Charlie Hebdo
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Ekrem Dumanli, editor-in-chief of Zaman newspaper, salutes cheering supporters outside a courthouse after his release in Istanbul, Turkey, Friday, Dec. 19, 2014. A local court ordered the release of Dumanli six days after his detention. Police conducted raids in a dozen Turkish cities Sunday, detaining 32 people — including journalists, TV producers and police — known to be close to a movement led by a U.S.-based moderate Islamic cleric who is a strong critic of President Recep Tayyip Erdogan. It was the latest crackdown on cleric Fethullah Gulen's movement, which the government has accused of orchestrating an alleged plot to try to bring it down. (AP Photo)

Ekrem Dumanli, Chefredaktor der Zeitung «Zaman», wurde im vergangenen Dezember eingesperrt. Anhänger feiern ihn, als er aus der Haft entlassen wird. Bild: /AP/KEYSTONE

Türkei geht gegen Charlie-Hebdo-Nachdruck vor

«Die einzige Antwort auf Zeichnungen, die einem nicht passen, sollten Zeichnungen sein.»

Ein türkisches Gericht ordnete an, Internetseiten sperren zu lassen, die das neue Titelbild von «Charlie Hebdo» zeigen. Ekrem Dumanli, Chefredakteur der auflagenstärksten Zeitung «Zaman», warnt vor einem Ende der Demokratie in seinem Land.

Hasnain Kazim / Spiegel Online

Ein Artikel von

Spiegel Online

Ekrem Dumanli, 50, wirkt erschöpft. Sechs Tage war er im Dezember im Gefängnis, festgenommen wegen Terrorvorwürfen. Dann kam er frei, mit der Auflage, die Türkei nicht zu verlassen. Dumanli ist seit 2001 Chefredakteur der «Zaman», die er zur auflagenstärksten Zeitung des Landes gemacht hat.

Das Blatt gehört zum Netzwerk des islamischen Predigers Fethullah Gülen, der im selbst auferlegten Exil in den USA lebt. Gülen war einst Wegbegleiter von Staatspräsident Erdogan. Inzwischen gilt er als dessen Erzfeind. Erdogan wirft Gülen vor, ein Netzwerk in Justiz und Polizei aufgebaut zu haben und ihn stürzen zu wollen.

Als Journalist, der auch noch der Gülen-Bewegung nahesteht, ist Dumanli gleich doppelt im Visier der Regierung. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE kritisiert er die Einschüchterung von Journalisten und warnt vor einem Ende der Demokratie in der Türkei.

SPIEGEL ONLINE: Herr Dumanli, würden Sie in Ihrer Zeitung Mohammed-Karikaturen veröffentlichen?

Dumanli: Wenn man publiziert, sollte man es immer mit Respekt tun, und zwar gegenüber allen. Also nicht nur gegenüber Muslimen, sondern gegenüber allen Religionen und Überzeugungen. Man muss einen Weg finden zwischen Diskriminierung von Menschen und der Verbreitung von Hass auf der einen Seite und Pressefreiheit auf der anderen. Aber ich bin gegen jede Form von Druck auf Journalisten, nur weil sie etwas veröffentlichen, das jemandem nicht passt. Und selbstverständlich bin ich gegen Terror. Nichts rechtfertigt das Töten von Menschen.

Zaman editor-in-chief Ekrem Dumanli holds a copy of his newspaper at the headquarters of Zaman daily newspaper in Istanbul December 14, 2014. Turkish police raided media outlets close to U.S.-based Muslim cleric Fethullah Gulen on Sunday and detained 23 people nationwide in operations against what President Tayyip Erdogan says is a network conspiring to topple him. The raids on Zaman newspaper and Samanyolu television marked an escalation of Erdogan's battle against his former ally Gulen, with whom he has been in open conflict since a corruption probe targeting Erdogan's inner circle emerged a year ago.  REUTERS/Murad Sezer (TURKEY - Tags: CRIME LAW POLITICS MEDIA)

Die Zeitung «Zaman» ist unter Dumanli zur auflagenstärksten Zeitung der Türkei geworden. Bild: MURAD SEZER/REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Die Polizei hat heute die Auslieferung der Zeitung «Cumhuriyet» behindert, die als einzige Seiten von «Charlie Hebdo» nachgedruckt hat. Ein Gericht hat die Veröffentlichung des neuen Titelbildes des Satiremagazins im Internet verboten. Was halten Sie davon?

Dumanli: Ich denke, die einzige Antwort auf Texte, die einem nicht passen, sollten Texte sein. Und die einzige Antwort auf Zeichnungen sollten Zeichnungen sein.

SPIEGEL ONLINE: Erdogan sagt, die Presse in der Türkei sei frei. Sie wurden kürzlich verhaftet, gegen Sie läuft ein Verfahren. Wie frei ist die Presse nun wirklich?

Dumanli: Erdogans Aussage ist lächerlich. Man muss sich nur die Zahl der Journalisten in der Türkei anschauen, die festgenommen wurden oder gegen die Rufmordkampagnen geführt werden. Die Presse ist ganz klar nicht frei.

SPIEGEL ONLINE: Die Regierung behauptet aber, dass kein einziger Journalist wegen seiner Arbeit in Haft sitze, sondern wegen anderer Anschuldigungen. In Ihrem Fall zum Beispiel wegen des Vorwurfs, eine Terrororganisation aufgebaut und geführt zu haben.

Dumanli: Die Mächtigen denken sich irgendetwas aus, um kritische Journalisten loszuwerden. Es werden ja nicht nur Kollegen inhaftiert. Viele verlieren ihre Jobs, wenn sie etwas kritisieren. Der Chefredakteur von «Hürriyet» musste gehen, weil er den Bau des dritten Flughafens in Istanbul bemängelte. Ich kann Dutzende von Fällen aufzählen. Eine Fernsehmoderatorin wurde festgenommen, weil sie etwas Kritisches getwittert hatte. Redaktionen wird mit Steuerprüfungen gedroht. Ausländische Journalisten werden diffamiert. Und ja, gegen mich gibt es diese absurde Anschuldigung. Wie kann es in dieser Atmosphäre eine freie Presse geben?

In this photo provided by the Presidential Press Service, Turkish President Recep Tayyip Erdogan, right, greets Qatar's Emir Sheikh Tamim bin Hamad Al-Thani during a ceremony at his new presidential palace in Ankara, Turkey, Friday, Dec. 19, 2014. The emir is in Turkey for a two-day state visit. (AP Photo/Kayhan Ozer, Turkish Presidential Press Service)

Präsident Erdogan vor seinem prunkvollen Palast mit über 1000 Zimmern Bild: AP/Presidential Press Service

SPIEGEL ONLINE: Ihre Zeitung gehört zur Bewegung des in den USA lebenden islamischen Predigers Fethullah Gülen, den Erdogan zu seinem Feind erklärt hat. Was genau wirft man Ihnen vor?

Dumanli: Man hält mir zwei Kommentare und einen Artikel vor, alles aus dem Jahr 2009. Dort geht es um al-Qaida und ihre Helfer. Daraus konstruiert man jetzt den Vorwurf, ich sei der Anführer einer terroristischen Gruppe. Genau das will die Regierung: Die Gülen-Bewegung zu einer Terrororganisation stempeln, obwohl sie von jeher für Demokratie, einen Reformkurs und einen liberalen Islam in einem säkularen Staat eintritt.

SPIEGEL ONLINE: Die Gülen-Bewegung und Ihre Zeitung haben aber, als Sie vor ein paar Jahren noch im selben Lager mit Erdogan standen, ebenfalls dafür gesorgt, dass Ihnen gegenüber kritische Journalisten ins Gefängnis kamen. Warum traten Sie nicht damals schon für Pressefreiheit ein?

Dumanli: Kein Journalist ist wegen unserer Berichterstattung verhaftet worden. Tatsache ist, dass es Bestrebungen im Militär gab, zu putschen, zuletzt 2007. Die Offiziere hatten Verbündete unter Journalisten. Darüber haben wir berichtet.

SPIEGEL ONLINE: Der Journalist Ahmet Sik, der ein Buch über die Gülen-Bewegung geschrieben hat, saß ein Jahr im Gefängnis.

Dumanli: Es gibt Dutzende Bücher, die sich kritisch mit der Bewegung auseinandersetzen. Kein Autor hatte deswegen Probleme. Siks Festnahme hatte meines Erachtens nichts mit seinem Buch zu tun. In diesem Fall hatte Erdogan persönlich etwas gegen Sik. Ich denke, wir alle müssen in der heutigen Zeit zusammenstehen, um den Abbau von Demokratie in der Türkei zu verhindern.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr ist die Demokratie in der Türkei gefährdet?

Dumanli: Vor drei Jahren hätten wir alle gelacht, wenn jemand gesagt hätte, dass soziale Medien in der Türkei verboten werden. Heute haben wir Zugang zu Facebook und Twitter nur, weil ein Gericht ein Verbot aufgehoben hat. In diesem Jahr haben wir Wahlen in der Türkei. Ich hoffe, dass es nicht die letzten sind, die Erdogan zulässt. In Wahrheit geht es heute in der Türkei nicht gegen mich, gegen die Gülen-Bewegung oder gegen Kritiker des Islam. Es geht gegen jeden, der auch nur einen Millimeter von der Meinung Erdogans abweicht.



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