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Was treibt «normale» Leute an, das Geschehen auf einer Baustelle über Monate mitzuverfolgen und auch kleinste Änderungen in unermüdlicher Detektivarbeit aufzuklären?
Was treibt «normale» Leute an, das Geschehen auf einer Baustelle über Monate mitzuverfolgen und auch kleinste Änderungen in unermüdlicher Detektivarbeit aufzuklären?
bild: Albrecht Köhler

Es begann an Teslas Bauzaun

Sie filmen jedes Baugerüst der im Bau befindlichen Gigafactory und träumen von einem deutschen Silicon Valley: Wie Albrecht Köhler und seine Mitstreiter in Grünheide aus Tesla mehr machen wollen als eine Fabrik.
26.09.2020, 13:5828.09.2020, 06:21
Simone Gaul / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Was ist das jetzt schon wieder? Albrecht Köhler parkt sein Auto und holt die Kamera aus dem Kofferraum.

Über dem Eingangstor einer alten Fabrikhalle hier im Gewerbegebiet Freienbrink in Grünheide hängt ein neues grosses Banner mit vielen Firmenlogos. Eines davon, das ist der Grund für Köhlers Aufregung, ein grosses weisses Tesla-T. Das Tor steht offen, riesige Maschinenteile in Plastikfolie stehen in der Halle. Köhler fotografiert.

«Lange kann das hier noch nicht sein», sagt er. Vor einigen Wochen lagerte in dieser Halle Futtermais, den hatte Köhler auch fotografiert.

«Ich schreib den Jungs. Die sollen recherchieren.»

Albrecht Köhler ist 33 Jahre alt und wohnt mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern am Ortsrand von Grünheide. Er ist Krankenpfleger, Vater, Hobbyfotograf und seit einem knappen Jahr so etwas wie das inoffizielle Teslainformationsbüro. Da ist er so reingerutscht.

Einmal pro Woche fliegt Albrecht Köhler mit seiner Drohne entlang des Teslageländes, immer exakt die gleiche Route. Er filmt den Baufortschritt.
Einmal pro Woche fliegt Albrecht Köhler mit seiner Drohne entlang des Teslageländes, immer exakt die gleiche Route. Er filmt den Baufortschritt.
bild: twitter

Er war gerade in Elternzeit als ihn der Sog der Fabrik erfasste. Am 13. November 2019 wurde bekannt, dass die vierte Tesla-Fabrik, im Unternehmenssprech Gigafactory genannt, in der 8000-Einwohner-Gemeinde Grünheide südöstlich von Berlin gebaut werden soll. Und Köhler begann, alles zu dokumentieren, was er darüber rausfinden konnte. Zunächst aus Neugierde.

Er wollte wissen, was in seiner unmittelbaren Nachbarschaft passiert. Also sammelte er Dokumente über den Bauantrag oder die Strukturplanung, fotografierte das Gelände, immer wieder, vom Boden und aus der Luft, er filmte die Informationsveranstaltungen der Gemeinde und stellte alles online. Er wurde zum Chronisten. Was über das Brandenburger Teslawerk bekannt ist, findet man in Köhlers Twittertimeline und auf seiner Website.

Mittlerweile gibt es kaum noch teslafreie Tage in seinem Leben. Im April ist er auch noch als Co-Moderator in einen Elon-Musk-Podcast eingestiegen und plaudert jetzt einmal pro Woche über Tesla, SpaceX und sonstige Unternehmungen des Teslachefs.

Sein Twitteraccount @gigafactory_4 hat mehr als 10'000 Follower. Fans aus der ganzen Welt, einige Politikerinnen und Politiker, viele Journalistinnen und Journalisten. Köhler ist längst Teil des Grossprojekts Tesla in Brandenburg. Auch wenn ihn nie jemand eingestellt hat.

Die Mutter aller Baustellen

Wieso richtet ein junger berufstätiger Familienvater sein Leben nach einer Baustelle aus? Wieso fotografieren Köhler und die anderen fast täglich Baukräne und Lagerhallen, steuern Drohnen über das Gelände und kriegen Herzklopfen, wenn sie das Teslasymbol irgendwo entdecken? Was hat diese Firma mit ihnen gemacht?

Köhler wischt über sein Handydisplay. Eine neue Mitteilung. Das, was da gerade in der alten Halle passiert, könnte etwas mit der Lackiererei zu tun haben, schreiben seine Jungs. «Die Jungs», das sind andere Teslafans. Sie heissen Jürgen, Tobi und Ralf-Thomas, sie haben Kinder oder keine, leben nah oder etwas weiter weg, arbeiten in ganz unterschiedlichen Berufen, aber alle sind wie Köhler vom Teslafieber angesteckt und tummeln sich alle paar Tage an der Baustelle.

Irgendwann haben sie sich vernetzt. Findet einer etwas heraus, forschen alle gemeinsam weiter. Ein neuer Kran, ein Kieshaufen, ein Tweet von Elon Musk. Jedes noch so kleine Puzzleteil ist interessant.

Weil Tesla selbst sich rarmacht und ausser grosser Zukunftsversprechen («umweltfreundlichste Fabrik der Welt», «Zukunft der Mobilität») nicht viel über seine Projekte verrät, werden die Beobachter zu Detektiven im Dienste einer besseren Zukunft.

Da ihnen die internationale Teslafangemeinde dabei zusieht und begierig jedes Detail aufsaugt, sind Köhler und seine Bande plötzlich am Puls der Zeit. Grünheide kennt man jetzt auch in Kalifornien. Diese Baustelle ist längst mehr als nur eine Baustelle.

«Hier passiert etwas Grosses.»
Albrecht Köhler
Die Tesla-Baustelle im Juli 2020: Vor dem farbenprächtigen Sonnenuntergang sind Kräne und erste Pfeiler für die künftige Gigafactory zu erkennen.
Die Tesla-Baustelle im Juli 2020: Vor dem farbenprächtigen Sonnenuntergang sind Kräne und erste Pfeiler für die künftige Gigafactory zu erkennen.
Bild: keystone

Wie eine in den Wald hineingefräste Wüste liegt das sandige Grundstück neben der Landstrasse. Wo Anfang des Jahres noch Kiefern in akkuraten Nutzwaldabständen in den Himmel ragten, sind es jetzt Stahlbetonpfeiler. Drumherum stehen Kräne, in Orange, Türkis und Gelb zeigen ihre metallenen Arme in die Luft, unter ihnen erheben sich Hügel aus Sand und Kies. Die Dimensionen sind gigantisch.

Dazu kommt die Geschwindigkeit. Für deutsche Verhältnisse ist sie unglaublich. Noch immer gilt: Im Sommer 2021 sollen die ersten Autos produziert werden.

«I believe in speed.»
Elon Musk

Musk hat bei seinem Besuch Anfang September schnell noch Richtfest gefeiert, ist für seine Motivationsrede vor den Bauarbeitenden in eine Zimmermannskluft geschlüpft und hat den wartenden Journalistinnen zugeworfen: «I believe in speed.» Ich glaube an Geschwindigkeit.

Vom Beobachter zum Hardcore-Fan

Irgendwie rechnet man rund um diese Fabrik inzwischen mit allem. Kommt der angekündigte Rave-Club? Kann schon sein. Wird alles sogar noch schneller fertig als geplant? Möglich. Landet Elon eines Tages mit einem Raumschiff in Grünheide? Warum nicht. He believes in speed. Für diese Baustelle gelten eigene Regeln. Deshalb wollen die Menschen sie sehen.

Wie jeden Tag sind ausser Köhler auch andere Neugierige gekommen. Eine Frau und ein Mann haben ihre Fahrräder abgestellt. Er hält ein Handy hoch, sie ein Tablet. Ein SUV mit polnischem Kennzeichen fährt kurz ran, steht, dreht ab und braust davon. Weiter hinten geht ein Fotograf mit Profiausrüstung am Zaun entlang. Ein ganz normaler Nachmittag in Grünheide.

Eigentlich ohne Worte, oder? Elon Musk bei seiner Baustellenbesichtigung.
Eigentlich ohne Worte, oder? Elon Musk bei seiner Baustellenbesichtigung.
Bild: keystone

Während Musks Besuch hatte Köhler Schicht im Krankenhaus. Aber abends erspähte er ihn dann doch noch, mit seinem Teleobjektiv hinter dem Fenster eines Baucontainers. Das war vielleicht etwas paparazzimässig, sagt Köhler heute. Aber in dem Moment war es einfach zu aufregend.

Dabei ist Köhler alles andere als ein aufdringlicher Paparazzo. Eher der Typ pflichtbewusster junger Mann. Einer, der sich an die Absprachen mit der Security hält. Der Fakten und Gesetze recherchiert und Gerüchte von bestätigten Informationen trennen kann. Der genau weiss, welcher Pfeiler zur Lackiererei gehört und wo 550 Pfähle im Boden schwere Lasten abfangen werden. Der genau überlegt, welche Informationen er der Presse weitergibt.

So sah es Anfang September in Grüneheide aus.
So sah es Anfang September in Grüneheide aus.
Bild: keystone

Köhler stammt aus einer Medizinerfamilie, der Opa war Chefarzt in der Kinderabteilung der Klinik, in der Köhler heute arbeitet. Der Vater ist niedergelassener Kinderarzt. Köhler selbst hat nach seiner Ausbildung drei Jahre Medizin studiert, sich dann aber für die Arbeit als Pfleger entschieden. «Ich wollte Zeit für andere Dinge haben», sagt er. Andere Dinge, das hiess damals, sich um sein erstes Kind zu kümmern, das gerade geboren war. Jetzt heisst es: Gigafactory, Gigafactory, Gigafactory.

Vor einigen Monaten hätte er sich nicht als Fan bezeichnet. Doch je tiefer er eingestiegen ist, in die Visionen des Unternehmers aus dem Silicon Valley, desto mehr hat ihn dessen Weltbild gepackt. Dieser Glaube an den Fortschritt. Diese wilden Ideen, die Musk, trotz viel Gegenwinds nach und nach einfach umsetzt. Heute sagt Köhler: «Ein Fan? Ja, vermutlich bin ich das.» Jetzt will er noch einen Schritt weiter gehen.

Der Traum vom deutschen Silicon Valley

Köhler will nicht mehr nur beobachten, er will gestalten. «Hier könnte ein deutsches Silicon Valley entstehen», sagt er. Zu gross gedacht? Wer weiss das schon noch. Von bis zu 40'000 Arbeitsplätzen durch Tesla ist die Rede. Von einer Universität, die überlegt, eine Aussenstelle im Landkreis zu eröffnen. Von anderen Firmen, die sich im Tesladunstkreis ansiedeln wollen.

Zahlreiche Menschen aus verschiedenen Ecken der Erde haben im Netz bereits Interesse an den Arbeitsplätzen in Grünheide angemeldet. Köhler glaubt, dass Tesla wie ein Magnet wirke: «Hier könnte ein Neben- und Miteinander fortschrittlich denkender Menschen entstehen. Menschen aus der ganzen Welt, die an einem Lebensstandard für die Zukunft arbeiten.» Eine Riesenchance, findet Köhler. Und wie er das so sachlich, pragmatisch erzählt, klingt es gar nicht abwegig.

Aber, sagt er dann, man müsse die Grünheider Bevölkerung mitnehmen. Denn nicht alle in der Gemeinde sind so begeistert von der Industrieansiedlung wie er selbst. 414 Einwände gegen den Bau der Fabrik haben Bürgerinnen und Bürger eingebracht, an diesem Mittwoch beginnt die Anhörung ihrer Argumente. Aufhalten werden sie das Projekt vermutlich nicht mehr, die Brandenburger Landesregierung geht davon aus, dass die endgültige Genehmigung noch in diesem Jahr kommt. Aber die Einwände zeigen: Einigen geht dieser Fortschritt zu weit. Veränderung bringt auch Verunsicherung mit sich.

Deshalb wollen Albrecht Köhler und seine Mitstreiter nicht nur informieren, sondern der Unsicherheit etwas entgegensetzen. Er sagt, er wolle den zukunftsorientierten Teslageist in die Wohnzimmer der Menschen tragen. Mit seinen Informationen, aber auch mit Ausstellungen, wissenschaftlichen Veranstaltungen, Hackathons, einem kleinen Festival vielleicht. «Schliesslich lesen ja längst nicht alle auf Twitter mit.» Ideen hat er viele. Für den Anfang hat er im Frühjahr bereits 16 Elon-Musk-Biografien besorgt und auf die umliegenden Bibliotheken verteilt.

Grünheide for future

Für alle diese Projekte hat Köhler eine Initiative gegründet: Grünheide for future. Die begriffliche Nähe zu Fridays for future war nicht so ganz geplant, sagt er, passe aber ja eigentlich. Im Pandemiesommer dümpelte das Projekt vor sich hin, jetzt soll es richtig losgehen.

screenshot: gruenheideforfuture.de

Köhler ist zum Haus seines Vaters gefahren. Es ist noch mal richtig warm an diesem Septemberabend, eine gute Gelegenheit für ein abendliches Treffen mit den anderen Teslafans und den Aktiven aus Grünheide, coronakonform im Freien. Köhler holt zwei Sixpacks Bier aus der Küche, sein Vater hat den Grill auf den Rasen gerollt, Würstchen und Brötchen liegen bereit. Aber erst wird gearbeitet.

Kurz darauf sitzen acht Leute um den Tisch. Es ist ihre letzte Sitzung vor der Vereinsgründung. Grünheide for future und der Netzwerkladen, ein Begegnungsraum am Marktplatz, schliessen sich zusammen und gründen das Grünheide Netzwerk. Zweck des Vereins laut Satzung: Förderung von bürgerschaftlichem Engagement, von Bildung, Umweltschutz, Kultur, Toleranz und internationaler Gesinnung. Grosse Worte. An diesem Abend geht es erstmal um kleine Fragen. Wer gestaltet das Vereinslogo, wer wird Gründungsmitglied, wann beginnt das Fotoshooting am Wochenende.

Kinderarzt Jens-Uwe Köhler, Albrechts Vater, sagt, er beobachte seit einigen Jahren an vielen Kindern und Jugendlichen eine gewisse Interessenslosigkeit jenseits von Computerspielen, Serien und sozialen Medien. Er sieht die Arbeit des neuen Vereins als Chance, Kindern den Spass an der Wissenschaft zurückzugeben. Christine de Bailly, die den Begegnungsraum am Marktplatz betreibt, wollte schon lange einen Verein gründen und freut sich über den neuen Schwung in der Gemeinde.

Jetzt auf

Die Zukunft, das ist für die kleine Gruppe an diesem Tisch mehr als eine Fabrik mit Zehntausenden Arbeitsplätzen. Das ist auch mehr als Elektromobilität und Raketen, die zum Mars fliegen. Für die Menschen in diesem Garten ist die Zukunft ein aufgewecktes, informiertes Dorf. Mit weltoffenen Menschen, die sich einbringen. Das Grünheide Netzwerk will den Schwung der Teslaansiedlung mitnehmen, um die gesamte Gemeinde nach vorne zu bringen. Albrecht Köhler ist guter Dinge nach diesem Abend.

Eine Woche später wird der Verein feierlich gegründet. Das Fernsehen ist geladen, der Bürgermeister auch, er hat nur leider keine Zeit. Es gibt gegenseitige Glückwünsche, Sekt und eine unterschriebene Satzung. Es kann losgehen. Albrecht Köhler, frisch gewählter Schatzmeister, schaltet die Webseite frei, während die anderen sich noch zuprosten. Ja, Tesla baut hier in Grünheide eine Fabrik. Aber ihre Zukunft, die bauen die Grünheider, Köhler und die anderen, selbst.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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Selbstfahrende Autos – das musst du wissen

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quelle: ap/waymo / julia wang
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