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Morgens um 6.52 Uhr vor dem Supermarkt ...

Bild: shutterstock

Eine kleine Ode an den Smalltalk.



Zugegeben, in anderer Konstellation hätte ich mich wohl gehasst. «Hör mal uf umelabere, Alti», hätte ich mir gedacht und gequält lächelnd und ziemlich demonstrativ meine Kopfhörer montiert. Nichts sagt «HAU AP!» so deutlich wie eine Mini-Grossraumdisco direkt in den Gehörgang.  

Aber erst einmal von vorn.  

Heute war es also soweit: Es passierte zum ersten Mal. Ich wusste, der Zeitpunkt würde irgendwann kommen – doch so früh schon? Ich bin doch erst 36. Wenn andere von Haus und Kind erzählen, sage ich: «Ich han es Velo.» Und doch, da war er: Dieser Moment.  

Ja, meine Damen und Herren, heute stand ich das erste Mal vor einem Supermarkt, bevor er aufging.  

Und es war nicht etwa so, dass ich noch wach und auf dem Heimweg gewesen wäre von irgendeiner illegalen Underground-Hippie-WG-Party, wo gegen vier Uhr morgens ein Australier, von dem man danach herausfand, dass ihn niemand kannte, seinen eigenen Furz angezündet und dazu Kumbaya gesungen hätte. Nope. Ich war schon wach. Grundlos. Und das schon lange. So lange, dass ich bereits alle Morgenpendenzen erledigt und YouTube sozusagen fertig geschaut hatte. Blieb noch der Einkauf.  

So stand ich also um 6.52 Uhr in Jeans, dem Tshirt meines Freundes – in etwa genauso verchrugelet wie mein ungeschminktes Gesicht – und Flipflops in der Morgenfrische vor einem geschlossenen Geschäft. Der Rolladen war zwar schon oben, aber noch machte die automatische Glastür keinen Wank. Acht Minuten zu früh. Und das, obwohl ich extra nochmal Kehrt gemacht hatte, um das vergessene PET zu holen.

PET-Recycling: Der Schweizerin liebste Moralmasturbation.

Nicht dabei hatte ich mein Handy. Das bereute ich nun natürlich. Es ist heutzutage schliesslich unglaublich viel verlangt, dass sich ein erwachsener Mensch mal für acht Minuten selbst beschäftigt. Ich konnte also weder Weltwirtschaftsnachrichten (a.k.a. Gala Online) noch die heutigen Börsenkurse (a.k.a. 9gag.com) studieren. Ich war verzweifelt. Würde ich am Ende den Supergau erleben? Das Ende der Zivilisation? Würde ich etwa ... nicht erschrecken ... NICHTS TUN MÜSSEN?  

Nein.  

Rettung nahte. Ich war nämlich nicht allein in meiner misslichen Lage. Da waren andere Menschen. Morgen-Menschen. Morgen-Menschen sind wie normale Menschen, einfach etwas struppiger. Zwei der Morgen-Menschen hatten Morgen-Hunde dabei. Auch struppig, aber ich glaube, die sehen immer so aus. Jedenfalls sind Hunde eigentlich immer sofort meine Homies. So auch das braune Exemplar heute Morgen, Rasse unbekannt, wohl einfach ein Mix von allem, was in jener Nacht gerade rumrannte. Meine Lieblingsrasse.  

Hunde sind ja immer die besten Gesprächsstarter, und wenn’s nur ein «Er macht nüüt» ist, was im Falle von Morgen-Doggy nicht ganz stimmte, denn er machte durchaus etwas: sabbern nämlich. Mir machte das jedoch absolut nichts.  

Ich kam also mit Herrchen ins Gespräch. Kühl sei’s. Aber warm werde’s. «Er hät warm hüt» – welch wunderbare Schweizer Redewendung. Ich weiss nicht, wieso, aber «er», das ist in diesem Kontext für mich immer automatisch Thomas Bucheli. Und so bin ich denn jeweils auch spezifisch auf Thomas Bucheli sauer, wenn «er Räge hät».  

Anyways. Offenbar war auch den anderen Wartenden langweilig und so brachten sie sich ins Gespräch ein, denn es wurde gemotzt. Über diese Baustellen. In diesem Quartier. Huere Saumeis.

«Das Plexiglaszüügs ...» – «Meined Sie Glasfasere?» – «Ja genau. Das brucht doch kein Mänsch.» Also doch, ich schon, aber das musste ich ja nicht sagen. «Diräkt vorem Huus riisseds de Bode uuf ...» Nun ja, im Wald draussen braucht’s halt kein schnelles Internet, gäll, dachte ich, aber ich nickte brav mit und schüttelte mit zusammengekniffenen Augenbrauen den Kopf. Böses Plexiglas. Aber auch Gutes hatte man zu sagen. Das Brot vom neuen Beck wurde gelobt, die Bedienung sei da auch immer sehr freundlich, genau wie im – noch immer geschlossenen – Supermarkt.  

Zwei der fünf Gesprächsbeteiligten fanden heraus, dass sie an derselben Strasse wohnen – Plexiglasbrüder, sozusagen. Die Post kommt in letzter Zeit immer so spät. Und diese Altbausanierung an der Kreuzung – fürch-ter-lich! 

Jede Dimension des Smalltalks wurde erkundet.

Ich stand da, stellte Fragen und horchte und Hund Nummer zwei strich einen Grossteil seines Fellwechsels an meine Jeans. Mit mir eine Frau und drei Männer zwischen 30 und 80, mit Hund, ohne Hund, mit Velo, mit ziehbarem Einkaufstaschenwägeli, mit Brille, ohne Brille – eine willkürliche Konstellation, vereint durch die gemeinsame Mission: Poschtä.

Wir waren so ins Rumlabern vertieft, dass wir gar nicht bemerkten, dass schon lange sieben Uhr war.  

Haben wir gemeinsam das Rad neu erfunden? Nein. Aber ich fand sie trotzdem grossartig, unsere kleine Bruderschaft so früh am Morgen im Kreis vier und ich schwor mir, öfter etwas zu früh einkaufen zu gehen und ganz generell wieder vermehrt mit fremden Menschen (und Hunden) rumzulabern.  

Plexiglas-Ehrenwort.

Yonni Meyer

Yonni Meyer (36) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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20Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Sorbitolith 08.05.2018 22:28
    Highlight Highlight Hau ab, mit p? Hab ich was verpasst?
  • Leee 08.05.2018 20:07
    Highlight Highlight Toller Text, aber liest du kein Watson am Morgen? :D
  • Ursus ZH 08.05.2018 16:35
    Highlight Highlight Yonni, wenn du ein Buch schreibst mit deinen Geschichten werde ich es sofort kaufen. Einfach immer toll be- und geschrieben!
  • Bronko 08.05.2018 13:24
    Highlight Highlight Yonni, ich mag deine feinfühligen und humorvoll verpackten inneren Dialoge und positiven Botschaften sehr. Grundsätzlich geht es in deinen Texten immer um die Pflege der Seele: Um Themen wie die Liebe zum Leben, Qualität, persönliche Integrität, Bewusstsein, Grossmut, Toleranz, Selbstreflektion, Bescheidenheit... Also um echte (zwischen-) menschliche Werte. Eigentlich die ganz grossen moralischen Grundsatzfragen, bei Dir aber stets leicht, undogmatisch und unprätentiös verpackt. Ja, man kann in unserer Gesellschaft nicht genug damit hausieren... Du bist eine wahre Seelsorgerin!
    • Yonni Meyer 08.05.2018 14:23
      Highlight Highlight Was für ein wunderbarer Kommentar, da wurden grad die Augen etwas glasig. Da hat mich jemand genau so verstanden, wie ich mir das von Herzen wünsche. Hab Dank!
  • Madmessie 08.05.2018 13:09
    Highlight Highlight Wieder mal ganz tolle Geschichte aus dem Alltag und sehr knackig geschrieben. Danke.
  • Mia_san_mia 08.05.2018 11:59
    Highlight Highlight Wieder einmal super geschrieben 👍😄
  • Still N.1.D.1. 08.05.2018 11:20
    Highlight Highlight Wunderbar geschrieben. Vielen DANK!

    Ein unbekümmerter Schwatz mit der Nachbarschaft, für uns Smartphones-Junkies schon fast ein Ereignis, gegen das auch der Blähbauch des Australiers nicht ankommt. Den das gibt es ja auf Youtube...

    • Still N.1.D.1. 08.05.2018 12:49
      Highlight Highlight Hallo Sonnenschein!

      Hoffe Deine Laune hellt sich noch auf.

  • Tabaluga 08.05.2018 10:57
    Highlight Highlight Ach wie schön, mein Tag beginnt mit 13 Lachern. Laute Lacher. Bei mir zuhause auf dem Sofa. Danke Pony.
    „Er hät räge“. Ich cha nümm! 😂
    • Genital Motors 08.05.2018 14:48
      Highlight Highlight Ist dieser Ausdruck so weltfremd ? :-)
      ich finde diesen Ausdruck absolut tagtäglich.
    • Merida 08.05.2018 16:05
      Highlight Highlight Nur der Herr Bucheli tut mir jeweils leid. Ich assoziiere diesen Satz auch immer mit dem Mister SRF Meteo persönlich... 😉
  • kupus@kombajn 08.05.2018 10:56
    Highlight Highlight btw: Der ganze Text ist 😂, aber "wo gegen vier Uhr morgens ein Australier, von dem man danach herausfand, dass ihn niemand kannte, seinen eigenen Furz angezündet und dazu Kumbaya gesungen hätte" ist 😂😂😂
  • kupus@kombajn 08.05.2018 10:56
    Highlight Highlight Hach, die Schweiz, wie sie leibt und lebt ❤️ Danke, Mami und Papi, dass ihr anno dazumal hierhergezogen seid.

    Seit ich vor 9 Jahren in ländliches Kaff gezogen und das erste Mal zu früh vor dem Laden stand, weil ich andere Öffnungszeiten im Kopf hatte, bin, gehe ich Samstags oft etwas früher hin, um mir genau diese Gespräche anzuhören. 90% ist Rumgemotze. Nicht bösartig, schon fast sympathisches Gemotze.

    Zuerst dachte ich, dass das alles einfach überpünktliche Leute seien, aber mittlerweile weiss ich, dass es ein gesellschaftliches Ritual ist.
  • ~°kvinne°~ 08.05.2018 10:39
    Highlight Highlight Wunderbar geschrieben!

    Ich mag Smalltalk in der Regel nicht...da ich immer meine ich wirke verkrampft, zu ernst, weiss nicht was antworten, stelle komische Fragen, etc.
    Passiert aber sowas ähnliches wie dir (bspw. Zugausfall und Akku leer) ergeben sich lustige, wunderbare Kurzsituationen. Eigentlich mag ich das. Das Verbundensein auf Zeit.
    • Schantall-jennifer 08.05.2018 16:39
      Highlight Highlight Sorry, wollte dich nicht blitzen. Bin mitten im Lesen eingeschlafen & mein Daumen ist auf das soooo sensiblen Smartphone-Display runtergedonnert 🙈. Zur Kompensation ein ❤️.
    • ~°kvinne°~ 08.05.2018 17:19
      Highlight Highlight Hihihi ☺ das hat mich jetzt so gefreut 😁 ein ❤ zurück!!
  • The Dark Knight 08.05.2018 10:34
    Highlight Highlight Toller Text.

    Persönlich glaubte ich, dass Morgenmenschen weniger struppig als normale Menschen sind. Die struppigen Morgenmenschen sind vermutlich normale Menschen, welche sich wie Morgenmenschen verhalten. :)
  • Züzi31 08.05.2018 09:52
    Highlight Highlight Yonnis Anblick verzückt mich ja mindestens wie der zahnlose Seger mit Meisterpokal, aber wieso genau bekomme ich für den Artikel den Hinweis bezüglich News vom abonnierten Thema "ZSC"? Vielleicht wegen Plexiglas? 😂
  • Bruno Wüthrich 08.05.2018 09:49
    Highlight Highlight Liebe Frau Meyer: Das funktioniert aber nur, wenn Sie auch weiterhin Ihr Handy (bzw. Smartphone, excusez) zuhause lassen. Denn ist selbiges dabei, ist es Essig mit dem schönen, morgentlichen Small Talk und Sie sind völlig vergeblich derart früh aufgestanden. Einzig das Hundefell... - aber lassen wir das.

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