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«WuzzUp»-Macher Philipp Betz

Wie die Popstars aus den Kinderzimmern mit YouTube Millionen verdienen

YouTube-Videos über YouTube-Videos. Mehr als 400'000 Abonnenten gefällt das. Als MrTrashpack berichtet Philipp Betz aus einer Parallelwelt. Er ist längst nicht der einzige, der eine Karriere aus YouTube-Videos gemacht hat.

01.03.15, 20:49 02.03.15, 12:45

Ole Reissmann 



Ein Artikel von

«Was geht ab, Freunde des Internets, willkommen zu WuzzUp.» MrTrashpack, der eigentlich Philipp Betz heisst, begrüsst die Zuschauer seiner wöchentlichen Sendung. In roter Kapuzenjacke steht der 25-Jährige vor der Kamera und rattert herunter, was in der YouTube-Welt gerade los ist: Y-Titty sagen ihre Tour ab, um sich auf ihren Kinofilm zu konzentrieren. ELoTRiX erreicht eine Million Abonnenten. Liont veröffentlicht sein Lied «Doppelkinn». Alles klar?

Fünf Minuten Wort-Staccato, jede Atempause rausgeschnitten. Nachrichten aus dem Paralleluniversum YouTube. Wo völlig normale Teenager banale Geschichten aus ihrem Leben erzählen, Nagellack von Rossmann für 1.49 Euro testen und sich stundenlang beim Computerspielen zusehen. Wo Kids sich ihr eigenes Programm machen, Webcam an und los: Medienrevolution aus dem Kinderzimmer.

Philipp Betz ist MrTrashpack: YouTube-Videos über YouTube. gif: YouTube/MrTrashpack

Tausende stellen sich vor die Kamera, einige von ihnen schaffen es zum Superstar. Ihre wichtigste Währung: Abonnenten. In Deutschland bringen es 74 YouTube-Kanäle auf mehr als eine halbe Million. Auf Fantreffen fallen aufgeregte Teenager in Ohnmacht, das Fernsehen ruft an, es regnet Werbegelder. Erik Range, der als Gronkh auf YouTube neue Spiele zeigt, verdient angeblich mehr als 70'000 Euro im Monat.

Das Mediakraft-Imperium

YouTuber sind die neuen Popstars, und MrTrashpack ist ihre «Bravo». Er ist da so reingeraten. Nach der Schule in Bremen geht Betz zu Rewe. Drei Jahre Ausbildung. Schon nach dem ersten Jahr weiss er: Das ist es nicht. In seiner Freizeit klickt er sich durch YouTube. In den USA bringt die Videoseite erste Stars hervor, das fasziniert ihn.

2010 lädt Betz seine ersten Videos hoch. Steckt sich die Haare hoch, spielt Monika, lispelnd und schwer von Verstand. «Ich habe Comedy-Videos gemacht. Die waren aber unglaublich schlecht.» Dann gehen ihm die Ideen aus. Singen kann er auch nicht, also redet er eben über YouTube. Wer mit wem, seht mal hier. Die Szene wächst, seine Zugriffe steigen. «Ich habe mein Ding gefunden, mein Baby.» Reporter statt Rewe.

«Vielen fehlt die Fantasie, wie gross das alles wird.»

Christoph Krachten, Mediakraft

Im Sommer treffen sich 400 YouTuber auf der Spielemesse Gamescom in Köln. Schon damals dabei: LeFloid mit seinen Spassnews und Kosmetik-Guru Sami Slimani, heute beide Abo-Millionäre. Die Idee zu den Videodays kommt von Betz, um die Organisation kümmert sich Christoph Krachten. Der gründet wenig später Mediakraft und nimmt andere YouTuber unter Vertrag und hilft bei der Vermarktung. Betz zieht von Bremen nach Köln, um bei Mediakraft zu arbeiten. Ein paar Monate geht das gut.

Mit Modefragen ist die Berlinerin Nilam Farooq ein YouTube-Star geworden. Auf ihrem Kanal daaruum gibt sie Schminktipps und testet Kayal. Die Videos von daaruum wurden mehr als 57 Millionen mal aufgerufen, sie gehšrt dem Mediakraft-Imperium an.

Nilam Farooq ist daaruum: Seit fünf Jahren dabei, fast eine Million Abos. bild: youtube

«YouTube ist mein Job»

Krachten macht Mediakraft zum grössten deutschen YouTube-Netzwerk, nimmt 2600 YouTuber unter Vertrag, beschäftigt 130 Mitarbeiter. Zu den Videodays kommen mittlerweile 15'000 Besucher. Zeitweise soll Mediakraft 58 Millionen Euro wert sein. Aber die Gründer wollen nicht verkaufen. Sie wollen das Fernsehen überleben. «Vielen fehlt die Fantasie, wie gross das alles wird», sagt Krachten in einem Interview.

Doch Ende 2014 bekommt das Imperium Kratzer: LeFloid und andere Stars suchen das Weite. Sie sind jetzt stark genug. Sie brauchen Mediakraft nicht mehr. Einer der Abtrünnigen, Simon Unge, beklagt sich öffentlich über mangelnde Unterstützung. Als er einen neuen Kanal aufmacht, folgen ihm seine zwei Millionen Abonnenten. Krachten verlässt seine Firma.

Unges Abschiedsrede

video: youtube/ungefilmt

Betz hält es nicht lange bei einem Netzwerk. 2012 unterschreibt er bei Divimove und geht nach Berlin. Für seine Nachrichtensendung «WuzzUp» hat er jetzt ein Studio. Für ein paar Minuten Sendung nimmt er eine halbe Stunde auf. Danach sitzt er fünf Stunden und mehr am Schnitt. An den Tagen davor sucht er die Themen: «YouTube ist mein Job.»

Fanatische Follower

Mit den Abonnenten steigt sein Wert. 2014 geht er zu Endemol, dem Fernsehkonzern hinter «Big Brother» und «Wer wird Millionär?». Die Internet-Tochter Endemol Beyond sitzt in Berlin zwischen Universal Music und MTV an der Spree. Hier hat Betz einen Arbeitsplatz. Er ist nun Profi, aber immer noch ein bisschen verpeilt. «WuzzUp» erscheint manchmal einfach einen Tag später.

Ein weiterer Mediakraft-Kollege ist Florian Mundt. Auf seinem Kanal LeFloid präsentiert er skurrile News und lockt damit jede Woche 461.000 Abonnenten auf YouTube. In Zukunft sollen seine Filme im Berliner Studio von Mediakraft Networks gedreht werden.

Florian Mundt ist LeFloid: Lieber ohne Mediakraft unterwegs. screenshot: youtube

Die YouTuber mit ihren Hunderttausenden, zum Teil fanatischen Followern sind ein Phänomen. Wer in der Szene gross geworden ist, gilt als liebenswerter Kumpel – obwohl längst Klickoptimierung und Geschäft im Vordergrund stehen. ZDF-Moderator Jan Böhmermann sieht keinen Unterschied mehr zu anderen Stars: «Dieselben Manager, dieselben Vertriebsmodelle, das sind nur keine Plattenfirmen und Fernsehsender mehr, sondern Mediakraft und andere Agenturen.»

LeFloid zur Impflicht

video: youtube/lefloid

Etwas ist doch anders: Versuchen sich Aussenstehende an YouTube, so wie gerade der WDR mit seinem Kanal «3sechzich», wirkt das schnell aufgesetzt. «Es gibt schon sehr, sehr schlechte Kanäle von Fernseh- oder Radiosendern», sagt Betz. «Ich finde es peinlich, wenn die meinen, sie müssten jetzt hip sein.» Die Generation YouTube macht sich ihre Unterhaltung lieber selbst.

«Live ist der neue Shit»

Nach vier Jahren «WuzzUp» leidet allmählich Betz' Begeisterung: «Die Videos gehen mir teilweise auf den Sack, weil es immer das Gleiche ist.» Beauty, Comedy, Let's Play, viel mehr Variationen gebe es nicht. Aber er hat schon einen neuen Trend ausgemacht: «Live ist der neue Shit im Internet.» Zum Beispiel Twitch, wo Zehntausende Nutzer Computerspielern live über die Schulter schauen.

Oder YouNow: Teenager schalten ihre Webcam ein, die Zuschauer stellen Fragen im Chat. Abhängen, Musik hören, herumblödeln, alles ungefiltert und ungeschnitten. Weil eine Alterskontrolle fehlt, warnen Pädagogen und Datenschützer vor der Seite. Wer auf YouNow erfolgreich ist, wird an den Einnahmen beteiligt. Zuschauer können ihren Stars virtuelle Geschenke machen – gegen echtes Geld. Es ist dasselbe Prinzip wie bei Sexcams, nur ohne Ausziehen: Gekaufte Nähe.

Teenager auf YouNow: Live aus dem Kinderzimmer. screenshot: younow

Auch Betz ist auf YouNow. Neulich hat er sich mit seinen Berliner Freunden getroffen, vor laufender Kamera. Mehr als drei Stunden dauerte die Sendung, zeitweise sassen zehn YouTuber zusammen. Erst lernten sie, aufwendige Clips zu produzieren, nun geben sie sich wieder echt banal. Ob das mehr als nur eine kurze Modeerscheinung ist? MrTrashpack bleibt dran.

«Wir sehen uns beim nächsten Video wieder, bis dahin: Peace und out, eine grandiose Zeit auf YouTube.»

MrTrashpack ist einer von 17 digitalen Medienmachern, die das Uni-Projekt #DigHeads vorstellt. Noch mehr Porträts auf digheads.de.

Wie schlagen sich YouTube-Stars gegen die alternden TV-Promis?

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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