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A billboard displays the logo of Snapchat above Times Square in New York March 12, 2015. REUTERS/Lucas Jackson (UNITED STATES - Tags: BUSINESS SOCIETY)

Bild: LUCAS JACKSON/REUTERS

Snapchat ist das neue Facebook: Dieses Ding wird uns alle retten – oder endgültig erledigen

Snapchat ist das lustigere Instagram und das jüngere YouTube. Der Hype um die App sorgt auf der wichtigsten Internetkonferenz Europas, der re:publica in Berlin, für seltsame Szenen. Ein Frontbericht.

Fabian Reinbold / spiegel online



Ein Artikel von

Spiegel Online

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Es gab auf dieser re:publica zwei Redner, die nur per Video zugeschaltet wurden, aber trotzdem einen Besucheransturm auslösten. Der eine war Edward Snowden, der ein globales Spähsystem enttarnt hat. Der andere ein Zehntklässler namens Joshi, der sich aus seinem Jugendzimmer in Hamburg-Altona zuschaltete.

Beim Auftritt des 15-jährigen Joshua Arntzen verrenkten sich Männer im Anzug im Schneidersitz auf dem Boden die Beine, Frauen quetschten sich an die Wände – und trotzdem mussten viele Besucher draussen bleiben. Joshi war per Skype anwesend, um über Snapchat zu reden. Viel voller war's beim zeitgleich zugeschalteten Snowden ein paar Bühnen weiter auch nicht. Die re:publica 2016, das ist Snapchat und Snowden, aber doch etwas mehr Snapchat.

Diese 24 Snaps sind WIRKLICH einfallsreich – nicht so wie deine

Ein Gespenst auf gelbem Hintergrund geht also um auf dieser wichtigsten Internetkonferenz Europas (Hinweis für die Über-40-Jährigen: die Rede ist vom Snapchat-Logo.) Die Jugend von heute ist nicht mehr so viel auf Facebook, dafür aber dauernd auf Snapchat. So lautet eine Wahrheit der Stunde, die statistisch gar nicht so genau belegt ist, aber gleich in ein paar Branchen für Ekstase, Kopfschütteln oder Angstzustände sorgt.

Diese Mischung führte auf der re:publica zu skurrilen Szenen.

Es war generell voll auf der zehnten, grössten und unübersichtlichen Ausgabe der Internetkonferenz. So viele stages, meetups und lightning talks. Besonders eng wurde es aber, sobald jemand das S-Wort in den Mund nahm.

«Snapchat ist cool. Wie lange noch ungefähr?»

Am Dienstagnachmittag etwa blieb die Tür zur Erkenntnis manchem Suchendem verschlossen. Zehn Minuten vor Beginn eines Talks zum Thema «Instagram, Snapchat und Co. entzaubert» kam niemand mehr rein. Ein mittelalter Mann im Jackett konnte es kaum glauben. Immer wieder riss er die Tür auf, «lassen Sie uns doch zumindest mithören», flehte er die Security mehr als einmal an – die Bühne war ohnehin ausser Sichtweite.

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Drinnen läuft ein Snapchat-Vortrag, draussen wird auf Einlass gewartet. – vergebens

Keine Chance, der Raum war voll. Draussen vor der Tür harrte ein Grüppchen vor verschlossener Tür noch eine Viertelstunde aus. Ein anderes Grüppchen starrte ein paar Meter weiter auf einen Bildschirm, wo der Vortrag von drinnen gestreamt wurde – man hörte zwar nichts, könnte aber sehen, wie ein Vermarkter auf der Bühne eine Kurve präsentiere, die steil nach oben zeigte.

Man wollte dieses flüchtige Medium – selling point: die Chatnachrichten verschwinden wieder – unbedingt zu greifen bekommen. Lauert hier die Rettung oder der Untergang?

Auftritt Joshi. Der 15-Jährige zeigte in einem achtminütigen Video, wie er die App benutzt. Dann die Fragen an den Snapchat-Erklärer an der Leinwand. Erstens: «Folgst du nur deinen Freunden? Folgst du Marken?» (Joshi folgt nur Freunden und ein paar Promis wie «Drake, DJ Khaled, Future»). Zweitens: «Ab wann merkst du, dass da jemand versucht, bei den Jugendlichen als cool und hip anzukommen?»

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Joshua Arntzen stellte Snapchat vor.
bild: re:publica/ YouTube

Eine Frau, die sich mit «Ich bin die Fabienne» vorstellte, fragte: «Jetzt ist Snapchat noch cool, wie lange noch ungefähr?» Eine Vicky fragte Joshi, ob er denn glaube, dass «digitales Storytelling» in der App funktioniert.

Es geht um den «Discover»-Bereich auf Snapchat, wo öffentliche Posts stehen und die Marken hindrängen. Joshi hat das professionell gelöst. «Ich würde mir das auf jeden Fall angucken.» Er sagt aber auch, es geht bei Snapchat um den Spass unter Freunden, und dass er sich Werbekanäle nicht anschauen würde. Für jeden war was dabei.

Anruf bei Joshi, am Tag nach dem Vortrag: Hat er denn mit so viel Aufmerksamkeit gerechnet? «Joah», sagt der 15-Jährige, «die wollen halt Snapchat als Marketingtool benutzen.» Es gebe nun mal ein «grosses Interesse daran, zu verstehen, warum wir das so toll finden».

Dabei hatte man doch gerade erst YouTube verstanden

Und es stimmt ja auch: Jugendkultur wird nicht erst seit gestern vermarktet. Aber je schneller sich die Trends ablösen und je wichtiger die Zielgruppe wird, desto grösser werden Interesse und Unwissen bei Medien, Werbern, Vermarktern, Unternehmen. Gerade hatte man das Marketing auf YouTube verstanden. Bei Snapchat wird alles noch etwas dringlicher, unsicherer, nervöser, weil selbst jene Inhalte, für die sich die Vermarkter interessieren, nach 24 Stunden verschwunden sind.

Um YouTube, Instagram ging es auf der re:publica auch, aber ohne die Aufregung, die Snapchat umwehte. Um Facebook eher weniger.

«Alle paar Monate, oder sagen wir jedes Jahr, kommt eine neue Technologie oder Idee und Person vorbei und die sehr dumme und langsame Medienbranche denkt, dass das Neue Ding die ganzen Probleme lösen werden», ätzte neulich ein US-Medienmanager. Snapchat ist dieses Neue Ding der Stunde. Joshi sagt, er hätte auch wieder wie letztes Jahr allgemein über Internet und Jugendliche sprechen können, aber sie wollten: Snapchat.

Die Sache mit dem Neuen Ding

Der Amerikaner mit dem Neuen Ding schreibt übrigens auch: «Selten, so gut wie nie, ist das Neue Ding das, was die Probleme tatsächlich löst.»

Auf der «re:publica» trat dann noch eine «Agentin für digitale Sichtbarkeit» namens Kixka Nebraska auf, die ihr Publikum mit einer Anleitung für Snapchat begeisterte, aber in die allgemeine Entzücktheit mahnte: «Vergesst nicht, es ist ein Chatprogramm für Kinder.» Wenn jetzt die deutsche Marketingszene da reindränge, «werde das nicht so einfach». Frau Nebraska zeigte auch ein paar Folien, die aus dem Snapchat-eigenen Marketing kommen, sie wurden hektisch abfotografiert.

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Hier und Jetzt: Kixka Nebraska erklärt Snapchat.
bild: spiegel online

Das Zitat dieser re:publica lieferte dann Sascha Lobo, der in seiner alljährlichen Infotainment-Predigt (diesmal: «The Age of Trotzdem») höhnte: «Wir waren diejenigen, die Snapchat als erste nicht verstanden haben.» Kaum eine Mate-Verabredung auf der Sonnenterrasse, keine Warteschlange an der Süsskartoffelfrittenbude, an der Lobo nicht zitiert oder zumindest irgendwas anderes mit Snapchat gesagt wurde.

Am Dienstagabend war man dann schliesslich noch eingeladen zu einer Veranstaltung namens Happy Snapping, wo der Autor des ersten deutschen Snapchat-Leitfadens sprechen sollte, und auch eine «Keynote zum Potenzial von Snapchat für Influencer Marketing» sowie weitere Vorträge zum «Mehrwert von Snapchat für Unternehmen» und zu «Snapchat und Journalismus» angekündigt waren.

Da muss ich dabei sein – denke ich schon nach zwei Tagen in der Blase. Am Ende bin ich aber doch nicht hingegangen. Es gab da noch ein Abendessen von Facebook.

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    Alle Leser-Kommentare
  • arconite 05.05.2016 10:28
    Highlight Highlight Ungeachtet dessen ob man nun jedem Trend folgen soll oder nicht, finde ich es schade dass man von "nicht kennen" oder "nicht verstehen" immer gleich auf "zu alt" schliessen muss (Artikel u. Kommentaren).

    Ich bin der Meinung dass dies doch auch damit zu tun hat, in welchem Umfeld man sich bewegt und/oder welche Interessen man hat. Mit meinen 46 J. passe ich wohl auch nicht mehr in die erwähnte Zielgruppe, aber Fremd ist es mir nicht. Auch weiss ich von vielen Menschen die um einiges älter sind, und bei obigen Themen ganz gut mit jüngeren mithalten können.

    Man ist so alt wie man sich fühlt :)
  • BeniWidmer 05.05.2016 09:40
    Highlight Highlight Die Veranstaltung "Happy Snapping" wäre mit Philip Steuer gewesen. Cooler Typ und interessante Snaps-unbedingt adden!
  • KurmancimBira 05.05.2016 01:40
    Highlight Highlight Ich hab mir snapchat heruntergelaaden und da ist nix? Keine lustigen videos, keine lustigen bilder und wenn man etwas schreibt(chat) dann verschwindet es gleich wieder voll die scheisse.

    Obwohl ich solche sachen relativ schnell verstehe, trifft das auf snapchat nicht zu.
    • christianlaurin 05.05.2016 08:09
      Highlight Highlight Du brauchest Freunde!! Ich sage nicht das du keine hast. Ich sage ihrer freunde müssen es auch runter laden und wie die Affen es benutzen. Ich würde sagen whatsapp ist Alkohol und Snapshot ist Crack.
    • MaskedGaijin 05.05.2016 08:43
      Highlight Highlight Habe mir auch mal die App runtergeladen. Ging mir etwa gleich. Die App ist gut gemacht aber ich begreiffe nicht wirklich für was sie sein soll... Bin wahrscheinlich zu Alt.
  • Mrjomo 05.05.2016 00:41
    Highlight Highlight Ich würde gerne snapchat für Windows Phone sehen
  • odesu 04.05.2016 23:08
    Highlight Highlight Für mich nun nicht ersichtlich, in welcher hinsicht “das Ding“ uns alle “retten oder endgültig erledigen“ soll. Diese unglaublich absurden Titel, die zur Zeit in der Online-Medienwelt herumschwirren, gepaart mit absolutem Thesenjournalismus. Ich geb auf. Hier ein paar klicks.
  • Marnost 04.05.2016 21:47
    Highlight Highlight Wo ist Tumblr? 😭
  • JoJodeli 04.05.2016 20:38
    Highlight Highlight Ich bin glaub einfach zu alt...
  • Ares 04.05.2016 20:07
    Highlight Highlight Und ich habe noch nicht einmal ein Smartphone.
    • dä dingsbums 05.05.2016 07:49
      Highlight Highlight Respekt.

      :-)

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