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Per Autostopp um die Welt

In Tibet – äääh – China lässt sich die Politik nicht mehr ignorieren

Thomas Schlittler
Thomas Schlittler



Ich versuche, in meinen Reisekolumnen politische Themen zu meiden. Erstens, weil darüber schon genug geschrieben wird – meist, wenn etwas Unerfreuliches passiert. Und zweitens, weil ich die Länder, die ich bereise, nur oberflächlich kennenlerne. Andere, die sich jahrelang mit einem Land beschäftigen, können politische Zusammenhänge besser aufzeigen.

Doch es gibt Gebiete auf dieser Welt, in denen die Politik allgegenwärtig ist – und die politischen Spannungen selbst bei einem Kurzbesuch ins Auge stechen.

Zum Beispiel im Nordwesten der chinesischen Provinz Sichuan. Diese Region wird grossmehrheitlich von Tibetern bewohnt, gehört aber nicht zum «Autonomen Gebiet Tibet», wie die chinesische Provinz offiziell heisst, und kann deshalb von westlichen Touristen auf eigene Faust bereist werden.

Warum China von einem tibetischen Staat nichts wissen will

Das tibetische Volk hätte gern einen eigenen Staat oder zumindest mehr Autonomie, China will davon aber nichts wissen.

Fünf Chinesen und zwei Schweizer: Ein Politikum

China versucht deshalb, die tibetische Sprache und Kultur Schritt für Schritt zu marginalisieren. Das hat zur Folge, dass im Nordwesten der Provinz Sichuan sogar die Suche nach einem Hotel eine politische Note erhält – zumindest, wenn eine fünfköpfige chinesische Reisegruppe mit zwei Europäern im Schlepptau durch Yajiang spaziert, einer Kleinstadt auf 2500 Metern Höhe, in die sich nur wenige Touristen verirren.

Unsere Route in Woche 32

«Vier Gewinnt» mit Mandarinli-Schalen und Rösti auf dem Feuer: Wir stranden in den Bergen

Die tibetischen Einwohner scheinen nicht richtig zu wissen, welchen Blick sie aufsetzen sollen: einen verächtlichen für die fünf Chinesen oder einen neugierigen für das junge Pärchen mit den grossen Augen, das von den Chinesen am Strassenrand aufgelesen wurde.

Tibetischer Volkstanz in Yajiang

abspielen

Dieser Tanz wird jeden Abend aufgeführt.
Video: watson.ch

Auch im Wohnzimmer einer tibetischen Familie, die meine Freundin Lea und mich spontan zum Tee eingeladen hat, wird die Politik zum Thema. Ein 17-jähriges Mädchen übersetzt das Statement ihres Onkels auf Englisch: «Es ziehen immer mehr Chinesen hierher, das führt zu Spannungen.»

Autsch – Fettnäpfchen beim Bier

Am Abend beim Bier in einer Bar trete ich schliesslich ins politische Fettnäpfchen. Einer der vier jungen Männer, die sich zu uns an den Tisch gesetzt haben, will wissen, ob wir auch Lhasa besuchen werden, die Hauptstadt Tibets. «Nein, wir dürfen mit unserem Visum leider nicht nach Tibet reisen», antworte ich mit meiner Übersetzer-App. Darauf er verständnislos: «Aber ihr seid doch bereits in Tibet?!»

«Darüber reden wir am Telefon nicht, die Chinesen hören vielleicht mit.»

Wir sprechen von zwei verschiedenen Dingen: Ich vom Autonomen Gebiet Tibet, einer administrativen Einheit der Volksrepublik China, die von Ausländern nur mit einem akkreditierten Reiseveranstalter bereist werden kann. Er vom tibetischen Kulturraum, der weit grösser ist als das politische Tibet und unter anderem eben auch nach Sichuan reicht.

Man redet nicht am Telefon über die Chinesen

Der Besuch der Stadt Litang, 4000 Meter über Meer, bringt weiteren Stoff zum Nachdenken: Im Hostel, in dem wir die einzigen Gäste sind, sagt mir der Inhaber freudig, dass er Verwandte habe in der Schweiz. Kurze Zeit später telefoniere ich mit einem Tibeter, der seit mehr als zehn Jahren in Bern lebt. Als ich ihn – auf Schweizerdeutsch – frage, wie oft er die tibetische Heimat besuche, sagt er mit ernster Stimme: «Darüber reden wir am Telefon nicht, die Chinesen hören vielleicht mit.»

Beim Stadtbummel fällt dann auf, dass sämtliche Läden und Restaurants mit grossen chinesischen Zeichen angeschrieben sind. Um die tibetische Beschriftung lesen zu können, braucht man dagegen gute Augen. Kaum vorstellbar, dass die Ladenbesitzer diese Priorisierung selbst gewählt haben – denn auf der Strasse sind fast ausschliesslich Tibeter anzutreffen.

Am deutlichsten ist der chinesische Einfluss aber an der immensen Bautätigkeit zu erkennen. Überall werden Wohnungen, Hotels und Freizeitanlagen hochgezogen. Dass die Gebäude meist überhaupt nicht in die Umgebung passen, scheint den Städteplanern egal zu sein – Hauptsache der Tourismussektor wächst und es wird Raum geschaffen für die Ansiedelung von Han-Chinesen.

Der Plan der Chinesen könnte aufgehen

Auch brandneue Strassen haben die Chinesen bis ins hinterste Tal verlegt. Oft mithilfe von Tunnels und hohen Pfeilern. Und an den wenigen Orten, an denen es noch eine Schotterpiste gibt, wird fleissig gebaut.

Das Kalkül der chinesischen Bauherren: Der wirtschaftliche Fortschritt soll dazu beitragen, dass die Tibeter ihre Unabhängigkeitsforderungen vergessen. Stattdessen soll die Kultur des Geldes angenommen werden. Wenn man die zahlreichen tibetischen Mönche sieht, die auf dem Motorrad herumfahren oder mit dem Smartphone – iPhone 6 natürlich – herumspielen, bekommt man das Gefühl, dass der Plan aufgehen könnte.

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11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • glüngi 12.01.2016 18:12
    Highlight Highlight ein freund von mir der aus tibet kommt und lebt hat mir geschrieben das sie jetzt weder heizöl, benzin und auch kein diesel mehr von den chinesen bekämen.
  • nightsnake 11.01.2016 14:55
    Highlight Highlight Hallo Thomas.
    Immer wieder Freude wenn ich einen Artikel von dir lesen darf. Sehr interessant & bewundernswerte Reise!
    Da darf meiner Meinung nach auch ein politischer Artikel seinen Platz finden. Besonders wenn es in diesem Ausmass stattfindet.

    Wünsche dir noch viel Kraft für die weitere Reise & hoffe auf viele weitere Artikel :)

    Beste Grüsse!
    • Thomas Schlittler 15.01.2016 16:19
      Highlight Highlight Vielen Dank für das tolle Kompliment und die guten Wünsche! Ich hoffe, dass dir meine Artikel auch in Zukunft gefallen.
      LG Thomas
  • Seralina 10.01.2016 12:22
    Highlight Highlight Der plan der chinesen wird nicht aufgehen!!nie!!!
    Weshalb wird der glaube zum dalai lama nicht erwähnt? Einer der hauptgründe für die besetztumg tibets?
    Wieso wird nicht darauf hingewiesen welch menschenrechtsverletzungen in tibet passieren??
    Tibeter in der schweiz,legen grossen wert darauf ihre kultur und tradition zu bewahren... Wie auch in tibet selbst! Nur dürfen sie es dort nicht zeigen,sonst ist aus die maus!
    Tibet bleibt tibet!! Free tibet!!
    Die tibeter werden nie ihre hoffnung und ihr glaube aufgebdn,nach all den jahren der gewalt,eines tages wieder unabhängig zu sein!
    • Cheesus 11.01.2016 22:40
      Highlight Highlight Da hab ich ja nur schon vom Lesen einen Tinnitus...
    • Seralina 12.01.2016 12:50
      Highlight Highlight Tut mir leid für dich! Hoffe du überlebst den tinitus!
    • Thomas Schlittler 15.01.2016 16:15
      Highlight Highlight Liebe Seralina
      Ich hoffe, du behältst Recht. Ich bin mir da aber leider nicht so sicher. Vieles wird davon abhängen, wie sich China wirtschaftlich weiterentwickelt. Wenn China weiterhin wächst, bleibt es meiner Meinung nach schwierig für Tibet. Kein mächtiges Land setzt sich wirklich für die Belange der Tibeter ein, weil sie es sich (wirtschaftlich) mit China nicht verspielen wollen ... Solange das so bleibt, können die Chinesen ihre Tibet-Politik unbehindert fortführen. Das wird nicht spurlos an der tibetischen Kultur vorbeigehen.
    Weitere Antworten anzeigen
  • ksayu45 09.01.2016 19:58
    Highlight Highlight Danke! immer wieder interessant zu lesen.
    • Thomas Schlittler 15.01.2016 16:07
      Highlight Highlight Ich danke dir für das Kompliment! :-)

Er ist Chinese, er heisst Li – und trotzdem ist er einzigartig!

Ich bin zurück bei den 1,4 Milliarden Chinesen. Oder sind es weniger? Oder mehr? Wer weiss das schon so genau. Auf jeden Fall sind es verdammt viele. 

Doch was sind überhaupt Chinesen? Sind damit nur die Han-Chinesen gemeint, die rund 90 Prozent der Bevölkerung stellen? Oder alle Menschen, die in der Volksrepublik China leben? Also auch Tibeter und muslimische Uiguren? Und was ist mit den 53 anderen offiziell anerkannten Minderheiten?

In Europa wissen die meisten wenig bis gar nichts über …

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