Charlie Hebdo
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Kommentar

Erst Kritik an der Religion macht Religionsfreiheit möglich

Drei Tage lang versetzten islamistische Killer unser Nachbarland in Angst und Schrecken. Ihr erstes Ziel war die Redaktion der Satirezeitschrift «Charlie Hebdo», die stets – indem sie es nutzte – das Recht verteidigt hatte, Religionen zu kritisieren und zu verspotten. Noch bevor die Attentäter ihren «Märtyrertod» fanden, warnten manche Stimmen davor, nun die Muslime oder den Islam pauschal für das Gemetzel verantwortlich zu machen. Mit Recht – pauschale Schuldzuweisungen sind so falsch wie verheerend. 

Falsch ist allerdings auch die oft gehörte Aussage, die Bluttat von Paris habe nichts mit dem Islam zu tun. Wie es TAZ-Autor Deniz Yücel in einem Gastkommentar auf Welt.de formuliert: «Den Islam gibt es nicht, der Islam ist die Summe dessen, was diejenigen, die sich auf ihn berufen, daraus machen. Und was ein nennenswerter Teil daraus macht, ist Barbarei.» 

Das besonders in fortschrittlichen Kreisen spürbare Bedürfnis, den Islam vor Kritik in Schutz zu nehmen, verdankt sich dem ehrenwerten Motiv, den dumpfen Fremdenfeinden in ihrer Hetze gegen die Minderheit der Muslime nicht zu sekundieren. Im Grunde ist diese Vorsicht aber auch ein Indiz dafür, dass man diese jüngste der drei abrahamitischen Religionen gar nicht wirklich ernst nimmt. 

Das Recht darauf, kritisert zu werden

Der Islam in all seinen Erscheinungsformen hat ein Recht darauf, kritisiert zu werden. In einer offenen Gesellschaft hat er, wie alle anderen Religionen – mehr noch: wie alle Ideengebäude –, ein Recht auf Kritik. Kritik, die zuweilen auch ungerecht, bösartig und falsch sein kann. Das Christentum, vor allem dessen katholische Spielart, muss ebenfalls ertragen, dass seine Symbole aufs Derbste verspottet werden. 

«Titanic»-Satire «Ich war eine Dose» Blasphemie Religionskritik

Der Sohn Gottes als Werbeträger für das Weissblechrecycling: «Titanic»-Satire (1987). Bild: Titanic

Spätestens seit der Aufklärung ist die einst nahezu allmächtige Kirche mit harscher Kritik konfrontiert. Voltaire, einer der wichtigsten Aufklärer, warf der christlichen Religion vor, sie habe «seit Konstantin mehr Menschen vernichtet, als es Einwohner in Europa» gebe. Kein Wunder, verbot die katholische Kirche seine Schriften. 

François-Marie Arouet (Voltaire), Porträt von Nicolas de Largillière

«Écrasez l’infâme!»: Voltaire. Bild: Wikipedia

Die Aufklärer setzten im 18. Jahrhundert dem wissenschaftlichen Anspruch der christlichen Theologie zu. David Hume zertrümmerte alle rationalen Begründungen der Religion; Immanuel Kant räumte mit allen metaphysischen Gottesbeweisen auf. Gotthold Ephraim Lessing wiederum plädierte in seinem Drama Nathan der Weise für gegenseitige Toleranz zwischen Judentum, Christentum und Islam. 

«Wir verlangen Respekt»

Voltaire griff nicht nur die Kirche an («Écrasez l’infâme!» – «Zermalmt die Niederträchtige!»), sondern auch Islam und Judentum. Die Juden bezeichnete er als «das abscheulichste Volk der Erde», fand indes gönnerhaft: «Man soll sie jedoch nicht verbrennen.» Den Koran nannte er ein «unverdauliches Buch, das bei jeder Seite den gesunden Menschenverstand erbeben» lasse. Seine Tragödie Le Fanatisme ou Mahomet le Prophète dagegen ist eher eine allgemeine Abrechnung mit religiösem Fanatismus als eine Kritik Mohammeds. Der französische Klerus zeigte denn auch ein feines Gespür für die Stossrichtung des Stücks und verbot es. 

Ein spätes Echo dieser Zensur war Ende 1993 in Genf zu vernehmen: Damals sollte der «Mahomet» anlässlich von Voltaires 300. Geburtstag aufgeführt werden. Dazu kam es aufgrund von Protesten muslimischer Verbände nicht. Zwölf Jahre später, im Dezember 2005, wurde das Stück dann doch noch inszeniert – auch diesmal nicht ohne Widerstand. «Wir akzeptieren die Meinungsfreiheit, aber wir verlangen Respekt», sagte damals der Sprecher der Genfer Moschee

Gotteslästerung, überall Gotteslästerung

Attacken gegen die Legitimität der Religionskritik kommen freilich nicht nur von muslimischer Seite. Katholische Fundamentalisten, wie zum Beispiel die Mitglieder der «Deutschen Vereinigung für eine christliche Kultur» (DVCK), lobbyieren nicht nur gegen das Recht auf Abtreibung, sondern verlangen auch den «absoluten Schutz christlicher Symbole vor Blasphemie». 2013 rief die erzkonservative Piusbruderschaft, in der sich katholische Traditionalisten sammeln, ihre Anhänger dazu auf, die deutsche Komikerin Carolin Kebekus wegen Gotteslästerung anzuzeigen

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Das anstössige Video: «Dunk den Herrn!» Video: Youtube/Carolin Kebekus

Auch von protestantischer Seite gibt es Klagen über Blasphemie. Dabei kann es zu merkwürdigen Verrenkungen kommen, etwa wenn die streng konservative calvinistische Partei SGP in den Niederlanden die Abschaffung des Gesetzes gegen Gotteslästerung bekämpft, zugleich aber die Abschaffung des Blasphemiegesetzes in Pakistan fordert. In kreationistischen Kreisen, die in den USA besonders stark sind, kann schon eine Cola-Werbung, die mit dem Konzept der Evolution spielt, als gotteslästerlich angesehen werden. 

Religionskritik ermöglicht erst Religionsfreiheit

Kritik an der Religion – und das ist Kritik an Meinungen, nicht an den Menschen – ist ein unabdingbarer Teil der Streitkultur der Aufklärung. Wer sie einschränkt, ermutigt die Fanatiker erst recht, noch weitere Einschränkungen zu fordern. Auf dem Spiel stehen Meinungs-, Presse-, Kunst- und am Ende Forschungsfreiheit. 

Religionskritik beschneidet die Freiheit der Religionen nicht, ganz im Gegensatz etwa zum skandalösen Minarettverbot. Im Gegenteil, in letzter Konsequenz ermöglicht sie überhaupt erst Religionsfreiheit. Wir brauchen nicht mehr Religion, wir brauchen mehr Aufklärung.



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    Alle Leser-Kommentare
  • Steely Dan 15.01.2015 08:31
    Highlight Highlight Besten Dank für diesen Rundumschlag. Hervorragend!
    5 0 Melden
  • Jol Bear 14.01.2015 22:59
    Highlight Highlight Im Grundsatz ist Kritik an einer Religion ein wertvoller Prüfstein. Kann sie sich ihr aussetzen und dagegen argumentieren, festigt sie sich und beweist ihre Berechtigung. Aber solche Gedankengänge sind im Denkrepertoire von "fundamentalistischen" Anhängern schlichtweg rein gar nicht vorhanden, also auch keinerlei Bereitschaft Kritik überhaupt nur zuzulassen. Es gibt nur "einzig richtig" und "alles andere falsch", "alternativlos", totalitär. Die Infragestellung einer Religion oder eine Gegenüberstellung und Beurteilung verschiedener Religionen gehört ins Gedankenimperium von Wissenschaft oder Aufklärung. Sie fällt deshalb bei Fundamentalisten auf vollumfänglich unfruchtbaren Boden. Bei "Islamisten" genauso ein absolut sinnloses Unterfangen, wie damals beim Klerus zu Zeiten von Voltaire.
    6 0 Melden
  • Anded 14.01.2015 20:05
    Highlight Highlight Wenn mein Fussballverein von der Tribüne aus beleidigt wird, muss ich keine Fakeln werfen, ich vertraue darauf das mein Club die Antwort sportlich auf dem Platz gibt. Wird mein allmächtiger Gott beleidigt, muss ich ihn nicht rächen, das kann er selber. (Er könnte ja sogar die Beleidigung verhindern bevor sie ausgesprochen wird, wenn er das für nötig hält.) Dass der Mensch sich selber anmasst Gesetze gegen Gotteslästerung und/oder die entsprechenden Strafen zu definieren, ist irgendwie pervers. Eine Religion zu beleidigen muss legal sein. Aber nicht das Ziel eines Kritikers.
    16 0 Melden
  • Too Scoop 14.01.2015 13:45
    Highlight Highlight Wie ich finde darf Alles kritisch hinterfragt werden. So die Religionen aber auch die Kritiker von oder gegen Religionen. Provokation ist relativ und daher von Kritik zu unterscheiden, wer aktiv provoziert und beleidigt kritisiert nur im geringsten Teil, denn hauptsächlich geht es um Provokation und diese ist für viele persönlich und leider auch beleidigend. Der Sachliche Inhalt oder eben die Kritik bleibt häufig doch unentdeckt für solche die sich dann eben beleidigt und angegriffen fühlen. Provokation nimmt man zum Teil ernst und persönlich oder halt eben nicht. Diese Instrumentalisierung der behandelten Themen im Bezug zu Religionen ist meiner Meinung nach nicht abzustreiten. Ebenso instrumentalisieren die "Beleidigten" die ganze Angelegenheit mit verherendem Ausmaß. Es liegt also an der Partei, der Gläubigen etc. Sich halt nicht provozieren zu lassen. Leider nutzt man Provokation als Erklärung oder Entschuldigung für Geschehnisse und rechtfertigt diese damit. Die Welt, der Mensch ist wahrlich auf den "Kopf" gefallen.
    6 0 Melden
  • DerWeise 14.01.2015 13:21
    Highlight Highlight Ein grundsätzlich treffender Kommentar verbiegt sich in Political Correctness.
    Natürlich ist der Islam ( die Ideologie ) schuld, was den sonst. Der Islam ist aber nicht gleich aller Muslime. Im Gegenteil, die Meisten leben die spirituelle Seite aus und haben den Qu'ran noch nie gelesen. Würde man im Qu'ran ein absolutes Tötungsverbot vorfinden, wäre ein Extremist alles andere als ein Mörder. Das Problem ist aber, dass man ohne grosse Interpreationsakrobatik die Taten durch die heilige Schrift rechtfertigen kann.
    9 5 Melden
    • AdiB 14.01.2015 18:19
      Highlight Highlight es gibt ein mordverbot
      sure 5/ vers 32 al-maida
      tötest du einen menschen, so hast du alle getötet.
      rettest du alle menschen, so hast du alle gerettet.
      zufrieden?
      8 4 Melden
    • AdiB 14.01.2015 19:19
      Highlight Highlight enfschuldige wollte schreiben "rettest du einen menschen"
      2 1 Melden
    • Anded 14.01.2015 19:34
      Highlight Highlight @AdiB: Klingt überhaupt nicht wie ein Verbot (eindeutiger wäre etwas à la "Du sollst nicht ..."). Es sagt mehr etwas über die tragweite und symbolische Aussagekraft einer Tötung aus, was durchaus auch genau gegeteilig ausgelegt werden könnte. ("Töte einen Zeichner und Charlie Hebdo ist tot...")
      4 3 Melden
    Weitere Antworten anzeigen
  • zombie1969 14.01.2015 12:38
    Highlight Highlight Kommentar in der "Bangkok Post" am 9. Januar:
    "We are all Charlie!!! Without journalists, we are in the dark. Their job is lighting us."
    Volltreffer - Unisono!
    12 2 Melden
  • christianlaurin 14.01.2015 12:21
    Highlight Highlight Ich finde auch nicht die Kommentare gegen Religion gut, weil sie öfters primitiv sind. Aber Kritik muss erlaubt sein. Heute am Radio habe ich gehört wie ein cvp Politiker gesagt hat Religion darf nicht kritisiert werden wie andrer Dinger. Ich frage mich warum eine Ausnahme mit Religion? Weil und hier ist der Hammer wenn Religion es könnte würde es jedem Teiles unseres Leben diktieren. Ein Beispiel ich darf kein Fleisch am Freitag essen. Warum dann? Kennen Sie die Antwort dann wissen sie Kritik gegenüber Religion muss es geben.
    9 6 Melden
    • Too Scoop 14.01.2015 13:52
      Highlight Highlight Der Mensch ist doch frei. So soll jeder das glauben (oder eben nicht) was er will, den anderen soll er in Ruhe lassen. Den Besen vor der eigenen Haustüre zu schwingen ist für viele schwieriger als gedacht. Ich esse Fleisch auch am Freitag und wenn dies einer aus Überzeugung nicht tut, so soll er dies tun. Wir brauchen uns nicht ständig zu beurteilen/verurteilen.
      9 1 Melden
  • Tilia 14.01.2015 12:20
    Highlight Highlight JA auf diesen Artikel hab ich gewartet! Grandios!
    21 2 Melden

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