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Fragwürdiger Tourismus: Südkorea macht mit dem Diktator im Norden das grosse Geschäft

Thomas Schlittler
Thomas Schlittler



«Kim Jong-un ist klein und übergewichtig. Ich gehe nicht davon aus, dass er sehr alt werden wird», sagt Tourguide Dave gut gelaunt ins Mikrofon. Ihn interessiere deshalb vor allem, was nach dem aktuellen nordkoreanischen Diktator komme. «Denn das mit dem Kinder zeugen scheint er ja auch nicht hinzukriegen», schiebt der junge Südkoreaner spöttisch nach. 

Die DMZ ist mehr als eine explosive Grenze. Sie trennt ein Volk, das eigentlich zusammengehört, und ist das sichtbarste Überbleibsel des Kalten Krieges.

Einige der rund 60 Tour-Teilnehmer amüsieren sich köstlich über das Diktatoren-Bashing, bei anderen trifft Daves Humor auf weniger Anklang. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass einige seiner Aussagen zumindest umstritten sind – Kim Jong-un soll über 1,75 Meter gross sein und eine Tochter haben. Mich erinnert Dave mit seiner Performance an amerikanische Politiker: charmant, selbstsicher, witzig und wortgewandt – aber mit wenig Inhalt. 

Konsumgeilheit gegen Konformität

Wir sind auf dem Weg in die Demilitarisierte Zone (DMZ), den vier Kilometer breiten Grenzstreifen, der Nord- und Südkorea trennt. Die DMZ ist mehr als eine explosive Grenze. Sie trennt ein Volk, das eigentlich zusammengehört, und ist das sichtbarste Überbleibsel des Kalten Krieges: Hier K-Pop, Karaoke und Konsumgeilheit, dort Kommunismus, Konformität und Kommunikationssperre. 

Besuch in der DMZ: Eine Sperrzone als Touristenattraktion

Die DMZ besteht seit dem Ende des Koreakrieges im Jahre 1953 und läuft quer über die Halbinsel. Mittlerweile hat sich das Gebiet zu einer beliebten Touristenattraktion entwickelt. Tag für Tag lassen sich tausende Südkoreaner sowie Besucher aus aller Welt hierher karren. Von Seouls Stadtzentrum sind es nur 60 Kilometer. Auf eigene Faust darf man das Sperrgebiet nicht erkunden, man muss bei einem der unzähligen Anbieter eine Tour buchen. 

Völlig enttäuscht bin ich aber, dass es kaum Informationen über die Entstehung des Konflikts, den Krieg, den schwierigen Versöhnungsprozess und die Schicksale der Menschen gibt – zum Beispiel über auseinandergerissene Familien.

Unser Car stoppt zuerst bei einer Bahnbrücke, neben der eine alte, durchlöcherte Lokomotive ausgestellt ist, die unter nordkoreanischen Beschuss geraten sein soll. Weiter geht es zu einer Aussichtsplattform, von der man mit Ferngläsern auf die nordkoreanische Seite blicken kann – ohne wirklich etwas zu erkennen. Dann zu einem kilometerlangen Tunnel, den die Nordkoreaner gegraben haben sollen, um in Südkorea einzufallen. Und schliesslich geht es zum letzten Bahnhof auf südkoreanischer Seite. Ein ganz normaler, moderner Bahnhof, einfach an einem aussergewöhnlichen Ort.

Hier die Guten, dort die Bösen

Dass die Tour optisch nicht viel bietet, hatte ich erwartet. Schliesslich ist die DMZ abgesehen von ein paar Siedlungen sowie einer grossen Anzahl Landminen, Panzersperren und Stacheldrahtzäunen auch nur ein normales Stück Land. Völlig enttäuscht bin ich aber, dass es kaum Informationen über die Entstehung des Konflikts, den Krieg, den schwierigen Versöhnungsprozess und die Schicksale der Menschen gibt – zum Beispiel über auseinandergerissene Familien. 

«Eigentlich müssen wir Kim Jong-un dankbar sein. Er bringt uns ganz viel Geld.»

Tourguide Dave

Stattdessen wird bei jeder Gelegenheit betont: Wir hier sind die Guten, die dort die Bösen. Eine Unterscheidung zwischen dem Regime und den Menschen in Nordkorea ist nicht zu erkennen. Dieses Schwarz-Weiss-Denken ist sicherlich nicht hilfreich, falls es eines Tages wirklich zu einer Wiedervereinigung kommen sollte.

Ich will mir aber nicht anmassen, die Südkoreaner dafür zu kritisieren. Wer in der sicheren Schweiz aufwachsen durfte, weiss nicht, wie es sich anfühlt, wenn man ständig befürchten muss, dass der verrückte Diktator im Nachbarland wieder irgendetwas ausheckt. 

Unverschämte Geldmacherei

Kein Verständnis habe ich jedoch für die unverschämte Geldmacherei, die mit der Spaltung des Landes betrieben wird. Ich finde es legitim, dass es DMZ-Touren gibt. Diese sollte man aber nutzen, um den Besuchern die Geschichte des Landes näher zu bringen. Wenn es nur darum geht, die Besucher für 45 Franken möglichst schnell von Punkt zu Punkt zu fahren, um ihnen am Ende Baseballmützen, Tassen und Kugelschreiber mit der Aufschrift «Demilitarisierte Zone» zu verkaufen, dann ist das einfach nur pervers. Oder, um mit den Worten von Tourguide Dave zu enden: «Eigentlich müssen wir Kim Jong-un dankbar sein. Er bringt uns ganz viel Geld.»

So viele Selfie-geübte Menschen: Das waren unsere Fahrer in dieser Woche

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12Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • theluke 27.08.2016 13:26
    Highlight Highlight Hay thomas, danke fuer diesen guten eindruck. Ich bin selbst touristiker und der anferen fails sind meine learnings. ;) alles gute
  • f303 03.07.2016 22:43
    Highlight Highlight Hallo Thomas, bin vor nicht allzu langer Zeit selbst dort gewesen. Es hängt offenbar sehr vom Touranbieter ab, wie sich das Ganze anfühlt. Fand es recht beeindruckend und auch nicht zu kommerziell. In unserem Fall gab es sogar einen längeren Vortrag zur Geschichte, auch ein geflüchteter Nordkoreaner beantwortete Fragen. Thema Objektivität (auch der Geschichtsschreibung) ist natürlich immer so eine Sache, wenn man sich auf einer der beiden beteiligten Seiten befindet. Kann man zwar erhoffen, aber wohl kaum wirklich erwarten. Das ganze Bild muss man sich wohl selbst anlesen und einordnen.
  • kEINKOmmEnTAR 02.07.2016 17:10
    Highlight Highlight Was du kritsierst ist gut, aber dass du dann gleich das selbe machst und die nordkoreanische Regierung als etwas Böses hinstellst ist falsch.

    Ich würde mich mal ein wenig über die Beweggründe informieren, vielleicht siehst du dann ein dass auch das seine Gründe hat.
    • Thomas Schlittler 03.07.2016 16:11
      Highlight Highlight Lese gerade ein Buch über den Konflikt. Bin aber schon jetzt sicher, dass nicht nur Nordkorea sondern auch Südkorea Fehler gemacht hat bzw. Fehler macht. Trotzdem finde ich es legitim, das nordkoreanische Regime - nicht die Bevölkerung! - zu kritisieren. Schliesslich ist es ziemlich unbestritten, dass die Menschenrechte in dem Land mit Füssen getreten werden.
    • kEINKOmmEnTAR 03.07.2016 21:02
      Highlight Highlight Ich bin gerade an dem Buch von Rüdiger Frank dran und muss interpretiere es so dass es eigentlich unsinnig ist die Menschenrechtsverletzungen zu kritisieren solange die Chuch’e-Ideologie herrscht, den diese beide Sachen sind unzertrennlich miteinander verbunden.
  • Schneider82 02.07.2016 16:18
    Highlight Highlight Da musst du aber unterscheiden zwischen den Süd Koreanern und dem jungen Armee Ami der dich an Politiker erinnert. Süd koreaner denken meistens nicht so einfältig über den Norden. Dass man aber via den Ami so ein Bild vermittelt ist unnötig.
    • Thomas Schlittler 03.07.2016 16:16
      Highlight Highlight Unser Tourguide Dave war kein Ami, sondern ein Südkoreaner. Die Textstelle ist vielleicht etwas verwirrend geschrieben, sorry! ;-)

      Ich bin überzeugt, dass es auch viele Südkoreaner gibt, die ein differenzierteres Bild haben vom Norden. Die Propaganda gegen Nordkorea - z.B. auch im Kriegsmuseum - finde ich aber trotzdem heikel. Eine Versöhnung wird dadurch sicherlich nicht wahrscheinlicher ...
  • MaxHeiri 02.07.2016 13:08
    Highlight Highlight Spannend ist eigentlich, dass auch Nordkorea diese Touren an seine Touristen anbietet. Und das sogar 4 Schweizer Militärs vor Ort ist, welche allerdings heute nur noch ein Marionetten-Dasein haben.
    • Thomas Schlittler 03.07.2016 16:20
      Highlight Highlight Jep, das habe ich auch gehört. Wäre spannend zu wissen, was auf der anderen Seite erzählt wird - zum Beispiel über die Tunnels. Die südkoreanische Version, wonach die Nordkoreaner eine ganze Armee durch die Tunnels schicken wollten, um Südkorea anzugreifen, macht für mich irgendwie nicht wirklich Sinn. Ich bin kein Kriegsexperte, aber ich habe das Gefühl, das wäre ein ziemlich riskantes bzw. dummes Manöver ...
  • Luca Brasi 02.07.2016 13:05
    Highlight Highlight Starker Artikel! Ich fände es auch befremdend an die DMZ zu kommen und nur Schwarzweiss-Gerede, Souvenirs und keinerlei historisch-kritische Einordnungen vorzufinden. Darum sind Horrormeldungen aus Nordkorea von gewissen südkoreanischen Medien mit Vorsicht zu genießen (was aber nicht bedeuten soll, daß im Norden nicht Verbrechen begangen werden). In Südkorea gibt es noch immer ein Sicherheitsgesetz, das "Verherrlichung von Nordkorea" unter Strafe stellt. Momentan ist die Tochter des ehem. Diktators Park Präsidentin, die auch Geschichtsbücher über dessen Zeit "revidieren" lassen wollte.
    • Thomas Schlittler 03.07.2016 16:22
      Highlight Highlight Vielen Dank für das Kompliment! Es ist schwierig, das Ganze richtig einzuordnen. Fest steht aber für mich: Propaganda gibt es auf beiden Seiten!
    • Luca Brasi 03.07.2016 17:09
      Highlight Highlight Da haben Sie absolut recht. Darum fand ich es auch stark, daß Sie als westlicher Autor dies analysieren. Ich hoffe einfach, daß der Pragmatismus in der südkoreanischen Politik einkehrt. Dieses Jahr waren Parlamentswahlen und die regierende konservative Saenuri-Partei mußte Verluste hinnehmen. Nächstes Jahr sind dann die Präsidentschaftswahlen. Wird noch interessant, ob es mit der Opposition aus liberalen und Zentrumsparteien eventuell einen Wechsel gibt und ob UN-Generalsekretär Ban teilnehmen wird. Aber zunächst wünsche ich Ihnen und Frau Wagner eine tolle Zeit in diesem spannenden Land. ;)

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