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US-Dissident DeHart

Vom Elitekämpfer zum Staatsfeind

Matthew DeHart diente in der US-Nationalgarde, bis er Zeuge von CIA-Operationen wurde. Er schloss sich dem Hacker-Kollektiv Anonymous an, wurde vom FBI verfolgt und floh nach Kanada. Nun drohen ihm Auslieferung und 25 Jahre Haft.

Holger Stark, Toronto/Spiegel Online

Ein Artikel von

Spiegel Online
Matthew DeHart

 Matthew DeHart: Spross einer Militärfamilie. Bild: Peter J. Thompson/ National Post

Er sitzt mit zwei Mördern in einer Gefängniszelle. Für einen US-Amerikaner, der in Kanada um Asyl gebeten hat, ist das ungewöhnlich. Aber an der Geschichte von Matthew DeHart, 30, ist vieles ungewöhnlich.

Zwei Wärter führen den Häftling in den Besucherraum des Detention Centers, eines Gefängnisses am Stadtrand von Toronto. DeHart trägt einen orangefarbenen Overall wie die Gefangenen auf Fotos von Guantanamo. Sicherheitsglas trennt die Insassen von den Besuchern, die Wände sind gefliest wie in einem Schwimmbad, Deckenlampen verbreiten grelles Neonlicht. DeHart darf mit Besuchern über einen Telefonhörer sprechen, sie haben ihm 20 Minuten gegeben, dann werden sie ihn zurück in seine Zelle führen.

«Es ist schwer, hier Ruhe zu finden», sagt DeHart. «Nachts kommen die Wärter alle 15 Minuten und machen das Licht zur Kontrolle an.» Er lallt, als hätte er zu viel getrunken. Vor einiger Zeit hatte er sich im Gefängnis ein T-Shirt über den Kopf gezogen und sich damit stranguliert, bis er das Bewusstsein verlor. Er sagt, er habe damit gegen seine Behandlung protestieren wollen. Danach wurde er mit einem Valiumpräparat sediert. Zum Schlafen erhält er Seroquel, ein Antidepressivum, das bei bipolarer Störung gegeben wird.

Matthew DeHart stammt aus einer Militärfamilie, er hat zweimal George W. Bush gewählt und diente in einer Eliteeinheit der Nationalgarde. Aber als der Sicherheitsapparat nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 zu wuchern begann wie Metastasen, wuchsen seine Zweifel, bis er die Seiten wechselte.

DeHart ist Teil jener Generation von Digital Natives, zu der auch Chelsea Manning und Edward Snowden gehören. Sie wuchsen mit dem libertären Geist des Internets auf und glaubten an das Aussergewöhnliche Amerikas. Sie waren ein Rädchen im System, bis sie das Ausmass des Überwachungsstaates verstanden, hinter dem das Ideal der Freiheit verblasst ist.

Heute versteht sich DeHart als Dissident und politischer Flüchtling, dessen Geschichte viel darüber erzählt, wie unerbittlich die USA ihre Gegner verfolgen. Gerade lehnten die kanadischen Behörden seinen Antrag auf Asyl ab, für Ende der Woche ist seine Auslieferung geplant, ihm droht ein Aufsehen erregender Prozess. Vor Gericht wird es um Drohnen, die gezielten Tötungen der CIA und um 25 Jahre Gefängnis gehen.



Toronto im Frühsommer 2014, ein Studentenheim im Westen der Stadt, ein paar Wochen vor seiner Festnahme: Die DeHarts haben hier nach ihrer Flucht nach Kanada ein schmales Zwei-Zimmer-Apartment bezogen, Matthew, seine Mutter Leann und sein Vater Paul. Die Wände sind unverputzt und nackt, im Zimmer stehen 25 leere Dosen mit Monster-Limonade, in der Küche liegt ein Pizzakarton.

DeHart klettert auf das Bett, stellt einen Lautsprecher auf den Fenstersims und macht laute Musik an. «Nimmst du den Ventilator für die Tür?», fragt sein Vater. DeHart nickt und befestigt einen Ventilator mit weissem Klebeband am Türrahmen. Es rauscht jetzt wie beim Friseur.

Die Geräusche sollen verhindern, dass die Geheimdienste mithören können

«Amerika ist zu einem Ort des Misstrauens geworden», sagt DeHart.

Er trägt eine blaue Sonnenbrille, seine Haare fallen verwuschelt ins Gesicht, er sieht aus wie Liam Gallagher, der Sänger der britischen Band Oasis. DeHart schiebt sein rechtes Hosenbein hoch, ein schwarzes Fussband mit einem Sensor umschliesst den Knöchel, eine elektronische Fussfessel. Die Kanadier haben ihm verboten, die Wohnung zu verlassen. Ein paar Wochen später wird ihn die Polizei festnehmen, weil er sich auf dem Flur aufgehalten hat, ausserhalb des erlaubten Radius.

Die DeHarts sind Teil des amerikanischen Traums, eine Einwandererfamilie aus Polen und Litauen, die seit drei Generationen im US-Militär dient. DeHarts Eltern Paul und Leann lernen sich 1977 während der Armeeausbildung in Fort Hood, Texas, kennen. Ein Jahr später werden sie bei einer Einheit des Militärgeheimdienstes im pfälzischen Idar-Oberstein stationiert, ihr Auftrag lautet, Telefongespräche und Funksprüche im Ostblock zu überwachen. Sie sind stolz darauf, der Vorposten gegen den Bolschewismus zu sein.

Matthew DeHart

Matthew DeHart: 97 von 100 möglichen Punkten.

1984 wird Paul DeHart zur NSA versetzt, in die Zentrale nach Fort Meade, eine knappe Autostunde nordöstlich von der Hauptstadt Washington. Sein neues Aufgabengebiet ist der Pazifik, sein wichtigstes Ziel China. Im selben Jahr wird Matthew DeHart in einem Militärkrankenhaus geboren.

Zwei Jahre später zieht die Familie nach Hawaii, wo neben einem Ananasfeld auf Oahu die Pazifik-Niederlassung der NSA versteckt ist; knapp 30 Jahre später wird dort auch Edward Snowden arbeiten und den Komplex weltberühmt machen. Manchmal nimmt Paul DeHart seinen Sohn mit zur Arbeit. «Ich bin faktisch auf Militärbasen und Geheimdienststützpunkten aufgewachsen», sagt Matthew DeHart. «Ich fand das cool.»

Die DeHarts sind Patrioten, sie glauben an Familie, Amerika und das Militär. 

Aber noch mehr glauben sie an Gott und die christliche Lehre der Vergebung. Nachdem sich Paul DeHart 1994 pensionieren lässt, zieht die Familie nach Randolph, New Jersey, eine Kleinstadt eine knappe Stunde entfernt von New York. Paul DeHart beginnt eine Ausbildung zum Pfarrer, er predigt sonntags von der Kanzel seiner Gemeinde, er sagt, der Glaube an Gott definiere die Familie.

Auf Matthews neue Schule gehen viele Söhne von Wall-Street-Brokern, einer von ihnen ist Mitglied in einer bekannten Hackergruppe. DeHart hört fasziniert, was mit Computern alles möglich ist. Er leidet seit seiner Kindheit am Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom und gelegentlichen Depressionen. Die Welt der Bits und Bytes erlaubt ihm die Flucht aus dem wirklichen Leben. In seiner Freizeit beginnt er zu programmieren. Er ist talentiert. Eines seiner ersten Programme ist ein Skript, das andere Nutzer aus dem Netzwerk von AOL schmeisst. DeHart ist begeistert.

Nach dem Highschool-Abschluss jobbt er eine Weile, aber als ihn ein Rekruteur der Armee in Indiana anspricht und zu einem Aufnahmetest überredet, trifft er eine fatale Entscheidung: Er schreibt sich bei der Armee ein. Bei dem Test erzielt DeHart 97 von 100 möglichen Punkten, ein herausragendes Ergebnis, mit dem er sich seine Einheit aussuchen darf. Im Februar 2008 beginnt er als Nachrichtendienstoffizier bei der Air National Guard, auf dem Luftwaffenstützpunkt Terre Haute in Indiana.

Das Hulmann Field bei Terre Haute liegt am Highway 70, westlich von Indianapolis, wo Amerika flach ist und weit. Auf dem Luftwaffenstützpunkt ist eine Geheimdiensteinheit der Air National Guard stationiert. Matthew DeHart ist jetzt ein Geheimdienstoffizier, mit Zugang zum internen Computernetz der US-Regierung.

In Terre Haute laufen die Livebilder von US-Drohnen des Typs «Predator» ein, Aufnahmen aus Krisengebieten wie dem Jemen, Afghanistan oder Pakistan. DeHarts Aufgabe ist es, die Drohnen zu steuern. Er fühlt sich wichtig, als Teil von etwas Grösserem.

Doch dann tauchen die Schattenmänner von der CIA auf. 

Nach seinem Wahlsieg 2008 hatte Präsident Barack Obama versprochen, den Krieg im Irak zu beenden, aber er hatte auch angeordnet, die Drohnenangriffe auf al-Qaida zu intensivieren. Die CIA spielt eine zentrale Rolle in diesem Krieg gegen den Terror, und sie führt ihn von Drohnen-Stützpunkten wie Terre Haute aus, wo jetzt zweimal am Tag Flugzeuge ohne Markierung landen, aus denen Männer ohne Namen steigen.

DeHart und die anderen Soldaten dürfen von nun an nicht mehr unbegleitet über die Basis laufen, sie müssen ihre Handys an der Pforte abgeben und sich besonderen Überprüfungen unterziehen. Die CIA-Angehörigen schweigen über ihre Missionen, aber DeHart findet heraus, was geschieht.

Die tödlichen Operationen des Geheimdienstes sind bis heute hoch umstritten. DeHart behauptet, die CIA habe Luftschläge auch dann durchgeführt, wenn eine dichte Wolkendecke die Sicht verdeckt habe.

FILE - In this Jan. 31, 2010, file photo, an unmanned U.S. Predator drone flies over Kandahar Air Field, southern Afghanistan on a moonlit night. The Obama administration is amending its regulations for weapons sales to allow the export of armed military drones to friendly nations and allies. The State Department said Tuesday, Feb. 17, 2015, the new policy would allow foreign governments that meet certain requirements — and pledge not to use the unmanned aircraft illegally — to buy the vehicles that have played a critical but controversial role in combating terrorism and are increasingly used for other purposes.  (AP Photo/Kirsty Wigglesworth, File)

Predator-Drohne der US-Armee: Luftschläge trotz dichter Wolkendecke? Bild: Kirsty Wigglesworth/AP/KEYSTONE

Infrarotbilder und vage Bestätigungen von Informanten vor Ort hätten ausgereicht, um die Raketen abzufeuern. Die CIA habe den Tod Unschuldiger in Kauf genommen. «Sie wussten, dass dabei Kinder sterben, das war der Moment, der bei mir vieles veränderte», sagt er. «Ich dachte, ich helfe bei Aufklärungsflügen. Ich wollte nicht Teil von gezielten Tötungen Unschuldiger sein.»

In DeHart ringen der Soldat und der Kriegsgegner. 

Bis zu diesem Moment habe er den Beruf des Soldaten als Ehre empfunden, sagt Matthew DeHart. «Meine ganze Familie war ja beim Militär.» Aber er schläft jetzt schlecht.

Als Manning vom Ausmass des Krieges im Irak erfuhr, schickte er Militärdokumente und diplomatische Depeschen an WikiLeaks. Als Snowden die Dimension der Überwachung durch die Geheimdienste erkannte, flüchtete er mit Akten der NSA nach Hongkong. Matthew DeHart entscheidet sich für einen dritten Weg: den Widerstand.

In jenen Jahren formiert sich im Internet eine globale Protestbewegung, für die das Netz ein staatsfreier Raum sein soll. Ein Teil davon ist das Anonymous-Netzwerk, eine Art schwarzer Block des Internets, dessen Anhänger die Server von Scientology und Grossbanken lahmlegen. Ein paar von DeHarts alten Freunden sind bei dem Hacker-Kollektiv aktiv. Sie stehen den multinationalen Firmen skeptisch gegenüber und betrachten es als zivilen Ungehorsam, deren Server zu blockieren. DeHart hat Anonymous schon länger unterstützt, er wird ein Teil dieser Bewegung.

Bei Ruby's Kostümladen in New York bestellt er vier Masken von Guy Fawkes, jenes dauerlächelnden englisch-katholischen Offiziers, der im 17. Jahrhundert ein Attentat auf den König geplant hatte und dessen Konterfei zum Symbol von Anonymous geworden ist. DeHarts Widerstand hat jetzt ein Gesicht.

Tagsüber ist er ein Geheimdienstmann, abends ein subversiver Aktivist. 

Im Frühjahr 2009 bittet ihn sein Vorgesetzter auf der Militärbasis zu einem Gespräch – angeblich ein Drogentest. Doch der Offizier kommt schnell zur Sache. Er spricht DeHart auf die Hyperaktivität und Depressionen an, die der junge Mann bei Dienstantritt angegeben hatte, die aber bislang nie ein Problem waren. Die Armee könne ihm nicht länger den Zutritt zur Basis erlauben, sagt der Offizier. Er bietet ihm einen Deal an: ehrenhafte Entlassung mit Abfindung, wenn er Stillschweigen bewahre. Die Soldaten haben offenbar herausgefunden, was er in seiner Freizeit tut. DeHart lehnt ab.

«Wenn ich das Angebot angenommen hätte, hätte ich nie über das reden dürfen, was ich gesehen habe», sagt er. «Ich hätte mich nicht wehren können.» Die Armee entlässt ihn dennoch, ohne Abfindung. DeHart sucht nach Worten, die seine Haltung beschreiben, dann sagt er: «Im Sommer 2009 wurde ich zum Militanten.»

Bild: Reuters

Gemeinsam mit seinen Freunden von Anonymous wendet er sich an WikiLeaks. Die Anonymous-Aktivisten betreiben seit einiger Zeit einen Server namens «The Shell», auf dem man Dateien hochladen kann, Musik, Filme, vertrauliche Akten. Nun kopieren sie die WikiLeaks-Dokumente und werben für neue Einsendungen.

«Wir wollten die Geheimnisse der US-Regierung offenlegen und zeigen, was in unserer Gesellschaft wirklich passiert», sagt er.

Das Dokument, das im September 2009 anonym auf ihrem Server eingeht, verändert alles. Es ist nach DeHarts Angaben unkomprimiert etwa 370 Megabyte gross, angeblich eine Ermittlungsakte des FBI, und wenn es stimmt, was DeHart und eine zweite Person sagen, die das Dokument gelesen haben, dann enthält es einen ungeheuerlichen Verdacht gegen die CIA:

Angeblich ist der Geheimdienst in ein grosses Verbrechen verstrickt. 

«Es war wie im Krieg», sagt DeHart. «Vorher redest du viel darüber, aber wenn du in ein Gefecht gerätst, bekommst du wahnsinnig Angst.» Nach zwei Tagen nehmen sie das Dokument aus dem Netz, aber es ist zu spät.

Die Ermittler kommen an einem Montag Ende Januar 2010 gegen 7.30 Uhr, sechs oder sieben Männer in marineblauen Jacken mit drei weissen Buchstaben drauf: FBI. Sie durchsuchen das Haus der DeHarts in Newburgh, Indiana, wo die Familie mittlerweile wohnt, und beschlagnahmen 414 CDs, neun Computer, USB-Sticks und ein Handy. Die Geheimakte finden die Ermittler nicht.

In jener Zeit habe «das FBI ein erhöhtes Interesse an Anonymous gezeigt», sagt Gabriella Coleman von der McGill-Universität, die zu der Protestbewegung forscht. Die Ermittler hätten versucht, die Aktivisten hinter den Server-Blockaden und Hackerangriffen zu verhaften. Von jetzt an ist es kein Spass mehr.

Im Durchsuchungsbefehl, den das FBI zurücklässt, steht: Verdacht des Besitzes von Kinderpornografie. 

DeHart und zwei Freunde sollen gechattet und sich anzügliche SMS geschickt haben. DeHart soll sich dabei als Frau ausgegeben und die zwei aufgefordert haben, Nacktbilder zu schicken. Aber in allen Vernehmungen, die nun folgen, fragen die FBI-Angehörigen nur nach Anonymous, nach WikiLeaks und nach Spionage.

Nach der Razzia trifft DeHart eine Entscheidung, die im Hauptquartier des FBI hektischen Alarm auslöst.

Die russische Botschaft an der Wisconsin Avenue in Washington besteht aus zwei wuchtigen Klötzen aus Beton und gebürstetem Edelstahl, die gesichert sind wie eine Festung. Wer das Gelände betritt, muss eine Schleuse aus mehreren Türen und einen Metalldetektor passieren. An einem Montagmorgen im Februar 2010 passiert Matthew DeHart um kurz nach 8 Uhr die Schleuse, zieht am Empfang seinen Militärausweis vor und sagt:

«Ich möchte über eine mögliche Kooperation reden.» 

Nach ein paar Minuten Wartezeit empfängt ihn ein Mann, der sich als «Evgeny» vorstellt. Der Russe führt ihn in einen abhörsicheren Raum und beginnt, präzise Fragen zu stellen. DeHart berichtet von der Drohnenbasis und der CIA, er spricht über Anonymous und die Hausdurchsuchung. Er sagt, er sei bereit, mit Amerika zu brechen und nach Moskau zu ziehen, wenn sie ihm dort Arbeit vermitteln würden. Sie reden, bis es dunkel wird.

«Evgeny» macht ihm ein Angebot. Er könne ihn nach Moskau bringen. Aber vorher müsse er sämtliche Informationen liefern. DeHart lehnt ab. Zum Abschied gibt ihm «Evgeny» eine Telefonnummer mit, für den Fall, dass er sich anders entscheidet. Von jenem Tag gibt es ein Observationsfoto des FBI. Es zeigt DeHart vor der Botschaft.

Am nächsten Morgen klingelt er bei der venezolanischen Botschaft, das gleiche Spiel, Fragen, Antworten. Ob die Venezolaner in der Lage seien, ihm einen Job in Caracas zu verschaffen? Dafür müsse er nach Caracas kommen.

Heute begründet DeHart die Liebelei mit Amerikas Feinden damit, dass er für sich keine Perspektive mehr in den USA gesehen habe. Er habe sein Wissen gegen einen Neuanfang als Computerspezialist eintauschen wollen. Aber er habe nicht vorgehabt, zum Überläufer zu werden. «Es ist eine Sache, ein Whistleblower zu sein, aber es ist etwas anderes, Staatsgeheimnisse zu verkaufen», sagt er. «Damit hätte ich alles verraten, wofür meine Familie steht.»

Zurück bei seinen Eltern entscheidet sich DeHart für eine andere Art von Neuanfang. In den USA ermittelt das FBI gegen ihn, er hat seinen Job verloren, und seine Freunde bei Anonymous sind abgetaucht. Aber nur ein paar Hundert Meilen nördlich von seiner Heimat scheint ein neues Leben möglich – in Kanada. Im Sommer 2010 schreibt sich DeHart in Montreal für einen Sprachkurs ein, er möchte Französisch lernen und eine Ausbildung als Schweisser beginnen. Kanada soll für ihn die Zukunft sein.

The Canadian Imperial Bank of Commerce (CIBC) headquarters honoured Montreal Canadiens NHL legend Jean Beliveau, by lighting up his jersey number 4 on their building in downtown Montreal, Quebec, in this December 6, 2014 handout provided by CIBC. Regarded as one of the NHL's all-time greats, center Jean Beliveau, who totaled 1,219 points in 1,125 NHL games, all with the Montreal Canadiens, passed away December 2 at age 83. Picture taken December 6, 2014. REUTERS/Christinne Muschi/CIBC/Handout via Reuters  (CANADA - Tags: OBITUARY SPORT ICE HOCKEY CITYSCAPE)

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AP Downtown Montreal: Matthew DeHart hofft auf eine Zukunft. Bild: HANDOUT/REUTERS

Anfang August 2010 will er für ein paar Tage zurück in die USA, ein Studentenvisum beantragen. Er passiert die Grenze am 6. August 2010 um 8 Uhr morgens. Beamte halten ihn schon am Grenzübergang fest. Kurz darauf fährt das FBI in mehreren schwarzen Geländewagen mit abgedunkelten Scheiben vor.

«Es geht um die nationale Sicherheit», sagt einer der FBI-Beamten und legt DeHart Handschellen an. DeHart antwortet, er berufe sich auf sein Recht zu schweigen. Dann werde er für den Rest seines Lebens ins Gefängnis gehen, droht der Polizist nach DeHarts Erinnerung.

Sie bringen ihn in ein Vernehmungszimmer und setzen ihn auf einen Stuhl wie beim Zahnarzt. Sie legen ihm einen Tropf und verabreichen ihm laut dem medizinischen Protokoll, das dem «Spiegel» vorliegt, das Psychopharmakum Thorazine, das stark sedierende Wirkung hat. Er darf keinen Anwalt anrufen. Während der Vernehmung halten ihm die Beamten etwa 30 Namen von Anonymous-Aktivisten vor und fragen nach WikiLeaks und den Russen. Im Protokoll wird später stehen, das FBI habe ihn in einer «Spionageangelegenheit» vernehmen wollen.

DeHart hält dem Druck und den Drogen nicht stand. Er bricht zusammen. 

Die nächsten 20 Monate verbringt DeHart in Gefängnissen in Brooklyn, Memphis, Oklahoma und schliesslich in Kentucky. Seine Anwälte drängen darauf, die Vorwürfe zu präzisieren, aber die Staatsanwälte weigern sich, eine Anklage vorzulegen. Im Mai 2012, nach gut eineinhalb Jahren Untersuchungshaft, stellt die zuständige Richterin den Ermittlern ein Ultimatum. Nachdem die Staatsanwälte keine neuen Beweise vorlegen, kommt DeHart unter Auflagen frei. Als das Justizministerium seine erneute Festnahme fordert, fliehen die DeHarts nach Kanada und beantragen Asyl.

Matthews Vater Paul sitzt in der Küche der Studentenwohnung in Toronto, ein kleiner, untersetzter Mann mit einem graumelierten Kinnbart. Er ist mit diversen Medaillen ausgezeichnet worden, vor seiner Pensionierung lehrte er an einem Militärkollege in Alabama. «Nach dem Massaker von My Lai in Vietnam haben wir gelernt, dass unsere Armee Offiziere braucht, die verantwortungsvoll handeln und hinterfragen, was sie tun», sagt Paul DeHart. So habe er auch seinen Sohn erzogen.

Nach dem Ende des Kalten Kriegs hätten die USA eine andere, bessere Welt aufbauen können, glaubt er, aber sie hätten diese Chance vergeben, sie hätten den Irak angegriffen, zu foltern begonnen und Menschen mit Drohnen liquidiert.

«Seit dem 11. September 2001 sind wir auf einem Weg, der nicht mit unserer Verfassung vereinbar ist», sagt DeHart. «Warum verraten wir unsere Werte?» 

Paul DeHart predigt jetzt sonntags von der Kanzel in Toronto über Frieden und Aussöhnung, nicht alle in der Gemeinde mögen das. Als sie noch in Indiana wohnten, sind einige Gemeindemitglieder aus Protest ausgetreten, aber andere haben für die DeHarts gesammelt. Im Internet hat sich eine Solidaritätsbewegung formiert.

In ihrer Asylentscheidung haben die kanadischen Behörden eine bemerkenswerte Aussage getroffen. Bei den Ermittlungen zu Kinderpornografie hätten «keine glaubwürdigen Beweise» vorgelegen, es gebe «hinreichenden Zweifel» an den Vorwürfen der US-Behörden. Gleichwohl lehnten die Kanadier das Asylersuchen ab, da die USA ein «demokratisches Land» mit einer funktionierenden Gewaltenteilung seien.

Die Anklageschrift, die die US-Regierung im November eingereicht hat, stützt sich auf die Kinderpornos, aber die Staatsanwälte konnten keine Nacktbilder nachweisen. Vieles spricht dafür, dass die vermeintlichen Pornos nur ein Vorwand für ein politisches Verfahren waren. Das FBI hält ihn für einen Staatsfeind, und spätestens die Ermittlungen haben ihn dazu gemacht. Das US-Justizministerium will auf Anfrage des «Spiegel» nicht ausschliessen, dass DeHart nach seiner Auslieferung auch wegen des Verdachts der Spionage angeklagt wird. «Wir können die Existenz weiterer Ermittlungen bezüglich Mr. DeHart weder bestätigen noch dementieren», sagt David Boling vom Ministerium.

DeHarts Anwalt Tor Ekeland glaubt, dass der Grund für die unerbittliche Verfolgung jenes geheime Ermittlungsdossier ist, das 2009 auf dem Anonymous-Server einging und angeblich die CIA belastet. «Wenn man den Fall studiert, gibt es keine andere sinnvolle Erklärung», sagt Ekeland.

Ob jemals ans Licht kommt, was in der Akte wirklich steht? Das Ziel des Verfahrens sei nicht, die Wahrheit zu ermitteln, sondern sie zu vertuschen, glaubt Tor Ekeland.

Die Kanadier haben die Datei beschlagnahmt, aber sie können sie nicht öffnen, weil DeHart sie verschlüsselt hat. 

DeHart wurde im selben Jahr wie Snowden geboren, er hatte Zugang zu denselben Dokumenten wie Manning. Er hätte zum Helden werden können, aber er wurde zur tragischen Figur.

Er sitzt im Besucherraum des Gefängnisses von Toronto, sein Vater ist zu Besuch. Auf dem Gang hinter seiner Kabine ist Lärm zu hören, die Tür öffnet sich einen Spalt breit. Matthew DeHart steht auf und legt die Hand an die Glasscheibe, sein Vater tut das Gleiche. Die Männer halten einen Augenblick inne und beten.

Dann kommen die Wärter.

Holger Stark ist Washington-Korrespondent des SPIEGEL und Mitautor des Buches «Der NSA-Komplex»

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