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Per Autostopp um die Welt: Lea Wagner (Freundin von Thomas Schlittler)

Lea am Strassenrand in Nordwestchina: «Warum kann er nicht einfach bei mir sein wie andere Freunde auch?»
Bild: Thomas Schlittler

Per Autostopp um die Welt zu reisen ist mutig. Aber es braucht mindestens gleich viel Mut, als Freundin zurückzubleiben

lea wagner



Seit acht Monaten schreibt mein Freund Tom an dieser Stelle über seine Autostopp-Reise, die ihn bisher von der Schweiz nach Südostasien geführt hat. Er kriegt dafür ganz viel positives Feedback. Die Leute stellen interessiert Fragen, und oft schwingt eine Prise Anerkennung mit für den Mut, seinen Traum zu verwirklichen.

Per Autostopp um die Welt: Lea Wagner (Freundin von Thomas Schlittler)

Bild: Thomas Schlittler

Lea Wagner

Die 27-Jährige ist Physiotherapeutin und lebt in Zürich. Nebenberuflich ist sie seit 2009 die Freundin des Autostopp-Weltreisenden und Watson-Bloggers Thomas Schlittler.

Schildere hingegen ich als Freundin die Situation, sind die Rückmeldungen ganz anders. Statt Anerkennung ernte ich meist Mitleid. Eigentlich schade, denn es braucht mindestens gleich viel Mut, zurückzubleiben und trotz zweijähriger Weltreise an einer Beziehung festzuhalten.

«So gross kann die Liebe nicht sein, wenn man sowas trotz Freundin alleine durchzieht.»

User über Thomas Schlittlers Vorhaben, alleine per Autostopp um die Welt zu reisen

So schön das Abenteuer «Per Autostopp um die Welt» klingt, so herausfordernd ist es für die Daheimgebliebenen. Oft wünscht man sich, der Reisende wäre selbst einmal in der umgekehrten Situation und würde das Gefühl des Zu-Hause-Bleibens am eigenen Leib erfahren.

Die User-Kritik schmerzt

Den ersten Tiefpunkt erlebe ich bereits eine Woche nach Toms Abreise im letzten Juni, und zwar beim Lesen der Online-Kommentare auf seine erste Kolumne. Ein User schreibt: «Was die Freundin dazu sagt, blieb leider unbeantwortet.»

Ein anderer User meint die Antwort zu kennen: «So gross kann die Liebe nicht sein, wenn man sowas trotz Freundin alleine durchzieht.»

Wird es mir ab jetzt wie den Stars und Sternchen ergehen, die jeweils in der Klatschpresse nachlesen können, wie es gerade um ihre Beziehung steht? Na dann, viel Spass.

Gerade war Tom noch klar im Bild, im nächsten Moment schaut mir ein verpixeltes Monster entgegen.

Lea über die Skype-Versuche mit Autostopp-Blogger Thomas

Die Monate vergehen, und obwohl wir räumlich immer weiter voneinander entfernt sind, versuchen wir, uns emotional nahe zu bleiben. Ein Skype-Telefonat alle ein, zwei Wochen hilft dabei.

Per Autostopp um die Welt: Lea Wagner (Freundin von Thomas Schlittler)

Lea Wagner bei ihrem Besuch in Nordwestchina. Im Winter.
Bild: Thomas Schlittler

Wir fühlen uns trotz Distanz nah – zumindest bis zur nächsten technischen Störung. Gerade war Tom noch klar im Bild, im nächsten Moment schaut mir ein verpixeltes Monster entgegen. Dies kann manchmal amüsant sein, meist ist es aber einfach nur nervtötend und frustrierend.

In der Zeit ohne ihn schwanke ich oft zwischen «er ist ein toller Typ, welcher dem 0815-Leben den Rücken kehrt» und «warum kann er nicht einfach bei mir sein – wie alle anderen Freunde auch?»

Ganz ehrlich, ich wüsste auch nicht, wieso man Ürümqi im Dezember besuchen sollte.

Lea

Nach einem halben Jahr schliessen sich diese beiden Dinge endlich nicht mehr aus, da ich ihn für zwei Monate besuchen gehe. Ich treffe meinen Monsieur aber natürlich nicht im karibischen Inselparadies – na klar, das wäre viel zu einfach und langweilig – sondern im eiskalten Nordwesten Chinas.

«Aber weisch, däfür hets do kei Tourischte!», versucht mich Tom zu motivieren. Ganz ehrlich, ich wüsste auch nicht, wieso man Ürümqi im Dezember besuchen sollte. Im Lonley Planet wird dieser Monat nicht einmal als Nebensaison erwähnt. Doch nicht nur das: Ürümqi ist mit über 2000 Kilometern die am weitesten vom Meer entfernte Grossstadt der Welt – und ich liebe das Meer!

Ernüchterung am Strassenrand

Kaum stehen wir an unserem ersten gemeinsamen Autostopp-Tag am Strassenrand, verabschiedet sich jegliche Blutzirkulation aus meinen Zehen. Bibbernd frage ich mich, was ich hier eigentlich genau mache. Ist das nun das Abenteuer, von dem Tom immer schwärmt?

Als uns nach zehn Minuten der erste Fahrer mitnimmt, uns zum Essen einlädt und wir Spannendes über Land und Leute erfahren, weiss ich aber, wieso diese Art zu reisen mehr Reiz hat als ein Liegestuhl im All-Inklusiv-Resort.

Ich würde ihm das Geld gerne geben, aber es gibt ein Problem und das steht neben mir mit seinem Rucksack: Tom will nicht bezahlen, da dies gegen seine Reise-Philosophie verstösst.

Meist sind wir in China verwöhnte Autostöppler und müssen nur ganz selten lange frieren. Im Hochland von Westsichuan komme ich aber an meine Grenzen. Wir warten einmal einen ganzen Tag lang und auch danach stöppeln wir mühsam von Kaff zu Kaff. Der Verkehr – und zunehmend auch meine Geduld – lassen zu Wünschen übrig.

Streit über Sinn und Unsinn dieser Reise

Als endlich ein Fahrer anhält und anbietet, uns ans 20 Kilometer entfernte Tagesziel zu fahren, bin ich schon mit einem Fuss im Auto – der Fahrer verlangt jedoch 15 Yuan (CHF 2.30) für die Fahrt.

Per Autostopp um die Welt: Lea Wagner (Freundin von Thomas Schlittler)

Zwei Monate gemeinsam unterwegs: Thomas Schlittler und Lea Wagner.
Bild: Thomas Schlittler

Ich würde ihm das Geld gerne geben, aber es gibt ein Problem und das steht neben mir mit seinem Rucksack: Tom will nicht bezahlen, da dies gegen seine Reise-Philosophie verstösst. Auch als ich anbiete, für ihn zu bezahlen, bleibt er stur. Wir bleiben am Strassenrand zurück und streiten über Sinn und Unsinn seiner Prinzipien.

Wehe, es ist auch so saukalt wie im Nordwesten Chinas, wenn ich in die Schweiz zurückkomme ...

Trotz allem fällt mein Fazit nach acht Monaten als Freundin eines Weltenbummlers insgesamt positiv aus: Eine Beziehung trotz zweijähriger Weltreise ist möglich. Denn eine Beziehung haben heisst nicht nur, gemeinsam am gleichen Strick zu ziehen, sondern den Liebsten auch ziehen zu lassen.

So hart die Trennung manchmal ist, so intensiv ist danach die Zeit zusammen. Blöd ist nur, dass unsere gemeinsamen zwei Monate bereits vorbei sind und wir nun wieder getrennt sind. Wehe, es ist auch so saukalt wie im Nordwesten Chinas, wenn ich in die Schweiz zurückkomme ...

PS:

Ja, ich weiss, nach diesem Blogpost muss ich erst recht damit rechnen, dass Wildfremde über meine Beziehung urteilen. Aber jetzt kann ich damit leben, da ich die Möglichkeit hatte, meinen Senf dazuzugeben.

Unsere Woche in Bildern:

Woche 35: Pause in Luang Prabang (Laos)

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28Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • sheshe 02.02.2016 12:22
    Highlight Highlight Ich war in den letzten 5 Jahren zu 60-70% am reisen. In dieser Zeit habe ich allerlei verschiedene Beziehungen kennengelernt und gesehen, dass es funktionieren kann. Bei einem grossen Teil (mir eingeschlossen), hat es aber nicht mehr funktioniert. Ich ticke in meinem Kopf mit all diesen Erfahrungen anders, als die "zurückgebliebenen" und kann mich deshalb auch viel schwieriger mit denen identifizieren. Ich freu mich aber für euch und hoffe, dass auch die Zeit nach der Reise noch viel Glück bringt!
  • jellyshoot 01.02.2016 09:50
    Highlight Highlight die blogposts von tom finde ich schon super! spannend, lehrreich und bewundernswert.
    aber danke, dass wir die andere seite auch lesen durften.
    ich wünsche euch von ganzem herzen, dass ihr es weiter durchhaltet.
  • wagnerlea 31.01.2016 16:41
    Highlight Highlight Vielen lieben Dank für all die schönen Kommentare und Ansichten!Ich habe mich riesig gefreut und hätte nicht mit so einer positiven Resonanz gerechnet!
    Es zeigt mir einmal mehr,dass es viele verschiedene Wege gibt Beziehungen zu führen und glücklich zu sein!
  • Valérie Grandjean 30.01.2016 18:37
    Highlight Highlight Als Lektüre zu diesem Thema kann ich das Buch von Ludovic Hubler empfehlen, der schon vor 10 Jahren per Auto- und Schiffstop um die Welt gereist ist: http://lemondeenstop.com/
  • Miicha 30.01.2016 14:21
    Highlight Highlight Ist doch dein Leben! Wenn es für dich stimmt ist alles ok, egal was die anderen sagen. Die sind doch nur eifersüchtig.
  • Hippie-ster 30.01.2016 12:21
    Highlight Highlight Lea,

    Ich kann Dir gut nachfühlen. Meine Frau hab ich beim Reisen in Neuseeland kennengelernt und wir führten danach über zwei Jahre eine Fernbeziehung. Wir haben uns bis zu acht Monate lang nicht gesehen und Skype hilft, aber eben.

    Zehn Jahre danach sind wir noch zusammen, haben eine Familie gegründet und richtig happy.

    Es ist nicht einfach und Du wirst noch oft zweifeln und frustriert sein, aber es wird sich lohnen. Lass Dir von Pessimisten und Besserwissern nicht die Stimmung vermiesen.
  • Toerpe Zwerg 30.01.2016 11:20
    Highlight Highlight Mut ist halt der komplett falsche Ausdruck. Es braucht keinerlei Mut, daheim zu bleiben. Liebe, Vertrauen, Durchhaltewillen, Zuversicht ... das braucht es, um die Beziehung weiterzufuehren. Dem gebuehrt durchaus Anerkennung. Mut braucht es aber keinen.
  • formerly known as 30.01.2016 11:02
    Highlight Highlight Als Gypsy-Herz bin ich absolut deiner Meinung was das "ziehen lassen" betrifft. Ich kann mir vorstellen dass es manchmal Situationen gibt, bei denen man sich alleinegelassen fühlt. Aber dass kann ebenso passieren wenn der Partner Zuhause neben einem am Esstisch sitzt. Umgekehrt kann eine starke Beziehung sehr davon profitieren, wenn das Vertrauen stark genug ist, die Kommunikation selbst über weite Strecken funktioniert und jeder die Chance hat sich selbst kennen zu lernen und diese Erfahrung in die Beziehung einzubringen.
    Ich finde es toll wie ihr das macht!
  • Snoe 30.01.2016 10:42
    Highlight Highlight Hey lea...vo wäge "da cha dliebi ned allzu gross si wenn mer so lang elei gaht ga reise"...ich bin 9 mönet gsi ga reise...elei...und ich bin sehr dankbar das min fründ mich het lah mache...sesch für beid ned immer eifach gsi aber sehr lehrrich und spannend...! Inzwüsche simmer ghürate und händ es chind...! 😊
    • Toerpe Zwerg 30.01.2016 20:34
      Highlight Highlight Ich blitze selten, aber ch-deutsch gehr einfach nicht geschrieben ...
    • jellyshoot 01.02.2016 09:48
      Highlight Highlight toerpe Zwerg ... die pessimiste meinemer ... wennsder nid passt. los eifach bliebe
  • 有好的中国老虎 friendly chinese Tiger 30.01.2016 10:37
    Highlight Highlight finde den Artikel super und auch die andere Seite zu kennen.
    das fremde menschen über eure beziehung reden ist leider normal. meine frau kommt auch aus südostasien und jedes jahr geht sie für 2-3 monate zu ihren eltern und freundem. und jedes jahr muss ich die gleichen sprüche hören wie: was? so lange weg? das geht doch nicht. ich würde das nie machen. bla bla bla
    ich gönn es ihr, weil sie das ganze jahr ihre eltern nicht sehen kann.
    aber hauptsache über fremde beziehungen urteilen.
    bitte nicht hinhören und geniest eure beziehung, die geht nur euch was an und niemanden sonst.
  • Typu 30.01.2016 10:22
    Highlight Highlight Starke frau, kann sich ein jeder glücklich schätzen. Ich wünsche euch viel glück.
    • Thomas Schlittler 10.02.2016 03:53
      Highlight Highlight Danke. Ein jeder schätzt sich glücklich! 😉 LG
  • Luca Brasi 30.01.2016 10:18
    Highlight Highlight Danke Frau Wagner für den Artikel. Lassen Sie sich nicht unterkriegen von Kommentaren über Beziehungen. Das machen Leute leider schon seit jeher. :(
    Ich möchte Ihnen noch danken für Ihre Erste Hilfe-Massnahme für einen alten Mann nahe Fufeng.
    Viel Kraft und Ausdauer wünsche ich Ihnen und dass Herr Schlittler Sie beim nächsten Mal an die Meeresküste einlädt. ;)
  • Mr. Holmes 30.01.2016 10:09
    Highlight Highlight super Bericht :-)
  • ksayu45 30.01.2016 09:39
    Highlight Highlight schöner, interessanter artikel! und niemand hat das recht über andere beziehungen zu urteilen. geht die doch nichts an wie ihr eure beziehung führt
  • Kälinho 30.01.2016 09:31
    Highlight Highlight Einfach Wow!
    Chapeau, bewundernswert.
  • teufelchen7 30.01.2016 09:08
    Highlight Highlight ein schöner bericht! ich finde es mutig, die eigene sicht zu einer beziehung zu schreiben. deinen "senf" hat mir sehr gut gefallen :-D und deine geduld bewundere ich! willkommen zurück in die warme schweiz XD
  • Tschaesu 30.01.2016 09:06
    Highlight Highlight in den zwei Monaten in denen sie gemeinsam unterwegs waren, haben sie wohl eine viel intensivere Zeit zusammen verbracht als viele andere Paare die wohl zusammen Leben aber ihrem "normalen" Alltag nachgehen. Ich wünsche den beiden alles Gute und dass das nächste Treffen in Meeres Nähe ist (vorzugsweise bei warmem Wetter ;) )
  • fadnincx 30.01.2016 08:40
    Highlight Highlight Stark!
  • shakra 30.01.2016 08:32
    Highlight Highlight Toller Beitrag, kann dir sehr gut nachfühlen. Mein "Monsieur" ist auch oft unterwegs - wenn auch (bis jetzt) nicht zwei Jahre. Ich finde es toll, dass ihr eurer Beziehung eine Chance gebt. Hoffe du kannst ihn bald wieder - und diesmal an einem wärmeren Ort - besuchen gehen :)
  • Don Quijote 30.01.2016 08:27
    Highlight Highlight Lea, sehr einfühlsamer Artikel! Findest du denn trotzdem nicht, dass du 2 Jahre Beziehung verpasst? Er hat ja dann einen riesigen Rucksack voller Erinnerungen und Erlebnissen mehr in seiner Beziehung, was du nicht hast.
    • Marcel Villiger 30.01.2016 08:37
      Highlight Highlight Meinst Du, Lea versteckt sich diese 2 Jahre in ihrer Wohnung und erlebt nichts...?
    • Evereu 30.01.2016 11:17
      Highlight Highlight Wäre es nicht furchtbar langweilig, wenn man in einer Beziehung alle Erlebnisse gemeinsam macht? Was hat man sich dann noch zu erzählen?
    • Schubidubidubid 30.01.2016 15:56
      Highlight Highlight Das schlimmste für eine Beziehung ist meiner Erfahrung nach, wenn einer der Beiden das Gefühl hat, ohne den Anderen etwas zu "verpassen".
      Wie soll jemand, der alleine nicht schon zufrieden mit sich selbst ist, zu zweit glücklich werden?
  • Fountain Pen 30.01.2016 08:23
    Highlight Highlight Das nenn ich wahre Liebe.
  • baggi 30.01.2016 07:44
    Highlight Highlight Herzlichen Dank für deinen Senf und vor allem für die Aussage: "Denn eine Beziehung haben heisst nicht nur, gemeinsam am gleichen Strick zu ziehen, sondern den Liebsten auch ziehen zu lassen"...!

«Ich habe mehrere Lover, bin ich schlampig?»

Hoi Bianca,

beim Lesen deiner Zeilen musste ich schmunzeln. Du beschreibst dein aktuelles Lebensgefühl enorm gut. Da ich gerade auf der ähnlichen Welle reite, kann ich dich umso besser verstehen.

Natürlich könnte ich dir jetzt sagen, dass alles vollkommen okay ist, du jung und frei bist. Und so viele Lover parallel jonglieren kannst, ohne dir ein schlechtes Gewissen machen zu müssen. Das würde so sogar vollkommen stimmen. Und doch weiss ich selber, dass es sich emotional halt nicht immer nur …

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