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1000 Kilometer mit einem komplett Andersdenkenden: Joe mag Donald Trump – und ich mag Joe

Thomas Schlittler
Thomas Schlittler



«Jetzt reden wir schon wieder über Politik!», sage ich und klopfe Joe lachend auf die Schulter. Der 77-jährige Amerikaner muss ebenfalls grinsen. Er schaut mich mit seinen freundlichen blauen Augen an, streichelt seinen weissen Bart und verspricht: «Okay, jetzt hören wir auf damit.»

Per Autostopp um die Welt, Woche 66

Joe ist ein sympathischer Kerl, ich fühle mich wohl bei ihm im Auto – auch wenn ich mit seinen politischen Ansichten nichts anfangen kann.  Bild: Thomas Schlittler

Doch der Vorsatz hält höchstens eine halbe Stunde. Dann stösst Joe wieder auf ein Thema, das ihn ärgert, und er sagt mir seine Meinung dazu. Ich höre aufmerksam zu, schüttle innerlich den Kopf und versuche mit vorsichtigen Einwänden oder Fragen an seinem Weltbild zu kratzen. So vergehen mehr als elf Stunden in Joes brandneuem Pick-up. Es ist egal, um welches Problem es sich handelt, am Ende findet Joe immer wieder den gleichen Schuldigen: Barack Obama. 

Wenn es nach Joe geht, ist der US-Präsident gar dafür verantwortlich, dass die Spannungen zwischen dem weissen und dem schwarzen Amerika in den vergangenen Monaten wieder zugenommen haben: «Vor Obama war das Verhältnis zwischen Weissen und Schwarzen gut. Aber er hat die Leute gegeneinander aufgestachelt.»

«Ich schiesse nur Tiere, die ich auch esse. Deshalb jage ich keine Bären.»

Joe

Für den in Alabama aufgewachsenen, selbsternannten Redneck gibt es auch keinen Zweifel daran, dass Obama Muslim ist, nicht in den USA geboren wurde, nie in Harvard studiert hat. «Niemand an der Universität kann sich an ihn erinnern. Da stimmt doch etwas nicht.» Ich fühle mich bei solchen Aussagen ziemlich hilflos. Über verschiedene politische Ansichten diskutiere ich ja gerne, aber was soll ich auf solche Verschwörungstheorien erwidern? Wie soll ich Joe klarmachen, dass er falsch liegt?

Zum Glück verschafft mir die grossartige Natur im Nordwesten Kanadas ab und zu eine Verschnaufpause: Auf der rund 1000 Kilometer langen Strecke vom kleinen Meziadin Lake nach Whitehorse tauchen zwei Schwarzbären am Strassenrand auf, ein Reh springt vor unseren Augen in den Wald und einmal umringt ein wunderbarer Regenbogen die nie enden wollenden Wälder.

Joe tritt in diesen Momenten jeweils sofort auf die Bremse, damit ich Fotos machen kann. Er erzählt mir von seinem Leben in Alaska, seinen besten Tierfotos und seinen Erlebnissen auf der Jagd. «Ich schiesse nur Tiere, die ich auch esse», betont er. Bärenfleisch zum Beispiel schmecke ihm nicht. «Deshalb jage ich keine Bären.» 

«Manche sagen wahrscheinlich, meine Frau sei dick und hässlich. Aber diese Leute sehen nicht ihre wahre Schönheit.»

Joe

Per Autostopp um die Welt, Woche 66

Die Route der aktuellen Etappe.

Es ist nicht die einzige Aussage, die mir zeigt, dass Joe sein Herz eigentlich am rechten Fleck hat. Von seiner Frau, mit der er seit fast 60 Jahren zusammen ist, spricht er so liebevoll, wie ich es noch selten von einem Mann gehört habe: «Manche sagen wahrscheinlich, meine Frau sei dick und hässlich. Aber diese Leute sehen nicht ihre wahre Schönheit. Sie ist ein warmes, wunderbares Wesen. Und sie ist eine starke Frau!» 

«If you fart on me, I will shit in your face.»

Joe

Als sie beide frisch zusammen waren, habe er oft zu viel getrunken und manchmal die ganze Wohnung vollgekotzt. Irgendwann habe es ihr gereicht. Nach einem Suff habe sie – noch keine 20 Jahre alt – eine Flasche Whiskey auf den Tisch gestellt und gesagt: «Die Flasche oder ich. Beides kannst du nicht haben.» Für Joe war die Sache sofort klar: «Seither trinke ich nur noch wenig.» 

Joe betont während der Fahrt auch immer wieder seinen Sinn für Gerechtigkeit: «Was auch immer du tust, belüge und bestehle mich nicht.» Falls das jemand tue, werde er ungemütlich. Oder wie es Joe ausdrückt: «If you fart on me, I will shit in your face.» («Wenn du mich anfurzt, scheisse ich dir ins Gesicht.») 

«Ich liebe Trump! Er ist unabhängig und sagt, was er denkt.»

Joe

Es ist ein Spruch, der aus dem Mund von Donald Trump stammen könnte. Es überrascht mich deshalb nicht, dass Joe Feuer und Flamme ist für den republikanischen Präsidentschaftskandidaten: «Ich liebe Trump! Er ist unabhängig und sagt, was er denkt.» 

Ich glaube nicht, dass Trump unabhängig ist, noch mag ich, was er denkt und sagt. Und trotzdem mag ich Joe. Allerdings wünsche ich mir in den elf Stunden in seinem Truck ab und zu, dass ich wieder in Asien wäre. Denn manchmal ist es einfacher, wenn man sich mit seinen Fahrern höchstens über die Themen Fussball und Familie unterhalten kann. 

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    Alle Leser-Kommentare
  • rodolofo 08.09.2016 09:48
    Highlight Highlight Dein Joe ist mein Dave!
    Als ich in Los Angeles Ferien machte, sah ich lauter solche "Daves" cool herumlatschen, in Shorts, mit Baseball-Leibchen und Baseball-Käppi.
    Nach einem Burnout lernte ich Dave in einer Psychiatrischen Klinik kennen.
    Er hatte grosse Schwierigkeiten, mit seinem "Inneren Kino" klarzukommen, seinen traumatischen Erinnerungen aus seiner Kindheit, Jugend und seinen Einsätzen bei den "Special Forces", die als Fallschirmspringer hinter den Frontlinien die Lage erkunden mussten.
    Was mir an ihm gefiel, waren sein Englischer-, zuweilen abgründiger Humor und seine Freiheitsliebe.
    • Thomas Schlittler 12.09.2016 11:04
      Highlight Highlight Lieber rodolfo. Ich glaube, dein Dave ist eher mein "Mountain Man Dan". Den habe ich vor 8 Jahren in Alaska kennengelernt und er sprach die ganze Zeit irgendwelches Zeug vom Drogenkrieg in Kolumbien etc. Er zeigte mir gar eine Schusswunde in seiner Brust, die er sich dort zugezogen haben will. Schwierig zu sagen, was davon wahr ist. Es ist immer schwierig zu sagen, ob die Geschichten wahr sind. Es gibt ganz viele spannende Leute da draussen ... ;-) LG aus Alaska
  • Gbzh 05.09.2016 11:56
    Highlight Highlight Haha, super. Ich habe mal fast ein Jahr in den Südstaaten gelebt und kenne das. Der Titel fasst das so gut zusammen, wie ich es nie sagen konnte. Ich mochte die Leute so gut, ihre politischen Ansichten waren jedoch ein Graus. Aber wenn du lange dort bist, verstehst du auch, warum sie so denken. Meist, weil sie nie ins Ausland kommen und ihre Schulbildung ist unterirdisch.
    • Thomas Schlittler 12.09.2016 11:18
      Highlight Highlight Werde in ein paar Monaten auch ein bisschen Zeit verbringen in einigen Südstaaten (wie lange hängt davon ab, ob ich noch ein US-Visa bekomme in Vancouver). Bin gespannt, wem ich dort noch so alles begegne ... ;-)
  • Randy Orton 04.09.2016 15:43
    Highlight Highlight Wie immer ein toller und erfrischender Bericht. Ich finde es wunderbar, wie unvoreingenommen Du gegenüber jedem Mensch bist und man so als Leser die Fahrer und Fahrerinnen ganz authentisch miterleben kann. Es ist fast ein bisschen so, als würde man selber mitreisen.
    • Thomas Schlittler 12.09.2016 11:19
      Highlight Highlight Vielen Dank für die netten Worte!
  • Calvin Whatison 04.09.2016 13:09
    Highlight Highlight Deine Berichte sind eine wahre Freude, lieber Thomas. Zur Zeit liest man nur über Burkatheater, Flüchtlingselend, Abstimmungsgstürm etc.

    Danke, einmal mehr erfrischend. :)
    • Thomas Schlittler 12.09.2016 11:20
      Highlight Highlight Ich geniesse es, dass ich vorwiegend über positive Dinge schreiben darf - und nicht über Mord und Totschlag ...
  • Raembe 04.09.2016 09:35
    Highlight Highlight If you fart on me, i will shit in your face. Was für ein genialer Spruch 😂
  • lilie 04.09.2016 09:01
    Highlight Highlight Cooler Bericht.

    Manchmal denke ich, dass Politik irgendwie gar nichts mit dem Menschen zu tun hat - zwischen dem, was Leute sagen, und dem, was sie tun, und noch viel mehr dem, was sie sind, klaffen oft Abgründe.

    Da könnte man sich nun fragen, ob das mit der Demokratie unter diesen Umständen wirklich so eine gute Idee ist (und noch viel mehr, was denn die bessere Idee wäre), aber das ist eine andere Geschichte.

    Thomas, wo um Himmels willen hast du mitten in der Pampa einen Haarschnitt bekommen? Oder sind die Haare unterdessen so lang, dass du sie zurückbinden kannst? 😁
    • Thomas Schlittler 12.09.2016 11:28
      Highlight Highlight Liebe lilie. An deiner Aussage ist was dran. Ein riesiges Problem ist zudem, dass die Politiker oft sehr weit von den Menschen entfernt sind. Viele meiner Fahrer waren der Meinung: "Ist doch egal, wer gewählt wird. Schauen eh alle nur für sich." Dass die Menschen dieses Gefühl haben, finde ich extrem bedenklich und gefährlich.

      Was meinen Haarschnitt anbelangt: Ja, habe mich in Whitehorse einem Native anvertraut. :-D
  • AnnaBanana 03.09.2016 23:49
    Highlight Highlight Er war am Watson-Lake!!!
    • Thomas Schlittler 12.09.2016 11:28
      Highlight Highlight :-D
  • Luca Brasi 03.09.2016 22:26
    Highlight Highlight Hat Joe auch etwas zu Hillary Clinton zu sagen gehabt? ;)
    Den US-Wahlkampf in Kanada erleben. Auch speziell.
    Aber es freut mich, dass er sonst ja ein prima Zeitgenosse zu sein scheint. Und danke für die Impressionen.
    Weiterhin viel Erfolg, auch wenn Hitchhiking an Ihrem Zielort nicht gestattet ist. ;)
    • Thomas Schlittler 12.09.2016 11:31
      Highlight Highlight Ja, hat er. Aber die Ausdrücke, die Joe für Clinton verwendet hat, ziemen sich nicht für ein anständiges Portal wie watson ... ;-) LG

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