könnte ich auf Gold zurückgreifen. Wäre ja eigentlich auch korrekt. Denn schliesslich ist das Gelb auf der Flagge eigentlich Gold. Aber das kapiert ja dann wieder keiner. Da lasse ich es lieber ganz bleiben.) Sie sehen, ich habe mich immerhin damit auseinandergesetzt!

Und jetzt wundern Sie sich vielleicht, warum ich da von Gelb schwafle, wo die Schweiz doch rot-weiss daherkommt. Das ist einfach zu erklären. Ich besitze einen Schweizer und einen deutschen Pass. Doch sobald es um Fussball geht, schlägt mein Herz wahnsinnig deutsch. Natürlich bin ich auch die restlichen Tage des Jahres sehr Pro-Deutsch eingestellt. Aber an der WM nimmt es immer überhand. Erklären kann ich das nicht. Es passiert einfach. Und ich lasse es vollkommen unreflektiert geschehen und geniesse es sogar.

Natürlich könnte man analysieren und auseinandernehmen und versuchen zu verstehen, was Fussball genau mit den Menschen macht. Aber ich habe ehrlich gesagt überhaupt keine Lust dazu. Mir ist es vollkommen schnurz, ob die Menschen aus sportlichen Gründen mitfiebern oder aus Liebe zu ihrem nebst der WM vielleicht eher unspektakulären Land. Ich geniesse das Fiebern an sich. Es ist ein wunderbarer Zustand. Fast schon wie die Verliebtheit der ersten Wochen. Vollkommen irrational und unerklärlich. Und dennoch so wunderbar. Diese Gefühle sollen nur Zuschauern zustehen, welche ein Abseits sauber erklären können??? Goht's no?

Wunderbar waren auch die vielen Erfahrungen, die ich rund um die WM gemacht habe. Sei es im persönlichen Umfeld oder im unpersönlichen Facebook. Während ich nämlich 2002 und 2006 noch des Öfteren mit dem Hitlergruss bedacht wurde, wenn ich mit meiner Adidas-Jacke unterwegs war, habe ich das in diesem Jahr nicht einmal erlebt. Im Gegenteil! Wo auch immer ich unterwegs war, habe ich versöhnliche und lustige Begegnungen erlebt.

Meistens versuche ich, die positiven Seiten einer Sache zu erkennen. Und das ist mir selbst bei dieser korrupten und auch sonst sehr bedenklichen WM gelungen. Ich bin für die Abschaffung der FIFA und dafür, dass man so eine Veranstaltung nicht an ein Land vergibt, dass das Potenzial hat, darunter erdrückt zu werden. Aber ich kann nicht ermessen, was dieses Happening mit dem einzelnen Menschen macht. Während eine einzige Person aus meinem Umfeld die ganzen letzten Wochen verbal ausgeteilt hat, als würde es um ihr Leben gehen, haben mich sehr viele schöne Bilder zufrieden zurückgelassen.

Nach dem Spiel DE-BRA habe ich mir die grössten Sorgen gemacht, dass es in Brasilien zu krassen Ausschreitungen kommen könnte. Aber das ist nicht geschehen und vermutlich auch mit ein Verdienst der höchst versöhnlichen Gesten des brasilianischen Trainers Scolari.

Deutschland hat gewonnen und praktisch keiner ist da, der es dieser Mannschaft nicht gönnen mag. Wäre das vor 8 oder 12 Jahren auch möglich gewesen? Ich denke kaum. Und darum liebe ich als ansonsten fußballdesinteressierte Person die WM. Auch diese eine.

 Mit bestem Gruss. Ihre Kafi. 

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Kafi Freitag (39) beantwortet auf ihrem Blog www.FragFrauFreitag.ch Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.ch.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (www.FreitagCoaching.ch) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines zehnjährigen Sohnes.

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Sälber tschuld! 

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Bild: Kafi Freitag



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