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Schlitzohr Helmut Dietl brachte Stil ins deutsche Kino – RIP

Als es in Deutschland bleiern zuging, brachte Helmut Dietl Stil und Witz ins Fernsehen. Nun ist der Filmemacher tot. Am besten war der Regisseur von «Kir Royal» und «Schtonk», wenn die Moral dünn und das Leben prall war. 

31.03.15, 06:55

Christian Buss



Ein Artikel von

Wo endet die Schlitzohrigkeit, wo beginnt die Schweinerei? Wieso wirkt der eine schampuskübelnde, herumvögelnde Bademantelträger mit Brusthaarmatte wie ein Supertyp, während der andere schampuskübelnde, herumvögelnde Bademantelträger mit Brusthaarmatte wie ein Superschwein wirkt? Und überhaupt: Was ist der Unterschied zwischen frivol und vulgär?

epa04198687 German director Helmut Dietl reacts after receiving a trophy during the 64th German Film Award 'Lola' ceremony in Berlin, Germany, 09 May 2014.  EPA/MICHAEL KAPPELER

Als Dietl 2014 den Deutschen Filmpreis bekam, war ihm seine Krankheit anzusehen. Der Regisseur starb am 30. März in München. Bild: EPA/DPA

Die Fernsehserien und Kinofilme des grossen deutschen Komödienregisseurs Helmut Dietl lieferten auf diese Fragen klare Antworten. Ob man seinen windigen Entrepreneur Tscharlie aus «Münchner Geschichten» (1975) nimmt, der vom grossen Geld träumt und eine Geschäftsidee nach der anderen in den Sand setzt. Oder den Hoppla-jetzt-komm-ich-Lebemann Monaco Franze in der gleichnamigen Serie (1983), der mit dem Sinnspruch «A bisserl was geht immer» durch die Bars und Betten zog. Oder den aasenden Reporter Baby Schimmerlos in «Kir Royal» (1986), der seine Geschichten vornehmlich zwischen Nackedeis und Schampusleichen der Münchner Schickeria aufspürt. Sie alle waren keine üblen Kerle; im Gegenteil.

Herzlich direkt: «Kir Royal» video: youtube/chris691978

Die Fernsehszene ist legendär: Mario Adorf als Generaldirektor Heini Haffenloher, Klebstofffabrikant aus Kleinweilersheim, verspricht Franz-Xaver Kroetz als Zeilenschinder Schimmerlos in «Kir Royal», dass er ihn mit seinem Geld zuscheissen werde, gut aussehen tut der Unternehmer trotzdem zu keiner Zeit. Darin findet sich die Kernthese, die sich durch alle Dietl-Werke zieht: Stil kann man sich halt für kein Geld der Welt kaufen. Aber manchmal nimmt man die Kohle der reichen Aisis, die teure Putzfrau muss ja auch bezahlt werden.

Knallende Korken im Fernsehvorabend

Für derart lebensnahe Einsichten war bei Dietl in den gemeinsten, lustigsten und entfesseltsten Momenten Zeit. Da erinnerte der Regisseur stets an sein grosses Vorbild Billy Wilder. Gerieten Dietls Helden und Antihelden inmitten all der Aufschneiderei, Betrügerei und Hurerei auch ins Schlingern, sie fanden meistens dann doch moralisch den Notausgang.

Der Deutsche Schauspieler Moritz Bleibtreu, links, und sein Regiesseur Helmut Dietl, rechts, vor dem Filmplakat, aufgenommen am Montag, 31. Januar 2005, anlaesslich des Premierenabends zum Filmstart

Schauspieler Moritz Bleibtreu (links) und sein Regiesseur Helmut Dietl. Die beiden arbeiteten für den Film «Vom Suchen und Finden der Liebe» zusammen und kamen 2005 zur Premiere ins Zürcher Kino Metropol. Bild: KEYSTONE

Filmregisseur Helmut Dietl auf einer Pressekonferenz am 16. Juni 1987 in Berlin. Der Schoepfer von 'Rossini', der sich gern mit schoenen Frauen umgibt, wird am 22. Juni 2004 60 Jahre alt.  (AP Photo/Hans Edinger) ** zu unserem KORR. **

Dietl 1987 Bild: AP

Wie wurde das Leben geliebt in diesen frühen Serien! Man darf nicht vergessen, dass sie in der zweiten Hälfte der Siebziger- und der ersten der Achtzigerjahre entstanden. Deutschland im Herbst: Im Kino liefen vor allem Politdramen, die Titel wie «Die bleierne Zeit» trugen und sich zum Grossteil auch so anfühlten. Schmerz war in, Selbsthass Pflicht und Hässlichkeit en vogue. Und dann kam da dieser Münchner Filou mit flatterndem Seidenschal und liess die Champagnerkorken im Fernsehvorabend knallen. «Manche mögen's heiss» statt «Liebe ist kälter als der Tod», noch vor der «Tagesschau».

Dabei zeigte Dietl stets ein genaues Gespür für gesellschaftliche Stimmung und sich wandelnde Kräfteverhältnisse. Seine nach den Fernsehserien folgenden Kinofilme erzählten auch davon, wie die alte Bundesrepublik der saufenden, machtgeilen und schwitzenden Honoratioren zu einer Bundesrepublik der saufenden, machtgeilen, aber gut abgetupften Medien-Celebrities wurde.

Der Trailer von «Schtonk» video: youtube/WDR mediagroup VoD

1992 drehte Dietl mit seinem Hitler-Tagebücher-Ulk «Schtonk» eine der schönsten deutschen Aufschneiderkomödien. 1994 folgte «Rossini, oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief», Dietls vielleicht elegantester Film, in dem sich eine Reihe Münchner Künstler und Filmschaffender gegenseitig die Frauen ausspannen. Der weltabgewandte Schriftsteller Patrick Süskind, langjähriger Drehbuch-Spezi von Dietl, und Bernd Eichinger, sein Produzentenbuddy, sind hier unschwer in den Figuren des erotischen Reigens zu erkennen; Helmut Dietl in dem Regisseur im Film ebenfalls.

Trailer «Rossini» video: youtube/Hermelin

Das Objekt der Begierde, im Film Schneewitchen genannt, wurde von Dietls damaliger Flamme Veronica Ferres gespielt. Die Komödie als kunstvolles Knäuel aus Fiktion, Realität und Medienrealität.

epa04686700 FILE - A file picture dated 20 January 1996 shows actress Veronica Ferres with her then-life partner, German director Helmut Dietl, at the German Film Ball in Munich, Germany. Dietel passed away at the age of 70 in Munich, Germany on 30 March 2015.  EPA/ISTVAN BAJZAT

Dietl und Veronica Ferres 1996. Bild: EPA

In den Neunzigerjahren schien eine kurze Zeit ja etwas in Sachen Glamour in Deutschland zu gehen; Medienberufe standen auf einmal in dem Ruf, internationales Flair zu versprühen. Man gab sich amerikanisch und blieb gedanklich doch in der deutschen Provinz verhaftet, was der Regisseur sehr schön in der Medienposse «Late Show» mit Harald Schmidt zeigte. Inmitten charismatischer Schaumschläger war Dietl immer voll in seinem Element.

Vielleicht ging deshalb sein letztes Filmprojekt, die Berlin-Satire «Zettl» 2012 nicht mehr ganz auf. Die späte Berliner Republik mit ihrem alternativlosen Klein-Klein war einfach nichts für den stets in strahlendem Dandy-Weiss auftretenden Helmut Dietl, der immer dann zu seherischer Hochform auflief, wenn die Moral dünn, aber das Leben prall war – und die Geschichten idealerweise in München spielten.

Helmut Dietl litt seit längerer Zeit an Lungenkrebs. Er hatte die Erkrankung selbst im November 2013 öffentlich gemacht. Am Montagmittag ist er, der lustigste und sinnenfroheste aller deutschen Regisseure, im Alter von 70 Jahren im engsten Familienkreis in seiner Münchner Wohnung gestorben.

Helmut Dietl und die Journalisten. video: youtube/TIKonline.de

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.

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