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Verschwörungstheorien auf YouTube – sehend ins Verderben

Wenn man einen Roboter darauf ansetzt, sich möglichst viele YouTube-Videos hintereinander anzusehen, landet er verlässlich bei Horror und Verschwörungstheorien. Woran das liegt? An uns allen.

Christian Stöcker / spiegel online



Ein Artikel von

Spiegel Online
«Professor Elder, der Erfinder des Audimeters, bereute dessen Effekt schliesslich. Der Rundfunk, sagte er ‹leidet sehr unter dem Missbrauch der Einschaltquoten, und deshalb bin ich nicht allzu glücklich über die Rolle, die ich bei ihrer Einführung gespielt habe.›»

Tim Wu, «The Attention Merchants»

Der Vater meines besten Grundschulfreundes war Pächter einer Autobahnraststätte. Einmal durften wir gemeinsam einen Tag dort verbringen, und einen Teil davon unüberwacht im Lager, einem Paradies für Neunjährige: deckenhohe Stahlregale voller Schokoriegel, Gummibärchen, Lollis, Marshmallows, Kaugummi, Limonadendosen und so weiter. Danach war uns schlecht.

Kinder unbeaufsichtigt in einem Raum voller Süssigkeiten zu lassen, ist keine gute Idee. Man überlässt ihnen auch nicht die alleinige Entscheidung darüber, wie sie sich ernähren wollen, denn bis sich die Erkenntnis einstellt, dass ab und zu mal etwas «Gesundes» dabei sein sollte, wäre es womöglich schon zu spät.

Fressen, fressen, fressen

Nun ernährt sich die Menschheit schon so lange es sie gibt, wir haben also eine gewisse Übung darin. Mit Medien, insbesondere audiovisuellen, ist das anders: Das Fernsehen als Massenmedium gibt es seit den Fünfzigern, Facebook seit 2004, YouTube erst seit 2005. Entsprechend mangelhaft ausgeprägt ist unsere Fähigkeit zum vernünftigen Umgang mit diesen neuen Belohnungsquellen.

Der Gedanke ist nicht neu, ganz im Gegenteil: Jedes Mal, wenn sich ein neues Medium durchsetzt, gibt es moralische Entrüstung, Panik und apokalyptische Warnungen. Sogar vor der hirnzersetzenden Macht des Romans wurde einst ängstlich gewarnt. In den Siebzigern sprach man in gewissen Kreisen ängstlich über «Fernsehsucht», und eben hat die Weltgesundheitsorganisation entschieden, künftig «Videospielsucht» als psychische Störung zu führen.

Unsere Gesellschaften sind nicht schnell genug dabei, in Analogie zu gesunder Ernährung - und selbst darin sind wir bis heute ja ziemlich schlecht - flächendeckend gesunden Mediengebrauch zu etablieren. Also pathologisieren wir die Ausreisser, die es übertreiben: romansüchtig, fernsehsüchtig, videospielsüchtig, internetsüchtig. Das greift immer zu kurz.

Die Maschine sieht uns zu, die ganze Zeit

Die belohnenden Wirkungen von Medieninhalten sind nicht so einfach vorherzusagen wie die von Lebensmitteln. Zucker funktioniert immer, Eltern wissen das. Aber welches Video, welcher Film, welche Art Foto sorgt dafür, dass wir immer mehr wollen? Dass ein möglichst breites Publikum angesprochen und dessen Aufmerksamkeit dann zu Geld gemacht werden kann?

Spätestens seit den Dreissigern wird diese Frage mit wissenschaftlichen Methoden beackert, wie Tim Wu es in seinem eingangs zitierten, lesenswertem Buch über die Geschichte der Werbebranche nacherzählt. Der im Zitat genannte Audimeter, der erste Prototyp eines Quotenmessgeräts, ist heute eine Kuriosität. Online wird nicht anhand einer kleinen Stichprobe extrapoliert, was alle anderen wohl gesehen oder gehört haben. Online wird jeder von uns beim Mediennutzen beobachtet, permanent, detailliert, individuell.

Skrupellose Kindermädchen, die Hände voller Gummibärchen

Plattformen wie YouTube oder Facebook sind wie skrupellose Nannys, die uns ein Gummibärchen nach dem anderen reichen, ein mundgerechtes Häppchen nach dem anderen servieren. Ihr Ziel ist nicht, dass wir gesünder, fitter, kräftiger werden - sondern dass wir nicht aufhören zu essen. Und darin werden sie immer besser, denn sie lernen.

An dieser Stelle wird es für viele Leser vermutlich schwierig, sich vorzustellen, wie sich das genau anfühlt. Menschen - und davon gibt es sehr viele - die beispielsweise YouTube als Unterhaltungskanal verwenden, hangeln sich dort gern von einem Video zum nächsten weiter, manchmal stundenlang. Dabei unterstützt sie der Empfehlungsalgorithmus der Plattform, der immer neue Videos zum Ansehen vorschlägt. Dabei hat er, wie ein ehemaliger YouTube-Entwickler vergangene Woche im «Guardian» berichtete, ein primäres Ziel: die Zeit zu maximieren, die Nutzer weiterschauen. Der Algorithmus optimiert das Angebot für maximale Sehdauer, «nicht für das, was wahr, ausgewogen oder gut für die Demokratie ist», so der ehemalige Entwickler.

Immer extremere, immer abseitigere Inhalte

Dieser Mann, ein Franzose namens Guillaume Chaslot, hat ein Programm geschrieben, um zu testen, wo die Empfehlerei hinführt. Eine Art YouTube-Seh-Roboter, der sich von diversen Ausgangssuchbegriffen durch das Angebot hangelte. Dabei landete er verlässlich bei immer extremeren, immer abseitigeren Inhalten. Oft waren es Videos mit Verschwörungstheorien, und zwar besonders häufig solche, die Donald Trump gut und Hillary Clinton schlecht aussehen liessen. Das hat vermutlich nicht damit zu tun, dass man bei YouTube Trump zum Präsidenten machen wollte - sondern damit, dass besonders emotionalisierende, aufregende, krasse Inhalte eben besonders gut laufen bei YouTube. Und krass können Trump und seine Fans besser als Clinton.

Mein Ex-Kollege Konrad Lischka und ich haben vergangenes Jahr in einem Arbeitspapier zum Thema Algorithmen und Öffentlichkeit theoretisch genau das postuliert, was Chaslot jetzt praktisch gezeigt hat: Die Wechselwirkung algorithmisch optimierter «Iss weiter!»-Plattformen mit unseren ungesunden Medienvorlieben bringt im Zweifel unsere schlimmsten Abgründe zum Vorschein. Bei YouTube laufen Videos über Selbstmordattentäter gut, Horrorversionen von Kinder-Cartoons, Verschwörungstheorien. All das, was man Facebook seit der US-Wahl vorgeworfen hat, trifft auf YouTube mindestens ebenso zu - was daran liegt, dass beide Plattformen von Algorithmen sortiert werden, die auf «Engagement» hin optimieren. Dabei werden verhaltenspsychologische Methoden eingesetzt, die Interaktion ohne Denken möglichst einfach machen sollen.

«Die Maschine war's» oder «das Publikum war's»?

Natürlich gibt es schon lange Medien, denen es primär um Reichweite geht - eine der ersten Billigzeitungen der USA im 19. Jahrhundert machte Auflage mit erfundenen Geschichten über dauergeile Mondwesen. Damals aber mussten Verleger noch raten, welches Gift dem Publikum besonders gut schmecken würde. Heute macht man das empirisch, mit globalen Maschinen, die aus einem ständig wachsenden, kostenlosen Fundus an Schrott und Horror die messbar quotenträchtigsten Häppchen heraussuchen und automatisch servieren. Noch eins und noch eins.

Die Sprecher der betreffenden Unternehmen reagieren auf entsprechende Diagnosen verlässlich mit den zwei gleichen Antworten: «Wir waren's nicht, die Maschine war's» - und «Wir waren's nicht, das Publikum war's». Auf den Hinweis, dass der Empfehlungsalgorithmus offenbar Trump gegenüber Clinton bevorzugte, antwortete eine YouTube-Sprecherin dem «Guardian», das reflektiere eben «das Zuschauerinteresse».

Vermutlich stimmt das sogar. Die digitalen Medienkonsum-Nannys der grossen Plattformbetreiber füttern uns mit dem, was wir augenscheinlich wollen - und führen uns so die Abgründe der Menschheit vor Augen.

Gesund ist das nicht.

Wozu bewusste Fehlinformationen dienen - wir erklären es dir

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Video: watson

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44
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44Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Billy the Kid 13.02.2018 09:18
    Highlight Highlight "Dauergeile Mondwesen"
  • Ökonometriker 12.02.2018 08:03
    Highlight Highlight Wären die Algos wirklich gut, könnte ich es ja verstehen. Leider empfehlen sie stupid immer dasselbe, es wurde ein standard machine learning Algo verbaut. Damit kann man vielleicht eine gewisse Klientel befriedigen - ich aber bin enttäuscht.
    Wenn ich gerade Videos zu einem Thema schaue, möchte ich eigentlich weiterführende Infos zu dem Thema - nicht Videos die dasselbe zeigen und solche, die dasselbe wie ich gestern geschaut habe zeigen.

    Verbaut bitte einen boosting Meta-Algo der Videos nach Themen klassifiziert und mir eine breiter Rundumsicht gibt. Bei Bilderkennung schafft ihr das ja auch.
  • Normi 11.02.2018 21:45
    Highlight Highlight bei diesen 5 mal hatten die Aluhüte recht
    Play Icon
    • Normi 12.02.2018 07:49
      Highlight Highlight Logisch 🙈🙉🙊
  • blaubar 11.02.2018 20:57
    Highlight Highlight Die Frage ist vielmehr, warum gerade jetzt dieser Artikel erscheint. Wer Augen hat, der sehe.
  • blaubar 11.02.2018 20:47
    Highlight Highlight Man beobachte die Choreografie der neusten Angriffe der USA in Syrien (ohne IS) und all die aktuellen Propagandaartikel wie dieser hier. Offenbar will man (der Spiegel) die Leute auf Krieg einstellen.
    Ich möchte einfach warnen. Denkt selber!
    • äti 11.02.2018 23:25
      Highlight Highlight Türkei?
  • Posersalami 11.02.2018 17:08
    Highlight Highlight Die etablierten Medien wie der Spiegel haben halt genügend Lügen und Halbwahrheiten verbreitet. Dazu kommt eine sehr schlechte und parteiische Berichterstattung bei Themen wie Russland, Israel oder der Schwarzen Null.

    Selbst Schuld wenn die Leute das merken und Alternariven suchen.
    • Posersalami 11.02.2018 21:37
      Highlight Highlight 1 Beispiel sollte ausreichen. Falls sie interessiert sind, finden sie selbst genügend weitere Beispiele und zwar nicht nur aus dem Spiegel.

      http://meedia.de/2016/08/30/arrogant-und-unjournalistisch-juergen-todenhoefer-gewinnt-rechtsstreit-mit-dem-spiegel-sein-sohn-rechnet-ab/
    • Posersalami 12.02.2018 11:24
      Highlight Highlight Hier gibts übrigens die neuste mir bekannte Wortverdrehung. "Abwehrangriff", es ist einfach herrlich :D

      http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-usa-bombardieren-assad-treue-truppen-a-1192393.html

      "Die USA beteuern stets, dass sie sich aus dem syrischen Bürgerkrieg heraushalten und nur gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) kämpfen. "

      Klar, darum hocken die USA auch noch in Al-Tanf und blockieren die Strasse Bagdad-Damaskus, obwohl das Gebiet darum weiträumig längst wieder von der SAA freigekämpft wurde.
    • Posersalami 12.02.2018 15:50
      Highlight Highlight Sie fragten nach expliziten Lügen des Spiegels, ich habe eine aktuelle gepostet. Wo ist das Problem?

      Ein Gerichtsurteil gegen den Spiegel der beim Verbreiten von Lügen erwischt wurde reichte ihnen ja nicht.
    Weitere Antworten anzeigen
  • word up 11.02.2018 16:26
    Highlight Highlight flat earth wird wohl an oberster stelle sein... 😂
    • blaubar 11.02.2018 20:55
      Highlight Highlight Du meinst Spiegel online.
  • Majoras Maske 11.02.2018 15:32
    Highlight Highlight Man kann diese Weiterleitfunktion übrigens ausschalten und man wird sie auch nicht vermissen.
  • walsi 11.02.2018 14:47
    Highlight Highlight Stellt sich die Frage, was macht diese Inhalte so viel interessanter als die anderen? Woran liegt es, dass sich die Leute vor solche, falsche, Inhalte interessiert und nicht für die richtigen, wahren, Inhalte?

    Ein Problem bei Verschwörungstheorien ist, dass so manches, das früher als Verschwörungstheorie galt, sich im Nachhinein als wahr herausstellte. Bestes Beispiel die Internetüberwachung der NSA. Alle die vor Snowden behaupteten, dass es so sei, wurde ein Aluhut überreicht und mitleidvoll belächelt.
    • Menel 11.02.2018 15:50
      Highlight Highlight Emotionale "Aufgeladenheit"; unsere Psyche ist süchtig danach. Sachlich, nüchterne Darbietungen dagegen, findet sie eher langweilig.
    • Toerpe Zwerg 11.02.2018 16:23
      Highlight Highlight Nö @ Walsi. Das war schon immer zu vermuten, und es ist auch keine Verschwörung.
    • Rolf_N 11.02.2018 17:13
      Highlight Highlight Internetüberwachung war nie eine Verschwörungstheorie. Wir hatten auch den Fichenskandal. Es war schon seit Ragen bekannt das Geheimdienste alles dürfen ohne irgendeine parlamentarische Kontrolle. Siehe z.B. Executive Order 12333. Und das Internet ist ja geradezu prädestiniert für einfache Datensammlung. Das Ausmass und deren Belege war jedoch neu. Ich denke wie im Artikel beschrieben sind es Emotionen welche das Interesse wecken.
    Weitere Antworten anzeigen
  • derEchteElch 11.02.2018 14:21
    Highlight Highlight Sehr interessanter Artikel. Ich mag mal von mir behaupten, dass ich YouTube ziemlich gut im Griff habe. Autoplay habe ich deaktiviert, dazu ein eigener Google Account der sonst nicht verwendet wird.

    Weniger im Griff hab ich es mit Watson, ich muss überall meinen Senf dazu geben, sei es ein noch so kleinicher Kommentar. Wie hier z.B. bei diesem Artikel.
  • Freilos 11.02.2018 14:01
    Highlight Highlight Es werden auch gerne Katzenvideos geschaut.
    • gummibaum 11.02.2018 17:31
      Highlight Highlight Genau!

      Insbesondere wenn sie mit Musik unterlegt sind..

      Play Icon
    • Juliet Bravo 11.02.2018 19:08
      Highlight Highlight Wie treffend krass, gummibaum. Merci fürs Video
    • DonChaote 11.02.2018 23:35
      Highlight Highlight @gummibaum
      Harte kost, dieses katzenvideo... aber äusserst treffend und wir sind schon mittendrin

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