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Jugo-Kids wollen Autos, Motorräder, Kalaschnikows. symbolBild: flickr.com/pete

Mini-BMWs, Mini-Ducatis, Mini-Kalaschnikows – ein Nachmittag auf dem Assi-Spielplatz

Letztens verbrachte Ludmila mit ihrer Nichte zwei Stunden auf dem Assi-Spielplatz, auf dem sie schon Kinder verprügelte – und selber aufs Dach kriegte.



Ob ich eine Vollmeise habe, will die Frau mit Kopftuch und drei schwarzen borstigen Haaren am Kinn wissen. Wie ich auf die Idee käme, mit meiner Nichte, sie ist zwei Jahre alt, Deutsch zu reden. Das lerne das Kind ja im Kindergarten. Wo sind die alten Traditionen hin? Sie wirft ihre Hände in die Luft.

Ludmila Balkanovic

Unsere Kolumnistin Ludmila wuchs zwischen Mani Matter, Kettenrauchern, harten Schweizer Schulregeln und einer «Fuck the System»-Kultur auf. Hier erzählt die Mittdreissigerin aus ihrem Leben zwischen Schweizer Bünzli- und dem Jugotum.

Ich wende mich hilfesuchend meiner Mutter zu, während mein Vater meine Nichte auf ihrem hölzernen Velo anfeuert. Da meine Schwester und mein Schwager mit Grippe flachliegen, verbringt das Zuckermädchen zwei Tage bei seinen Grosseltern. Und somit da, wo meine Schwester und ich aufgewachsen sind. In einem Kaff am rechten Zürichseeufer in einem Arbeiterquartier, das zu 90 Prozent von Ausländern bewohnt wird.

Zum fünften Geburi ein Schluck Bier

Hafija, so heisst die Bärtige, redet mit ihren Kindern kein Deutsch. Auch fragt sie weder ihre Tochter noch ihren Sohn nach deren Ufzgi. Und die Kinder müssen abends nicht immer zur gleichen Zeit ins Bett. «Sie schlafen, wenn sie müde sind.»

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Da wo Ludmila aufwuchs, klettern rund 90 Prozent Ausländer-Kids rum. symbolBild: flickr.com/rosmarie voegtli

Ihre Tochter ist sieben Jahre alt. Herzig. Und asozial. Den Kleineren reisst sie alles aus den Händen. Konflikte «löst» sie mit ihrem Baseballschläger. Ich bin froh, dass dieser aus Plastik ist. Hafija mischt sich nicht ein. Hafija ist busy. Sie raucht, redet auf mich ein und erzählt mir stolz, dass ihr Bub zu seinem fünften Geburi einen Schluck Bier und eine Mini-Ducati bekommen habe.

Ludmila hat kein Verständnis für solch eine Mini-Ducati.  Bild: flickr.com/leap kye

Mir ist der Kleine auf der kleinen Ducati schon lange aufgefallen. Nicht nur, weil er alle umfährt und rumschreit, sondern weil mich das Gefährt verwirrt. Wer gibt warum wie viel Stutz für so einen Shit aus? «Protzige Balkaner», meint meine Mutter.

Hafijas Bub – «Jede Frau muss einen Stammhalter gebären» –, meint sie, verfüge neben der Ducati auch über einen Mini-BMW. Auch akkubetrieben. Blinkt auch in allen Farben. Kostet ebenfalls schnell mal, wie die Ducati, über 400 Stutz.

Sind das hier die Raser von morgen?

Ich bin genervt. Von Firmen, die solchen Scheiss herstellen, von unerzogenen Balkan-Gofen, die schreiend damit rumfahren und von den Hafija-Sippen dieses Assi-Quartiers hier, die den Trash auch noch kaufen. Ich frage mich: Sind das hier die Raser von morgen?

Klein-Hassan, Klein-Dragan und Klein-Finn spielen harmonisch Fussball

Für das Holzvelo meiner Nichte hat nicht nur Hafija mitleidige Blicke übrig. Auch Svetlana ist irritiert. Ob wir das in einem Brockenhaus gekauft haben? Das könne doch nichts. Kinder wollten Bling-Bling. Ich lege ein Veto ein. Svetlana und Hafija haben für meine Argumente aber kein Gehör. It’s all about Bling-Bling. Punkt.

Wir sitzen auf einem Bänkli. Alles Frauen. Mein Dad, der immer noch meine Nichte anfeuert, ist der einzige Mann hier. Die Männer der Mütter-Mafia um mich herum arbeiten. Vielleicht. Oder sie liegen arbeitslos auf der Couch.

Baselballschläger in der rechten, Waffe in der linken Hand

Ich lasse das Szenario auf mich wirken. Alles genau gleich wie früher. 90 Prozent Ausländer-Kids. Die paar Schweizerli lernen immerhin, sich fürs Leben durchzusetzen. Ihre Mütter sitzen nicht rauchend auf dem Bänkli. Mir fällt ein Grüppli Jungs auf, das Fussball spielt. Von Klein-Hassan über Klein-Dragan bis hin zu Klein-Finn: Dieses Trüppli ist friedlich. Mag ich.

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Schon Ludmila spielte als Kind auf so einem ähnlichen Spielplatz. symbolBild: flickr.com/thomas kohler

Zumindest bis Hafijas Tochter mit ihrem Baseballschläger in der rechten und einer Plastik-Kalaschnikow in der linken Hand das Feld stürmt. Sie macht aber Terror. Warum, verstehe ich nicht. Mini-Hassan verpasst ihr eine. In Gedanken highfive ich ihn ein biz.

Ich bin bisexuell und kann mich einfach nicht entscheiden, ob ich mein Leben mit einem Mann oder einer Frau verbringen will.

Während ich meiner Nichte zusehe, denke ich an meine eigene Kindheit. Auch ich habe hier Velofahren gelernt. Auch mich hat mein Dad dabei schon angefeuert. Auch ich wurde hier von kleinen Gorans, Massimos und Ismaels verprügelt. Und auch ich habe hier gelernt, für mich einzustehen: Manchmal gewannen die Buben das Duell – manchmal aber auch ich.

Ich lächle.

Svetlana reisst mich aus meinem Tagtraum. Auch sie will wissen, warum ich mit meiner Nichte deutsch rede. Weil es sich a.) um meine Muttersprache handelt und weil b.) die Kleine das Serbokroatisch von ihren Grosseltern lernt. Win-win. Mega simpel für alle. Nur für Svetlana und Hafija nicht.

Wann ich eigentlich gedenke, zu heiraten und zu gebären. Svetlanas Ton nimmt an Schärfe zu. Ich nehme meine Sonnenbrille ab, schaue ihr in die Augen, nehme einen tiefen Atemzug und flunkere: Ich bin bisexuell und kann mich einfach nicht entscheiden, ob ich mein Leben mit einem Mann oder einer Frau verbringen will.

Meine Mutter lacht. Mein Dad verdreht die Augen. Svetlana ringt nach Luft. Zwei Tage später weiss das ganze Quartier von meiner Bisexualität. Assi-Quartiere. Besser als jedes Buschtelefon.

Eure Ludmila

Ludmila Balkanovic

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37Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • jackster 11.05.2017 15:22
    Highlight Highlight Ach ludmila..
    I bi mit de erste yugos ufgwachse. Mit 5i (1980) het mi mis mami mit 500 stutz in vw-bus zu de familie d. gsteggt, will i min best buddy zoran doch nöd allai ha chöne goh loh. Mit grissenem keilrieme u autowechsel irgendwenn 6te dunne acho, min erste kuss übercho und zu geile erinnerige zrugcho. Dange fü dini bricht! Memory comes back :*
  • Gravitation 05.05.2017 10:56
    Highlight Highlight "Serem ti se u usta"😂
  • Dynamischer-Muzzi 05.05.2017 10:30
    Highlight Highlight Ganz geiler Artikel und ja, er zaubert mir ein breites Grinsen auf mein Gesicht, bei der bildlichen Vorstellung von Svetlanas Gesichtsausdruck nach deiner Äußerung betreffend Heirat und eigener Kinder.

    Es macht aber auch sehr nachdenklich wie geistig zurückgeblieben manche Frauen in einem fremden Land leben ohne sich anpassen zu wollen, obwohl sie hier Wohnung, Geld, Ausbildung und Schutz haben. Integration ist was anderes.
  • kupus@kombajn 05.05.2017 09:15
    Highlight Highlight Am rechten Zürisee-Ufer gibt es Käffer mit Arbeiterquartieren? Sachen gibt's....

    Ansonsten scheine ich auf derselben Assimilationsstufe wie Ludmilla zu stehen.
  • Zünglein 05.05.2017 00:49
    Highlight Highlight Wenn man nichts ist muss man die leere in sich mit Güter füllen. Das man dieses Verhalten an die Kinder weiter gibt wird später im Leben der Kinder nur zu Problemen führen.
  • Lord_Mort 04.05.2017 22:48
    Highlight Highlight @Watson. Wieso kann ich Ludmilla nicht folgen, wie ich das bei anderen Autoren tun kann? Tolle Kolumne übrigens!
    • Ralph Steiner 04.05.2017 23:35
      Highlight Highlight Lieber Lord_Mort: Das kannst du bald, wir sind es am einrichten. Aber nur, wenn du ihren Namen richtig schreibst ;-)
    • Lord_Mort 05.05.2017 08:38
      Highlight Highlight Entschuldigung, es sollte natürlich Ludmila heissen! Habe wohl zu fest an das Lied Ludmilla von Patent Ochsner gedacht. 😉 Danke für das Einfügen des "Folge mir"-Buttons! 👍
    • kupus@kombajn 05.05.2017 09:16
      Highlight Highlight Au, verdammt! Ich habe den Namen auch gerade falsch geschrieben. Liegt wohl an der Russin gleichen Namens, welche ich kenne. Die schreibt den Namen mit Doppel-L.
  • Openyourmind 04.05.2017 22:09
    Highlight Highlight Tausche einen elektro Mini-RS6, unfallfrei und wenig meter, gegen ein Zippo (muss 3 Sek. klingeln beim öffnen sonst ist kein Original). Angebote bei der Nachbarin Ludmila abgeben bitte. 😏
    • ludmila 04.05.2017 23:11
      Highlight Highlight Danke, nein, danke. Gruss, L.
    • Openyourmind 05.05.2017 18:54
      Highlight Highlight Respektiere Ludi... Na dann... werde ich den Papa (mein Party-Bro) fragen... Aber erst nach 10 Runden 🤤
  • Kollani 04.05.2017 19:52
    Highlight Highlight Bester Artikel bis jetzt!😁
    • ludmila 04.05.2017 22:21
      Highlight Highlight Danke tausend, Kollani.
  • Dä Brändon 04.05.2017 19:21
    Highlight Highlight Hoffe du willst keine Kinder Ludmila, die müssten bestimmt immer um 1900 zu Hause sein, um 2000 schon ins Bett. Bei Schulausflügen so Behindi Wanderschuhe tragen und Gemüse zum Znüni mitnehmen. So ganz wie in deinem Artikel erzieh ich meine Kinder schon nicht aber mal einen Kung-Fu Film oder einen guten alten Bud Spencer liegen drin. Sie sollten auch in der Lage sein in einpaar Ärsche zu treten wenn die Luft dicke wird.
    • ludmila 04.05.2017 22:24
      Highlight Highlight Lieber Dä Brändon, es amüsiert mich, dass du mich so einschätzt. Mich amüsiert es sogar zu sehr, um dich von etwas anderem überzeugen zu wollen. Es grüsst, die strenge L.

      Haha.
    • Steampunk 04.05.2017 22:43
      Highlight Highlight Gemüse zum Znüni ist lecker und der Körper wird es der Mutter danken 😎
    • Dä Brändon 05.05.2017 00:58
      Highlight Highlight Für mich liest's sich so als wärst Du total angeekelt von der Art und Weise wie die Balkaner ihre Kinder erziehen. Vieleicht irre ich mich, aber es klingt doch sehr negativ. Und bitte verstehe mich nicht falsch, ich geniesse Deine Beiträge, sie sind sehr amüsant.
    Weitere Antworten anzeigen
  • NWO Schwanzus Longus 04.05.2017 18:02
    Highlight Highlight Wer kennt denn nicht Leute wie Jeton, Beton und Granit!
  • JaneDoe 04.05.2017 17:56
    Highlight Highlight *nostalgischer Seufzer* Das gute alte Arbeiter-Ausländer-Block-Ghetto... Wo die ganze Verwandschaft im selben Block wohnt, die Teppiche vor der Garage gewaschen werden, die Nachbaren besser sind als jedes Klatschblatt und jede Überwachungskamera, das Wort Lärmbelästigung nicht existiert und nicht zu vergessen die postapokalyptische Menschenleere während des Sommers weil alle "unten" sind. :'D
    • ludmila 04.05.2017 22:25
      Highlight Highlight Wundervoll ausformuliert, JaneDoe. Danke dafür. Gruss, L.
  • fischbrot 04.05.2017 17:17
    Highlight Highlight Deine Beitrage sind echt so ENDGEIL 😂 Bleib dran ja?
    • Addidi 04.05.2017 18:53
      Highlight Highlight Ich lieeeeeebe die Beiträge! Always makes my day :)
    • Lichtblau 04.05.2017 22:10
      Highlight Highlight Ich freu mich auch immer über Ludmilas Beiträge - die werden immer besser. Und die Protagonisten wachsen einem direkt ans Herz. Nur schon dass sich Papa (Party-Bro) Balkanovic auf dem Spielplatz einbringt: Hammer! Über den würde ich gern mehr lesen.
    • ludmila 04.05.2017 22:30
      Highlight Highlight Liebe Watson-Chefs, there you go. Danke, liebe Leser. Eure L.
  • Maracuja 04.05.2017 16:54
    Highlight Highlight Holzvelo? Womöglich auch noch eines dieser überteuerten Dinger ohne Pedalen, dass sich bevorzugt Schweizer Eltern andrehen lassen? Damit würden man auch in unserer Siedlung als exotisch auffallen, hier kauft niemand pädagogisch wertvoll. Die Kopftuchträgerinnen bei uns rauchen nicht und die Mini-BMWs haben eine extrem kleine Halbwertzeit und verschwinden jeweils schnell wieder von der Bildfläche. Ansonsten geht es bei uns ähnlich zu.
    • ludmila 04.05.2017 22:32
      Highlight Highlight Hoi Maracuja, das Holzvelo hat Pedalen. Und eine herzige Pimp-Klingel. Auch haben es das Zuckermädchen und ich angemalt. Es ist ein wunderbares Velo. Gruss, L.
    • Maracuja 05.05.2017 15:27
      Highlight Highlight <Es ist ein wunderbares Velo>

      Glaub ich dir sofort. Wünsche der Kleinen gute Fahrt.
  • Woelfli 04.05.2017 16:53
    Highlight Highlight Grossartige Kolumne! Mehr davon, bitte :D
    • ludmila 04.05.2017 22:33
      Highlight Highlight Okay, Woelfli. Machen wir. Gruss, L.
  • pamayer 04.05.2017 16:43
    Highlight Highlight Amüsiere mich prächtig.
    Danke.
    • ludmila 04.05.2017 22:36
      Highlight Highlight Es ist mir eine Ehre. Eine, die mir in der Tat viel Spass macht. Danke für deine Worte, pamayer.
  • Tom B. 04.05.2017 16:34
    Highlight Highlight Weltklasse!!! *Rofl* ohne Ende...😂😂😂😂
    • ludmila 04.05.2017 22:37
      Highlight Highlight Danke. Danke. Danke.

      Gruss, L.
  • Darth Unicorn #Häschtäg 04.05.2017 16:33
    Highlight Highlight Erinnert mich Grad bizli an meine Kindheit, obwohl ich selber ein mischmasch bin kann ich das mit dem durchsetzen nur unterschreiben liebe grüsse an die Valons,flamurs, dinos und Svens :D
    • ludmila 04.05.2017 22:39
      Highlight Highlight Ich grüsse unbekannterweise mit. Herzlichst, L.

Kann man, muss man nicht: Unser Modal-Problem

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