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Dr. Evi..., äh, Telekom-Vorstandschef Timotheus Höttges.
bild: Wolfgang Rattay / Reuters

Zwei Tage nach Beerdigung der Netzneutralität sind die Wegelagerer da: Deutsche Telekom will Gamer und Startup-Firmen zur Kasse bitten

Kaum hat das Europaparlament die Netzneutralität eingeschränkt, nutzt die deutsche Telekom die Chance auf Profite: Anbieter, die eine besonders gute Übertragungsqualität wünschen, sollen künftig zahlen.

Fabian Reinbold / spiegel online



Ein Artikel von

Spiegel Online

Müssen Gamer und junge Internetfirmen künftig extra zahlen, damit ihr Internet schnell genug ist? Sieht ganz danach aus. Die EU hat gerade den Weg freigemacht, damit Telekomprovider neue Gebühren für schnelles Internet verlangen können.

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Erklärvideo: Was bedeutet eigentlich Netzneutralität?
YouTube/Watson Redaktion

Der Chef der Deutschen Telekom hat einen Eindruck davon vermittelt, wie sich das Internet nach der umstrittenen Entscheidung des EU-Parlaments zur Netzneutralität verändern könnte. In einer Stellungnahme schreibt Timotheus Höttges, welche «Spezialdienste» künftig schneller durchs Netz geleitet werden könnten.

In dem unverblümten Beitrag auf der Telekom-Website präsentiert er zudem ein Geschäftsmodell, nach dem Firmen für «gute Übertragungsqualität» die Telekom an ihren Umsätzen beteiligen sollen.

«In Zukunft wird es eben auch die Möglichkeit geben, einen Dienst für ein paar Euro mehr in gesicherter Qualität zu buchen.»

Telekom-Chef Timotheus Höttges

Seine Äusserungen sorgen für Aufsehen, weil sie die besonders strittigen Punkte der neuen Internet-Regeln der EU betreffen. In der Verordnung, die das Europaparlament am Dienstag nach lauten Protesten beschlossen hat, sind Regeln zur Netzneutralität definiert, gleichzeitig aber auch schwammig formulierte Ausnahmen vorgesehen.

Kritiker sehen in der Verordnung eine Abkehr vom Grundprinzip des Internets, nach dem alle Daten gleichberechtigt und gleich schnell durch die Leitungen fliessen. Sie dürften sich im aktuellen Streit durch die Einlassungen Höttges' bestätigt fühlen, auch wenn die Telekom bereits 2013 ähnliche Ideen formuliert hatte.

Vodafone Deutschland teilte auf Anfrage mit, man halte die Ideen des Telekom-Chefs für richtig.

«Umsatzbeteiligung von ein paar Prozent»

Bei Spezialdiensten denkt die EU an Telemedizin und vernetzte Verkehrssteuerungssysteme der Zukunft (selbstfahrende Autos), die aus offensichtlichen Gründen immer funktionieren müssen. Aus Sicht der Telekom kommen allerdings viele Internetprodukte für die Vorzugsbehandlung infrage. «Das fängt bei Videokonferenzen und Online-Gaming an und geht über Telemedizin, die automatisierte Verkehrssteuerung und selbststeuernde Autos bis zu vernetzten Produktionsprozessen der Industrie», schreibt Höttges.

Von manchem, was der Telekom-Chef aufzählt, ist bei der EU-Entscheidung nicht die Rede gewesen. Digitalkommissar Günther Oettinger (CDU) hatte die Verordnung insbesondere mit dem Argument verteidigt, nur Dienste im Interesse der Allgemeinheit dürften bevorzugt behandelt werden, dabei nannte er stets: Notrufdienste, Telemedizin, Dienste zur Steuerung des Verkehrsflusses.

Dutzende Start-ups und Investoren hatten gegen die EU-Pläne protestiert; sie fürchten Nachteile gegenüber den Tech-Giganten. Telekom-Chef Höttges nimmt das Argument auf - und präsentiert ein Geschäftsmodell: «Gerade Start-ups brauchen Spezialdienste, um mit den grossen Internetanbietern überhaupt mithalten zu können», schreibt er. «Nach unseren Vorstellungen bezahlen sie dafür im Rahmen einer Umsatzbeteiligung von ein paar Prozent. Das wäre ein fairer Beitrag für die Nutzung der Infrastruktur.»

Mit anderen Worten: Die Telekom will eine Maut für eine Internet-Überholspur verlangen - also genau das, was die Kritiker der EU-Regelung befürchten.

«Jene neuen Unternehmen also, die erst eine Nutzerschaft aufbauen müssen, die erst einmal keine laufenden Einkünfte haben und finanziell von Risikokapitalgebern abhängig sind, sollen künftig die Telekom dafür bezahlen, dass ihre Inhalte störungsfrei beim Nutzer ankommen. Das klingt – mit Verlaub – nach Schutzgelderpressung.»

Zeit Online

Die Reaktionen auf Twitter

Andere Telekomfirmen haben die gleichen Pläne

Die EU-Verordnung eröffnet weitere Hintertüren für Provider, unterschiedliche Datenspuren zu legen, etwa mit der Formulierung, dass man so drohende Engpässe vermeiden wolle. Provider wie die Telekom haben auf noch weiter gehende Ausnahmen vom Prinzip der Netzneutralität gedrängt. Sie fordern neue Einnahmemöglichkeiten als Ausgleich für Investitionen in die Netze. Hintergrund: Der Breitbandausbau kommt in Deutschland nicht gut voran.

Vodafone Deutschland sieht die Sache ähnlich wie der Telekom-Chef: «Vodafone verfolgt derzeit keine solchen Planungen, die Aussagen der Telekom sind aus unserer Sicht aber richtig», hiess es auf Anfrage. «Ein Ein-Klasse-Internet gibt es bereits heute nicht.»

Vodafone verweist bei der Frage nach Spezialdiensten auf bestehende eigene Angebote wie Voice-over-IP und Internet-TV. «Aber es wird natürlich künftig auch weitere Spezialdienste geben.»

Jetzt kommt es auf die Umsetzung der EU-Verordnung in Deutschland an. Die Telekom und andere Provider dürften ihre Vorstellungen auch in diesen Prozess aktiv einbringen. Die neuen Regeln für Europa nennt Telekom-Chef Höttges einen «Kompromiss, der durchaus ausgewogen ist».

Netzneutralität in der Schweiz

In der Schweiz drängen Swisscom, Salt, Sunrise und Cablecom ebenfalls auf Ausnahmen bei der Netzneutralität. Das Zwei-Klassen-Internet würde ihnen zusätzliche Einnahmen bescheren, da sich Firmen den Zugang zur Überholspur im Internet erkaufen müssten. Mächtige Firmen, die viel Geld haben, würden profitieren, alle anderen hätten ein Problem. Weitere Informationen zur Situation in der Schweiz liest du in diesem Interview. (oli)

Umfrage

Soll der Bund die Netzneutralität per Gesetz garantieren?

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Alles, was man über Netzneutralität wissen sollte

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23Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • dakapo 31.10.2015 19:27
    Highlight Highlight Was ich nicht begreife: Jeder Anbieter von Internetdiensten zahlt bereits im Rechenzentrum die Bandbreite und das Datenvolumen, welches er seinen Kunden bereitstellt. Das Rechenzentrum wiederum schliesst Verträge mit den unterschiedlichen Netzbetreibern (wie die Deutsche Telekom im Beispiel) und zahlt für die Nutzung dieser Leitungen. Somit wurde also für die Nutzung der Netze gezahlt!Auf der anderen Seite zahlen auch noch die Konsumenten mit ihrem monatlichen Internetabo. Mit welchem Recht glaubt die Telekom jetzt, sich beschweren zu dürfen und nicht genügend für ihre Datennetze zu erhalten?!
    • Alnothur 02.11.2015 04:15
      Highlight Highlight Die Telekom will eben suggerieren, dass dem nicht so sei.
  • phreko 30.10.2015 11:27
    Highlight Highlight Ein Hoch auf den Neoliberalismus und all die tollen Unterstützer.
    • Alnothur 31.10.2015 01:21
      Highlight Highlight Keine Ahnung, was Neoliberalismus heisst, aber Hauptsache mal loslärmen. Bravo.
    • Ghost 31.10.2015 14:44
      Highlight Highlight Ein hoch auf die EU Parlamentarier.
    • phreko 31.10.2015 17:22
      Highlight Highlight @dziltener, kurz: Gewinnmaximierung für Private (die Grossen) und die Allgemeinheit (die Kleinen) schaut in die Röhre.
  • moimoimoi 30.10.2015 11:09
    Highlight Highlight Ich empfehle zu dem Thema den Beitrag des äusserst gewandten und intelligenten Comedians John Oliver:
    Play Icon
    • chrach 30.10.2015 11:27
      Highlight Highlight Das Erklärungsvideo von CGP-Grey ist auch empfehlenswert:
      Play Icon
  • chrach 30.10.2015 11:03
    Highlight Highlight Ein Argument das verhebt weil (fast) jeder Betroffen ist:
    "Aufhebung der Netzneutralität bewirkt das Porno-Webseiten kostenpflichtig werden oder ganz verschwinden, wenn sie sich den Sonderdienst beim Anbieter nicht leisten können!"
    • MyAnusIsBleeding 30.10.2015 21:35
      Highlight Highlight 😢
      Benutzer Bild
  • Kronrod 30.10.2015 10:42
    Highlight Highlight Für allfällige Skeptiker der Netzneutralität hier noch die Ökonomie dahinter: wenn Telcos Internetdienste auf der Abrechnung Unterscheiden dürfen, erlaubt ihnen das in der Sprache der Marketing-Fachleute eine bessere Preisdiskriminierung. Das erlaubt es den Telcos, die Produzentenrente auf kosten der Konsumentenrente zu erhöhen. Oder mit anderen Worten: den Konsumenten mehr Geld aus dem Sack zu ziehen, ohne was dafür zu bieten. Ev. wäre das ein Thema für den Erklärbär Löpfe.
  • marcb70 30.10.2015 10:28
    Highlight Highlight Bei der derzeitigen Hysterie entsteht der Eindruck das heute im Internet immer alles störungsfrei und ohne Einschränkung übermittelt wird...
  • Str ant (Darkling) 30.10.2015 10:08
    Highlight Highlight Glücklicherweise chömer i de Schwyz s'Referendum gege es zwei Klasse Internet ergriffe
    • DiffigAwesome Dick 30.10.2015 10:16
      Highlight Highlight Ooou Jaah!!
      Niemer wott das, abr nume bi üs chas Volk mitrede!
      Irgendwie trurig...
    • Zappenduster 30.10.2015 10:45
      Highlight Highlight Ja genau!
      Und weil keiner ne Ahnung hat über was er da Abstimmen muss, kommt das ganze trotzdem durch.

      Wie will man auf verständliche weise der breiten Öffentlichkeit klar machen das Netzneutralität wichtig ist? Das Thema ist einfach zu technisch. MMn.
    • Louie König 30.10.2015 11:06
      Highlight Highlight @Zappenduster: Ich denke das zu erklären dürfte noch das kleinste Problem sein. Vorallem, wenn in Deutschland solche Ideen, wie die der Telekom, schnell umgesetzt werden, kann man das als Paradebeispiel dafür nehmen, wie ein 2-Klassen-Internet aussieht. Ich glaube eine solche Abstimmung ist zu gewinnen. Man muss nur klarmachen, dass KMU einen deutlichen Nachteil haben werden gegenüber den Grosskonzernen. Wir werden sehen, was da auf uns zukommt.
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