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Per Autostopp um die Welt – Etappe 11: Von Shokdra nach Skopje

Im 27. Kanton der Eidgenossenschaft – nirgends ist die Schweiz so präsent wie im Kosovo

Thomas Schlittler
Thomas Schlittler



Ich habe die Begrüssungsformel fest im Kopf, mit der ich meine nächsten Fahrer überraschen will: «Grüezi mitenand, wohi fahreder?» Doch dazu kommt es leider nicht. Obwohl im Kosovo derzeit mindestens jedes zehnte Auto Schweizer Nummernschilder hat, nimmt mich kein Aargauer, Basler, Berner, Solothurner, St.Galler oder Zürcher mit.

Dafür hält Naim an. Er lebt im Kosovo, hat aber einen Bruder, der in Olten zu Hause ist. Naim sagt: «Vor ein paar Wochen waren die Schweizer Autos noch viel dominanter. Doch im August ist die Konkurrenz durch die deutschen Schatzis grösser.» Schatzis nennen die Kosovaren ihre Landsleute, die ihr Geld in Westeuropa verdienen.

Von Winterthur nach Skopje – meine bisherige Route

In der Schweiz leben Schätzungen zufolge 200‘000 Menschen mit Wurzeln im Kosovo. Und da der kleine Balkanstaat selbst nur 1,5 bis 2 Millionen Einwohner hat (genaue Zahlen gibt es nicht), ist die Schweizer Diaspora in den Sommermonaten unübersehbar. Im Juli und August verwandelt sich der Kosovo zum 27. Kanton der Eidgenossenschaft.

Im Restaurant kann ich plötzlich Schweizerdeutsch sprechen, weil sich Api neben mich setzt. Er ist geschätzte 50 und arbeitet in Grenchen in einer Uhrenfabrik. Auf meine Frage, was die Kosovaren von der Schweiz halten, versichert er mir: «Die Menschen im Kosovo lieben die Schweiz. Denn ohne die Gelder aus der Schweiz und Deutschland ginge hier gar nichts.» Sagt es, bezahlt seine und meine Rechnung, und verabschiedet sich.

Die vier Tage in Prizren, der schönsten Stadt des Kosovos, geben Api recht: Ob Kebab-Verkäufer, Kellner, Taxi-Fahrer oder Autostöppler-Mitnehmer – alle haben nur warme Worte parat, wenn ich sage, dass ich aus der Schweiz komme. Und alle haben Verwandte oder zumindest Bekannte in der Schweiz. Zudem ist der Vortrag über erfolgreiches Unternehmertum, den ich besuche, von der Eidgenossenschaft mitfinanziert. Hinzu kommen die rund 200 Schweizer KFOR-Soldaten, die dafür sorgen sollen, dass die Spannungen zwischen (Kosovo-)Albanern und Serben nicht wieder ausbrechen.

Damit wären wir bei einer weiteren Gemeinsamkeit zwischen der Schweiz und dem Kosovo: dem schwierigen Verhältnis zum grossen Nachbarn im Norden. Allerdings lassen sich die Schweizer Vorurteile gegenüber Deutschen nicht mit dem tief verwurzelten Hass vergleichen, der bei den Kosovo-Albanern hochkommt, wenn es um Serbien geht. Fast jeder hat im Krieg Freunde oder Verwandte verloren, diese Wunden sind noch nicht einmal ansatzweise verheilt.

Die Schweizer Kosovaren und die Schweizer Serben hätten die Chance, zu einem besseren Verhältnis zwischen den beiden Völkern beizutragen. Sie könnten aus erster Hand berichten, dass nicht alle Angehörigen der anderen Volksgruppe schlecht sind. Schliesslich spielen in der Schweiz viele Serben und Albaner in der gleichen Fussballmannschaft. Ich kenne in der Schweiz gar einen (albanischen) Bujar, der dem (serbischen) Zoran auf dem Feld «Bruder» zuruft. Und als ich mal mit Mirsad (Albaner) über Dalibor (Serbe) sprach, versicherte er mir: «Dä Dali isch scho en guete Typ.»

Wenn die Schweizer Albaner und Serben das auch auf dem Balkan herumerzählen würden, könnten sie ihrer alten Heimat mehr helfen als mit Geld. Es wäre gar unbezahlbar – und vielleicht ein erster ganz kleiner Schritt in Richtung Versöhnung.

Auf dem wunderschönen Koman-Stausee

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Video: watson.ch

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5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Amanaparts 16.08.2015 00:59
    Highlight Highlight Haha "schatzi".
    14 0 Melden
  • lily.mcbean 15.08.2015 17:39
    Highlight Highlight Bravo! Sehr schöner Abschluss! Besser kann man es nicht formulieren..
    50 1 Melden
    • Pfunzlä 15.08.2015 18:17
      Highlight Highlight Schliesse mich dem komm an. Passt sehr gut!
      17 2 Melden
    • Thomas Schlittler 17.08.2015 00:48
      Highlight Highlight Danke! Die vielen positiven Feedbacks, die mich per Mail, Facebook, etc. erreichen, sind einfach nur wunderschön und extrem motivierend! In meinen drei Jahren als Wirtschaftsredaktor habe ich nicht annähernd so viel Lob erhalten - und das bei allen Artikeln zusammen. Reisen und fremde Länder scheinen die Menschen mehr zu interessieren... Irgendwie sympathisch!😉
      21 1 Melden
    • Pfunzlä 17.08.2015 06:01
      Highlight Highlight Eigentlich ist uns der Kosovo gar nicht mehr so fremd- wir begegnen jeden Tag einem Mitbürger aus dem Kosovo. Für mich aber ein wenig suspekt ist die Doppelmoral vieler Bürger die über Menschen aus dem Kosovo fluchen, aber die einzelnen Porträts (welchen Kompetente Journalisten wie sie) verfassen mit Interesse lesen und dann *nicht* darüber reden. Verfassen die hiesigen Tageszeitungen aber wieder ein Artikel über Zuwanderer und Kriminalität (meist in dieser Konstellation kombinierte Artikel) wird lauthals vom Zeitungsverträger bis hin zum Finänzler darüber diskutiert und die jeweiligen Nationen schubladisiert. Schade dass es nicht mehr Journalisten gibt wie sie die eine eigene Meinung haben und sich eine eigene Meinung bilden wollen, fernab des Massenjournalismus a la Ringier. Machen sie weiter so Herr Schlittler!👍
      25 5 Melden

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