Film
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Schwere Maschinen vor federleichtem Mädchen: Der Dior-Shop in Cannes mit Marion Cotillard als Werbeträgerin. bild: simone meier

Mein Cannes-Tagebuch (3)

Die Schweiz liegt zwischen Korea und Kanada, und eine Frau ist nur zwischen den Beinen normal



Um 6.02 Uhr klingelte wie jeden Morgen mein iPhone-Wecker, und das war für einmal definitiv zu früh. Ich lauschte in die Tiefe der Wohnung am Boulevard Montfleury hinein und dachte: Aha, der «Tages-Anzeiger» macht auch noch keine Anstalten aufzustehen. Dann verpassen wir jetzt beide den Film, den wir eigentlich eh nicht sehen möchten. Das ist gut, dann merken’s unsere Chefs nämlich nicht.

Der «Tages-Anzeiger» und watson teilen sich nämlich eine Wohnung, weil sich dies auf unseren Spesenrechnungen exakt viermal günstiger machen wird als das günstigste Hotel. Leider liegt der Tages-Anzeiger im Moment vorn, denn Nicole Kidman hat ihn zum Abschied umarmt und mich nicht. Wahrscheinlich hat ihr das Management gesagt: «Grosse Zeitung, fass!» Ich nehme stark an, dass sie mich beim nächsten Mal küssen wird.

An einem Filmfestival zu sein, bedeutet sowieso in erster Linie, Filme zu verpassen. Den türkischen Wettbewerbsbeitrag hab ich heute auch verpasst, er hat mich sowieso nicht interessiert, aber er habe, rein statistisch gesehen, Chancen auf die goldene Palme, sagen Kenner, zusammen mit dem Russen, der mich ebenfalls nicht interessiert.

Ich glaube jedoch, der Russe fällt hier sowieso dem Anti-Russland-Protest zum Opfer, auf dem Marché du film jedenfalls werden die Russen heuer boykottiert. Putin, die Ukraine, inhaltliche Restriktionen, der im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent gefallene Rubel, Cannes hat keine Lust auf Russen. Und Cannes streikt. Jedenfalls streiken die enorm wenigen Taxifahrer, weil es jetzt am meisten auffällt. Der Streik der französischen Fluglotsen wiederum wurde am Freitagmorgen, zwei Minuten, bevor mein Wecker klingelte, wieder aufgehoben.

Former Russian real TV contestant Elena Lenina poses as she arrives for the screening of the animated film

Nest sucht Vogel. Die gleiche Festival-Russin wie gestern.  Bild: AFP

Langsam werden also alle in Cannes sein, die hier sein wollen, und einige, von denen man das gar nicht erwartet hat, sind bereits hier, zum Beispiel Julianne Moore oder Jean-Luc Godard und der sogar mit Hund, was für seine Babysitter eine ungemeine Erleichterung sein muss. Der 83-Jährige hatte sich ja partout nicht festlegen wollen.

Also, Godard ist Schweizer. Aber sein Film «Adieu au langage», der am nächsten Mittwoch laufen wird, ist ein Franzose. Weil er nicht von der Schweiz produziert oder koproduziert wird. Weshalb dann also die «Palme d’Or» für Godard streng genommen die Schweiz nicht freuen dürfte. Wobei hier eh kein Mensch auf Godard wettet, eher noch auf seinen Hund für eine imaginäre «Palme Dog».

Jean-Luc Godards Hundefilm

Video: Youtube/sebastian santillan

Erklärt hat mir das unsere Miss Schweiz in Cannes, Catherine Ann Berger, die Chefin von Swiss Film, die für sowas wie das Weltmarketing des Schweizer Films zuständig ist. Sie macht dies im Village international, ein kleines Häuschen und etwa sechs Meter Strand gehören dort der Schweiz, und die Schweiz liegt zwischen Korea und Kanada. Korea verdealt grad den gehobenen Horror, und Kanada freut sich einen Ahorn-Ast ab, weil der Kanadier Ryan Gosling bald kommt.

Die rotweiss gehäuselten Swiss-Films-Tischtücher seien zum letzten Mal in Betrieb, sagt Catherine Ann Berger, ab Herbst soll der internationale Auftritt der Schweiz nicht mehr so sehr nach 9. Februar aussehen, jenem absoluten Frust-Datum für alle Schweizer Kulturschaffenden. Ob ich Nexcare kenne, fragt sie, und reibt sich die Hände mit dem Desinfektionsmittel ein, das sei hier dringen nötig, so viele Menschen aus aller Welt, die in Flugzeugen mit kranken Keimen sitzen. Und Blasenpflaster, füge ich hinzu, weil ich gerade vor einem Kino einen französischen Teenie mit blauem Haar und kaputten Fersen mit meinen notversorgt habe.

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Catherine Ann Berger am Strand-Stand von Swiss Films. Bild: Simone Meier

Frau Berger ist glücklich, neue Filme von Micha Lewinsky, Andrea Staka und Stina Werenfels sind am Werden, alles sehr starke Leute, und gerade jetzt starten in Paris unfassbare sechzehn Kopien von Stefan Haupts «Sagrada», dem Film über die Saga von Gaudís Sagrada Família in Barcelona.

Ach ja, einen Film haben der «Tages-Anzeiger» und watson heute übrigens beide nicht verpasst, nämlich «La chambre bleue» von Mathieu Amalric. Ein Film, so französisch, wie’s nur geht. Er startet, nein, nicht mit Essen, sondern mit Sex – und die Kamera blickt einer Frau in einem blauen Zimmer zwischen die Beine. Es geht dann sehr schön weiter, Konfitüre tropft in einer schicken Villa wie Blut auf ein MacBook Pro, und langsam zeigt sich: Die Frau vom Anfang ist nur zwischen den Beinen normal, in ihrem Kopf ist sie eine totale Psychopathin, die unter anderem zubeisst.

Es ist eine Georges-Simenon-Verfilmung, ein Thriller, sehr stilsicher, sehr unheimlich, und natürlich hat es sich Amalric nicht nehmen lassen, die Hauptrolle zu spielen. Ich bin begeistert, ich mag das ja, wenn Verbrechen in Filmen aus Leidenschaft geschehen und nicht wegen irgendeines prosaischen Ölmultis. Man kann im wirtschaftlich oder politisch motivierten Filmverbrechen das Aufblühen einer schönen Psychose einfach nicht so gut zeigen. Ich habe nach dem Film drei Zürcherinnen um ihre Meinung gebeten, und auch die hatte der Film freudig erregt. Mal sehen, was die Männer wieder zu meckern haben. 

Bild

Blaue Stunde im blauen Zimmer: Mathieu Amalric und Léa Drucker. Bild: Festival de Cannes

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