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Sekten? Das sind immer die anderen

John Travolta (links) und Musiker Chick Corea verteidigen 1997 bei einem Hearing ihre Sekte Scientology.
John Travolta (links) und Musiker Chick Corea verteidigen 1997 bei einem Hearing ihre Sekte Scientology. bild keystone
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Sekten? Das sind immer die anderen

Der herkömmliche Begriff von Sekten ist längst überholt. Es braucht neue Definitionen.
22.01.2022, 08:0725.01.2022, 23:32
Hugo Stamm
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Die Frage taucht hier im Blog mit schöner Regelmässigkeit auf: Was ist eine Sekte? Wie definierte man sektenhafte Glaubensgemeinschaften? Grundsätzlich kann man festhalten: Aus der Sicht von vereinnahmenden Gruppen sind – ausser natürlich sie selbst – alle anderen Sekten.

Der Grund ist einfach: Jede Religionsgemeinschaft reklamiert die spirituelle und religiöse Wahrheit für sich. Das ist ihr Wesen. Ausserdem fühlen sie sich von einem Gott oder Guru geführt oder gar auserwählt. Schon dieser Anspruch allein ist problematisch.

Matthias Pöhlmann, Beauftragter für Religionswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München.Video: YouTube/Sonntagsblatt

Wer ihn erhebt, läuft Gefahr, als Sekte zu enden. Etymologisch bedeutete der Begriff auch «nachfolgen» und «abspalten». Konkret: Anhänger eines religiösen Führers zu sein oder eine Abspaltung von einer traditionellen Glaubensgemeinschaft vollzogen zu haben.

Diese Definitionen sind überholt. Sie treffen zwar auf manche Gemeinschaften nach wie vor zu, doch das Spektrum hat sich stark erweitert, was ich hautnah miterlebte. Hatte ich in den 1970er Jahren etwa 50 Gruppierungen im Archiv, ist ihre Anzahl inzwischen auf rund 1000 angewachsen. Allen Gruppen ist gemeinsam, dass sie mehr oder weniger sektenhafte Merkmale aufweisen.

Die Bandbreite ist gross, die Variationen sind vielfältig. Ein paar Stichworte: Absolutheitsanspruch, autoritäre Strukturen, Kultfigur, Indoktrination, Abhängigkeit, soziale Kontrolle, mentale Manipulation, «Gehirnwäsche», hohe Geldforderungen («Spenden»), Uniformität im Denken, Handeln und Fühlen, Radikalisierung, religiöser Übereifer, Sanktionen bei Fehlverhalten, Anpassungsdruck, Missionsdrang, Entfremdung von den anerzogenen oder tradierten religiösen Ideen und vom persönlichen Umfeld, Realitätsverlust, Wesensveränderung usw.

Die Sektenchefin von Fiat Lux, Uriella, mit buergerlichem Namen Erika Bertschinger Eicke, links, und ihr Ehemann, der Sprecher der Sekte, Icordo (Eberhard Bertschinger Eicke), beten am Samstag, 16. Ok ...
Bei Uriella und Icordo stellt sich die Frage nach der Sektenhaftigkeit kaum.Bild: EPA DPA

Es gibt aber eine einfachere Möglichkeit, sektenhafte Aspekte einer Gruppe zu entlarven: den Umgang mit den Mitgliedern oder Anhängern. Wenn diese mit Respekt behandelt werden, wenn ihnen die geistige Freiheit bedingungslos zugestanden wird, wenn sie auch als wenig angepasste Gläubige Anerkennung und Zuneigung erhalten, wenn sie aufmüpfig und unbequem sein dürfen, wenn sie den Glauben und die Führungsgremien kritisch hinterfragen können, ohne stigmatisiert und ausgegrenzt zu werden, ist eine Gemeinschaft kaum sektiererisch.

Der Grat zwischen aufbauender Spiritualität und religiöser Verblendung, die oft in die radikale Frömmigkeit und zum Fanatismus führt, ist schmal.

Das heisst im Umkehrschluss: Eine Glaubensgemeinschaft, die eine oder mehrere dieser Kriterien nicht erfüllt, weist sektenhafte Aspekte auf. Wichtig ist auch, dass Glaubensgemeinschaften die Gefahr der eigenen Sektenanfälligkeit erkennen.

Denn der Grat zwischen aufbauender Spiritualität und religiöser Verblendung, die oft in die radikale Frömmigkeit und zum Fanatismus führt, ist schmal. Schliesslich geht es um das Höchste und das Letzte: die Bestimmung des Menschen auf alle Zeiten. Um die Ewigkeit. Solche übermenschlichen Aspekte verkraften wir fragilen Menschen selten gut.

Die meisten Religionsgemeinschaften haben eine Schlagseite

Das bringt uns zum Fazit, dass es kaum eine Glaubensgemeinschaft gibt, die hinter allen Aspekten ein Häkchen zu ihren Gunsten setzen kann. Deshalb komme ich zum Schluss, dass die meisten Religionsgemeinschaften mindestens eine leichte Schlagseite haben. Und ja, auch Freikirchen können schlecht abstreiten, dass der eine oder andere Aspekt auf sie zutrifft.

Definitionen sind also das eine, wichtiger ist aber die Prüfung nach dem Motto: An ihren Taten sollt ihr sie erkennen. Diese mehr praktischen denn theoretischen Merkmale sind wichtig, weil sich vermehrt auch ausserhalb der religiösen Welt sektenhafte Gruppen tummeln.

Der laute Aufmarsch der Corona-Leugner und Massnahmengegner bei den Demos haben eindrücklich demonstriert, dass sich auch im politischen Umfeld sektiererische Gruppen formiert haben. Von den Verschwörungstheoretikern bis zu den Reichsbürgern, von den «Freiheits»-Trychlern bis zu den Rechtsradikalen, von den allzu strammen Linken bis zu den Anthroposophen und esoterischen Gruppen weisen viele Bewegungen und Szenen Sektenmerkmale auf.

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Auch radikale Ideologien können ähnlich sektiererisch sein wie die Heilslehren von eigentlichen Sekten.

Sektenhaftes Verhalten ist nicht mehr das zweifelhafte Privileg von Sekten. Es hat sich längst in der Mitte unserer Gesellschaft eingenistet.

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Hugo Stamm, Sektenblog
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Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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1148 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Orula
22.01.2022 23:52registriert Mai 2020
Spiritualität trübt die Sinne
Sekten? Das sind immer die Anderen\nSpiritualität trübt die Sinne
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Chancho
22.01.2022 14:56registriert Februar 2020
Der Glaube an das Übernatürliche besteht ja schon seit jeher.
Sekten? Das sind immer die Anderen\nDer Glaube an das Übernatürliche besteht ja schon seit jeher.
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Clabue
22.01.2022 09:15registriert Juni 2020
Unsere 14 jährige Tochter ist an so eine Sektenführerin geraten. Gehinrwäsche im höchsten grad.
Das ist alles hinter unserem Rücken passiert. Die Mutter einer Kollegin von unserer Tochter. Wer geht da schon hin und vermutet Böses?.
Für mich das schlimmste an der Sache ist, dass es Gehirnwäsche in der Schweiz keine Strafverfolgung gibt und dass wir die Frau nicht anzeigen können. Das kann nur unsere Tochter.
Es ist der blanke Albtraum!
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Muss ich mein Trinkgeld bei der Steuererklärung angeben?
Offiziell gibt es seit 1974 im Gastgewerbe kein Trinkgeld mehr und damit auch nichts zu deklarieren. In der Praxis ist es etwas komplizierter.

In den 70er Jahren einigten sich Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände auf die Formel «Service inbegriffen». Bedeutet, dass die Arbeitgeberin die Serviceleistung mit dem Lohn abgilt und der Gast diese nicht zusätzlich bezahlen muss. Klarheit geschaffen wurde damit aber nie, da das Trinkgeld nur theoretisch, nicht aber praktisch abgeschafft wurde. Mit der immer häufigeren digitalen Überweisung des Trinkgeldes kommt diese langjährige Praxis nun auch immer deutlicher ans Licht.

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