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An einer Raststätte im Süden Brasiliens gibt es  geschnitzte Holzkühe und preparierte Hörner von Rindern zu kaufen – «typisch» brasilianisch eben.

Per Autostopp um die Welt

Das unbekannte Brasilien: Landwirtschaft und Ländlermusik statt Samba und Strand

Thomas Schlittler
Thomas Schlittler



Ich habe in den vergangenen zwei Jahren zahlreiche Länder besucht, über die ich praktisch nichts wusste. Wenn ich Georgien, Kirgisistan oder El Salvador hörte, klingelte bei mir nichts. Vor dem Grenzübertritt hatte ich keine Vorstellungen davon, was mich in diesen Ländern erwarten könnte.

Bei Brasilien war das anders. Zwar war ich auch im 200-Millionen-Einwohner-Land noch nie zuvor. Doch der Name Brasilien weckte bei mir schon vor der Ankunft zahlreiche Assoziationen:

Brasilien, das sind für mich meine Fussballidole aus der Kindheit – Roberto Carlos, Ronaldinho und Ronaldo (der mit der Zahnlücke, nicht der mit zu viel Gel in den Haaren). Bei Brasilien denke ich an den Amazonas, an Caipirinhas, Favelas, weisse Strände und den Karneval in Rio. Und ja, ich gebe es zu: Ich denke auch an braungebrannte Frauen in knappen, grün-gelb-blauen Bikinis, die zu Samba-Rhythmen ihre Hüften schwingen lassen.

In unseren ersten Tagen hier haben wir von all meinen Brasilien-Klischees aber rein gar nichts mitbekommen. Keiner unserer Fahrer nannte sich Ronaldo oder Ronaldinho – und sie sahen auch völlig anders aus als die brasilianischen Fussballstars.

Per Autostopp um die Welt – Etappe 110

Der gross gewachsene Irio zum Beispiel würde mit seiner schlaksigen Statur, der hellen Haut sowie den blauen Augen eher in die Innenverteidigung von Deutschland passen als in die brasilianische Seleção – wenn er denn 30 Jahre jünger wäre.

Tatsächlich hat Irio deutsche Wurzeln. Und er ist keine Ausnahme im Süden Brasiliens. Nirgends gibt es so viele europäische Einwanderer wie in den Bundesstaaten Paraná, Rio Grande do Sul und Santa Catarina. Von den rund 30 Millionen Menschen, die hier leben, bezeichnen sich rund 80 Prozent als «Weisse».

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Lastwagenfahrer Irio hat mehr Ähnlichkeit mit dem deutschen Innenverteidiger Per Mertesacker als mit Roberto Carlos, Ronaldinho & Co. Und er ist keine Ausnahme.

Die meisten Einwanderer aus Deutschland, Holland, Italien, Polen, Portugal und vielen anderen europäischen Ländern liessen sich im 19. Jahrhundert in der Region nieder. Der Zweite Weltkrieg brachte eine weitere Welle. Unter anderem flüchteten nach Kriegsende zahlreiche Nazis hierher, um fernab von Hitler und Holocaust ein ruhiges, unbehelligtes Leben zu führen.

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Der Süden Brasiliens ist der Grund dafür, wieso das Land eine der wichtigsten Agrarnationen der Welt ist.

Wieso es ihnen hier so gut gefiel, liegt auf der Hand: Die Hügellandschaften erinnern stark an Europa, die Felder könnten glatt im Zürcher Oberland liegen. Sie sind einfach x-mal grösser, werden von moderneren Traktoren beackert – und mit mehr Chemie besprüht.

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Im Süden Brasiliens ist alles etwas grösser als auf Schweizer Bauernhöfen.

Der europäisch geprägte Süden hat massgeblich dazu beigetragen, dass Brasilien heute eine der wichtigsten Agrarnationen der Welt ist. Die Ernte bedeutet Wohlstand. Für lateinamerikanische Verhältnisse sind die Strassen, Häuser und Dörfer hier aussergewöhlich gepflegt, das Leben wirkt ruhig und geordnet – fast wie in der Schweiz. Selbst die Musik, die unser Fahrer Marcel laufen lässt, erinnert stark an Ländlermusik.

Etappe 110: 

Ich sage zu Marcel: «Das Akordeon ist auch in der traditionellen Musik der Schweiz sehr wichtig.» Der Lastwagenfahrer kann es fast nicht glauben; «Wirklich? Das gibt es bei euch auch?» Er hat offensichtlich gedacht, dass die Handorgel ein typisch brasilianisches Instrument ist. Genau gleich wie ich lange Zeit geglaubt hatte, dass die Handorgel etwas ausgesprochen Schweizerisches ist.

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So klingt es im Auto in der brasilianischen Pampa. Video: streamable

An einer Raststätte begegne ich erneut etwas «typisch» Brasilianischem: Im kleinen Shop gibt es geschnitzte Holzkühe und präparierte Hörner von Rindern zu kaufen. Ich muss schmunzeln: Auf der Heidiland-Raststätte im Rheintal würden diese Souvenirs sicher auch gut ankommen – als «typisch» schweizerisch.

Klischees sind gut für die Tourismusvermarktung. Mit dem wahren Leben der meisten Menschen haben sie in der Regel aber nur wenig zu tun. Oder anders ausgedrückt: Der Alpaufzug im Appenzell ist für die Schweiz wohl etwa genauso repräsentativ wie der Karneval in Rio für Brasilien.

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8Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Pasionaria 09.07.2017 15:46
    Highlight Highlight Immer sehr authentisch und spannend zu lesen, vorallem auch wegen der Aktualität der Berichte.
    Vielen Dank.
  • rodolofo 09.07.2017 07:25
    Highlight Highlight In einem städtischen Pünten-Areal habe ich Nachbarn aus Brasilien.
    Sie zeigen typisch Brasilianische Verhaltensweisen, mit familiärem, geselligem und lebensfreudigem, lautem Beisammensein, mit Leben und leben lassen, festen und auf dem Feld arbeiten, oder etwas bauen und werken, oft in einer Gruppe mit jungen, kräftigen und alten, erfahrenen.
    Aber äusserlich sehen sie nicht wirklich "brasilianisch" aus. Sie sind Brasilianische Secondos.
    Ihre Eltern waren als Kleinbauern aus der Schweiz ausgewandert und wurden in Brasilien zu Grossbauern.
    Doch Landwirtschaft in Brasilien muss sehr hart sein...
  • Gustav.s 08.07.2017 16:08
    Highlight Highlight Zitat: und mit mehr Chemie besprüht...
    Da wäre ich nicht so sicher. Gerade wieder haben Tests beim Wein gezeigt wo am meisten gesprüht wird.
    Leider sind die Schweizer da führend.
  • Luca Brasi 08.07.2017 13:10
    Highlight Highlight Sie haben sich also auf die Hüfte schwingenden, leicht bekleideten und braungebrannten Frauen gefreut. Was sagt denn die mitgereiste Freundin dazu?😉

    PS: Ist die Fotostrecke mit den Fahrern von dieser Woche abhanden gekommen?
    • Pasionaria 09.07.2017 15:50
      Highlight Highlight "Hüfte schwingendn, leicht bekleideten und braungebrannten Frauen."
      Da braucht zum Glück Thomas denen nicht vor Ort nachspringen, die gibt's verschiedentlich als Beachvolleyball spielende Sportlerinnen quer Europa (z.Z. in Gstaad) zu bewundern.
    • Thomas Schlittler 14.07.2017 02:37
      Highlight Highlight Die hat sich selbstverständlich auf dasselbe gefreut. Oder waren es die knackigen Fussballer? Not my Business ... ;-)

      Fahrer-Selfies sind irgendwie vergessen gegangen. Mittlerweile sind sie aber drin. Vielen Dank für den Hinweis!
  • Wenn Åre = Are dann Zürich = Zorich 08.07.2017 12:19
    Highlight Highlight Immer wieder spannend der Blog 😊

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