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Filmfestival Locarno

Ja, es gab einmal ein Verbrechen. Aber es gibt auch ein Vergeben

Roman Polanski nimmt im Herbst 2011 beim Zurich Film Festival den Preis für sein Lebenswerk entgegen.Bild: KEYSTONE
12.08.2014, 16:2214.08.2014, 10:42
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Die Fremdenfeindlichkeit des Tessins schlägt sich einerseits in den Abstimmungsresultaten nieder. Andererseits im ganz alltäglichen Umgang mit den Touristen. Denn im Gegensatz zum professionell entgegenkommenden Italien gibt einem das Tessin anhaltend zu verstehen, dass man eine recht lästige Landplage sei. Das Fremde und das Tessin sind eine einseitige Liebe. Und jetzt hat es das Tessin also geschafft: Roman Polanski, der grösste Stargast des 67. Filmfestivals von Locarno, hat seine Teilnahme im letzten Moment abgesagt. Was nur zu gut verständlich ist. 

Polanski 1972 in München.
Polanski 1972 in München.Bild: AP

«Nach vielen Regentagen scheint heute die Sonne über Locarno. Aber für mich ist es der traurigste Tag, seit ich Festivaldirektor bin. Ich habe grössten Respekt für Meinungsfreiheit, und ich höre stets aufmerksam zu. Aber jetzt haben Einzelne mit ihren Ansichten Grenzen überschritten und mit verbaler Gewalt und Manipulation der Realität einen unakzeptablen Angriff auf die persönliche Würde durchgeführt», sagt Carlo Chatrian. 

«Ich bin traurig, weil die Idee des Festivals als Ort der Treffen und Debatten heute einen grossen Schlag erleidet.»
Carlo Chatrian, Direktor des Filmfestival Locarno

Es ist so. Denn wo sich die Festivalbesucher auf einen der weltweit bedeutendsten Filmemacher freuten, sahen die CVP, die Lega dei Ticinesi oder die Kinderschutzstiftung ASPI einzig den Kinderschänder von 1977. Den Mann, der die damals 13-jährige Samantha Geimer mit Alkohol und Beruhigungsmittel gefügig gemacht hatte.

Polanski wird im Oktober 1977 in Santa Monica, Kalifornien, verhaftet. Bild: AP

Es war damals sein Milieu, aber es war auch sein Fehler, denn auch wenn jene Zeit weit weniger restriktiv war als unsere, so beging Roman Polanski damals ein Verbrechen, keine Frage. Aber zur Erinnerung: Die Anwälte von Polanski und Geimer hatten damals einen Deal ausgearbeitet: Polanski, der bereits eine 42-tägige Einzelhaft abgesessen hatte, sollte freikommen, Samantha Geimers Name würde nicht in die Öffentlichkeit getragen. Doch dann entschied sich der Richter, Laurence J. Rittenband, anders. 

Polanski 1978 in Paris.
Polanski 1978 in Paris.bild: AP

Rittenband liebte die gross aufgeblasenen Prominentenprozesse, Elvis Presleys Scheidung, Marlon Brandos Sorgerechtsstreit, eine Vaterschaftsklage gegen Cary Grant gehörten dazu, und er war ein bekannter Antisemit und Fremdenfeind. Er entschied, dass Polanski nicht in die Freiheit entlassen, sondern für 50 Jahre ins Gefängnis gehen sollte. Und er machte sich voll Voyeurismus und Ersatzlust über Samantha Geimer her.

Lieber noch einmal die Vergewaltigung als alles, was danach kam

Sie sei, sagt sie im Dokumentarfilm «Roman Polanski: Wanted and Desired», damals in einer Welt voller Männer gewesen, die wieder und wieder jedes kleinste Detail ihrer Missbrauchsgeschichte hätten hören wollen. Und sie würde, schrieb sie letzten Herbst in ihren Memoiren «The Girl: A Life in the Shadow of Roman Polanski» lieber noch einmal die Vergewaltigung durch Polanski wählen, als alles, was danach kam.

Die beiden stehen übrigens in regelmässigem Kontakt, Geimers Buch kam mit Polanskis Einverständnis zustande. Er hat sich entschuldigt, er hat ihr eine halbe Million Dollar bezahlt, sie hat ihm vergeben, das sind keine Geheimnisse, das ist öffentlich bekannt. Aber dass Roman Polanski vor der amerikanischen Justiz floh, dass er sich in Europa in Sicherheit brachte, das wird ihm wieder und wieder vorgeworfen. 

Der Regisseur im Mai 2013 am Filmfestival in Cannes.
Der Regisseur im Mai 2013 am Filmfestival in Cannes.Bild: EPA

Als er 2009 in Zürich auf seiner Reise zum Zurich Filmfestival verhaftet wurde, da brandete die Debatte, wieso die «Kulturlinke» einen Kinderschänder decken würde, in einer Weise auf, die vermuten liess, dass es sich wie einst bei Laurence Rittenband nicht nur um die Wut gegen ein Vergehen handelte. Und jetzt, im Tessin, bei der Massierung von Anwürfen von christlich-konservativer Seite liegt der Verdacht auf einen latenten Antisemitismus noch näher. 

Der sexsüchtige Jude ist mit Polanski – er verbrachte seine Jugend im Krakauer Ghetto, seine Mutter starb in Auschwitz – und Dominique Strauss-Kahn zu einem unheimlichen, reanimierten Topos unserer Tage geworden. Und es ist eine grosse Ironie, dass in Locarno ausgerechnet die sonst so verpönte Kulturlinke dazu aufgefordert wurde, bei Polanskis Auftritt am Donnerstagabend die Ehre und das wirtschaftliche Wohlergehen des Tessins zu sichern. Für ihn zu kämpfen. Lauter zu sein als die lauten Anti-Polanski-Pöbler. 

Der Filmemacher gibt 2011 vor dem Kino Corso Autogramme.
Der Filmemacher gibt 2011 vor dem Kino Corso Autogramme.Bild: AP

Denn wäre es zu den befürchteten Tumulten gekommen, so hätte dies dem Festival als Kulturort und dem Tessin als Tourismusmagnet geschadet. Die Kulturlinke als Handlanger der vom 9. Februar traumatisierten Bürgerlichen und der Wirtschaft. Wer hätte das gedacht.

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Jetzt muss es nicht dazu kommen. Jetzt könnte man das Festival auch verlassen. Denn all die Filme, die jetzt noch gezeigt werden, die können es nicht aufnehmen mit dem Oeuvre des 80-jährigen Roman Polanskis und mit seiner Stärke, seiner Weisheit und Heiterkeit. Und ja, es gab einmal ein Verbrechen. Aber es gibt auch ein Vergeben. Gerade christliche Kreise sollten dies besonders gut wissen. 

Roman Polanski im Januar 1975 in den Skiferien in Gstaad. Bild: KEYSTONE
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