Blogs
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Yonnihof

Liebe, Achtung, Würde: Unsere Angst vor den grossen Worten

Bild: stutterstock



Yonnihof Yonni Meyer

Am Sonntag wurde mir eine ganz besondere Ehre zuteil: Ich durfte am 60. Geburtstag meiner ehemaligen Kantilehrerin eine Laudatio halten. Ich bin mir mittlerweile das Lesen vor Hunderten von Leuten gewohnt – am Sonntag rutschte mir wegen deren 40 das Herz in die Hose.  

Und da ist er einmal mehr. Er, der den Unterschied macht. Er, der viel zu oft vergessen geht. Der Kontext. Ich kann easy 300-400 Menschen bespassen und davor geht mir höchstens der Puls etwas schneller – wenn da ein einziger Mensch vor mir sitzt, der mir wichtig ist, der mich geprägt hat und dem ich eine möglichst grosse Freude machen will, dann rumpelt die Pumpe und im Hals sitzt ein Frosch, der so gross ist, dass er eine eigene Postleitzahl verdient hätte.  

Kommen persönliche Emotionen ins Spiel, verstummen wir oft. Nicht nur während wir sagen, was wir denken und fühlen, sondern schon davor. Und so sprechen wir unsere Liebe, Achtung und unseren Respekt oft gar nicht erst aus.  

Warum eigentlich?  

Als mein Vater pensioniert wurde, schrieb der «Tages-Anzeiger» über ihn: «Meyer spricht gerne von Moral und Würde, von Liebe und Achtung [...]»  

Warum haben wir Angst vor grossen Worten wie diesen? Warum reden wir nicht viel öfter über sie? Sie sind es doch, die uns zu dem machen, was wir sind. Sie sind die Quintessenz unserer Existenz.  

Darüber sprach ich am Sonntag nach meiner Laudatio auch mit meiner ehemaligen Lehrerin. Ich witzelte ein wenig beschämt, dass in der Rede halt schon viel Pathos zu finden war. «Was ist daran schlecht?», fragte sie.  

Ja, was ist daran eigentlich schlecht? Und was hindert uns, zu sagen, was wir denken, wie wir über andere fühlen – und dies, wie meine Lehrerin sagte, «noch vor der Beerdigung»?  

Stolz und Scham.

Klingt wie eine destruktive Variante eines Jane Austen-Romans und ist auch genauso destruktiv für die Tiefe in unseren Beziehungen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin selber auch immer wieder Opfer dieser Mechanismen. Vor allem, weil sie ja nicht immer schlecht scheinen, weil sie ja einem Zweck dienen und das ist prinzipiell der Selbstschutz, respektive die Aufrechterhaltung des Selbstwerts.  

Würde man meinen. Ich denke nämlich, dass diese Form des Selbstschutzes, also eine oberflächliche, die darauf angelegt ist, jegliche Form des Schmerzes fernzuhalten und einem somit den Eindruck vermittelt, man gleite widerstandslos durchs Leben, langfristig keine wirkliche Tiefe zulässt. Nicht in Beziehungen, nicht charakterlich. Dieser Selbstschutz ist also keiner, er ist Selbstbremsung, wenn man so will, denn das Leben ist Widerstand, in schöner und nicht so schöner Form.  

«Nur was man erleidet, hat man erlebt», sagt ein Zitat. Damit bin ich zwar nicht vollumfänglich einverstanden, denn das Leben ist kein – oder zumindest kein komplettes – Jammertal. Jedoch glaube ich, dass Narben einen halt doch schöner machen. Und das meine ich im Sinne der Charakterformung: Jedes Mal, wenn man aufs Maul fällt, weil man sich geöffnet hat, formt sich der Charakter und er gewinnt an Tiefe. Zugegeben, das nützt einem in dem Moment, wenn man grade sein gebrochenes Herz vom Boden wegkratzt, herzlich wenig. So, wie es einem im Moment wenig Spass macht, immer mal wieder anstatt zum Pizza-Stück zum Salat zu greifen. Erst längerfristig zeigt sich der Effekt einer solchen Grundeinstellung in Form von Gesundheit – körperlich und seelisch. Die Erkenntnis, das Richtige getan zu haben, gesagt zu haben, was man fühlte, auch wenns nicht so rauskam, wie man sich das erhofft hatte.  

Ich glaube, seinen Stolz zugunsten der Liebe (romantisch oder platonisch) zur Seite zu packen, ist ein wahrer Grund, stolz zu sein. Es ist ein Wagnis, das sich langfristig auszahlt, auch wenns kurzfristig satanisch weh tun kann. Ja, es zahlt sich aus – und zwar nicht wegen der anderen, sondern wegen uns. Es ist eine Liebeserklärung an die innigste Beziehung, die wir führen, nämlich diejenige zu uns selbst. 

Also lasst uns wieder mehr über die grossen Worte reden. Über Wertschätzung, Achtung, Demut, Nähe, Dankbarkeit, Freiheit und Würde. Vielleicht ab und an mit etwas Pathos, vielleicht ab und an mit etwas Kitsch (so wie in diesem Text, sorry not sorry). Und mögen dabei Scham und Stolz auf dem Rücksitz Platz nehmen.  

Und: Lasst uns über die Liebe reden. Noch vor der Beerdigung.

Yonni Meyer

Yonni Meyer (35) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
Pony M. auf Facebook
Yonni Meyer online

Das könnte dich auch interessieren:

Wir haben den Wahlplakaten das Sprechen beigebracht – es war wohl ein Fehler 🤣

Link zum Artikel

Grüne hinter der CVP: Die «ultimative» Wahlprognose von Claude Longchamp

Link zum Artikel

Die Wildlife Photographer of the Year Awards wurden vergeben – die Bilder sind DER HAMMER

Link zum Artikel

Armer Kanye! Seine Kim ist zu sexy für ihn und seine Seele, er will das alles nicht mehr

Link zum Artikel

Vergewaltigt, gebrochen, erneut vergewaltigt. Harvey Weinsteins sadistisches System

Link zum Artikel

Hyvä Suomi! Finnlands Fussballer stehen vor dem ersten Turnier ihrer Geschichte

Link zum Artikel

Armuts-Studien: Der Wirtschafts-Nobelpreis geht an ein Trio

Link zum Artikel

Poulet sollte man waschen? Kaffee ist ungesund? 11 Food-Mythen im Faktencheck

präsentiert vonMarkenlogo
Link zum Artikel

Die 21 Ladys für den Bachelor sind da: Eine von ihnen muss er nehmen ...

Link zum Artikel

23 vernichtende Cartoons, die Trumps «Verrat» an den Kurden perfekt auf den Punkt bringen

Link zum Artikel

«Dort wo ich wohne, braucht man ein Auto» – so denken Erstwähler über Politik

Link zum Artikel

Den Grün-Parteien könnte es ergehen wie der SVP vor vier Jahren

Link zum Artikel

Wohin steuert der Kapitalismus?

Link zum Artikel

Die neue Bedrohung – wer sind die Incels und woher kommen sie?

Link zum Artikel

Elizabeth Warren landet nächsten Treffer gegen Zuckerberg – mit genialem Facebook-Post

Link zum Artikel

Die chinesische Hype-Firma Xiaomi kommt in die Schweiz – 7 Dinge, die du wissen musst

Link zum Artikel

Jetzt kommt die E-ID – und darum laufen Netz-Aktivisten dagegen Sturm

Link zum Artikel

Der Impeachment-Krieg ist da – so stehen Trumps Chancen

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Das könnte dich auch interessieren:

Wir haben den Wahlplakaten das Sprechen beigebracht – es war wohl ein Fehler 🤣

25
Link zum Artikel

Grüne hinter der CVP: Die «ultimative» Wahlprognose von Claude Longchamp

74
Link zum Artikel

Die Wildlife Photographer of the Year Awards wurden vergeben – die Bilder sind DER HAMMER

40
Link zum Artikel

Armer Kanye! Seine Kim ist zu sexy für ihn und seine Seele, er will das alles nicht mehr

40
Link zum Artikel

Vergewaltigt, gebrochen, erneut vergewaltigt. Harvey Weinsteins sadistisches System

99
Link zum Artikel

Hyvä Suomi! Finnlands Fussballer stehen vor dem ersten Turnier ihrer Geschichte

19
Link zum Artikel

Armuts-Studien: Der Wirtschafts-Nobelpreis geht an ein Trio

16
Link zum Artikel

Poulet sollte man waschen? Kaffee ist ungesund? 11 Food-Mythen im Faktencheck

118
Link zum Artikel

Die 21 Ladys für den Bachelor sind da: Eine von ihnen muss er nehmen ...

79
Link zum Artikel

23 vernichtende Cartoons, die Trumps «Verrat» an den Kurden perfekt auf den Punkt bringen

120
Link zum Artikel

«Dort wo ich wohne, braucht man ein Auto» – so denken Erstwähler über Politik

150
Link zum Artikel

Den Grün-Parteien könnte es ergehen wie der SVP vor vier Jahren

130
Link zum Artikel

Wohin steuert der Kapitalismus?

103
Link zum Artikel

Die neue Bedrohung – wer sind die Incels und woher kommen sie?

376
Link zum Artikel

Elizabeth Warren landet nächsten Treffer gegen Zuckerberg – mit genialem Facebook-Post

61
Link zum Artikel

Die chinesische Hype-Firma Xiaomi kommt in die Schweiz – 7 Dinge, die du wissen musst

144
Link zum Artikel

Jetzt kommt die E-ID – und darum laufen Netz-Aktivisten dagegen Sturm

148
Link zum Artikel

Der Impeachment-Krieg ist da – so stehen Trumps Chancen

67
Link zum Artikel

Das könnte dich auch interessieren:

Wir haben den Wahlplakaten das Sprechen beigebracht – es war wohl ein Fehler 🤣

25
Link zum Artikel

Grüne hinter der CVP: Die «ultimative» Wahlprognose von Claude Longchamp

74
Link zum Artikel

Die Wildlife Photographer of the Year Awards wurden vergeben – die Bilder sind DER HAMMER

40
Link zum Artikel

Armer Kanye! Seine Kim ist zu sexy für ihn und seine Seele, er will das alles nicht mehr

40
Link zum Artikel

Vergewaltigt, gebrochen, erneut vergewaltigt. Harvey Weinsteins sadistisches System

99
Link zum Artikel

Hyvä Suomi! Finnlands Fussballer stehen vor dem ersten Turnier ihrer Geschichte

19
Link zum Artikel

Armuts-Studien: Der Wirtschafts-Nobelpreis geht an ein Trio

16
Link zum Artikel

Poulet sollte man waschen? Kaffee ist ungesund? 11 Food-Mythen im Faktencheck

118
Link zum Artikel

Die 21 Ladys für den Bachelor sind da: Eine von ihnen muss er nehmen ...

79
Link zum Artikel

23 vernichtende Cartoons, die Trumps «Verrat» an den Kurden perfekt auf den Punkt bringen

120
Link zum Artikel

«Dort wo ich wohne, braucht man ein Auto» – so denken Erstwähler über Politik

150
Link zum Artikel

Den Grün-Parteien könnte es ergehen wie der SVP vor vier Jahren

130
Link zum Artikel

Wohin steuert der Kapitalismus?

103
Link zum Artikel

Die neue Bedrohung – wer sind die Incels und woher kommen sie?

376
Link zum Artikel

Elizabeth Warren landet nächsten Treffer gegen Zuckerberg – mit genialem Facebook-Post

61
Link zum Artikel

Die chinesische Hype-Firma Xiaomi kommt in die Schweiz – 7 Dinge, die du wissen musst

144
Link zum Artikel

Jetzt kommt die E-ID – und darum laufen Netz-Aktivisten dagegen Sturm

148
Link zum Artikel

Der Impeachment-Krieg ist da – so stehen Trumps Chancen

67
Link zum Artikel

Abonniere unseren Newsletter

6
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Spooky 15.03.2017 19:04
    Highlight Highlight "So, wie es einem im Moment wenig Spass macht, immer mal wieder anstatt zum Pizza-Stück zum Salat zu greifen."

    Ich verstehe das nicht. Kann mir jemand kurz erklären, was damit gemeint ist?
    • pamayer 16.03.2017 00:04
      Highlight Highlight Es geht um die Linie:

      Pizza mehr Kalorien als Salat.

      Tiramisù mehr Kalorien als Sojaschnitten.


      Und auch leckerer.




      Definitiv.
    • Spooky 16.03.2017 10:38
      Highlight Highlight @pamayer
      Ach so. Im Nachhinein: Ja klar! Aber ich hatte das echt nicht geschnallt. Danke.
    • pamayer 16.03.2017 12:59
      Highlight Highlight Manchmal sind die grossen Mysterien sehr banal.

      Und trotzdem mit leidensdruck verbunden.
  • pamayer 15.03.2017 14:30
    Highlight Highlight Über die Liebe... das schönste im Leben, und ruckzuck wird's zum schlimmsten Albtraum ever.
    Sei es selbst verschuldet oder einfach dumm gelaufen.

  • Spektor 15.03.2017 14:23
    Highlight Highlight "Es ist eine Liebeserklärung an die innigste Beziehung, die wir führen, nämlich diejenige zu uns selbst."

    Gut wieder einmal daran erinnert zu werden. Danke für den schönen Artikel.

Wie man das 3. Auge öffnet, den Astralkörper lädt und die DNA erweitert (angeblich🤷‍♀️)

Das Geistmedium Jenny Solaria hat ein esoterisches Imperium aufgebaut und bietet den Lichtnahrungsprozess an. Ein Augenschein.

Die moderne Esoterik ist ein System der perfekten Tarnung. Sie gibt vor, die Welt spirituell zu transformieren, sie zu einem sanften und harmonischen Ort zu machen. Und uns Menschen zu achtsamen Wesen, rücksichtsvoll, sozial und verantwortlich.

Doch kratzt man den Lack an der Fassade ab, wird es oft zappenduster. In der esoterischen Parallelwelt herrschen oft purer Egoismus, schwarze Magie, destruktiver Aberglaube. Starker Tobak, ich weiss. Doch hier ein Beispiel, das meine Erfahrungen …

Artikel lesen
Link zum Artikel