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Vincent Bollore, CEO of investment group Bollore, poses in a Bluebus electric bus following a news conference in London March 12, 2014. Time-pressed Londoners, better used to squeezing onto trains or dicing with death on bikes, will soon have a new comfier rival to the underground as an electric car club modelled on the popular Parisian scheme is rolled out on the capital's streets.  REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: BUSINESS ENVIRONMENT POLITICS)

Tausendsassa Vincent Bolloré bei einem PR-Auftritt für ein E-Auto-Projekt in England.
Bild: OLIVIA HARRIS/REUTERS

Dieser Franzose schmiedet eine Allianz gegen Netflix, Apple und Co. – mit der Hilfe Berlusconis

US-Konzerne wie Netflix, Amazon oder Apple wollen den europäischen Bewegtbild-Markt erobern. Der Franzose Vincent Bolloré bastelt an einem Bündnis gegen den Angreifer. Mit dabei: der gestürzte italienische Premier Silvio Berlusconi.

Hans-Jürgen Schlamp, Rom



Ein Artikel von

Spiegel Online

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.

Vincent Bolloré stammt aus einer noblen bretonischen Familie, er ist ein Mann mit feinsten Manieren und knallharter Durchsetzungskraft. Sein Vermögen soll bei etwa elf Milliarden Euro liegen, für seine Firmen arbeiten rund 55'000 Menschen. In seinem Reich gibt es einen Werbekonzern, einen Hersteller von Autobatterien und auch viele europäische Häfen unterstehen seinem Kommando.

Vor allem aber ist Bolloré Chef des führenden französischen Medienkonzerns Vivendi. Zu dem gehört zum Beispiel die weltgrösste Plattenfirma Universal Music Group, mit Töchtern wie Polygram, Motown, Deutsche Grammophon. Nebenbei kontrolliert er eines der sechs wichtigen Filmstudios in Hollywood.

Auch das französische Unternehmen Canal+ ist Teil von Bollorés Vivendi-Konzern. Mit mehr als 200 Kanälen ist das Unternehmen einer der Marktführer im europäischen Pay-TV.

Vincent Bollore, chairman of Vivendi and largest shareholder, attends the company's shareholders meeting in Paris, April 17, 2015. Entertainment-to-telecoms conglomerate Vivendi Chairman and main shareholder Vincent Bollore won the right to exercise double voting rights at the company's annual shareholders' meeting on Friday as rebel shareholders failed to win enough votes for their resolution to maintain a one-share-one-vote structure.  REUTERS/Charles Platiau

Gestatten, Vincent Bolloré, Medien-Mogul.
Bild: CHARLES PLATIAU/REUTERS

Aber selbst sein mächtiges Imperium scheint Bolloré noch zu klein, um im anstehenden Kampf mit den Unterhaltungsgiganten aus Amerika zu bestehen. Denn nicht nur Netflix macht den Europäern auf dem Markt für audiovisuelle Produkte wie Film, Fernsehen und Video immer stärker Konkurrenz. Auch US-Riesenkonzerne wie Amazon, Apple und Facebook drängen in das Geschäft.

Der Franzose Bolloré will dagegenhalten – und ist deshalb auf Brautschau im Nachbarland Italien. Oder wie manche Italiener sagen: auf Beuteschau.

Bereits in den vergangenen Monaten hat Bolloré seinen Konzern durch permanente kleinere Zukäufe zum grössten Einzelaktionär von Telecom Italia gemacht. Er hält dort nun ein Viertel der Anteile. Das reichte, um in der Woche vor Ostern den Chef zu feuern, weil dieser zu wenig Gewinn erwirtschaftet und viele Milliarden in den überfälligen Ausbau eines Hochgeschwindigkeitsinternets in Italien stecken wollte. Bolloré sei wohl «mehr an Inhalten als an Leitungen» interessiert, schrieb die französische Zeitung «Le Monde».

Inhalte für einen hungrigen Weltmarkt

Interesse an der italienischen Nummer eins im Telekom-Sektor hat noch ein anderes französisches Unternehmen, der dortige Telekom-Marktführer Orange. Der einstige Monopolist (damals hiess er noch France Télécom) würde gern mit seinem italienischen Pendant zusammengehen, heisst es in der Branche. Bolloré würde das nicht stören, im Gegenteil. Wenn Orange und Telecom Italia sich zusammentun, wären sie EU-Marktführer bei der Verbreitung von bewegten Bildern. Und Bolloré wäre über die Beteiligung an Telecom Italia mit dabei. Die Verbreitung von Filmen, Videos und Internet-Clips wäre gesichert.

Der alte Schwung ist hin, politisch sowieso. Aber auch ökonomisch hat Silvio Berlusconi Probleme. Vor allem das Pay-TV-Geschäft läuft mies ...

Bolloré könnte sich auf die Inhalte und deren Vermarktung über möglichst viele Kanäle kümmern. Er habe «eine Vision», sagen Leute, die ihn kennen. Er wisse, dass mit den Netzen an sich künftig eher wenig zu verdienen sein wird. Das grosse Geld lockt stattdessen bei der Bereitstellung von Produkten für einen hungrigen Weltmarkt.

Und genau da richtet sich der Blick von Monsieur Bolloré auf Silvio Berlusconi. Zu dessen Konzern Mediaset gehören Produktionsfirmen wie Endemol, Videotime und Mediavivere, Werbeagenturen wie Publitalia, Publiespana, Fernsehkanäle in Italien und Spanien, Satelliten- und digitale Kanäle und den Bezahlsender Mediaset Premium. Gemeinsam, so der Gedanke, könnten Mediaset und Vivendi ein beeindruckendes Angebot liefern, das mindestens die europäischen Konkurrenten schrecken dürfte.

epaselect epa04864408 A picture made available on 29 July 2015 shows pedestrians passing graffiti including a prominent smiling face of billionaire Italian media mogul and former Prime Minister Silvio Berlusconi over the words Fifty Shades of Berlusconi, in a busy street in Bangkok, Thailand, 28 July 2015. Berlusconi's scandal-filled career includes sentencing this month to a three-year jail sentence in a three-million-euro (3.3-million-dollar) political corruption case. Among other legal cases in 2013, at the end of a 13-year legal saga he was judged guilty of engineering a multimillion-euro tax avoidance scheme benefitting his family media firm, Mediaset and given a four-year jail term, cut to less than a year of community service due to several amnesty laws. In March, after a first guilty ruling that was overturned in two appeal trials, Berlusconi was cleared of charges of soliciting sex from a minor and abusing his position as prime minister to cover up the affair.  EPA/BARBARA WALTON

Auch in Bangkok kennt man den italienischen Milliardär.
Bild: BARBARA WALTON/EPA/KEYSTONE

Berlusconi ist angeschlagen

Die Situation für einen Zusammenschluss wäre günstig, denn Firmenpatriarch Berlusconi ist müde. Der alte Schwung ist hin, politisch sowieso. Aber auch ökonomisch hat er Probleme. Vor allem das Pay-TV-Geschäft läuft mies, obwohl er für sechs- bis siebenhundert Millionen Euro Fussballrechte eingekauft hatte, um mehr Kunden anzuziehen. Altbewährte Steuerspartricks klappen nicht mehr. Deshalb ist Sohn Pier Silvio, nominell Chef bei Mediaset, jetzt gerade zu 14 Monaten Haft verurteilt worden, natürlich auf Bewährung.

Noch kann der Milliardär sich die 75 Millionen Euro leisten, die sein geliebter, aber erfolgloser Fussballclub AC Milan pro Saison verschlingt. Aber es wird enger. Da kommen die Avancen aus Frankreich genau zur richtigen Zeit.

Eine Fusion wäre für beide von Vorteil. Bolloré könnte seinen expansiven Feldzug fortsetzen. Berlusconi hätte zwar nicht mehr viel zu sagen. Aber was soll's? Er wird im September 80 und weiss wohl, dass seine fünf Kinder ohne ihn das Medienimperium zügig herunterwirtschaften könnten.

Schon eine enge Kooperation der beiden Marktgrössen hätte weit über die italienisch-französischen Grenzen hinaus enorme Wirkung.

Viel Geld muss bei dem Geschäft nicht einmal fliessen. Für das Mediaset-Aktienpaket, das Berlusconi Bolloré überliesse, bekäme er entsprechende Anteile am neu gebildeten Unternehmen. Die sind sicherer und profitstärker als seine.

Während italienische und französische Medien über den Deal schon wie beschlossen berichten, dementieren die mutmasslichen Akteure – wenn auch halbherzig. Er sei mit Bolloré «seit Jahren befreundet», erzählte Berlusconi neulich im Radio. Der habe schon seit Längerem «Interesse an unserer Fähigkeit, Fernsehprodukte, Formate zu produzieren». Möglicherweise finde man ja «Formen einer Zusammenarbeit».

Schon eine enge Kooperation der beiden Marktgrössen hätte weit über die italienisch-französischen Grenzen hinaus enorme Wirkung. Ein grosser Teil der europäischen Film- und Fernsehbranche wäre von «Vivendi plus Mediaset» abhängig. Die anderen Marktteilnehmer müssten reagieren, weitere Kooperationen oder Fusionen stünden an. Und der Raum für kleinere Anbieter würde noch enger. Vincent Bolloré würde das wohl nicht stören.

Zusammengefasst:
Der Franzose Vincent Bolloré ist nicht nur der Chef des Medienkonzerns Vivendi. Er bastelt auch an einem europäischen Megakonzern, der den US-Angreifern Netflix, Amazon und Apple im Geschäft mit Bewegtbildern Paroli bieten soll. Damit das gelingt, ist er unter anderem auf Silvio Berlusconi und dessen Mediaset-Konzern angewiesen.

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