Cannes 2014
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Dies ist keine Schweizerin ausser Rand und Band, sondern eine typische Festival-Russin. Bild: EPA

Mein Cannes-Tagebuch (2)

So heiss feiern die Schweizer, und ich rette einen Filmstar vor fiesem Sonnenschirm



Eigentlich hatte ich heute ja darüber schreiben wollen, wo und was Ryan Gosling in Cannes so isst, aber dann überstürzten sich die Ereignisse, und ich musste zweimal Nicole Kidman nicht gerade das Leben aber so ähnlich retten, und die Schweizer feierten auch noch eine Party, die war so wild, das können Sie sich gar nicht vorstellen! Alle Missen aus Michael Steiners «Missen Massaker» tanzten nackt auf einer Jacht!

Das hätten Sie jetzt gern, ich auch und der «Blick» und das Schweizer Fernsehen, die beide leicht verzweifelt herumstanden, ebenfalls, aber so wars natürlich nicht. Überhaupt nicht. Das Filmfestival Locarno lud am Donnerstag zwischen 17 und 19 Uhr zu einem Empfang auf der Plage des Palmes, also am Palmenstrand, und es kamen exakt null Promis. Ausser Marco Solari, der ja sowas ist wie der Manager des ganzen Tessins, und Carlo Chatrian, der Festivaldirektor von Locarno.

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Hier: Schweizer ausser Rand und Band beim Locarno-Empfang. Bild: Simone Meier

Die Schweizer Schauspielerin Sabine Timoteo zum Beispiel, die am Sonntag für den Film «Le Meraviglie» sehr schön über den roten Teppich hätte gehen können, zieht gerade ein japanisches Kloster dem Zirkus von Cannes vor. Da kann man nichts machen.

Auch Nicole Kidman würde dem Festival gerne andere Dinge vorziehen, «zum Beispiel Schwimmen, gestern bin ich geschwommen, grossartig. Ich bin ja sportlich, das liegt in meiner Familie, mein Vater ist Marathonläufer, meine Schwester macht viel Sport, ich schwimme, hike und bin so oft, wie’s geht, draussen. Allerdings immer mit einem grossen Hut, ich bin ja sehr hellhäutig. Keith (Urban) findet meine Hüte furchtbar, aber das muss sein.» Also, Nicole Kidman ist gestern geschwommen. Im Meer. So gut wie niemand schwimmt jetzt gerade im Meer, die Wassertemperatur beträgt 17 Grad.

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Hier habe ich Nicole Kidman getroffen. Fotografieren durfte ich sie natürlich nicht. Bild: Simone Meier

Ich sitze Stuhllehne an Stuhllehne mit Nicole Kidman, deshalb kann ich sie auch zweimal vor dem schweren, fallenden Sonnenschirm retten, beim dritten mal montieren wir ihn ab. Mein Liebesleben fragt per SMS, ob sie jetzt zum Dank mit uns ein Bier trinken komme, aber sowas machen Stars ja einfach nicht, obwohl die Vorstellung wunderbar ist.

Nicole Kidman riecht kaum wahrnehmbar und nicht süss nach Flieder. Sie trägt Schuhe von Prada. Und ihr langes, weisses, mit schwarzer Spitze durchbrochenes Kleid trägt unter dem linken Knie einen winzigen Kaffee- oder Saucenfleck. Der Wind der Côte d’Azur klebt ein Haar an ihren Lippen fest. Ihre Hände wirken trocken und etwas verbraucht, es heisst, sie benutze öfter ein Hand-Double in ihren Filmen. Das Gesicht ist von Nahem gar nicht so starr, wie es auf der Leinwand wirkt, auch Fältchen sind drin, sie sind einfach sehr viel feiner als bei jeder normalen Frau. Weil Nicole Kidman zwar ein Mensch ist, aber schon ein besonders feinstofflicher.

«Ach, ich bin eine Tagträumerin», sagt sie, «ich bekenne mich schuldig, meinen Kopf immer in den Wolken zu tragen, ich bin schlecht im Analysieren und Organisieren. Ich will gar nicht so genau wissen, wo es hingehen soll, ich liebe das Leben der Bohème, und wenn mir jemand irgendwas vorschreiben will, dann muss ich das geradezu übertreten. Es gibt diesen Zwang in mir, Verbote zu missachten.»

epa04205802 Australian actress Nicole Kidman arrives for the screening of 'Grace of Monaco' and the Opening Ceremony of the 67th annual Cannes Film Festival in Cannes, France, 14 May 2014. Presented out of competition, the movie opens the festival which runs from 14 to 25 May.  EPA/VITTORIO ZUNINO CELOTTO

Dafür ist sie hier noch einmal bei der «Grace of Monaco»-Premiere. Bild: EPA

Sie lacht und hat diesen seltsam bräsigen australischen Akzent, der immer gleich sehr bodenständig klingt. Was sie ganz sicher auch ist. Ich bin, wie der Engländer sagen würde, «starstruck». Vom Star niedergestreckt. Und dass sie als Grace Kelly in «Grace of Monaco» nicht die allertollste Performance in ihre Oeuvre liefert, das vergeb ich ihr sofort. Sogar mit schlechtem Gewissen. Denn Olivier Dahan, der «Grace»-Regisseur, der auch da ist, in den Badehäuschen des Hotels Eden Roc du Cap in Antibes, wirkt todunglücklich. Und Tim Roth, der Fürst Rainier aus «Grace», sagt: «Die schlechten Kritiken? Die Journalisten haben mal wieder alle meine Erwartungen erfüllt.»

Und was ist eigentlich mit der grossen Jurypräsidentin Jane Campion? Die Australierin Nicole Kidman hat ja 1996 für die Australierin Jane Campion in «Portrait of Lady» die Lady gespielt. Einer der unangefochten tollen Kidman-Filme. Wie «To Die For» von Gus Van Sant. Wie «Moulin Rouge» von Baz Luhrman. Wie «Eyes Wide Shut» von Stanley Kubrick. Und und und. «Oh, ich kenne Janey seit ich vierzehn war, sie ist eine meiner besten Freundinnen, sie hat den trockensten Humor überhaupt, wir sehen uns in Cannes natürlich ganz oft.»

Jetzt ist Nicole Kidman schon wieder auf dem Heimweg, um «mit Keith abzuhängen». Dann sagt sie Adieu zum Glamour der Croisette, zu den Kleidern , den Juwelen, all den Damen, die ihre Haare und ihr Gesicht machen, es sei dann «wie Cinderella. Um Mitternacht ist der ganze Zauber vorbei». Sie ist froh darüber. Und ich bedanke mich von Herzen für 16 bezaubernde Minuten. Lehne an Lehne mit Nicole Kidman.

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