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Cyber-Aktivist Hernani Marques hat ein Programm entwickelt, das Personen einer bestimmten Partei zuordnet. bild: hernanimarques

«Ich zeige dir anhand deiner Tweets, welche politische Meinung du hast»

Du glaubst, deine politische Meinung sei privat? «Vergiss es», sagt IT-Fachmann Hernani Marques vom Chaos Computer Club Schweiz. Dem Cyber-Aktivist gelingt es innert wenigen Sekunden, die politische Gesinnung einer Person zu enthüllen.



Hernani Marques macht kein grosses Tamtam um sein selbst gebasteltes Programm. «Das habe ich in einer Nacht- und Nebelaktion gemacht», sagt der «Hacktivist» des Chaos Computer Club Schweiz im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Das Tool sei «sehr primitiv und simpel», aber beliebig ausbaubar.

Konkret vergleicht das Programm den Sprachgebrauch eines beliebigen Twitter-Nutzers mit dem Sprachgebrauch der verschiedenen Schweizer und einigen deutschen Parteien. Das Tool vergleicht, zu welcher Partei-Webseite der eigene Schreibstil auf Twitter am ehesten passt.

Marques hat hierzu die Internetseiten der Parteien an einem Stichtag im Oktober 2018 heruntergeladen. Findet die Software in den Tweets eines Nutzers gleiche Wörter oder Phrasen wie bei einer Partei, generiert das einen Treffer. Je mehr Treffer, desto höher ist der Ausschlag des Balkens der entsprechenden Partei.

So schätzt der Algorithmus watson ein:

Und so die AfD:

Sein Programm oder andere, ähnliche Programme, könnten auch weitere Online-Plattformen analysieren und die Daten absaugen. Wie das Tool funktioniert, ist in diesem Video zu sehen.

Wechselwähler erkennen

«Ich zeige dir anhand deiner Tweets, welche politische Meinung du hast», sagt Marques. Das geschehe auf ganz legalem Weg. Twitter habe eine offene Schnittstelle und lasse es zu, dass jedermann mit schon nur bescheidenen IT-Kenntnissen verschiedene Daten abzieht und nutzt. «Das Programm und wie es funktioniert verstösst in keinster Weise gegen ein geltendes Gesetz.»

Das Problem: Kein User merkt, dass er schubladisiert wird. Und – vielleicht noch störender: Das Ergebnis kann falsch sein. «Ob es stimmt oder nicht, spielt keine Rolle», sagt Marques. «Die Algorithmen haben gesprochen.» Auch vorsichtige Twitter-User, die sich um einen neutralen politischen Ton bemühen, werden in eine Schublade gesteckt.

Von Nutzen sind diese Daten etwa für Parteien. Sie könnten gezielt Werbung oder Botschaften an User von sozialen Netzwerken senden, die sich in einem ähnlichen politischem Spektrum befinden, bei den letzten Wahlen aber noch der Konkurrenz ihre Stimme gegeben haben. «Hinarbeiten, dass sich der Bürger in die richtige Richtung bewegt», umschreibt es Marques.

«Wenn eine Partei 100'000 Franken in die Hand nimmt, dann geht da noch einiges mehr.»

Hernani Marques, Mitglied Chaos Computer Club Schweiz

Sein Tool ist wie auch andere Programme des Chaos Computer Club nicht zum Verkauf gedacht. Er macht mit seinen Kollegen – sie nennen sich «Hacktivisten» – auf Chancen, aber auch auf Risiken und Gefahren im digitalen Raum aufmerksam, ohne kommerzielle Absichten.

Laut Marques könnte sein Programm aber von professionellen Informatikanbietern einfach weiterentwickelt werden – mit relativ wenigen Mitteln könne viel erreicht werden. «Wenn eine Partei 100'000 Franken in die Hand nimmt, dann geht da noch einiges mehr.»

Zudem könnten verschiedene Akteure weitere, nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Nutzerdaten wie etwa private Nachrichten von professionellen Hackern einkaufen. Damit könnte der Algorithmus verfeinert werden. Parteien könnten noch gezielter potenzielle Wechselwähler für sich gewinnen – ohne deren Wissen.

(oli/sda)

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abspielen

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28Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • nach gang 02.03.2019 06:14
    Highlight Highlight Solch eine Technologie lässt sich für alles Mögliche verwenden.
    Beispielsweise für Marketing und kriminalitätsbekämpfung.
    Ein Law-and-Order Staat könnte frühzeitig dissidenten erkennen zum wohl der Allgemeinheit liquidieren.
    In einem modernen demokratischen Staat könnten potentielle Putin-Trolle präventiv herausgefiltert und mundtot gemacht und/oder umerzogen werden. So könnte verhindert werden das labile Menschen Ganser-Vorträge besuchen oder noch schlimmeres unternehmen.
  • Juliet Bravo 02.03.2019 00:36
    Highlight Highlight Spanndende Sache. Wie siehts eigentlich bei Watson diesbezüglich aus?
  • Hernani Marques 01.03.2019 22:50
    Highlight Highlight Um die Treffer zu erzeugen, werden Selektoren mittels dem Machine-Learning-Verfahren Latent-Dirichlet-Allocation (LDA) generiert; vgl. S.49ff.: https://archive.org/download/MA_computerlinguistikmassenueberwachung/masterarbeit--clmassenueberwachung_v1.14_web.pdf (PDF)
    • Mirabelle 02.03.2019 01:25
      Highlight Highlight go Herr Nani 😉
  • Scrat 01.03.2019 22:21
    Highlight Highlight Schockschwerenot...! Ich Tweete nicht mal ansatzweise. Heisst das jetzt, dass ich überhaupt keine politische Meinung habe? Oder, dass wer nicht cht tweetet, ein völlig politische Analphabet ist? Welcome to Trumpocracy... 🤦🏼‍♂️🤦🏼‍♂️🤦🏼‍♂️
    • Hernani Marques 01.03.2019 22:52
      Highlight Highlight Es kommt gar nicht drauf an: eingeordnet kann man trotzdem werden - auch wenns falsch ist.

      Bei politisch stark profilierten Personen schlägts praktisch - frei nach Parteibuch (und eben wie hier maschinell via Webseite der Gruppe/Partei erlernt) - zuverlässig richtig aus. Und zwar nicht selten äusserst deutlich.

      Es lässt sich damit also auch quasi prüfen, wie stark ein Politiker / eine Politikerin auf Parteilinie schreibt. :)
    • Scrat 01.03.2019 23:11
      Highlight Highlight Dann ordne mich doch mal bitte ein... ich bin gespannt! 🤗
    • Diagnose: Aluhut 02.03.2019 10:09
      Highlight Highlight Es geht ja nicht darum, dass er dich einordnet, sondern uns vielmehr veranschaulicht, was die „Digitalisierung der Gesellschaft“ bedeuten kann. Und da ist zugeschnittene Werbung auf Social Media das kleinste Problem. Die Arme der Datenkrake sind lang. Man stelle sich z.B. vor, dass Versicherungen die Daten sammeln und dich mit einem Algorithmus einer Risikogruppe zuteilt. Oder der Bundesrat der Wirtschaft grünes Licht zur Freigabe der Krankenakten gibt, was zur Zeit ja zur Debatte steht. Plötzlich kostet die Versicherung massiv mehr, oder man bekommt gar keine mehr. Ob berechtigt oder nicht...
  • Ueli der Knecht 01.03.2019 21:28
    Highlight Highlight Was Hernani vorführt ist ein alter Zopf, und wird längst von vielen Programmen praktiziert. Die Technik dahinter ist gut beschrieben (Hernani konnte das einfach kopieren):

    zB. da (2014):
    http://www.marekrei.com/blog/political-ideology-detection/

    oder da (2017):
    "Automatic political preference prediction from social media posts"
    http://wwbp.org/papers/moderates17acl.pdf

    Aufgrund deines Gesichts kann AI auch deine sexuelle Orientierung erkennen:
    https://www.theguardian.com/technology/2017/sep/07/new-artificial-intelligence-can-tell-whether-youre-gay-or-straight-from-a-photograph
    • Zitronensaft aufbewahren 01.03.2019 22:00
      Highlight Highlight Zum letzten Artikel den du erwähnst:
      "The study... found that a computer algorithm could correctly distinguish between gay and straight men 81% of the time, and 74% for women .."


      Wenn ich jeden Mann und jede Frau als hetero kategorisiere, dann habe ich eine Genauigkeit von ca. 90 %. Der Algorithmus kann also hier nicht sehr viel. Solche Artikel ohne Einordnung verzerren eigentlich triviale Forschungsergebnisse.

      Auch Studie 2 stüzt deine Argumentation nicht: Ergbnis ist, das politische Einteilung schwierig ist...

      Studie 1 hat einen Datensatz, der sehr verzerrt ist.
    • Hernani Marques 01.03.2019 22:53
      Highlight Highlight Ja, klar konnte ich das gut "kopieren": ich habe das Gebiet nicht nur studiert, sondern auch eine Masterarbeit dazu geschrieben. 😌

      https://archive.org/details/MA_computerlinguistikmassenueberwachung
    • Ueli der Knecht 01.03.2019 22:59
      Highlight Highlight Zitronensaft: Wenn man von einer Person statt einem Facepic fünf untersucht, dann steigt die Zuverlässigkeit auf 91%, also noch besser als deine 90%. Entgegen deiner Aussage behauptet die Studie auch, dass menschliche Einschätzung nur "61% for men and 54% for women" zuverlässig sei. Du gehst vermutlich fälschlicherweise davon aus, dass der Datensatz der üblichen Gay/Straight-Verteilung entsprach. Tatsächlich waren aber 50% gay und 50% straight.
      https://psyarxiv.com/hv28a/

      Bei den anderen beiden Studien gings nur darum zu belegen, dass die von Hernani vorgeführte Technik längst bekannt ist.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Marry.Daveson 01.03.2019 20:55
    Highlight Highlight Und wo gibt es das Programm? Ist es als Open Source verfügbar um endlich gleich lange Spiesse für alle Parteien zu schaffen?
  • Ökonometriker 01.03.2019 19:54
    Highlight Highlight Die Frage ist, ob das ein Problem ist. Als Bürger habe ich ja auch ein Interesse daran zu wissen, welche Partei meine Meinung vertritt. Ich will, dass sie um mich buhlen und mir zeigen, inwiefern sie meine politischen Ziele umsetzen.
    Ich würde mir gezieltere Werbung wünschen, doch bis anhin erhalte ich fast nur langweilige Standardwerbung die im Altpapier landet.
    • Matti_St 01.03.2019 21:27
      Highlight Highlight Genau das ist das Problem. Durch durchleuchten der Daten bekommt man immer nur die gleiche Meinung vorgesetzt. Sei es Facebook, YouTube oder sonst was. Das führt automatisch zu einer unbewussten Bestätigung dessen, was man eh schon glaubt.
      Meinungsbildung ist Arbeit. Je mehr man dabei anderen überlässt, desto anfälliger wird man auch auf Fake-News.
    • Ueli der Knecht 01.03.2019 21:52
      Highlight Highlight Projekte wie zB. Palantir, Cambridge Analytica oder Google Jigsaw wollen sogar zielgerichtet deine politische Gesinnung umpolen (https://jigsaw.google.com/projects/#redirect-method).

      Vielleicht merkst du es nur nicht, dass solche "Parteien" längst um dich buhlen, um von dir unbemerkt deine politischen Ziele ins Hirn zu setzen.
    • Napu 01.03.2019 23:30
      Highlight Highlight Ich kann smartvote oder viementis empfehlen um bei Wahlen den richtigen Politiker*in oder Partei zu finden.
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