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Ein Traum: Stockrosen (rosa), wilde Malven (lila) und Wegwarten (hellblau) entlang der Sihlfeldstrasse im Zürcher Kreis 3. Alle Bilder: Simone Meier

Fast wie im Schlaraffenland

Urban Gardening: In Zürich blüht uns das Essen quasi in den Mund. Vom Friedhof schmeckt es am leckersten



Es ist frühmorgens, und Maurice Maggi steht schon vor meiner Haustür, dabei wollte ich doch zuerst vor seiner stehen. Maurice Maggi ist mein Nachbar, und bis vor kurzem habe ich ihn immer für einen Krimiautor gehalten, weil er nun mal einfach aussieht wie einer, aber sicher nicht für einen Kochbuchautor. Und viel zu lange habe ich nicht gewusst, dass der nette Mann von nebenan einst Zürich mit blühenden Landschaften bombardierte und vor siebzehn Jahren machte, dass ich mich als Exil-Baslerin in einer Zürcher Strasse einmal verwundert um mich selbst drehte und dachte: «Wahnsinn, so schön kann Zürich sein?» 

Die Strasse war die kleine Dubsstrasse im Kreis 3 und eine von Maggis ersten Malvenstrassen überhaupt, einer seiner ersten Einsätze als Guerillagärtner von Zürich. Es war eine Mutprobe für die Malven, denn normalerweise wurde das Gras und das Unkraut, das in der Stadt irgendwo wucherte, im Frühsommer geschnitten, aber weil die Malven so gross und so schön waren, dachte sich Maggi, würde es sich für die Stadtschnitter vielleicht um eine andere Art der Konfrontation handeln. Er hatte Recht. Die Malven blieben stehn, die Stadt sackte dafür viel Lob ein, Maggi machte weiter.

Heute hat er das Stadtbild verändert, seine anarchistischen Wildblumensammlungen wachsen entlang von Strassen und um Bäume herum, die Samen dazu klaubt er aus Teemischungen oder sammelt sie direkt von «seinen» Pflanzen, kaufen muss er heute nur weniges, die Stadt bezahlt ihm seine Aktionen, die sie inzwischen selbst imitiert, nicht. Aber sie lädt ihn ein, als Referent, Berater und als Koch.

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Maurice Maggis Mohnplantage vor dem Coop Lochergut.

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Zürichs Herr der Blüten und Kräuter im Piazza am Idaplatz.

Erst neulich hat er für Grün Stadt Zürich im Wildnispark Sihlwald seinen Tannenschössling-Risotto gekocht, und zwei Leute suchten dafür je drei Stunden lang nach Tannenschösslingen. Das war zuviel Aufwand für zuviele Leute. Normalerweise brauche man alleine nicht mehr als zwei Stunden, um das Material für eins seiner Gerichte für acht bis zehn Personen zu sammeln. In der Stadt, versteht sich. Schliesslich heisst Maggis Kochbuch «Essbare Stadt».

Vor unserem Haus wachsen zum Beispiel Stockrosen und wilde Malven, die jungen Blätter von beiden kann man als Salat oder Spinatersatz verwenden, die wilden schmecken zarter. Oder die Wegwarte, dieses schönste Hellblau unter den Blumen, die auch wilder Chicorée heisst und früher für den Kaffeeersatz Franck Aroma verwendet wurde. Der Wirt der Café-Bar Kivotos zeigt uns, dass er die Blumen vor seinem Haus eingehagt hat gegen die Hunde.

Wie ist das denn mit den Hunden? Natürlich esse er keine bodennahen Pflanzen am Strassenrand, sagt Maggi, die pflücke er lieber auf dem Friedhof Sihlfeld, weil da Leinenzwang herrscht, und wohl niemand seinen Hund mitten in eine der leeren Wiesen hineinführen würde. Am Bahnbord blühen Holunder und Kerbel, die Brennesseln sind jetzt schon zu alt, aber die wilden Pflaumen dürfen noch etwas reifen. Neben dem Meinrad-Lienert- Brunnen wachsen riesige sukkulentenartige Eselsdisteln, mit denen man unter keinen Umständen in Nahkontakt treten sollte, deren Blätter sich aber zubereiten lassen, allerdings nur mit enorm viel Rüsten.

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Diese Mariendistel bewacht eine Mazda-Garage.

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Eine meterhohe Eselsdistel, hier beim Eingang zur Fritschiwiese. 

Hinter unseren Nachbarhäusern liegt der vor zwei Jahren entstandene Brupbacherplatz mit seinen hellgrünen exotischen Trompetenbäumen. Maggi sähe lieber Nuss- und Apfelbäume, dann könnte man im Herbst auch richtig den Herbst erleben. Oder Linden. «In einem Tourismusführer aus den 40er-Jahren habe ich gelesen, man solle Zürich im Juni besuchen, wenn die Linden blühen, dann sei die Stadt am schönsten.»

Die Linde, die in Zürich für den Lindenplatz über der Schipfe und den Lindenplatz in Altstetten sorgte, für die Lindenstrasse im Kreis 8 und die Zurlindenstrasse im Kreis 3. In den 50ern war damit Schluss. Da wurde die Linde als Feind des Autos abgeholzt, der klebrige Saft der Blattläuse, der gern von Linden tropft, verschandelte den Lack, es gab nur noch autofreundliches «Verkehrsbegleitgrün».

In den 50ern kam Maurice Maggi zur Welt und ass sich ein paar Jahre lang ins Glück. Bis 1963 lebten die aus dem Tessin stammenden Maggis nämlich in Rom, der Vater arbeitete dort für die Swissair, Maurice besuchte die Schweizer Schule. Doch dann starb der Vater, und plötzlich stand die Mutter mit sieben Kindern in Zürich. Es sei grässlich gewesen, sagt Maurice, in Rom habe er als Linkshänder auch links schreiben dürfen, an der Zürcher Schule sei er dafür erst einmal verprügelt worden. Und italienische Grundversorgungsmittel wie Olivenöl oder Hartweizengriesspasta gab es nur überteuert im Delikatessengeschäft.

Geld hatten sie damals nicht viel, unter den Kindern gab es Futterneid, «die Position am Herd war eine wichtige». Und er habe damals begriffen, sagt Maurice, dass ein Koch «am Herd Geborgenheit» finde. Als er dieses Geborgenheitsgefühl dann aufs Berufsleben ausdehnen und selbst Koch werden wollte, riet ihm der Arzt, es doch besser mit Gärtner zu versuchen. Denn Maurice Maggi war Diabetiker und Brillenträger, und beides konnte man sich damals gar nicht vorstellen in einer Küche.

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Das Umstellen von Koch auf Gärtner fiel im nicht so schwer: «Beides sind alte Handwerke, beide sehr solide und unersetzlich und für beide braucht es eine gewisse Portion Kreativität.» Gekocht hat er trotzdem immer, für Freunde und im Catering, und seit über 20 Jahren ist Gärtnern nur noch sein Hobby. Einmal hat er versucht, ein Restaurant zu führen, das Café Boy an der Sihlfeldstrasse, es hat ihm nicht gefallen. «Ich bin kein Wirt», sagt er. Ein Gastgeber, ein Koch, aber kein Wirt. Gerade arbeitet er in Olten für das Catering von «Karl’s kühne Gassenschau» und am Theater Spektakel in Zürich. Natürlich nicht nach seinen Rezepten. Nicht nach denen im grauen Buch also.

Das graue Buch ist wunderbar, eine urbane Koch-Inspiration, gegliedert nach Jahreszeiten mit stilvollen Fotos von Juliette Chrétien und liebevollen Zeichnungen von Mira Gisler, ein Buch, das alle, die sich für Urban Farming interessieren, haben müssen. Die Zutaten zu finden, dürfte nicht ganz einfach sein, dafür weitgehend gratis, und das gibt es nun in keinem andern Kochbuch der Welt. Die Küchentauglichkeit dieses Kulinarik-Kunstwerks ist noch nicht ganz bewiesen, der edle, geprägte Karton ist zwar ein Objekt der Design-Begierde, aber wer damit auch wirklich kocht, sollte sich unverzüglich einen Schutzumschlag basteln. 

Die Rezepte klingen köstlich: Verlorenes Ei auf Linden-Buchen-Schaum mit Lorbeerkartoffeln; Lindenblüten-Goldmelisse-Gelée mit Avocado-Frucht-Salat; Mangoldroulade mit Kürbisfüllung an Mohnsauce; Veilchenblüten-Ofenküchlein mit Guacamole und Gierschsalat. Dazu ausführliche Erklärungen zu jedem Pflänzchen. Zur wilden Möhre, zur Heckenrose, zur Berberitze oder zur Eibe. Besonders in Deutschland haben sich die Kritiker darüber beschwert, dass Maggi in einem Rezept Eibenbeeren verwendet. Dabei hat er doch klar geschrieben, dass von der Eibenbeere nur die Kerne giftig sind. 

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Vorne: Das Gemüsebeet der Stadt Zürich hinter dem Lochergut, dahinter: Maggis Wildwuchs.

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Wilder Fenchel am Bullingerplatz.

Eibenbeeren holt er sich zum Beispiel auf dem Friedhof Sihlfeld. Und Rottannenschösslinge und Sauerampfer. Man darf im öffentlichen Raum Pflanzen für den Privatgebrauch sammeln. An der Sihlfeldstrasse gibt es eine jener neuen Rabatten, zu denen sich die Stadt Zürich neuerdings verpflichtet hat: Fein säuberlich ornamental wachsen da Artischocken, das «Modegemüse» Federkohl und Krautstiel. Daneben: Maggis wunderschöner Wildwuchs. Darf ich mir jetzt also gratis eine Artischocke aus dem öffentlichen Raum holen, wenn ich danach Lust habe? «Ja.»

Ein paar Rabatten weiter, am Bullingerplatz, wächst Maggis wilder Fenchel, eine intensiv schmeckende grüne Federwolke, die bis zu zwei Meter hoch werden kann. Seine Blumeninseln entlang der Sihlstrasse findet Maggi etwas überfrachtet, er hat sie mit Schülern aus dem Schulhaus Sihlfeld angepflanzt, «zuerst fanden die ‹Wäh! Im Dreck grübeln!›, und dann gab es kein Halten mehr». Ums Eck, vor der Mazda-Garage, wuchert seine imposante, bös ausschauende Mariendistel, die gegen Leberbeschwerden hilft.

Und endlich stehen wir auf dem Friedhof, sanft geht der Wind durch die Margeriten, die Zeit der Sauerampfer ist jetzt vorbei, die der Rottannenschösslinge auch, nur Maurice Maggis Lieblingsgrab ist frisch und städtisch gepflegt wie immer. Es gehört einem Ehepaar, der Mann ist vor sechzehn Jahren gestorben, die Frau wird bald 80, aber ihr Name steht schon vorsorglich eingraviert neben dem ihres Mannes. Damit sie sich immer, immer mit ihrem Mann zusammen sieht, wenn sie davor steht. Und wer weiss, vielleicht schmuggelt Maurice Maggi ja einmal ein paar Samen vom roten Mohn auf das Grab. Oder von der leuchtend orangen Ringelblume. Es wäre jedenfalls ein schönes Geschenk an ein Paar, das sich einmal ganz, ganz fest geliebt hat.

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Pflückfeld auf dem Friedhof Sihlfeld.

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Die riesigen Friedhofs-Rottannen.

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
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Die Romandie hat mich nicht auf die vielen nackten Frauen hier vorbereitet

Seit ich in der Deutschschweiz wohne, habe ich viele füdliblutte Menschen gesehen.

Bravo, liebe User. Ihr seid weniger prüde als die Romands!

Welche weiteren Unterschiede gibt es zwischen West- und Deutschschweizern? :) Schreib es uns in die Kommentare.

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