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Humor als Waffe – wie die Ukraine Putins Russland das Fürchten lehrt

Ukrainische Briefmarke mit dem (übersetzten) Titel «Russisches Kriegsschiff, fick dich selbst!» Die Illustration des Künstlers Boris Groh erhielt bei einem Wettbewerb der ukrainischen Post die meisten ...
Ukrainische Briefmarke mit dem (übersetzten) Titel «Russisches Kriegsschiff, fick dich selbst!» Die Illustration des Künstlers Boris Groh erhielt bei einem Wettbewerb der ukrainischen Post die meisten Stimmen.bild: Ukrposhta

Gegen diese Waffe sind Putin und sein Regime absolut machtlos

Lange bevor der Westen Raketenwerfer an die Ukraine lieferte, hatte die schon eine starke Waffe: Humor. Sie ist gerichtet auf die Moral der gegnerischen Soldaten.
15.09.2022, 22:0515.09.2022, 22:57
Christian Vooren / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

In dieser Kolumne geht es um Krieg und Witze, zunächst aber um Mitbringsel. Zwei bestimmte Souvenirs werden einem in der Ukraine derzeit angeboten wie andernorts Holzschnitzarbeiten oder Honig.

Das eine sind Metallsplitter, deformiert und messerscharf. Besucht man etwa ein Gebäude, das kürzlich von russischen Raketen zerbombt wurde, kommen immer wieder Nachbarn und zeigen diese Schrapnellteile. Man dürfe sie gern mitnehmen, sagen sie dann. 

Das andere ist ein Motiv: das Bild eines ukrainischen Soldaten, der einem russischen Kriegsschiff den Mittelfinger zeigt. Darunter steht: «Russisches Kriegsschiff, fick dich!»

Die Geschichte dahinter ist die der Schlangeninsel im Schwarzen Meer. Sie wurde zu Kriegsbeginn von russischen Truppen erobert und die 13 ukrainischen Soldaten dort wurden gefangen genommen. Der Satz ist ein Funkspruch, den einer der Soldaten abgesetzt hatte. Die Zeichnung wurde zur Sonderbriefmarke in der Ukraine, im Bahnhof von Kiew gibt es Kühlschrankmagneten mit dem Motiv, in Supermärkten in Odessa Einkaufstaschen.

Beide Souvenirs erfüllen unterschiedliche Funktionen. Die Splitter tragen den Schrecken des Krieges nach draussen. Sie sind der Versuch, das Unbegreifliche greifbar zu machen. Die Briefmarken und Einkaufsbeutel sind ein Witz. Es ist wie mit Feder und Schwert, nur siegt in dem Bild der Stinkefinger über den modernen Panzerkreuzer. Die Insel wurde mittlerweile zurückerobert, das Kriegsschiff versenkt.

Krieg ist kein Witz, aber...

Natürlich ist ein Krieg kein Witz, aber im Krieg kann Witz eine Waffe sein. Die Ukraine hat das verstanden, lange bevor Deutschland die ersten schweren Waffen schickte.

Nein, das liegt nicht an Präsident Wolodymyr Selenskyj, der einmal Komiker war. Eher noch liegt es an Menschen wie Witalij Kim. Der Gouverneur der Region Mykolajiw hatte schon wenige Tage nach dem Überfall der Russen angefangen, sich über die Soldaten lustig zu machen. Im Gespräch sagte er mir einmal, das sei eine bewusste Entscheidung gewesen, er habe damit dem Feind den Schrecken nehmen wollen.

Kim verhöhnt Putin, das Internet tut es auch. Es gibt unzählige Memes, die mit unterschiedlichen Formen der Komik arbeiten. Sie machen sich über den russischen Präsidenten lustig, über schlecht ausgebildete Soldaten, die offenbar in Panik vergessen, wie man einen Panzer steuert.

Ukrainische Soldaten wiederum spielten den Russen im Februar bei ihrem Angriff auf Kiew Streiche, als sie Strassenschilder austauschten und den Gegner damit verwirrten. Das taten sie nur halb im Scherz, aber wenn der feindliche Panzer dann wirklich falsch abbiegt, hat das ukrainische Militär was zu lachen – und tat es vielfach in den sozialen Netzwerken.

Dort gibt es massenhaft solcher und anderer Videos und Memes, von der «ukrainischen Traktorbrigade» etwa. Die gibt es nicht offiziell, aber der Spitzname entstand, als ukrainische Bauern mit ihren Traktoren die russischen Panzer abschleppten – zum Teil stahlen sie sie, zum Teil waren sie von den Russen einfach zurückgelassen worden.

Es gibt Bilder vom homophoben Putin als Clown in Regenbogenfarben und Cartoons, die sagen: «Wenn wir in diesem Krieg eine Sache gelernt haben, dann die, dass Russland die zweitstärkste Armee … in der Ukraine ist.»

Einmal spielten russische Lautsprechersysteme in Einkaufszentren und Behörden vor erschrockenen Russen lautstark ukrainische Lieder ab. Ob das wirklich ein ukrainischer Hackerangriff war oder eine Performance, ist schwer zu sagen, lustig ist es in jedem Fall. In Kiewer Kellerbars kann man sich ganze Stand-up-Abende anschauen, während oben der Luftalarm aufheult.

Der Begriff Galgenhumor kommt nicht von ungefähr. Er kann das aushaltbar machen, was nicht auszuhalten ist.

Humor stärkt die Moral

Nun wäre das Internet nicht das Internet, wenn nicht schnell jemand – in der Regel keine Ukrainerinnen – einwenden würde, dass das alles aber ziemlich geschmacklos sei. Sicher, die meisten dieser Gags werden keine Comedypreise gewinnen.

Manche sind einfach nur Streiche oder Handyvideos vom Kriegsgeschehen, die unterlegt sind mit dem Gelächter der oder des Filmenden, als wären sie Teil einer Sitcom aus den Achtzigern. Darin wollen Kritiker dann ein Indiz für die Verrohung der Ukrainer sehen, für deren Bösartigkeit. Da sterben ja Menschen, heisst es dann, oder sie werden verletzt. Das hiesse aber, es ist verwerflicher, Witze über geschlagene Angreifer zu machen, als ein Land anzugreifen.

Das ist Quatsch. Humor als Ventil in schlechten Zeiten hat es schon immer gegeben. Im Zweiten Weltkrieg genauso wie in Ländern, die von Naturkatastrophen getroffen wurden. Der Begriff Galgenhumor kommt nicht von ungefähr. Er kann das aushaltbar machen, was nicht auszuhalten ist. Und das wiederum stützt die Moral der Menschen. Und er greift die russischen Truppen an. Die Soldaten merken, dass sie nicht willkommen geheissen und Erfolge rar werden. Und sie selbst haben derzeit nichts zu lachen. Im Krieg der Pointen, so viel steht mal fest, ist für Putin nichts zu holen.

Der Vorwurf der Bösartigkeit ist auch deshalb falsch, weil er am Wesen des Witzes vorbeigeht. Kurzer Blick auf das, was Freud dazu geschrieben hat: «Die Antwort, warum wir über die Bewegungen des Clowns lachen, würde lauten, weil sie uns übermässig und unzweckmässig erscheinen. Wir lachen über allzu grossen Aufwand.»

Man denke etwa an Putins überlangen Tisch, der wohl eine Demonstration der Macht sein sollte, das aber so dermassen grotesk übertreibt, dass es nur noch komisch wirkt.

Putin schreibt die Pointen unfreiwillig selbst

Das führt zur Frage, wer all die Witze eigentlich schreibt. Bei Memes weiss man das nie so genau, das liegt in ihrer Natur. Aber unterm Strich ist die Antwort: Putin selbst. Unvergessen ist die kilometerlange Panzerkolonne, mit der Kiew eingenommen werden sollte, die aber so behäbig und schlecht organisiert war, dass sie tagelang nicht vorwärtskam. Der reinste Slapstick.

Ähnlich verlief zuletzt der Rückzug aus den Gebieten, die das ukrainische Militär zurückeroberte. Nichts daran war kontrolliert oder gar filigran, es war stupide und verzweifelt. Der Philosoph Henri Bergson hat das in seiner Theorie über das Lachen beschrieben: Komisch sei etwas, das an einen simplen Mechanismus erinnert, wenn zum Beispiel ein Mensch sich besonders hölzern bewegt. Oder eben eine Panzerkolonne.

Jetzt auf

Bergson schreibt über die Komik auch, dass sie dann entsteht, wenn eine geistige Minderleistung durch einen körperlichen Mehraufwand kompensiert wird. Der Klassiker: Wenn jemand mit einem Holzbalken quer durch einen Türrahmen laufen will, stecken bleibt und sich abmüht, aber immer wieder scheitert. 

Auch Putin hat sich verrechnet, jetzt versucht er, das Ergebnis mit Gewalt zu erzwingen. Er ist der Typ mit dem Balken in der Hand, der den Türrahmen nicht sieht. Je länger der Krieg andauert, je mehr Fehler er macht, desto mehr macht er sich selbst zur Witzfigur. Eine Niederlage wäre die grösstmögliche Pointe.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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20 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Gandalf-der-Blaue
15.09.2022 22:33registriert Januar 2014
Zweifellos ist Humor in verzweifelten Situationen ein ungeheuer starkes Mittel. Doch die Ukrainer haben irgendwie von Natur aus einen Sinn für Pointen, der dem schwarzen Humor der Engländer sehr ähnlich ist. Und ja: Lachen hilft, Stress abzubauen, klärt die Gedanken und revidiert den Fokus. Kein Wunder sind diese Leute so erfolgreich. Umso mehr wünscht man sich nach Kräften, dass die Russen in der Ukraine nichts mehr zu lachen haben.

Nie mehr.

Punkt.
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Liebu
15.09.2022 22:48registriert Oktober 2020
Ich denke, den Russen ist das Lachen vergangen.
Ansonsten geht aber mit einem Lachen vieles einfacher, da es positive Energie gibt.
So gesehen sehe ich die Ukrainer gerne lachen, obwohl eigentlich zum Weinen ist, was in ihrem Land passiert.
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Wiesler
15.09.2022 22:52registriert August 2019
Super Artikel!👍
Fazit - Natürlich absurd oberflächlich - Krieg ist scheisse aber machen wir das Beste daraus.
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