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Hallo Heidi! Juliette Binoche blickt aufmerksam in Richtung Maloja-Pass. bild: festival de cannes

Mein Cannes-Tagebuch (9 und Ende)

Holy Maloja! Konnten die Schweizer Berge eigentlich kein Veto einlegen gegen diesen Film? 



Wie immer klingelte mein Wecker kurz nach sechs, und ich erwachte und wusste: not a good day, today. Oder rien ne va plus, wie sie in den Casinos von Monte Carlo zu sagen pflegen. Mein Kopf war leer, die Glieder schwer, ich starrte hinaus in den Regen, der auf Palmen fiel, lauschte in die Tiefe der kleinen Wohnung hinein und dachte: Shit, der «Tages-Anzeiger» schafft's tatsächlich und schaut sich den Irland-Kitschfilm «Jimmy's Hall» von Ken Loach jetzt an. Ich schaffte es nicht. Aber ich schaffte es, den glutenfreien Toast zu verbrennen. Der Regen schoss aus Kannen auf Cannes. Mir fehlte unendlich viel Schlaf, mir fehlte mein Liebesleben, ich wollte weinen. Als der «Tages-Anzeiger» gegen 14 Uhr schnell nach Hause kam, um trockene Kleider zu holen, sagte er: «Aha, Cannes-Burnout.» Er hatte recht. 

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Regen, der auf Palmen fällt. bild: simone meier

Ich schaute mir zu, wie ich mich die Treppen hoch und runter schleppte, ich ging dorthin, wo die alten Frauen aus dem Quartier einkauften und alle viel lebendiger waren als ich, und dachte: Wäre ich ein Film, ich möchte ihn wirklich nicht sehen. Zu sehr würde er mich an die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne erinnern, und ich schwöre, nie im Leben werde ich für einen ihrer Filme freiwillig Eintritt bezahlen. Auch wenn mich das Spiel der Marion Cotillard in ihrem Wettbewerbsbeitrag «Deux jours, une nuit» beeindruckte und ich mich der allgemeinen Meinung anschliesse, dass sie am Samstagabend zur besten Darstellerin gekürt werden muss. Marion Cotillard kann ja alles: Modeln, Melodram und minutiöse Kunst.

Nur: Der Film! Also, die Cotillard arbeitet in einer Solarzellenfabrik, aber weil sie nicht der Sonnenschein ist, der in diesem Business offenbar gesucht wird, sondern immer wieder Depressionen und Burnouts hat, soll sie entlassen werden. Der fiese Chef hat den andern gesagt, wenn sie ihren Bonus wollen, muss er die herzige Cotillard entlassen. Alle wollen den Bonus. Weshalb die Cotillard innerhalb von 48 Stunden an jeder Haustür klingelt und die andern umstimmen will. Sie macht in der Zeit auch noch einen Selbstmordversuch, was sie logischerweise ein paar Stunden kostet, und schaut dabei fast immer so wie auf dem folgenden Bild.

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Arme, arme Marion Cotillard. Zum Glück gehts ihr im richtigen Leben besser als in «Deux jours, une nuit». bild: festival de cannes

Es war allerdings, das muss ich am Ende gestehen, gar kein dummer Kommentar zu unserem pervers gewordenen Arbeitsmarkt und seinen manipulativen Mechanismen, es war eine Aufforderung zu Solidarität und Selbstbestimmung. Und mit «Deux jours, une nuit» hat sich erneut meine heimliche Cannes-These verfestigt, dass dieses Jahr auch im ungeniessbarsten Film eine grosse Frauenrolle drinsteckt.

Trailer von «Deux jours, une nuit»

Video: Youtube/Cinema ad hoc

Überhaupt finde ich frauentechnisch gesehen nichts einzuwenden gegen Cannes 2014. Die Türsteher behandeln einen als Frau in Frankreich besser als anderswo, es gibt genug WCs, aber vor allem fünf Frauen und nur vier Männer in der Jury, und so bleibt es also bis Samstagabend schampar spannend, gerade für die Schweiz. Frauentechnisch gesehen könnte die goldene Palme nämlich an die Japanerin Naomi Kawase mit «Futatsume No Mado» gehen oder sogar an Alice Rohrwacher mit «Le Meraviglie», dem Eindrittel-Schweizer Wettbewerbsbeitrag. Wieso nicht? Alles ist offen.

Mein Favorit ist jedoch ein Film, den ich gar nicht gesehen habe (das Cannes-Burnout!), aber ich weiss genau, ich hätte ihn wundervoll gefunden, er hätte mich gar nicht enttäuschen können, denn erstens ist er von meinem schwulen Lieblingspsycho, dem erst 25-jährigen Kanadier Xavier Dolan, zweitens soll er krass sein (Mutter plus Sohn gleich Inzest oder so, aber irgendwie glücklicher Inzest), drittens brach Dolan gestern bei der Gala während einer zweiminütigen Standing Ovation weinend zusammen, und mein Herz schmolz. Mehr kann mir ein Film eigentlich nicht geben.

Wie fast alle der 18 Wettbewerbsbeiträge war auch der 18. und letzte am Freitagmorgen ein Frauenfilm. Und wieder so einer mit Schweizer Beteiligung. Also mit Gilles Tschudi, der einen Satz sagen darf, mit RTS als Koproduzent und mit 80-prozentiger Anwesenheit des Engadins, was auf zwei Stunden gesehen eine Menge ist.

Ich schwöre, ich bin immer noch ganz zittrig vor Erschütterung. «Clouds of Sils Maria» von Olivier Assayas sollte sofort einen Preis für das weltschlechteste Drehbuch ever erhalten. Hatten die Schweizer Berge da eigentlich kein Vetorecht? Wussten die, was mit ihnen passiert? Es handelt sich bei den Wolken von Sils Maria um einen Versuch, eine Metasoap über das Filmbusiness zu drehen (hatten wir das nicht erst vor ein paar Tagen schon bei Cronenberg?). Eine Ü40-Schauspielerin (Binoche) hat dabei eine knapp Ü20-Assistentin (Kristen Stewart), mit der sie sich nach Sils Maria zurückzieht, um über die Neuinszenierung eines weltberühmten Theaterstücks namens «Maloja Snake» nachzudenken. Was, das kennen Sie nicht? Ich auch nicht.

Diese Szene mit der wunderschönen Juliette Binoche spielt in, ganz deutlich zu sehen, in Zürich! Bild: festival de cannes

Hier wird Kristen Stewart gerade das Phänomen der Malojaschlange erklärt. Es interessiert sie nicht sonderlich. bild: festival de cannes

«Maloja Snake» handelt von der lesbischen Affäre einer Ü40-Konzernchefin mit ihrer knapp Ü20-Assistentin. Vor 25 Jahren hatte die Binoche die Asisstentin gespielt, jetzt soll sie die Chefin spielen. Natürlich liegt da auch zwischen Binoche und Stewart viel lesbische Spannung, und die Stewart-Assistentin muss dauernd der Binoche-Schauspielerin von gestern das Internet, Hollywood und die Celebrity-Welt von heute erklären, was natürlich metameta ist, weil Kristen Stewart im echten Leben ja das reinste Paparazzi-Futter ist.

Trailer von «Clouds of Sils Maria»

video: youtube/film festivals and indie films

Und dann ist da noch die Malojaschlange, also so ein real existierendes Wetterphänomen, das schampar gut aussieht, aber den beiden Frauen die Köpfe vollends vernebelt. Nun kann man sagen, Lesben, klar, kann man machen in Cannes, letztes Jahr hat ja der richtig gute Lesben-Kunstsoftporno «La vie d'Adèle» gewonnen. Aber was Binoche und Stewart, die im übrigen beide ausgezeichnet spielen, so sagen müssen, das könnten an holziger Banalität und Binsenweisheit nicht einmal Schweizer «Tatort»-Drehbuchautoren überbieten. Paulo Coelho ist dagegen Nietzsche. Die unfreiwillige Komik: Grandios. Nie hab ich so gelacht in Cannes.

Wenigstens machen die Schweizer Berge ihre Sache perfekt, und das notorisch überschätzte Hotel Waldhaus sieht auch fabelhaft gut aus, und in einer Zürcher Szene (man erkennt da Zürich zwar nicht als Zürich, aber egal) hat es das Schauspielhaus geschafft, gut sichtbar zwei Plakate hinter Frau Binoche zu platzieren. Clever.

So, und jetzt muss ich pressieren, der Flughafen ruft, und die Sehnsucht reisst mich heim, denn wenn ich einen Grössenvergleich machen müsste zwischen allen Stars dieser Welt und meinem Liebesleben, so wären die Stars zwar Sterne, aber mein Liebesleben ganz klar die Sonne. Adieu Cannes, vielleicht sieht man sich wieder, es war mir ein Vergnügen!

 

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Cannes-Kult: Hier wird heut Nacht Quentin Tarantino mit Uma Thurman zusammen als Gastgeber einer Sondervorstellung von «Pulp Fiction» auftreten. bild: simone meier

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