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Strichmännchen, die die Welt erklären.
bild: Randall Munroe/ Knaus Verlag

Der Dinge-Erklärer: Früher war er NASA-Forscher – heute erklärt er die Welt mit genialen Comics

Können Laserpointer den Mond farbig anstrahlen? Solche Fragen stellt sich der Comic-Autor Randall Munroe. Im Netz haben seine Zeichnungen Kultstatus. Das sind die besten.

Angela Gruber / spiegel online



Ein Artikel von

Spiegel Online

Die Sache mit den Niagarafällen war kompliziert, sagt Comicautor Randall Munroe, bekannt durch sein Blog «xkcd.com». Ein Leser hatte ihm für seine Comic-Reihe «What If», «Was wäre, wenn», eine Frage zu den Wasserfällen gestellt, und Munroe begann, sich zu informieren. Er fand einen Vertrag, der festlegt, wie viel Wasser jeden Tag, jede Stunde über die Niagarafälle fliessen muss, nur ein Teil darf abgezweigt werden, um Energie zu gewinnen.

Dann fand Munroe heraus, dass es sogar Beamte gibt, die dafür da sind zu überprüfen, dass der Vertrag eingehalten wird. Er wollte unbedingt wissen, wer diese Beamten sind. Das Internet war keine grosse Hilfe, Munroe grub immer tiefer, er hatte sich auf die Spur nach der Wasserfall-Polizei begeben und konnte nicht mehr ablassen. «Jemand anders hätte vielleicht früher aufgegeben und gesagt: 'Okay, da gibt es also so Verträge.' Ich wollte es genauer wissen.»

Sein Internetruhm, den er mit «xkcd» erlangt hat, baut im Wesentlichen darauf auf, dass Munroe eben nicht so ist wie die anderen. Munroe geht Dingen auf den Grund, er will verstehen. Und dann erklärt er, und er tut das so unnachahmlich anschaulich und mit so feinem Witz, dass Millionen Menschen seine Zeichnungen lieben, die es längst nicht nur online, sondern auch in Buchform gibt.

Der Dinge-Erklärer: Seine Zeichnungen haben Kultstatus im Netz

Früher war er Nasa-Forscher

Seine Leser stellen ihm Fragen, die ihnen im Netz sonst niemand beantworten kann, auch Wikipedia nicht: Wieso bleibt mein Essen in der Mikrowelle immer an einem Punkt kalt, obwohl der Teller doch schon ganz heiss ist? Wenn jeder Mensch einen Laserpointer auf den Mond richtet, würde er dann farbig angestrahlt? Wenn man sich mit geöffnetem Mund auf den Rasen legt, wie lange dauert es statistisch, bis ein Vogel einem in den Mund kackt? Was passiert, wenn man einen Baseball schlägt, der mit 90 Prozent der Lichtgeschwindigkeit angeflogen kommt?

Munroe rechnet und recherchiert, bis er eine Antwort hat. Früher hat Munroe für die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa Roboter entwickelt, mittlerweile lebt er vom Zeichnen. Die Webcomics auf seinem Blog haben Munroe zum Schutzheiligen der Nerds im Internet gemacht, weil er ihren Humor teilt und in Comics giesst. Deren Figuren sind nie mehr als Strichmännchen mit runden Lollipop-Köpfen, aber es geht nicht um zeichnerische Finesse, sondern um Verweise und Anspielungen. Munroe bringt die Insiderwitze der Nerdkultur zu Papier.

Bevor er zeichnet, macht Munroe sich Gedanken über die Gesetze der Optik, das Verhalten von Mikrowellen in einem begrenzten Raum, physikalische Kräfte, Flugverhalten und Vorkommen von Vögeln, sowie den Umfang ihrer Exkremente und die Häufigkeit, mit der Vögel diese verteilen. In wenigen Strichen und einigen knappen Erklärungen notiert Munroe seine Erkenntnisse dann.

Am Montag auf der re:publica in Berlin läuft Munroe dennoch unbehelligt durch die Massen. Vermutlich sind etliche Menschen da, die seine Comics lieben, aber sie erkennen ihn nicht. Er wirkt ein bisschen schüchtern in seinem grau-blauen, zugeknöpften Hemd und dem flauschigen Hoodie darüber.

Fragen von Kindern sind die spannendsten, sagt Munroe

Als er in Berlin gelandet ist, hat er die deutsche Krähe entdeckt. Sie sieht anders aus als in seiner Heimat an der US-Ostküste, stellte er fest, schwarz-grau. Ein neues Rätsel tat sich auf. Munroe begann, auf seinem Smartphone zu recherchieren. Er hatte wieder eine Spur, die es zu verfolgen galt. Er fand heraus, welche verschiedenen Arten es gibt und wie sich die deutsche Krähe von anderen unterscheidet, nicht nur ihrem lateinischen Namen nach. «Vielleicht fragt mich jemand mal nach Krähen, dann weiss ich das», sagt Munroe.

Wenn er sich einer Frage annimmt, bekommen die Leser Antworten: Mikrowellen haben heisse und kalte Stellen, deshalb der Drehteller. Ausserdem werden sie von Eis nicht gut absorbiert, von Wasser hingegen schon. Deshalb die grossen Temperaturunterschiede im Essen. Der Vogel hat einen schon Hunderte Male auf den Körper geschissen, bevor er in den Mund trifft. Ein handelsüblicher Fünf-Milliwatt-Laser hat keinen Effekt auf der Mondoberfläche, egal wie viele Menschen es gleichzeitig versuchen. Und Vorsicht: Leistungsstärkere Laser würden die Erdatmosphäre in Plasma verwandeln, und wir würden alle in einem Feuerball sterben. Der Baseball ist so schnell, dass es zu einer Kernfusion kommen würde und er sich zerteilt, was noch das kleinste Übel im weiteren Umkreis wäre.

Am liebsten sind Munroe die scheinbar ganz simplen Fragen, häufig von Kindern gestellt. «Daraus ergeben sich oft die spannendsten Antworten.»

Für jemanden wie Munroe, der sich für alles um sich herum interessiert, ist die Frage nach Lieblingsthemen eine schwierige. Als Kind habe er sich viel mit Naturkatastrophen beschäftigt, erzählt er. Eine Karte zeigte ihm an, wo welche Naturkatastrophen passieren können. «Ich wollte nach Manitoba in Nordkanada ziehen, weil es dort nur Blizzards gibt.» Die Eltern durchkreuzten die Pläne, heute ist Munroe froh darüber. Mit Naturkatastrophen beschäftigt er sich aber immer noch gerne, zeichnerisch.

Gegen das Besserwissertum im Netz

Wer beruflich Alleswisser ist, der könnte leicht pedantisch, besserwisserisch werden. Das Netz ist voll von Menschen, die weit weniger wissen als Munroe und trotzdem gerne ihr Umfeld belehren. Munroe ist dieser Versuchung offenbar nie erlegen, er ist der Dinge-Erklärer – so heisst auch sein aktuelles Buch –, nicht der Besserwisser aus dem Netz. Das macht ihn so sympathisch.

Munroe ist durch seine Arbeit auf «xkcd.com» zu einem der beliebtesten Menschen im Netz geworden, seine Fans haben ihm sogar einen nach ihm benannten Asteroiden beschafft, 4942 Munroe. Der Zeichner war entzückt und ging in einem Blogeintrag darauf ein, welche Lebensbedingungen auf seinem Asteroiden herrschen. Mit einem kräftigen Sprung kann man es von dem Asteroiden aus ins All schaffen, irgendwo zwischen Mars und Jupiter, folgerte Munroe über 4942 Munroe.

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