Digital
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

Im finsteren Mittelalter wurde ordentlich ausgeteilt. bild: zvg

Review

«Kingdom Come: Deliverance» im Test: Ödes Mittelalter-Game oder unterschätzte Spieleperle?

Ist das Mittelalter-Game «Kingdom Come: Deliverance» so realistisch, wie es die Entwickler versprechen? Wir sind in die Vergangenheit gereist und haben dabei nicht nur mit Stichwaffen herumgefuchtelt.



Was ist denn jetzt passiert? Gerade habe ich noch zusammen mit meinem Vater ein Schwert geschmiedet und musste dafür in einem kleinen Dorf diverse Aufträge erledigen, um das Vatertier stolz zu machen. Nun renne ich plötzlich einem Ritter davon, der schwertschwingend hinter mir her ist. Häuser im Dorf brennen. Menschen schreien und ich erfahre beiläufig, dass meine Eltern getötet wurden. Wie ein aufgescheuchtes Pferd springt die Dramaturgie umher. Keine Warnung, keine Einführung, keine Erzählung. Dieser narrative Fauxpas nervt. Dennoch spiele ich weiter und tauche immer tiefer ein in eine faszinierende, mittelalterliche Welt.

Bild

Im Mittelalter ging man in die Schenke, um Party zu machen. bild: zvg

Lieber ein Nickerchen machen

Um was geht es eigentlich genau? Wir befinden uns im Jahr 1403. Genauer gesagt in Böhmen, das sich im heutigen Tschechien befindet. Kaiser Karl IV ist gestorben und sein ältester Sohn Wenzel wird zum neuen König im Herzen Europas gekrönt. Das passt seinem Halbbruder Sigismund aber überhaupt nicht. Also fällt dieser mit seiner Streitmacht in das Land ein und nimmt den rechtmässigen König gefangen.

Vor diesem wahren geschichtlichen Hintergrund schlüpfen wir in die Rolle von Heinrich, einem jungen Schmiedegesellen, der eigentlich in die Schenkenwirtin Bianca verliebt ist, von der grossen weiten Welt träumt, dann doch lieber zwischendurch ein Nickerchen macht. Als aber seine Familie dann zwischen die Fronten gerät und ein persönliches Utensil auch noch geraubt wird, macht er sich auf den Weg, um Gewalt auszuüben.

Bild

Einfach mal die Seele baumeln lassen und die schöne Natur geniessen. bild: zvg

Es gibt keine Drachen

Heinrich ist definitiv kein Auserwählter. Er wird keinen Drachen bezwingen, mit Magie um sich werfen und ein legendäres Schwert führen. Die Fantasie muss draussen bleiben. Heinrich ist einfach Heinrich. Der junge Mann wird auch nicht dafür verantwortlich sein, dass die Geschichte sich so entwickelt hat, wie es in den Büchern steht. Er wird zwar an mehr oder weniger bekannten Schlachten und Ereignissen teilnehmen, aber niemals Spuren in den Annalen der Geschichte hinterlassen. Heinrich ist eigentlich ein Niemand. Und das ist die grosse Stärke von «Kingdom Come: Deliverance». Und gleichzeitig für Storyliebhaber ein Schlag ins Gesicht.

Bild

Frauen dürfen bezirzt werden. Händler übrigens auch. bild: zvg

Wasch Dich bitte mal!

Das Spiel verzichtet auf eine intensive Geschichte. Trotz wunderschöner Zwischensequenzen und dramatischen Momenten, der Verlauf ist völlig egal und muss sich dem Spielprinzip unterordnen. Das alltägliche Leben im Mittelalter steht im Fokus und soll vermittelt, respektive erlebt werden. Das wird dem Spieler, der Spielerin auch in den ersten Stunden schnell klar. Alltagsgegenstände können nicht einfach im Supermarkt gekauft werden. Im 15. Jahrhundert musste man sich mühsam auf die Suche begeben, handwerkliches Geschick aufweisen und mit den Händlern feilschen können.

Sehr schön: Um an ein Ziel zu kommen, gibt es immer verschiedene Wege und spielerische Möglichkeiten. Auch die regelmässige Ernährung und Körperhygiene sind wichtig, um sein Leben zu verlängern. Wer sich im Spiel also nicht wäscht oder nicht regelmässig schläft oder isst, wird das bald schon zu spüren bekommen. Zum Beispiel durch eine Abnahme der Ausdaueranzeige. Das hört sich alles super realistisch an. Da wurde das Mittelalter ja perfekt wiedergegeben. Nein, nicht wirklich.

Bild

Auch in einem idyllischen Wald kann es zu einem Hinterhalt kommen. bild: zvg

Der Realismus ist eine Illusion

Wir Freunde und Freundinnen der Videospielkultur sollten uns immer wieder ins Bewusstsein hämmern, dass Realismus in der interaktiven Unterhaltung ein Ding der Unmöglichkeit ist. Auch wenn die Optik noch so realistisch, also fast fotorealistisch aussieht, ist sie stets nur ein Abbild einer programmierten Wirklichkeit. Auch wenn dabei ein historischer Hintergrund als Basis herhalten muss, ist das noch lange kein Anspruch auf Authentizität. Wenn sich ein Videospiel also seitens der Macher mit Begriffen wie «authentisch» oder «realistisch» brüstet, ist das nur ein Versuch, die Kundinnen und Kunden anzulocken.

War das Mittelalter jetzt ganz toll oder eher weniger toll? Man weiss es nicht genau. «Kingdom Come: Deliverance» konzentriert sich zwar auf den oft gewaltvollen, ruppigen Alltag im Mittelalter und will aufzeigen, wie es damals so war und welchen wichtigen Stellenwert die Religion besass. Doch das intensive Pendeln zwischen finsterem Zeitalter und verklärtem Blick auf eine sorgenfreie, romantische Gesellschaft, die fröhliche Lieder singt, verwirrt und nimmt dem Spiel seine gewollte Ernsthaftigkeit.

Bild

Warum nicht mal ein Kloster besuchen, um vom Stress runter zu kommen? bild: zvg

Ein Besuch in der Bibliothek

Das Spiel sorgt aber regelmässig für Einmaligkeiten. Auch wenn mit hübschen Bildern und süffigen Texten der historische Hintergrund genügend erklärt wird, wandere ich in meine Bibliothek, um mich über das Mittelalter und die damalige Zeit mehr zu informieren.

Also, ich google.

«Kingdom Come: Deliverance» entwickelt in mir einen Wissensdurst, den ich stillen möchte. Was ist damals genau passiert? Wie sah die europäische Landkarte aus? Gab es wirklich einmal zwei Päpste? Da soll einer noch den moralischen Zeigefinger schwingen und behaupten, dass man aus Videospielen nichts lernt.

Bild

Schöne Landschaften und süsse Tiere. Doch das Ziel bleibt die Burg. bild: zvg

Sehr freche Technik

Lange Ladezeiten, plötzlich auftauchende Gegenstände, Flimmern, KI-Aussetzer, kleine Abstürze, fehlende Lippensynchronität, rudimentäres Kampfsystem und teilweise Gesichtsanimationen aus der Hölle bringen das Blut des Technikfans öfters zum kochen. Was da teilweise auf dem Bildschirm abgeht und als fertiges Produkt verkauft wird, ist schon bisschen frech. Wer aber mit diesen technischen Aussetzern leben kann und auch storytechnisch keine hohen Ansprüche hat, darf gerne beide Augen zudrücken. Sofern er oder sie sich für das Setting im Mittelalter begeistern kann.  

Bild

Beim etwas schwachem Kampfsystem hilft schon mal der Kollege Zufall. bild: zvg

Wer soll das jetzt spielen?

«Kingdom Come: Deliverance» ist kein Spiel, das man am wohl verdienten Feierabend einfach mal so konsumiert. Das Ding braucht sehr viel Zeit. Schon nur, bis man sich mit allem vertraut gemacht und sich mit der Mechanik angefreundet hat, braucht es einige Stunden. Das Abenteuer braucht Geduld und Toleranz, um sich zu entfalten. Die technischen Negativpunkte und die dahin plätschernde Geschichte sind keine Motivation sich stundenlang im Mittelalter zu tummeln.

Es sind vielmehr die kleinen Dinge, die einen intensiven Sog kreieren. Wenn ich in einem Gasthaus den Gesprächen lausche und so mehr über die damalige Welt erfahre, wenn ich in der freien Natur auf die Jagd gehe oder vor einer imposanten Burg stehe, dann hat mich die Atmosphäre komplett in ihren Bann gezogen und ich verzeihe dem Spiel fast alles.

Den aufgedrückten Realismus-Anspruch lächle ich dann weg, wenn ich einen Schnaps trinken muss, um meinen Spielstand zu speichern.

«Kingdom Come: Deliverance» ist erhältlich für Playstation 4, Xbox One und PC. Freigegeben ab 18 Jahren.

abspielen

Der Launch-Trailer zur Mittelalter-Sause. Video: YouTube/Deep Silver

Das könnte dich auch interessieren:

Videospiel liefert wertvolle Daten für die Forschung

abspielen

Video: srf/SDA SRF

Von «Pong» bis «Assassin's Creed»: Die beeindruckende Grafik-Evolution von Spielen in 23 Bildern

Das könnte dich auch interessieren:

Eine Untergrund-Industrie plündert Banking-Apps wie Revolut – so gehen die Betrüger vor

Link zum Artikel

Die Geschichte von «Ausbrecherkönig» Walter Stürm und seinem traurigen Ende

Link zum Artikel

Matheproblem um die Zahl 42 geknackt

Link zum Artikel

15 Bilder, die zeigen, wie wunderschön und gleichzeitig brutal die Natur ist

Link zum Artikel

CVP fährt grosse Negativ-Kampagne gegen andere Parteien – die Reaktionen sind heftig

Link zum Artikel

Röstigraben im Bundeshaus: «Sobald ich auf Deutsch wechsle, sinkt der Lärm um 10 Dezibel»

Link zum Artikel

«In der Schweiz gibt es zu viel Old Money und zu wenig Smart Money»

Link zum Artikel

YB droht Bickel mit Gericht, nachdem er als Sportchef 40 Mio. verlochte

Link zum Artikel

Warum wir bald wieder über den Schweizer Pass reden werden

Link zum Artikel

Wie gut kennst du dich in der Schweiz aus? Diese 11 Rätsel zeigen es dir

Link zum Artikel

So schneiden die Politiker im Franz-Test ab – wärst du besser?

Link zum Artikel

«Ich bin … wie soll ich es sagen … so ein bisschen ein Arschloch-Spieler»

Link zum Artikel

Der Kampf einer indonesischen Insel gegen den Plastik

Link zum Artikel

Wo du in dieser Saison Champions League und Europa League sehen kannst

Link zum Artikel

So erklärt das OK der Hockey-WM in der Schweiz die Ähnlichkeit zum Tim-Hortons-Spot

Link zum Artikel

Die amerikanische Agentin, die Frankreichs Résistance aufbaute

Link zum Artikel

Keine Angst vor Freitag, dem 13.! Diese 13 Menschen haben bereits alles Pech aufgebraucht

Link zum Artikel

Alles, was du über die neuen iPhones und den «Netflix-Killer» von Apple wissen musst

Link zum Artikel

Shaqiri? Xhaka? Von wegen! Zwei Torhüter sind die besten Schweizer bei «FIFA 20»

Link zum Artikel

«Ich hatte Sex mit dem Ex meiner besten Freundin…»

Link zum Artikel

Migros Aare baut rund 300 Arbeitsplätze ab

Link zum Artikel

«Informiert euch!»: Greta liest den Amerikanern bei Trevor Noah die Leviten

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

18
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
18Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Madmessie 22.02.2018 16:22
    Highlight Highlight Würdet ihr das Spiel auf PS4 empfehlen?
    • Lil'Ecko 22.02.2018 20:01
      Highlight Highlight Besser PC zumindest im Moment noch
  • Majoras Maske 22.02.2018 12:15
    Highlight Highlight Also ich finde die Inszenierung soweit ich bisher gespielt habe (und das ist etwas mehr als nur der Auftakt) bisher recht gelungen (wenn man mal von Bugs absieht). Wirklich toll finde ich, dass man als Jüngling startet und dann frei entscheiden kann wie man sich verhalten will: Recht oder Gewalt? Bisher finde ich das Spiel toll, mutig und kultiviert, auch wenn es gewiss auch genug Schwächen hat.
  • Alnothur 22.02.2018 11:21
    Highlight Highlight Habs auf GOG gekauft, und kann es in ein paar Tagen herunterladen - ich freue mich :)

    Auch fast positiv überrascht, seid ihr nicht auf den "Racism!! There are no blacks in this game!"-Zug aufgesprungen, den ein paar SJWs lanciert hatten...
  • fifiquatro 22.02.2018 10:20
    Highlight Highlight Bin schon seit ca. 20 stunden am spielen und mir macht es Freude. Klar hat es Fehler aber was solls der Spassfaktor überwiegt klar da vom Bethesda im Moment sowieso nichts zu erwarten ist. Als Alternative zu Skyrim wieso nicht....
  • AllIP 22.02.2018 08:18
    Highlight Highlight Mir gefällt es. Ein Spiel mit viel aufwand und liebe programmiert. Es ist auf jeden fall etwas neues und dafür darf es auch aus der Reihe Tanzen. Händchenhalten macht mir persönlich kein spass, also ist es definitiv ein Spiel für mich.
    Benutzer Bild
  • Olmabrotwurst vs. Schüblig 22.02.2018 08:06
    Highlight Highlight Für einen 1-ling der Firma genial.
  • architekt 22.02.2018 05:09
    Highlight Highlight Als Vergleich: Fallout 4 ist sowohl storymässig als auch technisch ebenfalls kein Weltwunder – und trotzdem mag ich es, ganz ohne Zwang einfach mal im virtuellen Commonwealth «Spazieren» zu gehen, Blumen zu pflücken und derlei Dinge zu tun... ;-)
    • Olmabrotwurst vs. Schüblig 22.02.2018 09:40
      Highlight Highlight Mmmhhh RAD-Kakerlakensuppe strahlend gut ;)
  • Galippo 22.02.2018 00:06
    Highlight Highlight Ich bin nun bei ca 20h Spielzeit. Das Spiel fasziniert mich. Nur mit dem Kampfsystem habe ich so meine Mühe. Ich finde die Kämpfe viel zu umständlich.
  • Lil'Ecko 21.02.2018 23:57
    Highlight Highlight Perfekt beschrieben!
    Ich mag das Spiel, braucht noch 1–2 Patches dann wirds richtig gut=)
    Anfangs brauchts echt etwas Geduld!
  • Jonas Schärer 21.02.2018 23:34
    Highlight Highlight Nun ja, das Game will ja gerade nicht bloss eine Story erzählen, sondern möglichst realitätsgetreue Eindrücke einer längst vergangenen Zeit vermitteln... da gehört es halt beispielsweise auch dazu,dass der Sohn eines einfachen Schmieds von einem Kriegszug halt einfach überrascht wird.

    Ich finde jedenfalls die Idee sehr gut und glaube die Entwickler haben die Gratwanderung zwischen Spielspass und "Realität" versucht konstant mit einem Fuss über dem Abgrund des fehlenden Spielspasses hängend durchzuführen, was ihnen mal abgesehen von technischen Mängeln offenbar recht gut gelungen ist ;-)
    • Mutzli 22.02.2018 16:54
      Highlight Highlight 1/2 Na ja, also das Prädikat "möglichst realitätsgetreu" hat es sich definitiv nicht verdient, egal was man vom Spiel an und für sich hält. Die Art Direction ist wirklich ziemlich toll und mehr oder weniger akkurat, wenn man Aspekte wie aussen vor lässt wie z.B. Siedlungen zu dieser Zeit tatsächlich ausgesehen haben. Auch beinahe die ganze Hintergrundgeschichte mit Kaiser Sigi als bösem Tyrannen und gefährlichen Cumanen mit "slanted eyes and black hair" (die in den Quellen als Blond und Blauäugig beschrieben werden) ist ziemlicher Nonsens. Maketing ist marketing, aber mich stört, wieviele
    • Mutzli 22.02.2018 17:10
      Highlight Highlight 2/2 Leute der nicht belegten Behauptung es sei super realistisch einfach glauben (inkl. des DIrektors, der behauptete sie seien solche Experten geworden, dass Historiker sie um Input und Hilfe gebeten hätten). Da lob ich mir doch Simons kritisches Auge ;-) Auch die sozialen Aspekte sind reichlich verkehrt, sei es das öffentlich zugängliche Kloster, Geschlechterrollen, Nationalgedanken, interaktion mit Adligen, jeder Fusssoldat mit einer Rüstung etc. Dazu kommen noch andere Fehler, wie das Fehlen von Feuerwaffen, Verbreitung von Schnaps, generell Ökonomie, wie Religion präsentiert wird etc...
  • Ridcully 21.02.2018 22:17
    Highlight Highlight Ich mags. Auch wenn ich sonst eher FPS mag.

Warum ich von «Control» (zuerst) enttäuscht wurde

Der neue Mystery-Thriller aus dem Hause Remedy ist verwirrend, nervenaufreibend und oft einfach nur hässlich unfair. Doch je länger man sich in dieser verschachtelten Welt aufhält, desto mehr darf man «Control» geniessen.

Was habe ich mich auf «Control» gefreut. Ich war voller Zuversicht. «Alan Wake» aus dem Jahr 2010 war für mich ein Meisterwerk und hat mich in eine Welt gesogen, die mir unvergessliche Erlebnisse bescherte. Als «Quantum Break» 2016 auf uns losgelassen wurde, war die Vorfreude ebenfalls gross. Doch so ganz konnte diese Mischung aus Videospiel und TV-Serie nicht überzeugen. Das Ganze war unterhaltend, ohne aber irgendwelche grossen Fussabdrücke zu hinterlassen.

«Control» ist da wieder …

Artikel lesen
Link zum Artikel