Charlie Hebdo
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Anschlag auf «Charlie Hebdo»

«Ganz Frankreich weint» 

Der Terroranschlag auf «Charlie Hebdo» trifft Frankreich hart. Noch trauert das verunsicherte Land um die zwölf Toten. Doch es droht eine Spaltung: Die Ausgrenzung von Muslimen, eine erstarkende Rechte. 

Stefan Simons / Spiegel Online

07.01.2015: Schiesserei bei Satiremagazin «Charlie Hebdo»

Ein Artikel von

Spiegel Online

Die Angst hat Frankreich erreicht, greifbar, hautnah: Polizei vor Kaufhäusern und Kirchen, patrouillierende Soldaten um Schulen und Bahnhöfe, die höchste Alarmstufe wurde verhängt. Die Nation rückt zusammen, Opposition und Regierung geloben Solidarität angesichts der «Barbarei». Das Blutbad am Redaktionssitz von Charlie Hebdo ist das schlimmste Attentat in der Geschichte der V. Republik. Ein Wendepunkt. (Hier geht es zum Liveticker).

Gerüchte hatte es in der Vergangenheit immer wieder gegeben, auch Hinweise auf drohende Anschläge. Neben den USA stand auch Frankreich stets im Visier von Terroristen – von Mordkommandos aus dem Dunstkreis von al-Kaida, seinen Ablegern aus Schwarzafrika, dem Maghreb, aus Nahost oder den professionellen Killern des «Islamischen Staates». 

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Je suis Charlie: Die Anteilnahme ist gross. Bild: Reuters

Vor Monaten schon hatte Premier Manuel Valls, seinerzeit noch Innenminister, vor der Gefahr durch Dschihadisten gewarnt. Frankreichs militärischer Einsatz gegen die Rebellen in Mali erhöhte das Attentatspotenzial noch. Mehrere Anschläge, so zitieren Frankreichs Medien Sicherheitskreise, seien binnen der vergangenen Wochen vereitelt worden. 

Umso tiefer sitzt jetzt der Schock: Denn der Anschlag auf «Charlie Hebdo» ist nicht nur der von Präsident François Hollande beklagte «Akt des Terrors gegen die Freiheit der Presse». 

Die Rufe der fliehenden Attentäter – «Allah ist gross» und «Wir haben den Propheten Mohammed gerächt» – zielen auf die zentralen Werte der Republik. Es geht um das Selbstverständnis als säkulare Nation, verpflichtet den Zielen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. 

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Blumen für die Verstorbenen. Bild: Reuters

Jetzt droht Frankreichs Gesellschaft an den Bruchlinien von religiösen Überzeugungen oder ethnischen Zugehörigkeiten weiter auseinander zu driften. Schon die Debatte um Islamismus, um die Rekrutierung von Dschihadisten in Frankreich hat das innenpolitische Klima vergiftet. Selbst die fiktiven Roman-Visionen von Autor Michel Houellebecq («Die Unterwerfung») um eine islamistische Machtübernahme hatten für neuen Zündstoff gesorgt. Der Roman war auch Titelthema von «Charlie Hebdo». 

Treibt die Tragödie die Wähler zum FN? 

Verunsicherte Bürger dürften sich in ihrem Glauben an die Ausgrenzungsparolen des Front National bestärkt fühlen – der rechten Partei von Marine Le Pen, schon bei den Europawahlen zur stärksten Formation Frankreichs aufgerückt, könnte bei den bevorstehenden Departementswahlen weiteren Zulauf erhalten. Und Frankreichs Muslime werden sich, im Internet immer wieder verunglimpft, einmal mehr in der Rolle der Opfer sehen. Als zweitklassige Bürger. 

Bei der Mordserie von Mohamed Merah, der 2012 in und um Toulouse sieben Menschen überwiegend jüdischen Glaubens niederschoss, gingen die Behörden von der Tat eines Einzelnen aus. Auch Mehdi Nemmouche, der französische Attentäter auf das Jüdische Museum in Brüssel, handelte offenbar allein. 

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In Paris versammeln sich die Trauernden. Bild: Reuters

Das Mordkommando von «Charlie Hebdo» hingegen ging allem Anschein nach organisiert und hoch professionell vor – französische Handlanger eines weltweiten Kampfes gegen Kritiker des Propheten. Das bedroht den Zusammenhalt der Nation als tolerante Gemeinschaft gleichwertiger Bürger. 

Noch ist die Nation vereint im Schmerz 

Grund genug für die religiösen Führer der französischen Muslime, sich solidarisch auf die Seite der Mehrheit zu stellen. «Der Anschlag ist eine neue bittere Etappe beim Versuch, unsere Art des Zusammenlebens als Franzosen zu torpedieren», sagt Dalil Boubakeur, der Direktor der Grossen Moschee von Paris. Und Hassen Chalghoumi, Imam des Pariser Vorortes von Drancy, sieht die ganze Nation «vereint im Schmerz»: «Ganz Frankreich ist getroffen und weint.» 

Der Prediger, wegen seiner liberalen Ansichten selbst im Visier der radikalen Islamisten und unter Polizeischutz, spricht von einer «Barbarei», der die Muslime Frankreichs mit einem gemeinsamen Bekenntnis zur Nation entgegentreten sollten. Nur so könne man eine Verquickung von Muslimen und Islamisten vermeiden: «Beim Freitagsgebet werden wir der Opfer gedenken. Die stille Mehrheit muss gemeinsam und öffentlich auftreten, betroffen ist die ganze Republik.» 



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4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • dnsd 07.01.2015 23:10
    Highlight Highlight Gegen religiösen Extremismus hilft nur Bildung (Aufklärung) und daran mangelts da gewaltig.
  • schille 07.01.2015 21:51
    Highlight Highlight Ich finde es ja nur interessant wie viele gleich schreien "die Islamisten waren es!"
    Dazu zwei Fragen:
    - Sind die Täter schon identifiziert? Nein!
    - Ist man sich sicher das es Islamisten waren?
    Nein!

    Also sollte man mit irgendwelchen Pauschalurteilen erst einmal vorsichtig sein!
    Vielleicht waren es auch nur irgendwelche Spinner vom FN um den Muslim-Hass zu schüren! Man kann es zur aktuellen Stunde noch nicht wissen!
    • dnsd 08.01.2015 08:18
      Highlight Highlight Wie naiv kann man sein?
    • schille 08.01.2015 10:24
      Highlight Highlight Hat nichts mit Naivität zu tun.
      Es gab in der westlichen Welt mal eine Zeit in der die sogenannte Unschuldsvermutung galt. Ich darf daran erinnern das dieses Prinzip bis zur rechtskräftigen Verurteilung galt. Aber lange, lange ist es her....wenn ich nun naiv bin, weil ich Menschen an das Prinzip der Unschuldsvermutung erinnern will, dann Bitteschön!

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