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Internet-Betrüger rüsten auf – so reagiert die Polizei

Betrüger ergaunerten im vergangenen Jahr Rekordbeträge im Internet. Betroffene erzählen, wie sie zu Opfern wurden. Die Polizei reagiert und organisiert sich neu.

Andreas Maurer, Raffael Schuppisser / ch media



Der Schweizer Musiker ist auf Tour, als ihn das E-Mail seiner Erpresserin erreicht. Wenn er nicht 2000 Franken bezahle, werde er bei seinen Facebook-Freunden als Pädophiler geoutet.

Der Vorwurf ist erfunden. Der Musiker hat keine pädophilen Neigungen, er hat sich nicht strafbar gemacht. Aber die Person, die ihn erpresst, hat Videomaterial von ihm, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist.

Frau Laptop

Nacktbilder und Sexvideos sind ein Erpressungsmittel, mit dem sich innert kurzer Zeit grössere Beträge ergaunern lassen. Bild: shutterstock.com

Angefangen hat alles mit einer scheinbar harmlosen Freundschaftsanfrage auf Facebook. Der Musiker kannte die junge Frau auf dem Bild zwar nicht, die sich mit ihm auf dem Netzwerk befreunden wollte, fand sie aber attraktiv und klickte auf «Bestätigen». Die beiden begannen zu chatten, auch an den darauffolgenden Tagen.

Dann setzten sie die Unterhaltung per Videochat auf Skype fort. Die Frau animierte den Musiker zu Cybersex. Er zog sich vor der Laptop-Kamera aus und liess sich zu sexuellen Handlungen an sich selber verführen. Was er nicht wusste: Sein Gegenüber speicherte die Aufnahmen von ihm.

Nun wird ihm im E-Mail gedroht, das Video werde mit dem Vermerk verbreitet, der Kontakt habe mit einer minderjährigen Person stattgefunden. Was sich anhand des Videos zumindest nicht ausschliessen lässt.

Um seinen Ruf fürchtend, geht der Musiker auf die Forderung ein und bezahlt die 2000 Franken. Doch der Erpresser gibt sich damit nicht zufrieden und fordert mehr Geld. Erst jetzt holt sich der Musiker Hilfe bei einem IT-Spezialisten und schaltet die Polizei ein.

10'000 Meldungen pro Jahr

Die Masche ist im Polizeijargon ein Begriff: Sextortion (Extortion bedeutet Erpressung). Das Bundesamt für Polizei Fedpol registriert mehr als hundert Fälle pro Jahr. Fedpol ruft die Bevölkerung auf, ein Online-Meldeformular auszufüllen, wenn man Opfer eines Cyber-Angriffs oder -Missbrauchs geworden ist. Die Bundespolizei koordiniert die Ermittlungen und verteilt sie auf die Kantone. Pro Jahr gehen 10'000 Meldungen ein.

Die Motive von Cyber-Kriminellen sind vielfältig. Manchmal geht es einfach darum, jemanden blosszustellen – indem Bilder, Videos oder persönliche Daten hochgeladen werden. Doxing nennt sich das Phänomen. Manchmal geht es um politische Motive, wie Anfang Jahr in Deutschland. Ein 20-jähriger Hacker stellte sensible Informationen von fast 1000 Politikern ins Netz, deren Meinung er nicht teilte.

Wenn Telefonnummern und andere persönliche Daten im Netz landen, ist das für öffentliche Personen besonders brisant. Doch fast jeder hat digital gespeicherte Dokumente, von denen er nicht will, dass sie in der Öffentlichkeit landen: persönliche Mails, peinliche Fotos, die Steuererklärung. Deshalb kann jeder bei einer Doxing-Attacke Schaden erleiden.

Ein Millionen-Geschäft

Nacktbilder und Sexvideos sind ein Erpressungsmittel, mit dem sich innert kurzer Zeit grössere Beträge ergaunern lassen. Ertragreicher ist für Kriminelle aber eine Methode, die mehr Zeit in Anspruch nimmt. Wenn die Opfer freiwillig zahlen. Allein im Kanton Aargau haben Betrüger im vergangenen Jahr 1.5 Millionen Franken mit «Romance Scam» eingenommen, die Anzeigen haben sich verdoppelt.

Es handelt sich um eine moderne Version des Heiratsschwindels. Vor allem ältere Frauen, die auf Dating-Plattformen nach einem neuen Partner suchen, zählen zu den Opfern. Die Täter stammen meist aus Nigeria oder Ghana und geben sich mit gefälschten Profilen als attraktive Europäer oder Amerikaner aus.

Die zehn häufigsten Cybercrime-Phänome in der Schweiz

1. Cyberbetrug Gefälschte Produkte, Vorschussbetrug, falsche Zahlungsbestätigungen, gefälschte Immobilienanzeigen oder «Romance Scam».
2. Phishing Über gefälschte Webseiten, E-Mails oder Kurznachrichten werden persönliche Daten eines Internet-Benutzers «geangelt».
3. Verbotene Pornografie Illegale Darstellungen mit Kindern, Tieren oder Gewalt.
4. Malware Verbreitet sind Trojaner, die unbemerkt Geld aus E-Banking-Systemen stehlen.
5. Hacking Account-Diebstahl oder Eindringen und Verunstalten von Websites.
6. Sextortion Die Opfer werden mit Nacktbildern oder Sexvideos erpresst.
7. Botnet Versteckte Programme, die auf mehreren Rechnern laufen und Attacken ausführen.
8. DDoS Distributed Denial of Service: Netzwerke, die durch viele Anfragen blockiert werden.
9. Finanz- und Paketagenten Lukrative Jobangebote, die für Hehlerei oder Geldwäsche missbraucht werden.
10. Rufschädigung Schmäheinträge auf Online-Plattformen. Quelle: Fedpol

Zuerst gaukeln sie die grosse Liebe vor und kommen dann auf ihre finanzielle Notsituation zu sprechen. Sie schreiben, dringend Geld zu benötigen, zum Beispiel für eine medizinische Behandlung. Die Täter agieren global, während die Kantonspolizeien in einer Struktur aus einem anderen Jahrhundert arbeiten. 26 Kantone suchen nach eigenen Lösungen.

Die Konferenz der Kantonalen Polizeikommandanten der Schweiz (KKPKS) kam zum Schluss, dass eine neue Organisationsform her muss. Vor einem Jahr lancierte das Gremium eine Idee: Die Kantone sollten drei bis vier regionale Kompetenzzentren aufbauen.

Vorgesehen war, dass grosse Polizeikorps wie Zürich und Bern mit ihren Cybercrime-Zentren die Fälle ihrer jeweiligen Region bearbeiten würden – über die Kantonsgrenzen hinweg. Inzwischen ist das Projekt am Kantönligeist gestorben, wie Recherchen zeigen.

Polizei plant Cyber-Netzwerke

Stefan Blättler, KKPKS-Präsident und Berner Polizeikommandant, sagt: «Wir sind zum Schluss gekommen, dass wir nicht die Zuständigkeiten ändern, sondern die Vernetzung und Fähigkeiten ausbauen müssen.» Eine statische Organisation passe nicht zu den digitalen Herausforderungen: «Um ihnen gerecht zu werden, müssen wir den Netzwerk-Gedanken leben.»

Die Polizeikommandanten haben entschieden, dass die Kantonspolizeien für digitale Ermittlungen in neuen Netzwerken zusammenarbeiten wollen. Die grossen Korps sollen ihre Ressourcen und ihr Wissen den kleineren zur Verfügung stellen. Jeder Kanton bleibt aber für sein Gebiet zuständig.

Blättler erklärt das neue Vorgehen: «Wenn ein Cybercrime-Phänomen auftaucht, macht es keinen Sinn, wenn mehrere Kantone parallel an Lösungen arbeiten. Stattdessen soll in Zukunft jeweils ein Kanton den Lead übernehmen und seine Erkenntnisse mit den anderen teilen.»

Schweizweit haben zudem alle Polizisten im vergangenen Jahr zwei E-Learnings absolviert, um ihre digitalen Kompetenzen zu verbessern. Diese brauchen sie neben der Bekämpfung neuer Cybercrime-Phänomene auch für fast jedes herkömmliche Delikt. Digitale Spuren zählen inzwischen zu den wichtigsten Beweismitteln vor Gericht.

Kompliziert werden die Verhandlungen der Polizeikommandanten, sobald es ums Geld geht. Wie sollen die kantonalen Cyber-Polizisten abrechnen, wenn sie für ihre Partner arbeiten? Damit das Projekt nicht daran scheitert, wird nicht darüber geredet.

Blättler formuliert es so: «Derzeit lassen wir uns noch nicht von den Finanzen leiten, sondern von den Problemen. Mit der Zeit werden wir ein vertragliches Schema erstellen, in das wir auch Fedpol einbeziehen werden.» Noch dieses Jahr solle das Konzept dem nächsthöheren Gremium unterbreitet werden, der Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren.

Fest steht schon jetzt, dass die Kommandanten bei ihren Regierungen mehr Geld für den Kampf gegen Cybercrime einfordern werden. Blättler sagt: «Wir brauchen zusätzliche Mitarbeiter, nicht nur Polizisten, sondern vor allem IT-Spezialisten. Diese haben natürlich ihren Preis.»

Glück im Unglück

Im Fall des entblössten Musikers ist es einem privaten IT-Spezialisten gelungen, das Problem zu lösen. Er entdeckt das Video auf einer versteckten Youtube-Seite und interveniert bei Google, der Betreiberin. Gleichzeitig hat der Erpresste einen Plan B vorbereiten lassen.

Für den Fall, dass das Sexvideo den Weg ins Netz fände, entwirft er eine Medienmitteilung. Darin hätte er den Fans und Medien klargemacht, wie es zum peinlichen Film gekommen ist. Die Strategie wäre offensiv gewesen: Er hätte seine Leichtsinnigkeit eingestanden und gleichzeitig die falschen Anschuldigungen richtiggestellt. Die Mitteilung bleibt unveröffentlicht. Google hat die Videos gelöscht.

Der Mann hat zwei Fehler begangen. Er hätte sich nicht von einer Unbekannten zu Spielen vor der Kamera verführen lassen sollen. Und er hätte nicht zahlen sollen. Offiziell rät die Polizei, nie auf Forderungen einzugehen. In Polizeikreisen heisst es allerdings, dass einige Polizeien in gewissen Fällen inoffiziell doch zum Zahlen rieten. Weil sie noch keine bessere Lösung hätten. (aargauerzeitung.ch)

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
12Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • schwabiator 25.01.2019 08:31
    Highlight Highlight Neu? Wohl bei Black Mirror abgeschaut!
  • Melui 25.01.2019 08:29
    Highlight Highlight Da hilft v.a. eins: Aufklärung! Für die meisten Arten von Cybercrime gibt's eine CH-Infoseite, wie man Kriminelle im Netz erkennt, was man tun soll etc. Leider ist dieses Thema noch nicht explizit dabei, aber vermutlich durch einige Beiträge indirekt abgedeckt.... www.stopthinkconnect.ch
  • bokl 25.01.2019 08:18
    Highlight Highlight Die einfachste Lösung wäre die Senkung des allgemeinen Empörungs-/Peinlichkeitslevels. Dann gibt es viel weniger Druckmittel.

    - Nachbar xy onaniert? Who cares?
    - Nachbar fg ist eigentlich Millionär? So what?
    - usw.
    • Hercanic 25.01.2019 08:38
      Highlight Highlight - Lehrer hat erotische Fotos im Netz... 😂
  • Rasti 25.01.2019 07:05
    Highlight Highlight Dieses Coole Hippe Wort Cyber bedeutet, dass etwas automatisiert ist.
    Nach diesem und all den anderen Berichten sind dann alle dieser Angriffe automatisch, ohne menschliches zutun. Heisst das, dass die Polizei auch automatisiert wird?
  • Guardragon!? Tsuchinoko? 25.01.2019 06:44
    Highlight Highlight Wo ist jetzt die sogenannte "Aufrüstung der Internetbetrüger", so wie sie im Titel ausgeschrieben wurde? Da wird ja wieder mal richtig Clickbait gemacht für ein Thema welches schon immer eine gewisse Relevanz hatte..

    #neuland
  • Grohenloh 25.01.2019 06:35
    Highlight Highlight Es gibt einen Kanton mit weniger als
    20 000 Eiwohnern, vier Kantone mit um
    40 000 und 8 Kantone mit weniger als
    100 000. wie soll das gehen in einer modernen Welt mit modernen Anforderungen?
  • fandustic 25.01.2019 06:21
    Highlight Highlight Die Täter zu ermitteln ist so oder so beinahe unmöglich, da diese oft in Osteuropa oder Afrika zu finden sind. Einerseits hilft da nur die Sensibilisierung der Bevölkerung durch die Behörden. Aber ganz ehrlich gesagt: Die beste Prävention wäre aber immer noch die, dass man als User zuerst mal das Hirn einschaltet.....dann kann man solche peinlichen Situationen eigentlich umgehen.
  • wolge 25.01.2019 06:11
    Highlight Highlight Kameras in Laptops und TVs etc. zukleben.

    Ich klebe bei Nichtgebrauch jeweils alle Kameras im Haus mit einem Post-it oder ähnlich zu.
    • bokl 25.01.2019 08:14
      Highlight Highlight Ich stülpe meinen Aluhut über die Webcam. Post-It bieten keinen Schutz vor der Strahlung.

      Der Musiker hat mit Absicht vor der Kamera gerubbelt. Da macht ein Post-It keinen Sinn ...
  • Ichsagstrotzdem 25.01.2019 05:59
    Highlight Highlight Die Cybercrime Bekämpfung scheitert also an unserem Kantönligeist. Was für eine Überraschung!
    (Bei den guten alten Radarkontrollen sind die territorialen Zuständigkeiten zumindest klar).
  • DocShi 25.01.2019 05:53
    Highlight Highlight Der Kantönsligeist geht mir in solchen Fällen echt auf den Geist.

13 praktische neue Features für iPhone-User, die niemand kennt, und ein paar Bugs 😏

Mit dem neusten iPhone-Update führt Apple viele Dinge ein, die den iPhone-Alltag massiv erleichtern. Hier ein Best-Of zu iOS 13 mit ersten Eindrücken.

Hinweis: Dieser Artikel wurde fälschlicherweise zu früh publiziert, respektive bevor er wirklich fertig gestellt war. Die Redaktion entschuldigt sich für das Versehen!

Dieser Beitrag liefert eine persönliche Einschätzung des watson-Redaktors zu neuen Funktionen von iOS 13, und dazu die Info, ob es bei Android Vergleichbares gibt.

Einige der besten Features habe ich bereits in einem früheren Artikel vorgestellt, und führe sie nun mit aktualisierten Angaben und ersten praktischen Eindrücken …

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