Film
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Kommentar zum Eklat in Locarno

Ja, es gab einmal ein Verbrechen. Aber es gibt auch ein Vergeben

Roman Polanski nimmt im Herbst 2011 beim Zurich Film Festival den Preis für sein Lebenswerk entgegen. Bild: KEYSTONE



Die Fremdenfeindlichkeit des Tessins schlägt sich einerseits in den Abstimmungsresultaten nieder. Andererseits im ganz alltäglichen Umgang mit den Touristen. Denn im Gegensatz zum professionell entgegenkommenden Italien gibt einem das Tessin anhaltend zu verstehen, dass man eine recht lästige Landplage sei. Das Fremde und das Tessin sind eine einseitige Liebe. Und jetzt hat es das Tessin also geschafft: Roman Polanski, der grösste Stargast des 67. Filmfestivals von Locarno, hat seine Teilnahme im letzten Moment abgesagt. Was nur zu gut verständlich ist. 

Polish-born film director Roman Polanski steps out onto the board during a game of chess at Munich's Olympic Village, Aug. 20, 1972.  Polanski's latest film,

Polanski 1972 in München. Bild: AP

«Nach vielen Regentagen scheint heute die Sonne über Locarno. Aber für mich ist es der traurigste Tag, seit ich Festivaldirektor bin. Ich habe grössten Respekt für Meinungsfreiheit, und ich höre stets aufmerksam zu. Aber jetzt haben Einzelne mit ihren Ansichten Grenzen überschritten und mit verbaler Gewalt und Manipulation der Realität einen unakzeptablen Angriff auf die persönliche Würde durchgeführt», sagt Carlo Chatrian. 

«Ich bin traurig, weil die Idee des Festivals als Ort der Treffen und Debatten heute einen grossen Schlag erleidet.»

Carlo Chatrian, Direktor des Filmfestival Locarno

Es ist so. Denn wo sich die Festivalbesucher auf einen der weltweit bedeutendsten Filmemacher freuten, sahen die CVP, die Lega dei Ticinesi oder die Kinderschutzstiftung ASPI einzig den Kinderschänder von 1977. Den Mann, der die damals 13-jährige Samantha Geimer mit Alkohol und Beruhigungsmittel gefügig gemacht hatte.

Polanski wird im Oktober 1977 in Santa Monica, Kalifornien, verhaftet.  Bild: AP

Es war damals sein Milieu, aber es war auch sein Fehler, denn auch wenn jene Zeit weit weniger restriktiv war als unsere, so beging Roman Polanski damals ein Verbrechen, keine Frage. Aber zur Erinnerung: Die Anwälte von Polanski und Geimer hatten damals einen Deal ausgearbeitet: Polanski, der bereits eine 42-tägige Einzelhaft abgesessen hatte, sollte freikommen, Samantha Geimers Name würde nicht in die Öffentlichkeit getragen. Doch dann entschied sich der Richter, Laurence J. Rittenband, anders. 

Film director Roman Polanski, left, has dinner with unidentified friends in Paris, Feb. 25., 1978.  Polanski fled the United States last night after he was supposed to have been sentenced for unlawful sexual intercourse with a minor.  A new judge in the case says Polanski will not be sentenced unless he returns to the United States.  (AP Photo) (KEYSTONE//)

Polanski 1978 in Paris. bild: AP

Rittenband liebte die gross aufgeblasenen Prominentenprozesse, Elvis Presleys Scheidung, Marlon Brandos Sorgerechtsstreit, eine Vaterschaftsklage gegen Cary Grant gehörten dazu, und er war ein bekannter Antisemit und Fremdenfeind. Er entschied, dass Polanski nicht in die Freiheit entlassen, sondern für 50 Jahre ins Gefängnis gehen sollte. Und er machte sich voll Voyeurismus und Ersatzlust über Samantha Geimer her.

Lieber noch einmal die Vergewaltigung als alles, was danach kam

Sie sei, sagt sie im Dokumentarfilm «Roman Polanski: Wanted and Desired», damals in einer Welt voller Männer gewesen, die wieder und wieder jedes kleinste Detail ihrer Missbrauchsgeschichte hätten hören wollen. Und sie würde, schrieb sie letzten Herbst in ihren Memoiren «The Girl: A Life in the Shadow of Roman Polanski» lieber noch einmal die Vergewaltigung durch Polanski wählen, als alles, was danach kam.

Die beiden stehen übrigens in regelmässigem Kontakt, Geimers Buch kam mit Polanskis Einverständnis zustande. Er hat sich entschuldigt, er hat ihr eine halbe Million Dollar bezahlt, sie hat ihm vergeben, das sind keine Geheimnisse, das ist öffentlich bekannt. Aber dass Roman Polanski vor der amerikanischen Justiz floh, dass er sich in Europa in Sicherheit brachte, das wird ihm wieder und wieder vorgeworfen. 

epa03716103 Polish-French director Roman Polanski attends the press conference for 'La Venus a la Fourrure' (Venus in Fur) during the 66th annual Cannes Film Festival in Cannes, France, 25 May 2013. The movie is presented in the Official Competition of the festival, which runs from 15 to 26 May.  EPA/SEBASTIEN NOGIER

Der Regisseur im Mai 2013 am Filmfestival in Cannes. Bild: EPA

Als er 2009 in Zürich auf seiner Reise zum Zurich Filmfestival verhaftet wurde, da brandete die Debatte, wieso die «Kulturlinke» einen Kinderschänder decken würde, in einer Weise auf, die vermuten liess, dass es sich wie einst bei Laurence Rittenband nicht nur um die Wut gegen ein Vergehen handelte. Und jetzt, im Tessin, bei der Massierung von Anwürfen von christlich-konservativer Seite liegt der Verdacht auf einen latenten Antisemitismus noch näher. 

Der sexsüchtige Jude ist mit Polanski – er verbrachte seine Jugend im Krakauer Ghetto, seine Mutter starb in Auschwitz – und Dominique Strauss-Kahn zu einem unheimlichen, reanimierten Topos unserer Tage geworden. Und es ist eine grosse Ironie, dass in Locarno ausgerechnet die sonst so verpönte Kulturlinke dazu aufgefordert wurde, bei Polanskis Auftritt am Donnerstagabend die Ehre und das wirtschaftliche Wohlergehen des Tessins zu sichern. Für ihn zu kämpfen. Lauter zu sein als die lauten Anti-Polanski-Pöbler. 

Polish born film director Roman Polanski writes autographs as he arrives to pick up the award for his life work at the Film Festival in Zurich, Swzitzerland, Tuesday, Sept.27, 2011. The award was intended to be given two years ago to Polanski when he was arrested and prisoned for 70 days. (AP Photo/Michael Probst)

Der Filmemacher gibt 2011 vor dem Kino Corso Autogramme. Bild: AP

Denn wäre es zu den befürchteten Tumulten gekommen, so hätte dies dem Festival als Kulturort und dem Tessin als Tourismusmagnet geschadet. Die Kulturlinke als Handlanger der vom 9. Februar traumatisierten Bürgerlichen und der Wirtschaft. Wer hätte das gedacht.

Jetzt muss es nicht dazu kommen. Jetzt könnte man das Festival auch verlassen. Denn all die Filme, die jetzt noch gezeigt werden, die können es nicht aufnehmen mit dem Oeuvre des 80-jährigen Roman Polanskis und mit seiner Stärke, seiner Weisheit und Heiterkeit. Und ja, es gab einmal ein Verbrechen. Aber es gibt auch ein Vergeben. Gerade christliche Kreise sollten dies besonders gut wissen. 

Roman Polanski im Januar 1975 in den Skiferien in Gstaad.  Bild: KEYSTONE

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

18 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
Grigor
12.08.2014 17:44registriert February 2014
Mir war bis vor kurzem gar nicht aktiv bewusst, dass Polanski ein Jude ist. Warum wird bei jüdischen Personen immer deren Religion in den Vordergrund gerückt? Entschuldigung, aber das ist lächerlich. Ich habe die Sache 2009 verfolgt und auch jetzt, noch nie war sein jüdischer Hintergrund ein grosses Thema, sondern immer sein Verbrechen. Genau wegen solchen Vermischungen bekommt der Antisemitismus neuen Aufschub, weil jede noch so berechtigte Kritik an Personen mit jüdischem Hintergrund als Antisemitismus bezeichnet wird. Wer soll da noch den Unterschied erkennen?
273
Melden
Zum Kommentar
18

50 alte Hollywood-Filme, die es sich zu sehen lohnt

Das Schöne an der Kunst ist, dass sie in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten verschiedene Bedeutungen transportieren kann. Deshalb lohnt es sich insbesondere beim Film, ab und an in die Vergangenheit zu blicken.

Zu Beginn nur eine kurze Anmerkung zur Auswahl der hier aufgelisteten Hollywood-Filme.

Die Auswahl der Filme ist keineswegs abschliessend, sondern lediglich ein Versuch, verschiedene Strömungen in der US-Filmgeschichte aufzugreifen. Zudem ist es Ziel der Filme-Liste, auch weniger bekannte Filme Hollywoods vorzustellen, was bedarf, dass unbestrittene Klassiker (wie etwa die Charlie-Chaplin-Filme, «Lawrence von Arabien», «Der Pate», «Der Pate II» oder «Star Wars») ausnahmsweise ausgelassen …

Artikel lesen
Link zum Artikel