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Per Autostopp um die Welt

Wir sitzen bei einem berühmten Musiker im Auto – doch uns ist das piepegal

Thomas Schlittler
Thomas Schlittler



Das Spannendste beim Trampen ist, wenn beim anhaltenden Auto die Fensterscheibe heruntergeht. Das ist der Herzblatt-Moment, in dem man einen ersten Vorgeschmack erhält, mit wem man es die nächsten Minuten oder Stunden zu tun haben wird: Ist der Fahrer jung oder alt? Gepflegt oder verwahrlost? Männlich oder weiblich? Reich oder arm? Schüchtern oder extrovertiert? Fröhlich oder lachmuskelkrank?

Oft dauert es eine Weile, bis man das Gegenüber einschätzen kann. Der ältere Mann, der meine Freundin Lea und mich in der kolumbianischen Grossstadt Medellín mitnimmt, macht es uns aber leicht: Gabino Pampini lässt stets seine weissen Zähne aufblitzen und trägt sein Herz auf der Zunge. Mehr noch: Kaum sitzen wir bei ihm im Auto, fängt er an zu singen und sagt mit strahlenden Augen: «Ich bin Musiker.»

Die Route der Woche 101:

Musiker gibt es viele, denke ich mir. Ich frage Gabino deshalb, ob er von der Musik leben könne. Seine Antwort: «¡Sí, gracias a Dios!» («Ja, Gott sei Dank!») Ich hake nach und will wissen, ob er berühmt sei. Gabinos Antwort lautet abermals: «¡Sí, gracias a Dios!»

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Gabino Pampini ist ein extrem angenehmer Zeitgenosse – aber ist er auch berühmt? bild: thomas schlittler

Lea und ich lassen das so stehen. Wir haben keine Ahnung, ob wir tatsächlich bei einer Berühmtheit im Auto sitzen oder ob sich vor allem Gabino selbst für berühmt hält. Es ist uns aber auch egal. Wir sind einfach nur dankbar, dass er uns mitgenommen hat und versuchen, angenehme Gäste zu sein. Wir behandeln Gabino wie jeden anderen Fahrer, ob er nun ein Star ist oder nicht. Die Hauptsache ist für uns, dass wir uns bei ihm im Auto pudelwohl fühlen – und dass er spannende Geschichten zu erzählen hat.

Gabino stammt aus Panama, er hat seiner Heimat aber schon vor Jahrzehnten den Rücken gekehrt. Er lebte viele Jahre in Miami, eine Zeit lang in Spanien sowie in mehreren Ländern Südamerikas. In all diesen Wanderjahren hat Gabino nicht nur musikalische Spuren hinterlassen: Der 67-jährige Lebemann hat acht Kinder von fünf verschiedenen Frauen.

Die vergangenen zehn Jahre war Gabino in Kolumbien sesshaft, genauer gesagt in Medellín: «Das Leben hier gefällt mir ausgezeichnet. Die Kolumbianer sind sehr offene, herzliche Leute.» Seine Liebe zu Kolumbien hat Gabino in einem Lied verarbeitet: «Mi segunda tierra» («Meine zweite Heimat»). Es ist der letzte Song, den er uns in seinem Auto vorsingt. Dann verabschieden wir uns mit einer freundschaftlichen Umarmung.

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Video: watson

Als Lea und ich wieder am Strassenrand stehen, werweissen wir, ob wir tatsächlich gerade ein Privatkonzert eines berühmten Salsa-Künstlers geniessen durften. Am Abend im Hostel erhalten wir Gewissheit: Als wir auf Google «Gabino Pampini» eingeben, schaut uns hundertfach der nette Herr entgegen, bei dem wir ein paar Stunden zuvor im Auto gesessen sind. Und auf YouTube wurden Gabinos Lieder schon von Hunderttausenden angeklickt, ein Song hat gar über 2,3 Millionen Views.

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Google kennt Gabino Pampini mehr als nur ein bisschen ... bild: thomas schlittler

Zwei Tage später nehmen uns Uriel und seine Freundin María mit. Wir fragen die beiden, ob sie Gabino Pampini kennen: «Na klar!», antwortet Uriel, «er ist ein international bekannter Salsa-Künstler.»

Als wir ihnen das Video zeigen, auf dem Gabino am Steuer sitzt und uns seine Hommage an Kolumbien vorsingt, sind die beiden ganz aus dem Häuschen. «Er ist sehr bekannt, Tickets für seine Konzerte sind teuer!», sagt María.

Und Uriel fügt lachend hinzu: «Tut uns leid, dass wir keine Berühmtheiten sind. Ich bin nur Unternehmensberater» Ich erwidere grinsend: «Kein Problem, wir sind trotzdem froh, dass wir bei euch mitfahren dürfen.»

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Uriel und María kennen Gabino Pampini und sagen: «Tut uns leid, dass wir keine Berühmtheiten sind.»

Wie bei Gabino fühlen wir uns auch bei Uriel und María pudelwohl. Das ist das Schönste beim Trampen: Es spielt keine Rolle, ob der Fahrer ein berühmter Musiker ist oder ob man bei einem Unternehmensberater, Anwalt, Banker, Bauer oder Gemüseverkäufer im Auto sitzt. Selbst der Präsident Kolumbiens wäre in diesem Moment einfach nur ein weiterer netter Typ, der uns einen Gefallen tut. Und wir wären einfach nur dankbar, dass wir mitgenommen wurden und würden versuchen, angenehme Gäste zu sein.

Aber ich gebe es zu: Gabinos Privatkonzert war schon ziemlich cool.

Die ganze Woche, zusammengefasst in 30 Bildern: 

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12Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Calvin Whatison 06.05.2017 17:26
    Highlight Highlight Bei dem Hudelwetter das wir haben, mag ich gar nicht mehr raus gehen. Google heut Abend dann noch diesen Herrn Gabino, hoffentlich wirds ein pudelwohler Abend. 😂👍🏻
  • Ophelia Sky 06.05.2017 17:26
    Highlight Highlight Wie kommt es bei den Menschen an, wenn ihr erzählt, dass ihr nicht verheiratet seid? Ist Südamerika in dieser Hinsicht nicht etwas anders eingestellt als Europa?
    • Fräulein P 06.05.2017 18:31
      Highlight Highlight Ich war selber hane Familie in Mittelamerika und habe auch einige Freunde aus Südamerika. Die Einstellung in Bezug auf deine Frage ist sehr abhängig vom religiösen Hintergrund. Ich habe ein befreundetes Paar, das lebt zusammen und haben zwei Kinder ohne verheiratet zu sein und es ist kein Problem. Für meine Gastmama wäre es jedoch eine mittlere Katastrophe. Nichtsdestotrotz ist es nich so verbreitet zusammen zu leben wenn man nicht verheiratet ist. Ich hane jedoch den Eindruck, dass sie mit Touristen weit toleranter sind, als mit den eigenen Kidnern zum Beispiel.
    • smoe 06.05.2017 19:39
      Highlight Highlight Aus meiner Erfahrung in 2.5 Jahren Kolumbien kommt es vorallem drauf an, in welchem Teil des Landes man sich befindet und ob man ein "gringo", gemischtes oder kolumbianisches Pärchen ist.
      In einigen strengkatholischen Regionen (siehe z. B. Thomas Bericht über die obskure Osterfeier in Mongui) hebt man evtl. einige Augenbrauen als unverheiratetes Pärchen, aber generell halten sich die Menschen aus den Angelegenheiten Fremder raus. In den Städten hingegen ist es für Millennials oft völlig normal über Jahre zusammen zu sein, ohne zu heiraten.

      Religiöse Doktrin ist auf dem Rückzug. Die Jungen sind zwar immer noch gläubig, aber kaum jemand interessiert es, was der Papst oder die Bibel zu Sex vor der Ehe, Homosexualität oder Verhütung zu sagen hat.
    • Thomas Schlittler 20.05.2017 06:01
      Highlight Highlight Wurden schon oft nach unserer Religion gefragt und bekamen auch schon mal eine Bibel angeboten ... Dass wir nicht verheiratet sind, hat bis jetzt aber nie jemanden gestört. Oder zumindest hat sich nie jemand was anmerken lassen ... ;-)
  • Luca Brasi 06.05.2017 17:07
    Highlight Highlight Danke für den musikalischen Einspieler. ;)
    Wiederum tolle Bilder von Städten und Landschaften.
    Sie sind ja mittlerweile so lange in Kolumbien und Lateinamerika, dass Sie bald als Experte/Korrespondent arbeiten könnten. Freue mich schon auf die nächste Woche. Mal schauen welcher Promi oder Nicht-Promi Sie da mitnimmt. ;)
  • Cheesus 06.05.2017 16:37
    Highlight Highlight Geschichten wie diese sind der Grund, warum ich mir das Reisen nur noch per Autostopp vorstellen kann - zumindest, solange ich noch (einigermassen) jung bin.
  • Don Quijote 06.05.2017 16:12
    Highlight Highlight Das ist ja genial! Den Typen hatten wir im Spanischunterricht mit seinen Songs. Hättest ihm durchaus sagen können, dass er es schon an die Kantonsschule geschafft hat hier ;-)
    • Thomas Schlittler 20.05.2017 06:03
      Highlight Highlight DAS ist ja genial! :-D :-D :-D Wir kannten ihn leider nicht. Aber war trotzdem eine tolle Begegnung.

Lehrer M. zur Pisa-Studie: «Schüler erzählen mir fast triumphierend, dass sie nicht lesen»

Der Pulverdampf der geistigen Schnellschüsse zur Pisa-Studie der OECD von 2018 hat sich verflüchtigt. Das erste Fazit für die Schweiz: Mathematik und Naturwissenschaft immer noch einigermassen top, Lesen flop; Platz 27 von 79 Ländern, 484 Punkte, drei Punkte unter dem OECD-Schnitt. Hinter den meisten gesellschaftlich und wirtschaftlich vergleichbaren Ländern Europas liegt die Schweiz im Lesen und Verstehen zurück.

Ich muss zuerst einmal die notorisch ausländerkritische Fraktion enttäuschen. …

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