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Ludmilas «Baba» hiess «Jagoda». Das heisst «Erdbeere».  (Symbolbild)

Ludmilas «Baba» hiess «Jagoda». Das heisst «Erdbeere».  SymbolBild: flickr.com/Hernán Piñera

Vergiss Sex und lerne kochen! Meine Balkan-Oma, ich und unsere Hassliebe

Wenn es um Beischlaf vor dem Ja-Wort, Nirvana und blaue Strähnen in der Dauerwelle ging, war bei Ludmilas «Baba» fertig lustig!



Meine Grossmütter selig hätten nicht unterschiedlicher sein können. Die eine eine Macherin, ständig in Bewegung, zum reden fehlte ihr die Zeit. Die Mama meines Vaters war da anders. Ich nannte sie «Baba Jagoda». «Baba» heisst «Grosi» und «Jagoda» «Erbeere». Meine Oma hiess wirklich «Erdbeere».

Ein Beeri war sie auch, die Gute. Baba Jagoda, geboren 1927 im heimischen Wohnzimmer weit weg von jeglicher Zivilisation, verbrachte die erste Hälfte ihres Lebens im elterlichen Haus. Die zweite im Städtchen, aus dem mein Opa stammte. Dazwischen: gerade mal zehn Kilometer.

«Beischlaf ist böse.»

Ludmilas Oma Jagoda 

Weiter weg hat es Baba nie geschafft. Was sie null störte. «Was du nicht kennst, vermisst du nicht», pflegte sie zu sagen. Mir das erste Mal, als ich 15 war. Damals hatte sie grosse Panik, dass mit meinem Schulschatz mehr als Händchen halten läuft. «Beischlaf ist böse», sagte sie. Zumindest vor der Ehe. Danach gehöre er halt dazu. Meine Mutter fuhr dem Erdbeeri über den Mund und warf mir einen «Mach Airolo-Göschenen»-Blick zu.

I miss you, Pubertät

Der grosse Stress meiner Baba fing schon an, als ich 13 war und in meine Dauerwelle auch noch blaue Strähnen färbte. Warum ich komplett asozial sei, wollte sie von meinen Eltern wissen, während ich über Kopfhörer Nirvana hörte.

Meine Haare, der viel zu kurze Rock, das Nasenpiercing, wir waren stets in Sorge um Babas Herz. Dass dieses noch fast 20 Jahre weiter schlagen und toben würde, wussten wir damals noch nicht.

So ähnlich sah Ludmila im Teenager-Alter aus. Sehr zur Unzufriedenheit ihres Grosis.

So ähnlich sah Ludmila als Teenager aus – sehr zum Unmut ihres Grosis. symbolBild: flickr.com/Jared

Als ich mit 17 das Elternhaus verliess, um in der Westschweiz als Au-pair-Mädchen zu arbeiten, stand Erdbeeris Welt definitiv Kopf. Sie verfluchte die Schweizer Mentalität. Jegliche Erklärungsversuche prallten an ihr ab.

Mein Papa hatte schon lange resigniert. Meine Mutter versuchte stets aufs Neue, den Spagat zwischen der alten Dame und mir, dem jungen Mädchen aus der Schweiz, zu schaffen. Sie hat das für ihre Schwiegermutter gemacht. Ich war 17. Mir war sowieso alles scheissegal. I miss you, Pubertät.

Der Kaffeesatz, der mir das Blaue vom Himmel log

Dass ich mit 18 mit meiner Schwester und ihrer Freundin unsere erste WG in Zürich bezog, haben wir dem Erdbeeri verschwiegen. Auch von der Existenz meines ersten Freundes, den ich mit 19 kennenlernte und mit dem ich sechs Jahre zusammen war, wusste Baba nichts. Wilde Ehe!? Teufelszeug!

Sorry, Baba, für den vorehelichen Sex!

Als ich zum letzten Mal mit ihr auf der Terrasse sass, war Baba schon richtig alt und gebrechlich. Sie las aus meinem Kaffeesatz. Balkan-Oma-Weisheiten! Liebe ich! Also trank ich die Brühe, drehte das Tässli um und war bereit für meine Zukunft, die laut Baba «super» wird.

Sie sieht einen Mann, der schon lange auf mich wartet. Blond. Ein Jugo. Aus gutem Haus. Geld hat er auch. Und da, sie zeigt auf einen schwarzen Fleck, ein Haus! Mit Garten. Drei Kinder. Ich mit Schürze am Herd.

Kochen find ich nicht nur scheisse, ich kann's auch nicht. Das sage ich und ernte den nächsten Anschiss: Ich solle es gefälligst lernen, wenn das mit dem blonden, reichen Jugo, den Kids, dem Haus und dem Garten was werden soll.

Dreht sie sich gerade im Grab um?

In der Zwischenzeit sind zwölf Jahre vergangen. Ich habe keinen blonden reichen Jugo-Mann, keine drei Kinder, kein Haus und keinen Garten. Das Erdbeeri ist zwischenzeitlich nach einem langen und erfüllten Leben von uns gegangen.

Cevapcici.

Kann keine Cevapcici zubereiten: Ludmila Balkanovic. Bild: flick.com/Filip Maljković

Manchmal fühlt es sich so an, als wäre sie noch da. So wie vor ein paar Wochen, als die Erde kurz bebte. Ich weiss nicht, ob es wirklich nur ein Erdbeben war oder ob sich das Erdbeeri gerade im Grab umgedreht hat. Weil ihr jemand gesteckt hat, dass ich immer noch alleine wohne, vorehelichen Sex habe und keine Cevapcici zubereiten kann.

Eure Ludmila

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15Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • NikolaiZH 14.04.2017 16:58
    Highlight Highlight Und jetzt zurückblickend stellst du erschreckend fest, dass deine Baba mehr als recht hatte, du dir selber das Leben verbaut hast und nun an einem inneren Ort angekommen bist, wo keine Wege weiterführen. Dein Artikel - er ist gut geschrieben, aber er ist ein Hilfeschrei. Die Wege deines Lebens waren bis jetzt eben keine deine Wege und diese hören irgendwann auf, weil sie nichts gründet.
    Wenn man allein im niergendwo steht, muss man bereit sein das einzusehen und nicht zu verdrängen - das ist nun hoffentlich gemacht - der nächste Schritt wird der Beginn deines Weges sein.
    • ludmila 14.04.2017 17:22
      Highlight Highlight Lieber NikolaiZH, danke für Ihre Gedanken. Legen Sie diese aber getrost zur Seite. Es geht mir fabelhaft. Ihre Ludmila.
    • NikolaiZH 14.04.2017 17:55
      Highlight Highlight @Ludmila
      Dann ist der Fall doch komplizierter als ich gehoft habe
  • rodolofo 14.04.2017 07:33
    Highlight Highlight Liebe Ludmilla,
    was Du durchlebt hast, durchleben alle Jugendlichen mit ihren Eltern:
    Sie müssen sich abgrenzen von den Wünschen und Vorstellungen ihrer "Alten", weil es die Wünsche und Vorstellungen VON DENEN sind und NICHT DIE EIGENEN Wünsche und Vorstellungen!
    Ich lernte kürzlich einen Filipino kennen, der als Fahrer für Religiöse Gruppenreisen von Katholischen Filipinos von Rom aus unterwegs ist.
    In einer schwachen Stunde beklagte er sich bei mir, seine Kinder seien richtige Italiener geworden.
    Die Italiener aber seien ganz anders, als die Filipinos, was ein grosses Problem sei... für wen?
  • Spooky 14.04.2017 02:14
    Highlight Highlight Ich habe eben aus dem Kaffeesatz gelesen und da stand: Ludmila = genial.
    • ludmila 14.04.2017 17:23
      Highlight Highlight <3
  • Sheez Gagoo 13.04.2017 21:05
    Highlight Highlight Die Alte auf dem Titel sieht aus wie Nick Hayek.
  • Tu1zla 13.04.2017 19:58
    Highlight Highlight Als Mann hat man es auch nicht leicht, die Kumpels bereits verheiratet und die Kinder sind auch bereits unterwegs.
    Und mein grösstes Problem ist, dass der Releasetermin vom South Park Game verschoben wurde. Das interessiert aber die Verwandten und Grosseltern in der "Heimat" nicht.
    In 2 Wochen gehts wieder runter, kann mich schon auf die Fragen freuen wie, "Was wartest du?, Wann heiratest du?, Wann feiern wir deine Hochzeit? Bist du langsam nicht zu alt für Games?, bla bla"
    Mein Motto ist,

    ženim se za ambalažu,
    za flašu najdražu,
    za flašu pive,
    sve su tomu žene krive!

    😅😉

    • BoomBap 13.04.2017 23:46
      Highlight Highlight Und wie könnte man dieses Motto auf Deutsch deuten? 😊
    • pamayer 14.04.2017 05:35
      Highlight Highlight Sei strebsam.
      Heirate eine ehrenwerte Frau.
      Zeuge mit ihr viele Kinder.
      Ernähre deine Familie.


      😂😂😂
    • Hank Moody 14.04.2017 09:49
      Highlight Highlight @BoomBap

      Zusammengefasst: Er möchte eine Flasche Bier heiraten und die Frauen sind schuld. 😂
    Weitere Antworten anzeigen

Kann man, muss man nicht: Unser Modal-Problem

Ja, Sie haben schon richtig gelesen, da ist kein Tippfehler im Titel. Modal, mit d. Ich erspare Ihnen nun die Google-Suche oder das Ausgraben Ihrer Deutsch-Ordner von früher, wo Sie dann Ihre alten Aufsätze finden, in denen Sie sehr realistisch eingeschätzt haben, dass Sie mit 30 ein Haus, vier Kinder, einen Labrador namens «Columbo» und eine Traumkarriere haben werden und alles, was Sie nun mit 36 tatsächlich Ihr eigen nennen, ist ein Fahrrad und sogar das wurde Ihnen schon zweimal …

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