DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Ritzmann vor Bezirksgericht

«Die Universitäts-Leitung hat in der ‹Affäre Mörgeli› kollektiv versagt»

Iris Ritzmann, die mit der Herausgabe vertraulicher Berichte die «Affäre Mörgeli» ins Rollen gebracht haben soll, steht heute vor dem Bezirksgericht Zürich. MIttlerweile hat sich die Anklage in Luft aufgelöst: Die beschlagnahmten Mails dürfen nicht gegen sie verwendet werden.
28.11.2014, 17:2628.11.2014, 22:02
Mehr «Christoph Mörgeli»
Christoph Mörgeli an einer Medienkonferenz der Universität Zürich – heute kneift er vor Gericht.
Christoph Mörgeli an einer Medienkonferenz der Universität Zürich – heute kneift er vor Gericht.
Bild: KEYSTONE

Keine Akten, keine Beweise: Die Staatsanwaltschaft hatte es heute Nachmittag schwer vor Bezirksgericht: Nachdem Richterin Keller die Rasterfahndung der Universität Zürich und die Beschlagnahmung von Maildaten als unzulässig beurteilte, löste sich die Anklage gegen Iris Ritzmann wegen Amtsgeheimnisverletzung in der «Affäre Mörgeli» praktisch in Luft auf. «Der Staatsanwaltschaft bleibt nichts anderes übrig, als die Anträge zu verkünden», sagte Staatsanwalt Andrej Gnehm, und forderte 240 Tagessätze à 90 Franken Strafe, eine Busse von 3900 Franken und eine Probezeit von zwei Jahren. Gnehms Plädoyer dauerte nicht einmal fünf Minuten.  

Verteidiger Adrian Klemm hingegen holte schwungvoll zum Rundumschlag aus. Er bezeichnete das Vorgehen der Universität Zürich in der «Affäre Mörgeli» als «kollektives Führungsversagen»: «Hätte der Rechtsdienst der Universität seine Arbeit gemacht, hätte er gemerkt, dass die fraglichen Berichte gar kein Amtsgeheimnis waren», sagte Klemm. «1400 Personen hatten Zugang zum Intranet und damit theoretisch zum Bericht des medizinhistorischen Institutes». Damit habe der «Tages-Anzeiger»-Journalist auch niemanden zur Verletzung dieses Geheimnisses gedrängt. Die Anzeige gegen Iris Ritzmann sei übereifrig gewesen – «ein absoluter Fehler, der das Vertrauen in die Universität Zürich massiv erschüttert».  

Klemm nimmt auch die Staatsanwaltschaft in die Mangel. Die Verhaftung von Iris Ritzmann und ihrem Mann sei nicht zulässig und eine absolute Zumutung gewesen. Staatsanwalt Gnehm habe Iris Ritzmann bei der ersten Einvernahme angekündigt, die Inhalte der beschlagnahmten Mails würden zugänglich gemacht – wenn die Verhaftete nicht aussage, müsse sie die Nacht im Gefängnis verbringen. «Gnehm wollte ein Geständnis erzwingen», sagte Klemm. Dabei sei nicht mal abgeklärt worden, ob der Sachverhalt überhaupt strafrechtlich relevant gewesen sei. «Und sowieso», sagte Klemm, «bezeichnenderweise lief die Anklage der Staatsanwaltschaft unter ‹Causa Mörgli›, als ob meine Mandantin keinen eigenen Namen hätte»! 

«Es ist höchste Zeit, aus diesem Elefanten wieder eine Mücke zu machen»

Weder habe seine Mandantin die Berichte herausgegeben, noch habe es sich bei diesen um ein Amtsgeheimnis gehandelt, sagte Klemm, und forderte den vollumfänglichen Freispruch. «Es ist höchste Zeit, aus diesem Elefanten wieder eine Mücke zu machen», sagte der Verteidiger. Ritzmann wirkte nach dem Plädoyer sichtlich gelöst. Doch auch wenn das Urteil für die 52-Jährige heute positiv ausfallen würde – Aufatmen kann die Ärztin nicht. Die Staatsanwaltschaft hat bereits angekündigt, dass sie die Würdigung des Beweismaterials ans Obergericht weiterziehen wird.

Es war bereits nach 18 Uhr, als schliesslich Ritzmann selbst das Wort ergriff. Während ihre Töchter bereits auf dem Handy spielten, dem Gerichtsschreiber fast die Augen zufielen und die Anwesenden unruhig auf den Stühlen hin und her rutschten, zog Ritzmann nochmals gegen die Staatsanwaltschaft und die Uni vom Leder. Diese habe ihr noch vorgeschlagen, ihren Titel behalten zu können, wenn sie keine Lehrveranstaltungen mehr halte, ihr dann doch gekündigt und sie mit der Anzeige in den finanziellen und beruflichen Ruin gestürzt haben. «Vor zwei Jahren begann ein Albtraum, der noch lange nicht beendet ist», schloss Ritzmann. 

Das Bezirksgericht wird voraussichtlich am Dienstag das Urteil verkünden.

Iris Ritzmann heute Morgen auf dem Weg ins Bezirksgericht.
Iris Ritzmann heute Morgen auf dem Weg ins Bezirksgericht.
Bild: KEYSTONE
Anklage gegen Iris Ritzmann
Ritzmann soll gemäss Anklage einem «Tages-Anzeiger»-Journalisten vertrauliche Berichte zugespielt haben, in denen Christoph Mörgeli, der damalige Museums-Kurator, kritisiert wurde. Zudem habe sie dem Journalisten die Zugangsdaten für Uni-Datenbanken verraten, auf denen vertrauliche Berichte gespeichert sind. Der Staatsanwalt fordert, dass Ritzmann wegen mehrfacher Verletzung des Amtsgeheimnisses verurteilt wird. Ritzmann bestreitet die Vorwürfe.(dwi/sda)
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Wie die höchsten Richterinnen und Richter plötzlich parteilos wurden

Das Bundesgericht nennt die Parteizugehörigkeit seiner Richterschaft nicht mehr. Erstinstanzliche Gerichte schon.

Wer auf der Internetseite des Bundesgerichts nach der Parteizugehörigkeit der Richterinnen und Richter sucht, wird seit einiger Zeit nicht mehr fündig. In den Porträts fehlt der Hinweis auf die politische Gruppierung, der die 38 Richterinnen und Richter angehören und nahestehen.

Im Internet sind die höchsten Richterinnen und Richter alle parteilos. Wer die Parteizugehörigkeit sucht, hat vielleicht bei Wikipedia Glück. So sieht man dort, dass die aktuelle Präsidentin Martha Niquille der CVP …

Artikel lesen
Link zum Artikel