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epaselect epa04778377 A Chinese boy takes a photo with a mobile phone on a selfie stick in the Forbidden City or the Palace Museum on Children's Day in Beijing, China, 01 June 2015. Normally closed on Monday, the Forbidden City opens its doors free for children under 14 in celebration of International Children's Day on 01 June.  EPA/HOW HWEE YOUNG

Früh übt sich: Dieser junge Mann lernt schon kurz nach dem Krabbeln, worauf er vor allem achten sollte in der Welt. Bild: KEYSTONE

Wie die Selfie-Sucht unsere Weltwahrnehmung verändert

Ich vor dem Eiffelturm, ich vor der Kathedrale, ich am Strand: Das Selfie ist die populärste Fototechnik der Gegenwart. Es verändert unseren Blick auf die Welt, weil wir ihr permanent im Weg stehen. Dabei geht uns die Perspektive verloren. 

Frank Patalong / spiegel online



Ein Artikel von

Spiegel Online

«Frank», sagte vor ein paar Tagen mein Freund Wolfgang zu mir. «Meine Lisa war ja jetzt in London, ne? Die hat mir ihre Fotos gezeigt, über 700 in einer Woche. Und ich sag dir», seine Stimme hebt sich, «das musst du mal gesehen haben: Da ist sie fast überall drauf! Die hat hunderte Selfies gemacht!»

Klar, denke ich, so sieht das wohl aus: Lisa, Wolfgangs Tochter, Anfang Zwanzig, vor Big Ben. Posend vor Piccadilly, lachend auf dem Leicester Square. Allein, zu zweit, zu dritt: Schnuten ziehend, sich in Szene setzend. Ist das der Buckingham Palace, da hinter ihrem linken Ohr? Man weiss es nicht so genau. Sieht man nicht richtig.

Aber man sieht die Generation Selfie, überall. Leute mit oder ohne Stange, die der Landschaft, der Sehenswürdigkeit oder dem, was man früher dafür gehalten hat, den Rücken zudrehen. Der Berg, die Stadt, das Meer werden zur Kulisse einer Szene, die nur noch eines sagt: ich.

Und ich und ich und ich.

Diese 29 Selfies deiner Mitmenschen sind so richtig zum Fremdschämen

Rückblende in eine andere Ära: Ich bin noch jung, meine Kinder sind noch klein. Wir reisen, und wie immer bin ich der Dokumentar. «Och», sagt meine Tochter, «tu doch endlich die Kamera weg!»

Die Kids werden nicht gern fotografiert, ich mache das heimlich. Am Strand, in den Bergen, in der Stadt. Es sind unterschiedliche Szenen, und oft sieht man meine Lieben darin nur klein, von hinten oder gar nicht: Die meisten meiner Fotos zeigen Landschaft, Sehenswürdigkeiten oder Szenen des Beisammenseins. Nur ich bin fast nie dabei, bin unsichtbar – klar, ich halte ja die Kamera.

epa04778114 AS Roma's Francesco Totti taking a selfie with his daughter after the Italian Serie A soccer match between AS Roma and US Palermo at Olimpico stadium in Rome, Italy, 31 May 2015.  EPA/RICCARDO ANTIMIANI

Francesco Totti vom AS Rom macht ein Selfie mit seiner Tochter. Bild: EPA/ANSA

Ein Foto ist ein Anker der Erinnerung

Meine Frau fotografiert so gut wie nie. Das, was man sieht, kann man nicht einfangen, sagt sie. Und meint: Berge oder Meer zu fotografieren funktioniere nicht, weil man die Wärme nicht spürt, den Wind nicht riecht, die Weite und Grösse und das Gefühl des Daseins nicht einfangen kann.

Das kann nur der Kopf, der sich erinnert an die Eindrücke der Sinne, an die Bewegung in diesem Raum. An die Geräusche, an das Gefühl, das die Begegnung mit dem Schönen, Beeindruckenden, Lustigen oder Beängstigenden vermittelte.

Man nimmt das nur wahr, wenn man sich auf diese Emotionen und Eindrücke einlässt, die sich einstellen, wenn man irgendwo ist, wo man sonst nie ist. Es ist ein Raum, der weit mehr als nur drei Dimensionen hat und manchmal sogar nachwirkt: Dann wird er zum Traum-Raum, der uns im Schlaf begegnet, oder zum Sehnsuchtsort, an den wir in Tagträumen zurückkehren wollen. Ein Foto sei nichts, sagt meine Frau, ausser einem Anker für die Erinnerung an das, was besonders war.

In this May 10, 2015 photo a Turkish man takes a photo of himself with a statue of an Ottoman prince taking a selfie with a cellphone erected in Amasya, Turkey. The statue has met swift and violent criticism and just days after it was erected, vandals _ perhaps offended by disparagement of Ottoman history _ have hacked off the phone and the prince’s sword. The mayor’s office in Amasya, an hour south of the Black Sea coast, says police have been ordered to guard the disarmed prince. (AP Photo) TURKEY OUT

Ein junger Mann macht ein Selfie mit der Statue eines osmanischen Prinzen, der ebenfalls ein Selfie von sich macht. Bild: KEYSTONE

Das Selfie ist da einfacher gestrickt. Es ist immer das gleiche Bild vor wechselnder Kulisse.

Kürzlich berichtete die Satireseite Postillon: «Mann erfindet Doppel-Selfie-Stange, um sich beim Selfie-Fotografieren filmen zu können». Das ist lustig, weil man inzwischen geneigt ist, es für möglich zu halten. Spiegel Online berichtete kürzlich über einen «Selfie-Arm», mit dem ein «einsamer Tourist Fotos schiessen kann, die wirken, als wäre er gar nicht allein». Statt einer Stange hält man auf dem Selfie dann eine Hand, die sich quer durchs Bild dem Fotografierten entgegenstreckt. Die Website Selflessie propagiert den Versand von Fotos ohne Selbstporträt – sie werden durch schwarze, egolose Silhouetten ersetzt.

Mann erfindet Doppel-Selfie-Stange, um sich beim Selfie-Fotografieren filmen zu können

Sind wir wirklich noch so weit entfernt von der «Doppel-Selfie-Stange, um sich beim Selfie-Fotografieren filmen zu können»? Die diesbezügliche Postillon-Satire beisst, weil sie trifft. bild: postillon

Wir wissen, dass das alles eigentlich Ironie ist, Satire. Aber wir wissen auch, dass es gekauft würde, wenn man es auf den Markt brächte.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich werfe dem Selfie-Völkchen seine Selbstbezogenheit nicht vor. Manchmal bin ich sogar neidisch, wie souverän und locker die sich in Szene setzen. Ich sehe auf Fotos immer doof aus oder steif oder als ob man nach mir fahndete. Ich kann das nicht, dieses Mich-in-Szene-Setzen, und manchmal empfinde ich es wirklich als Mangel.

«Sei doch mal locker, lächele doch mal!»

Wie jetzt, vor der Kamera?

A woman takes a selfie as she sunbathes on a beach during a hot spring day in Marbella, southern Spain, May 13, 2015. Temperatures will rise up to 41 degrees Celsius (105.8 fahrenheit) in some parts of Spain, the Spanish Agency of Meteorology (AEMET) said on Wednesday. REUTERS/Jon Nazca

Ein Ausflug an den Strand ohne Selfie? Das wäre, wie wenn man gar nicht dort gewesen wäre. Bild: REUTERS

Wenn man den Menschen als das einzig Wesentliche begreift, bildet die Generation Selfie den besser ab als wir, die das nicht können. Dafür müssen die Selfies mit einem anderen Mangel leben: Sie stehen vor der Welt.

Die Generation Selfie verpasst die Welt hinter sich.

Das ist es, was mich stört.

Tausend Fotos, ein Gefühl: Spass 

Das Selfie entwertet den Ort, weil es den Fokus der Sinne auf das Selbst verschiebt. Es ist der ultimative, die Perspektiven verzerrende Paralaxenfehler. Es ist Ausdruck eines Wandels der Selbst- und Weltwahrnehmung.

epa04766099 People take selfies at the Mai Dulce festival in downtown of Chisinau, Moldova, on 24 May 2015. 'Mai Dulce' (Sweeter) is a gastronomic event held for the third year in the city, dedicated to the preservation of traditional homemade desserts, as well as to the promotion of local brands and artisans.  EPA/DUMITRU DORU

Nicht mehr der Ort, sondern die Personen stehen im Vordergrund. Bild: KEYSTONE

Denn es verändert ja auch das Erleben der Welt, weil die vom Objekt der Aufmerksamkeit zur blossen Kulisse wird. Der Selfie-Fotograf wählt Position und Perspektive danach aus, wie sie zur Selbstdarstellung taugen. Der Hintergrund ist sekundär und austauschbar.

Das Selfie trivialisiert damit alles: den Moment, das Gefühl, den Ort.

Alles, was beim Selfie zählt, ist vordergründig – das Motiv, auf das wir fokussieren, das Gefühl, das abgebildet wird. Denn das ist immer das gleiche und immer eine Inszenierung: fun, fun, fun. Party, Posen, coole Gesten. Vor Berg und Kathedrale, am Meer und auf dem Gletscher.

Das Selfie reduziert auch andere Menschen zur Kulisse. Selbst das Foto mit Berühmtheiten, von jeher die ultimative Trophäe des Fans, dokumentiert keine Begegnung mehr. In der Mitte steht der, der das Handy hält: «Hey, wer ist denn die Blonde da neben dir? Cameron Diaz?»

Worauf ich wohl vergeblich warten werde, ist ein Selfie anderer Art. Ein junges Gesicht, das beeindruckt auf Berg oder Brandung sieht, träumerisch hinaus in die Weite, gerührt, geängstigt oder versonnen. Es wäre zwangsläufig ein Bild, auf dem man einen Hinterkopf sähe. Augen, Nase, alle Sinne der Welt zugewandt. Es wäre ein Selfie, das wirklich sagen würde: Sieh her, ich war dort.

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4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • EwokShaman 09.06.2015 16:41
    Highlight Highlight Sehr, sehr schön gesagt!
    3 0 Melden
    • janatürlich 09.06.2015 22:54
      Highlight Highlight Stimmt, unglaublich schöne Ge-danke-n!
      1 0 Melden
  • Scaros 09.06.2015 07:47
    Highlight Highlight Eben in meiner Datenbank geschaut. in den letten 11 Jahren in denen ich auch oft reiste habe ich ca. 16'000 Bilder geschossen. Erst noch mit Kamera zuletzt nur noch mit dem Smartphone. Jedoch finde ich mich selbst praktisch nicht aussen in Gruppenfotos vor Sehenswürdigkeiten welche zudem NICHT mit einem Selfistick gemacht wurden. Ich verabscheue dieses Teil weil das Gespräch mit mitmenschen finde ich wichtiger als den Egoismus den dieser Stick für mich verdeutlicht. Ich frage mich oft, ob die Selfiegrafen sich ihre Selbstportrait die sie zu unmengen schiessen auch je wieder anschauen.
    5 0 Melden
  • Sandokan 09.06.2015 00:30
    Highlight Highlight Ausdruck von unserem Zeitgeist , Egoismus.
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