freundlich
DE | FR
27
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Blogs
Per Autostopp um die Welt

Per Autostopp um die Welt: Mit Aussteigern nach Alaska

1 / 16
Per Autostopp um die Welt – Woche 67: Kanada
quelle: thomas schlittler / thomas schlittler
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer
Per Autostopp um die Welt

Bären statt Burnout: Auf dem Weg nach Alaska treffe ich auf einen Aussteiger nach dem anderen

10.09.2016, 08:0010.09.2016, 08:18
Thomas Schlittler
Thomas Schlittler
Folge mir

Tuttwil ist ein 400-Seelen-Dorf auf einem Hügel im Hinterthurgau. Hier führen Sabine und ihr Ehemann Engi ein kleines Fitnesscenter, in dem sie mich und meine Teamkollegen des FC Wängi im Winter jeweils auf die Rückrunde vorbereitet haben. Politisch korrekt heisst meine Heimat zwar nicht mehr Hinter-, sondern Südthurgau. Das soll weniger provinziell klingen. Aber der Namenswechsel ändert nichts daran, dass die Region nicht gerade der Nabel der Welt ist – und Tuttwil schon gar nicht. 

Doch für Sabine und Engi ist das kleine Dörfchen am Waldrand nicht abgeschieden genug. Jeden Sommer schliessen sie deshalb ihr Fitnesscenter und fliegen in die Wildnis. In Yukon – einem Territorium im Nordwesten Kanadas, das zwölf Mal so gross ist wie die Schweiz, aber nur rund 36'000 Einwohner hat – haben sich die beiden vor 15 Jahren eine Hütte am praktisch unberührten Braeburn Lake gekauft. Ein kleines Paradies, an dem sie mich und andere Freunde aus der Schweiz gerne ein paar Tage teilhaben lassen. 

Aussteiger Nummer 1: Sabine und Engi

Sabine und Engi leben hier vier Monate pro Jahr einfach in den Tag hinein: fischen, Pilze sammeln, Kayak fahren und am Abend ein Glas Wein. Ganz unschweizerisch pfeifen sie auf ein höheres Einkommen und entscheiden sich stattdessen für Ruhe und Lebensqualität. Die Hinterthurgauer sind jedes Jahr Aussteiger auf Zeit. 

Per Autostopp um die Welt – Woche 67: Kanada
Aussteiger Nummer eins: Die Hinterthurgauer Sabine (l.) und Engi (m.) verbringen jedes Jahr vier Monate in einer wunderschönen Hütte im Norden Kanadas – Freunde sind herzlich willkommen.bild: thomas schlittler
Per Autostopp um die Welt – Woche 67: Kanada
Ein beliebter Zeitvertreib der beiden ist Fischen.Bild: Thomas Schlittler
Per Autostopp um die Welt – Woche 67: Kanada
Ich darf auch mit aufs Boot – und mache den grössten Fang meiner bisherigen Fischer-Karriere! (Ich freue mich riesig, auch wenn Engi sagt, dass ein Hecht hier Minuspunkte gibt.)Bild: Thomas Schlittler

Ich treffe im Norden Kanadas aber auch auf Menschen, die unserem Gesellschaftssystem viel radikaler den Rücken kehren. Ben und Kacey laden mich am Braeburn Lake auf und fahren mich direkt ins 430 Kilometer entfernte Goldgräberstädtchen Dawson.

Sie schreien schon rein optisch: Wir sind anders! Er mit abgetragenem Holzfällerhemd, Bart und Vokuhila-Frisur, sie mit Rastalocken, mehreren Piercings und einem Nasenring, der sich wie bei einigen Rindern durch die Nasenscheidewand bohrt und aus beiden Löchern hervorschaut.

Aussteiger Nummer 2: Ben und Kacey

Per Autostopp um die Welt – Woche 67: Kanada
Aussteiger Nummer zwei: Ben und Kacey werden wohl nie einen Job am Bankschalter bekommen. Aber das wollen sie auch gar nicht. Die beiden schlagen sich auch sonst irgendwie durchs Leben.Bild: Thomas Schlittler

Wenn sich die beiden für einen Job am Bankschalter bewerben würden, hätten sie schlechte Karten. Aber das dürfte ihnen egal sein. Ben und Kacey schlagen sich auch sonst irgendwie durchs Leben. Sie arbeiten mal hier, mal dort und verdienen sich mit ihrer Musik etwas dazu – auch wenn es nur ein Gratisbier ist wie bei ihrem Auftritt in einer Bar in Dawson. 

Selbst ihr Auto sieht anders aus als bei den meisten Leuten. Auch ich darf mich hier verewigen. Etwas Originelleres als «Tom from Switzerland says thank you!» ist mir aber nicht eingefallen.
Selbst ihr Auto sieht anders aus als bei den meisten Leuten. Auch ich darf mich hier verewigen. Etwas Originelleres als «Tom from Switzerland says thank you!» ist mir aber nicht eingefallen.Bild: Thomas Schlittler

Ich geniesse das spontane Konzert, das Ben und Kacey zusammen mit drei Freunden geben. Die Truppe zaubert mit Kontrabass, Handorgel, Gitarre, Geige und Singender Säge (kein Witz, das gibt's wirklich!) einen Song lebensfroher als der andere aufs Parkett. Dazu wird gesungen, getanzt und getrunken. 

No Components found for watson.kkvideo.

Doch so sehr mich das Schauspiel auch fasziniert: Mit meinen blauen North-Face-Turnschuhen, sauberen Jeans und frisch geschnittenen Haaren fühle ich mich unter den Hardcore-Aussteigern selbst als Autostöppler als Aussenseiter. Hätte ich doch zumindest mit der Rasur ein paar Tage länger gewartet, denke ich mir noch, als ich an der Theke mit Sandrine ins Gespräch komme. Die 37-jährige Französin ist vom Gebotenen ebenfalls begeistert, fühlt sich aber wie ich etwas zu angepasst, zu bieder. 

Aussteigerin Nummer drei: Sandrine

Per Autostopp um die Welt – Woche 67: Kanada
Aussteigerin Nummer drei: Die 37-jährige Französin Sandrine hat nach einer gescheiterten Beziehung alles hinter sich gelassen, lebt in ihrem Geländewagen und sucht in Kanada nach Arbeit.Bild: Thomas Schlittler

Wir sind sofort auf der gleichen Wellenlänge und trinken ein paar Bierchen zusammen. Es stellt sich heraus, dass Sandrine auch auf dem Weg ist Richtung Alaska. Und da sie in ihrem Geländewagen alleine unterwegs ist, bietet sie mir an, mich mitzunehmen. 

Per Autostopp um die Welt – Woche 67: Kanada
Sandrine hat in Kanada ein Arbeitsvisum, das zwei Jahre lang gültig ist. Als ich sie treffe, ist sie aber gerade auf einem Ausflug nach Alaska – ein Glück für mich, sie nimmt mich mit!Bild: Thomas Schlittler
Per Autostopp um die Welt – Woche 67: Kanada
Es hat seine Vorteile, von Nicht-Einheimischen mitgenommen zu werden: Sandrine ist wie ich auf der Suche nach guten Foto-Sujets. Auf dem «Top of the World Highway» gibt es davon sehr viele.Bild: Thomas Schlittler

Auf der 300 Kilometer langen Fahrt auf dem «Top of the World Highway», grosse Teile davon sind Schotterstrasse, haben wir viel Zeit zum Quatschen. Dabei merke ich: Sandrine ist ebenfalls eine Aussteigerin. Nachdem sie vor ein paar Monaten von ihrem Freund sitzengelassen wurde, hat sie kurzentschlossen ein zweijähriges Arbeitsvisum für Kanada beantragt.

Nun lebt sie in ihrem Wagen und ist auf der Suche nach Gelegenheitsjobs. «Und wenn ich in Kanada meinen Cowboy finde, bleibe ich vielleicht auch für immer hier», sagt die Frohnatur. Sie lacht dabei, doch ich bin sicher, dass die Aussage ernst gemeint ist. Es scheint sie momentan wenig nach Frankreich zurückzuziehen. 

Aussteigerin Nummer 4: Stephanie

B_Stephanie hat einen Hillary-Sticker auf ihrem Auto – und das in der republikanischen Hochburg Alaska. Sie muss also ein echter Clinton-Fan sein.
Auch Stephanie wagt einen radikalen Wechsel: Vom Grossstadtdschungel New York in die unendlichen Weiten Alaskas.Bild: Thomas Schlittler
Die überzeugte Demokratin betritt mit dem Umzug in die Republikaner-Hochburg Alaska auch politisch Neuland.
Die überzeugte Demokratin betritt mit dem Umzug in die Republikaner-Hochburg Alaska auch politisch Neuland.Bild: Thomas Schlittler
Per Autostopp um die Welt – Woche 67: Kanada
Unsere Ankunft in Anchorage feiern wir mit einem Bierchen. Nach einer 500 Kilometer langen Fahrt haben wir uns das redlich verdient. Also vor allem sie ... 😄.Bild: Thomas Schlittler

Nach zwei Tagen trennen sich unsere Wege wieder und ich finde in Stephanie meine nächste Reisegefährtin. Die Mittdreissigerin ist ebenfalls ein bisschen auf der Flucht – allerdings nicht vor einer zerbrochenen Beziehung, sondern vor dem hektischen Alltag New Yorks. In Manhattan aufgewachsen, hat sie sich für einen radikalen Wandel entschieden: ein Leben in Alaska. 

Hast du eine Etappe verpasst? Hier findest du sie alle:

Auf der 500 Kilometer langen Strecke nach Anchorage kommen wir unter anderem auf die US-Wahlen zu sprechen. Im Gegensatz zum 77-jährigen Joe, über den ich vor einer Woche geschrieben habe, schwärmt Stephanie aber nicht für Donald Trump, sondern hat einen Hillary-Clinton-Sticker auf ihrem Auto. «Allerdings nur einen kleinen», sagt sie schmunzelnd und wohlwissend, dass Clinton-Anhänger in Alaska einen schweren Stand haben. 

Das Schöne ist aber, dass im hohen Norden jeder seinen Platz finden kann. Es hat genug Raum für Aussteiger jeglicher Art. 

[dhr, 04.11.2016] Best of Per Autostopp um die Welt

Alle Storys anzeigen

Hol dir jetzt die beste News-App der Schweiz!

  • watson: 4,5 von 5 Sternchen im App-Store ☺
  • Tages-Anzeiger: 3,5 von 5 Sternchen
  • Blick: 3 von 5 Sternchen
  • 20 Minuten: 3 von 5 Sternchen

Du willst nur das Beste? Voilà:

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

27 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Luca Brasi
10.09.2016 09:52registriert November 2015
Wieder einmal ein hervorragender Bericht. Einfach ein Highlight der Woche. Besten Dank und weiterhin gute Fahrt. ;)
851
Melden
Zum Kommentar
avatar
Homes8
10.09.2016 08:13registriert März 2016
Macht immer wieder Spass, wenn auch Sehnsüchtig die Berichte zu lesen. Merci.
650
Melden
Zum Kommentar
avatar
Calvin Whatison
10.09.2016 08:47registriert Juli 2015
Samstagmorgen, und Thomas ist schon da mit einem neuen Blog. Gibt's was Besseres? Nein.
Einmal mehr, kann man das Geschriebene von Dir nur verschlingen. Gute Laune macht sich breit. Man merkt's, weil sich die Mundwinkel nach oben ziehen, und Glücksgefühle aufkommen. Danke Tom :))

«Sugarbaby from Switzerland says thank you!»
653
Melden
Zum Kommentar
27
Wie jung ist zu jung?
Das Alter einer Frau zu erkennen, sollte ein Schulfach sein.

Hanna und ich waren kürzlich was trinken. Also eigentlich war sie mit einem Typen was trinken, den sie auf einer App kennenlernte. Ich war Plan B. Oder D für Danach. Hanna glaubt, die Wahrscheinlichkeit, dass sie nach einem schlechten Date jemand Gutes kennenlernt, sei höher als sonst, weil sie schon was Schlechtes erlebt habe. Gerechtigkeit. Karma. Sie hat's mir schon paarmal zu erklären versucht. Aber entweder bin ich zu blöd oder sie hat's schlecht erklärt oder am wahrscheinlichsten: Ihre Theorie ergibt keinen Sinn.

Zur Story