DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
1 / 33
Per Autostopp um die Welt, Woche 75, Selfies
quelle: thomas schlittler
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer
Per Autostopp um die Welt

Meine Fahrer kiffen und bauen Cannabis an – doch legalisieren wollen sie Marihuana nicht

05.11.2016, 14:30
Thomas Schlittler
Thomas Schlittler
Folgen

Als ich die Türe von Domenics Lieferwagen öffne, kommt mir dieser unverkennbare, leicht beissende Duft von Marihuana entgegen. Der 32-jährige Chauffeur gönnt sich gerade einen Joint. Domenic kifft, obwohl er im Dienst ist und hinter dem Steuer sitzt. Für ihn ist es die normalste Sache der Welt. Er hält es nicht einmal für nötig, seinen Joint zu verstecken. 

Domenic hat – wie so viele – eine ärztliche Empfehlung zum Kiffen.
Domenic hat – wie so viele – eine ärztliche Empfehlung zum Kiffen.Bild: Thomas Schlittler

Vor ein paar Wochen hätte mich ein kiffender Lieferwagenfahrer noch irritiert. Nach drei Wochen an der US-Westküste überrascht mich bezüglich Cannabiskonsum jedoch nichts mehr. Denn hier wird gekifft, was das Zeug hält. Ich sass in den Bundesstaaten Washington, Oregon und Kalifornien bisher in 21 verschiedenen Fahrzeugen. Von neun Fahrern weiss ich, dass sie Cannabis konsumieren. Wahrscheinlich sind es noch mehr, das Thema kam aber nicht immer zur Sprache.

Von Bend (USA) nach San Francisco (USA)

Meine Fahrer sind nicht nur Cannabiskonsumenten, einige sind auch Anbauer, Erntehelfer oder Händler: Cowboyhut-Träger Greg in Washington drückt mir zum Abschied eine Visitenkarte seines Cannabisshops in die Hand. George besitzt im Norden Kaliforniens eine kleine Cannabisplantage, die rund 30 Prozent zu seinem Lebensunterhalt beiträgt.

«Wer effizient arbeitet, kann durchaus zwei Pfund pro Tag schaffen.»
Clayton

Und die beiden Hippies Clayton und Thomas, mit denen ich drei Tage durch die Gegend kurve, sind auf dem Weg, um genau auf einer solchen Cannabisfarm gutes (Schwarz-)Geld zu verdienen.

Greg gibt mir zum Abschied seine Visitenkarte: Er hat einen Marihuana-Shop.
Greg gibt mir zum Abschied seine Visitenkarte: Er hat einen Marihuana-Shop.Bild: Thomas Schlittler

Ihre Aufgabe besteht darin, die nicht erwünschten Blätter der Pflanze zu trimmen und das Produkt zum Konsum vorzubereiten. Pro Pfund bekommt ein Trimmer zwischen 100 und 200 Dollar. «Wer effizient arbeitet, kann durchaus zwei Pfund pro Tag schaffen», so Clayton. 

In Washington und Oregon ist Cannabis vollständig legalisiert – Konsum, Anbau, Kauf und Verkauf. In Kalifornien dagegen braucht man für den legalen Cannabiskonsum eine ärztliche Empfehlung. Diese ist jedoch spielend leicht zu bekommen – und schon bald ist vielleicht auch das nicht mehr nötig.

Am 8. November, also am Tag der US-Präsidentschaftswahlen, stimmen die Kalifornier über die vollständige Legalisierung von Cannabis ab.

Interessant: Die Leute, die in Kalifornien mit dem Anbau von Cannabis gutes Geld verdienen, kämpfen gegen die vollständige Legalisierung. Sie befürchten, dass die Legalisierung für sie mehr Vorschriften und einen Absatzboom bringt – und dass Grossunternehmen ins Cannabisgeschäft einsteigen würden.

«Mir ist es egal, ob Cannabis vollständig legalisiert wird. Für mich macht es keinen Unterschied.»
Domenic

«In Oregon gibt es mittlerweile grosse, industrialierte Cannabisplantagen. Dort finden wir als Trimmer keine Arbeit mehr», sagt Clayton. Plantageninhaber George wiederum macht sich Sorgen, dass er mit den grossen, finanzstarken Firmen preislich nicht mithalten könnte.

Die beiden Hippies Thomas (links) und Clayton suchen Arbeit auf einer Cannabisplantage.
Die beiden Hippies Thomas (links) und Clayton suchen Arbeit auf einer Cannabisplantage.Bild: Thomas Schlittler

Ich finde es nicht verwerflich, was Clayton, Thomas und George tun. Ich halte Cannabis nicht für eine gefährliche Droge – zumindest nicht gefährlicher als Alkohol. Leute, die täglich und in grossen Mengen Cannabis konsumieren, tendieren zwar zu Ambitionslosigkeit, sie sind aber in der Regel relaxte, angenehme Zeitgenossen. Oder anders ausgedrückt: Alkohol löst mit Sicherheit mehr Schlägereien aus und zerstört mehr Familien als Cannabis. 

Das Einzige, was mich an der Cannabisindustrie in Nordkalifornien stört, ist die Tatsache, dass vieles im Versteckten abläuft. Weil Konsum und Anbau bis jetzt nur teilweise legal sind und von der Zentralregierung in Washington nach wie vor geächtet werden, hat sich ein praktisch rechtsfreier Raum entwickelt – ob es nun um die Arbeitsbedingungen der Trimmer geht oder um die Versteuerung von Gewinnen.

George macht 30 Prozent seines Jahreseinkommens mit dem Anbau von Cannabis. 
George macht 30 Prozent seines Jahreseinkommens mit dem Anbau von Cannabis. Bild: Thomas Schlittler

Wer gegen Schwarzarbeit und unversteuerte Gewinne ist, sollte sich deshalb für die Legalisierung von Cannabis einsetzen. Denn gekifft wird sowieso – überall auf der Welt. Chauffeur Domenic sagt denn auch: «Mir ist es egal, ob Cannabis vollständig legalisiert wird. Für mich macht es keinen Unterschied.»

Hast du eine Etappe verpasst?Hier findest du sie alle:

No Components found for watson.appWerbebox.

[dhr, 04.11.2016] Best of Per Autostopp um die Welt

Alle Storys anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

5 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Luca Brasi
05.11.2016 15:08registriert November 2015
Mal schauen wie die Kalifornier am 8. November abstimmen werden. Die Schweizer hatten ja auch einmal die Möglichkeit darüber abzustimmen. ;D
http://bit.ly/2f4o83D
Vielen Dank für die Pazifik-Bilder und weiterhin eine gute Reise mit Ihrer Freundin. :)
383
Melden
Zum Kommentar
avatar
Judge Dredd
05.11.2016 15:39registriert April 2016
Als ich die Türe von Domenics Lieferwagen öffne, kommt mir dieser unverkennbare Duft von Alkohol entgegen. Der 32-jährige Chauffeur gönnt sich gerade einen Schnaps. Domenic trinkt, obwohl er im Dienst ist und hinter dem Steuer sitzt. Für ihn ist es die normalste Sache der Welt. Er hält es nicht einmal für nötig, seinen Schnaps zu verstecken...
4224
Melden
Zum Kommentar
5
Sag mir, wie du gebärst, und ich sage dir, wer du bist ...
Nicht nur Kinder erziehen scheint oft so etwas wie eine Glaubensfrage, sondern auch, sie zur Welt zu bringen. Ich, überzeugte Krankenhaus-Gebärende, fragte bei Geburtshaus-Fan Daniela Nagel nach ihren Erfahrungen.

Eines muss man der deutschen Roman- und Sachbuch-Autorin Daniela Nagel lassen: Sie hat wesentlich mehr Erfahrung im Gebären als ich. Ich habe zwei Kinder zur Welt gebracht, einmal Wassergeburt, einmal geplanter Kaiserschnitt wegen Querlage, beide im Spital. Daniela hat fünf Kinder, drei davon erblickten im Geburtshaus das Licht der Welt, die Zwillinge kamen per Kaiserschnitt im Krankenhaus. Von den Geburtshäusern ist sie so begeistert, dass sie gar eine Roman-Trilogie verfasste, die in diesem Umfeld spielt. Für mich ging das damals (meine Kinder sind mittlerweile fast 18 und 16 Jahre alt) eher unter so «Gschpürschmi-Zeug». Nicht mein Ding. Vielleicht hätte ich diese Diskussion mit Daniela schon früher führen sollen.

Zur Story